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Ankara kann auf russische Gaspipelines verzichten


Russisches Gas wird in der Türkei nicht nur mit Lieferungen aus Aserbaidschan und dem Iran sowie importiertem verflüssigten Gas, sondern auch mit der eigenen Förderung dieses Landes konkurrieren. Die Türkei habe im Schwarzen Meer neue Vorräte an Erdgas in einem Umfang von 85 Milliarden Kubikmeter entdeckt, erklärte Landespräsident Recep Tayyip Erdoğan. Dies kann zu einer geringen Auslastung der ganz neuen Gaspipeline „Turk Stream“ führen. „Blue Stream“ arbeitet nicht bereits seit dem Frühjahr – vermutlich, weil die Türkei nicht soviel russisches Gas benötigt. 

Im August hatte Erdogan mitgeteilt, dass die Crew des Bohrschiffes „Fatih“ die größte Gaslagerstätte mit 320 Milliarden Kubikmeter in der Landesgeschichte gefunden habe und die Erkundung fortsetze. Im Oktober – ein neuer Fund. Jetzt macht der Gesamtumfang der Lagerstätte 405 Milliarden Kubikmeter aus. Und man plant, die Förderung im Jahr 2023 aufzunehmen. 

„Die Türkei möchte sich in eine große Gasförder- und Gasexport-Nation verwandeln. Und es kann sie wohl kaum etwas daran hindern“, kommentierte Alexej Puschkow, Mitglied des Föderationsrates (Oberhaus des russischen Parlaments – Anmerkung der Redaktion), die Nachricht. 

Die Entdeckung der Gasvorräte kann zu einer Minderauslastung der russischen Gaspipeline „Turk Stream“ führen. Aber diese Vorräte muss man noch entsprechend den internationalen Standards bestätigen, meint Dmitrij Marintschenko, Senior Direktor der Gruppe für Naturressourcen und Rohstoffwaren der Agentur Fitch. „Potenziell geht es um ein recht großes Feld, dessen Erschließung materiell die Bedürfnisse der Türkei an Gasimporten, darunter auch aus Russland, reduzieren könnte“, zitiert die Nachrichtenagentur PRIME den Experten.  

Die Lieferungen durch eine russische Gaspipeline hat die Türkei bereits für unbestimmte Zeit eingestellt. „Blue Stream“ mit einer Leistung von 16 Milliarden Kubikmeter im Jahr hat man Mitte Mai zwecks technischer Wartung stillgelegt und nicht wieder in Betrieb genommen. Die Türkei reduziert die Einkäufe an russischem Gas. Und dem Land reichen die Mengen via „Turk Stream“, die im Januar dieses Jahres ihre Arbeit aufgenommen hatte. Die Gesamtleistung der Gaspipeline beträgt 31,5 Milliarden Kubikmeter im Jahr. Die Leistung eines Strangs, der Gas in die Türkei bringt – 15,75 Milliarden Kubikmeter im Jahr. 

Allerdings besteht die Meinung, dass auch für die russische Seite „Blue Stream“ schon nicht so vorteilhaft sei. „Bei den Lieferungen via „Blue Stream“ wird kein Exportzoll von 30 Prozent gezahlt, was zweifellos für den Lieferanten von Vorteil ist, aber für den Haushalt keinen Nutzen bringt. Eine aktivere Nutzung von „Turk Stream“ ist sowohl für „Gazprom“ notwendig, dass die in das Projekt investierten Mittel wieder „einspielen“ muss, als auch für den russischen Haushalt durch die Erhebung des Exportzolls“, berichtete Sergej Kapitonow, Analytiker für Gasfragen des Zentrums für Energiewirtschaft der Moskauer Management-Schule „Skolkovo“.  

Russland war bis vor kurzem der wichtigste Gasexporteur in die Türkei. Im März vergangenen Jahres machten die russischen Gaslieferungen 33 Prozent des Landesmarktes aus. Im März dieses Jahres aber hatten Russland hinsichtlich der Liefermengen gleich vier Länder – Aserbaidschan (mit einem Anteil von 23,5 Prozent), der Iran (14,2 Prozent), aber auch Qatar (20 Prozent) und Algerien (13,7 Prozent), die verflüssigtes Erdgas liefern – überholt. Russlands Anteil machte lediglich 9,9 Prozent mit 389,7 Milliarden Kubikmeter aus. Die Lieferungen amerikanischen LNG sind um das 3fache gegenüber dem Vorjahr angestiegen, und ihr Anteil erreichte 9,4 Prozent. 

Die von der „NG“ befragten Experten sind der Auffassung, dass die eigenen Lagerstätten die Türkei nicht zu einer Energie-Supermacht machen würden.

Die vorläufige Bewertung eines Feldes ist selten eine richtige, sagte Rustam Tankajew, führender Experte des Verbandes der Erdöl- und Erdgaserzeuger Russlands. „Die Vorbereitung der Daten zur Berechnung der Vorräte – das sind Laborarbeiten, die recht viel Zeit in Anspruch nehmen können. Der Prozess der Berechnung an sich, nachdem die gesamten primären geologischen Informationen erhalten wurden, beansprucht etwa ein halbes Jahr. Wir wissen bisher nicht, welche Daten die Türkei hat. Aber selbst, wenn die Zahl mehr oder weniger der Wirklichkeit entspricht, so sind dies keine großen Vorräte. Und die Situation werden sie nicht wesentlich verändern“, sagte der Experte. Tankajew bezweifelt, dass man die Erschließung des Feldes sofort beginnen werde. „Das Land braucht Energiereserven für den Fall von Schwierigkeiten. Gewöhnlich hält man solche Vorräte zurück, um sie in einer kritischen Situation und nicht in einer üblichen zu nutzen“, betonte er. Russland drohe in diesem Falle nichts. „Die Vorräte sind zu kleine, um die russischen Partner wie auch immer zu erpressen. Damit sie Russland irgendwie auf ihrem Markt verdrängen, braucht man Vorräte von etwa 10 Billionen Kubikmeter“. 

„Wir verstehen bisher nicht einmal, um was für eine Schätzung es geht – über die geologischen Vorräte oder über ausbeutbare. Bisher sehen derartige Erklärungen wie eine politische PR-Aktion aus“, sagte Sergej Prawosudow, Direktor des Instituts für nationale Energiewirtschaft. Er betonte gleichfalls, dass derzeit der Anteil des russischen Erdgases im Vergleich zum Frühjahr zugenommen habe. Die Preise für LNG seien angestiegen, und die Türkei habe wieder angefangen, russisches Gas zu kaufen. „Im Frühjahr kostete das russische Erdgas, das an die Erdöl-Notierungen (vom Preis her) angekoppelt ist, mehr als LNG. Jetzt ist der Brennstoff von „Gazprom“ der billigste, und dessen Einkäufe nehmen zu“, unterstrich der Experte.