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Ankara hat sich der Energie-Agenda von Astana angeschlossen


Die Präsidenten Kasachstans und der Türkei, Qassym-Schomart Tokajew und Recep Tayyip Erdogan, haben in Ankara eine Zusammenarbeit in der Energiewirtschaft, Investitionen und eine Erweiterung des Handels erörtert. Die Gespräche erfolgten wenige Stunden nach der Jahresbotschaft Tokajew, in der er am 28. Oktober den Maßstab der Probleme des kasachischen Energiesystems umrissen, aber auch vorgeschlagen hatte, die Nuklearprojekte zu beschleunigen. Kasachstans Staatsoberhaupt beendet am Freitag, dem 30. Oktober seinen Besuch in der Türkei, wo er am 13. Gipfeltreffen der Organisation der Turk-Staaten teilnimmt.

Erdogan hatte den kasachischen Präsidenten persönlich im Flughafen in den Abendstunden des 28. Oktobers empfangen. Im Präsidentenpalast erfolgten Gespräche im engen Kreise und ein Treffen von Delegationen. Laut einer Mitteilung der Akorda (der Administration des Präsidenten Kasachstans — „NG“) erörterten die Staatsoberhäupter außer der Energetik das Transportwesen und die Logistik, Fragen der künstlichen Intelligenz, der Landwirtschaft, der Rüstungsindustrie und die humanitären Kontakte. Die türkische Seite informierte über die Teilnahme des Ministers für Energiewirtschaft und Naturressourcen Alparslan Bayraktar an den Gesprächen. Der inhaltliche Teil der Begegnungen erfolgte hinter verschlossenen Türen.

„Wir beabsichtigen, den Warenaustausch bis auf 15 Milliarden Dollar zu erhöhen“, erklärte Erdogan. Der türkische Präsident plädierte gleichfalls für eine Aktivierung der Investitionen und eine Fortsetzung der praktischen Arbeit bei der nächsten Tagung des Rates für strategische Zusammenarbeit. Tokajew versicherte seinerseits: „Wir sind bereit, unseren türkischen Partnern allseitige Unterstützung zu gewähren“. Nach seinen Worten gehöre die Türkei zu den fünf größten Handelspartnern Kasachstans und zur Top-10 der führenden Investoren.

Beide Staatsoberhäupter stützten sich auf die Ergebnisse des Kasachstan-Besuches von Erdogan im Mai, als eine Deklaration über ewige Freundschaft und eine erweiterte strategische Partnerschaft unterzeichnet wurde. In Ankara bestätigte man die Absicht, diese Beziehungen zu entwickeln. Gesondert erörtert wurden internationale und regionale Fragen sowie das Zusammenwirken in der Organisation der Turk-Staaten. Erdogan lud Tokajew zum COP31-Klima-Gipfel in Antalya ein, und Kasachstans Präsident informierte über die Absicht, an ihm teilzunehmen.

Dabei enthalten die bis zum 29. Oktober veröffentlichten Mitteilungen keine Auflistung der neuen Energie-Abkommen sowie keine Angaben zum Wertumfang der Projekte oder zu den Zeiträumen ihrer Realisierung. Nicht offengelegt wurde auch, ob konkrete Kraftwerke erörtert worden waren. Bestätigt wurde lediglich, dass die Energiewirtschaft auf der Gesprächsagenda von Ankara und Astana gewesen war.

Unter anderem veranlassen die Störungen im Kaspischen Pipeline-Konsortium (CPC – Caspian Pipeline Consortium), über dessen Route rund 80 Prozent des kasachischen Erdölexports erfolgen, Astana, intensiver nach zusätzlichen Wegen auf den Weltmarkt zu suchen. So hatte Energieminister Jerlan Akkenshenow die ausgefallene Förderung infolge von Attacken gegen das CPC im Januar, Juni und Juli mit 3,5 Millionen Tonnen beziffert.

Zu einer der Varianten wurde die erweiterte Verbindung Aktau-Baku-Tbilissi-Ceyhan. Das Erdöl gelangt per Tanker über das Kaspische Meer, wonach es in die Pipeline gelangt, die zu dem türkischen Hafen am Mittelmeer führt. Zuvor hatten Kasachstan und Aserbaidschan vereinbart, die Lieferungen in dieser Richtung schrittweise bis auf 2,2 Millionen Tonnen im Jahr zu erhöhen. Mitte Oktober bekräftigte Tokajew erneut die Absicht, die Mengen zu erhöhen, teilte Kasachstans Energieministerium mit.

Vor diesem Hintergrund erlangt die Erörterung von Fragen der Energiewirtschaft, des Transportwesens und der Logistik bei den Gesprächen mit Erdogan besondere Bedeutung. Das Interesse von Astana an der türkischen Richtung ist verständlich: Der Zugang zu Ceyhan erlaubt, den Export zu diversifizieren und die Abhängigkeit von den Störungen am CPC-Terminal am Schwarzen Meer (im Bereich des russischen Hafens Noworossijsk – Anmerkung der Redaktion) zu verringern. Bisher sind die Möglichkeiten dieser Richtung erheblich bescheidener als die Hauptroute. Daher geht es um die Schaffung einer zusätzlichen Stabilitätsreserve für den Erdölexport.

Allerdings geht die Zusammenarbeit mit der Türkei auf dem Gebiet von Erdöl und Erdgas über die Grenzen eines Transits hinaus. Bereits im Juli des vergangenen Jahres hatte der Chef des kasachischen Konzerns „KazMunaiGaz“ (KMG), Askhat Khasenow, sie bei einem Treffen mit dem türkischen Energieministers Alparslan Bayraktar als einen Teil einer langfristigen Strategie zwecks Verstärkung der Energiesicherheit Kasachstans bezeichnet. Später erhielten die Gespräche einen konkreteren Inhalt: Das staatliche türkische Mineralölunternehmen TPAO (Türkiye Petrolleri Anonim Ortakligi) begann eine Bewertung des Erkundungsabschnitts „Großes Shambyl“ im nördlichen Bereich des Kaspischen Meeres. Im Juni des laufenden Jahres erörterten die Seiten auch eine Hinzuziehung von Erdöl-Service-Unternehmen von KMG zu Auslandsprojekten des türkischen Unternehmens. Somit rechnet Astana damit, die Zusammenarbeit mit Ankara sowohl bei der Erschließung von Ressourcen als auch auf dem Gebiet von Technologien und Dienstleistungen für die Ölbranche zu erweitern.

Auf dem Gebiet der Energiewirtschaft Kasachstans werden die Fragen immer aktueller. In der eingangs erwähnten Jahresbotschaft hatte Tokajew die Praxis teurer Einkäufe von Strom in den Nachbarländern im Winter und der Stromlieferungen in entgegengesetzter Richtung im Sommer zu einem erheblich geringeren Preis kritisiert. Der Präsident verwies gleichfalls auf die Verzögerungen bei der Inbetriebnahme von Stromerzeugungskapazitäten in Turkestan, Kysyl-Orda, Almaty und Ekibastus. Einen zusätzlichen Bedarf würden nach Einschätzung des Staatsoberhauptes die Industrie, die Digitalisierung und die Errichtung von Datenverarbeitungszentren verursachen. Aufgabe der Regierung sei es, einen stabilen Stromüberschuss bis zum Jahr 2029 zu erreichen, heißt es in der Jahresbotschaft von Präsident Tokajew.

Schwierigkeiten sind auch mit dem Zustand der gegenwärtigen Kraftwerke verbunden. Laut Angaben des Energieministeriums habe die Instandsetzungskampagne des vergangenen Jahres erlaubt, den Verschleiß der Wärmekraftwerke von 64 bis auf 61 Prozent zu verringern. Eine Verbesserung ist zu spüren, aber allein der Parameter erklärt, warum die Errichtung neuer Objekte mit einer kostspieligen Modernisierung alter verbunden werden muss. Für die Reparaturarbeiten waren in jenem Jahr 411 Milliarden Tenge (umgerechnet etwa 814,627 Milliarden Euro zum aktuellen Kurs) bereitgestellt worden.

Eine langfristige Antwort auf den Bedarf verbindet Astana mit der Kernenergiewirtschaft. „Prinzipielle Bedeutung besitzt die Stromerzeugung durch AKW“, erklärte Tokajew. Er schlug vor, im kommenden Jahr mit der Zusammenarbeit mit dem russischen Staatskonzern „Rosatom“ zu beginnen. Der Präsident unterbreitete gleichfalls den Vorschlag, die Schaffung einer strategischen Reserve an Uran zu erörtern, und unterstrich die Notwendigkeit einer Übergabe von Technologien und der Ausbildung kasachischer Spezialisten unter Beteiligung ausländischer Partner. In diesem Kontext erwähnte er die Angebote russischer und chinesischer Unternehmen.

Die Pläne für die Atomenergiewirtschaft heben jedoch nicht die Fragen hinsichtlich der nächsten Jahre auf. Laut Angaben der entsprechenden Institutionen Russlands und Kasachstans wird auf einen Abschluss der Errichtung des AKW Balchasch in den Jahren 2035-2036 orientiert. Zwischen der Aufgabe, ein Plus bei der Stromerzeugung zu erreichen, und dem voraussichtlichen Anfahren des AKW bleiben also mehrere Jahre. Folglich muss die Aufgabe für das Jahr 2029 dank anderer Quellen erfüllt werden – durch neue Wärmekraftwerke und Kraftwerke auf der Grundlage erneuerbarer Quellen, eine Modernisierung der existierenden Kraftwerke und eine Entwicklung der Stromnetze.

Gerade hier besitzt die türkische Richtung eine konkrete Grundlage. Das Unternehmen Aksa Energie realisiert in Kysyl-Orda das Projekt eines Dampf- und Gas-Kraftwerkes mit einer Leistung von 240 Megawatt, das für eine Versorgung der Region mit Strom und Wärme bestimmt ist.

Somit erlangt die Energie-Komponente der Beziehungen mit Ankara für Kasachstan einen durchaus messbaren Sinn. Die Bedeutung der künftigen Vereinbarungen wird durch die in Betrieb genommenen Kapazitäten, die Zuverlässigkeit der Kraftwerke und die Termine für einen Anschluss an das Netz bestimmt werden. Das Atom-Programm eröffnet eine Perspektive für Jahrzehnte im Voraus. Die Industrie und Bevölkerung mit Strom zu versorgen, muss man schon jetzt. Und gerade diese Kluft macht die Investitionsagenda der Verhandlungen zu einer besonders wesentlichen.