Die beinahe täglichen Angriffe der ukrainischen Drohnen gegen den gesamten europäischen Teil Russlands verlangen eine kurzfristige, entschiedene und systematische Antwort. Eine Analyse der Tagesberichte des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation zeigt, dass seit Beginn dieses Jahres über 50 Regionen Russlands regelmäßigen Attacken von täglich bis zu 500-800 Drohnen ausgesetzt wurden und werden. Doch in diesem Luftkrieg ist eine zusätzliche Front eröffnet worden. Ein Lagerkomplex nach dem anderen mit zivilen Waren für den elektronischen Handel gerät in Brand, bisher vor allem Komplexe des Online-Händlers Wildberries – in den letzten zwei Tagen in Sarapul, Pensa und Wolgograd. Dem ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Verbrauchermarkt Russlands verlagert sich immer mehr auf E-Commerce-Plattformen. Mit einem großen Vorsprung dominieren fünf Plattformen – Wildberries, Ozon, „Yandex. Market“, Avito und Megamarket. Als Champions hinsichtlich der Schlüsselparameter treten die ersten zwei auf. Hinsichtlich der Lagerflächen mit rund fünf Millionen Quadratmeter bzw. drei Millionen Quadratmeter, hinsichtlich der aktiven Seller (Verkäufer) – 300.000 bzw. 250.000, in Bezug auf den Handelsumsatz – vier Billionen Rubel bzw. 3,5 Billionen Rubel.
Der Hauptschlag der ukrainischen Drohnen konzentriert sich bisher auf den Spitzenreiter des Marktes – auf den Internet-Händler Wildberries. Er hatte in Russland zu Beginn dieses Jahres über 200 große Lagerkomplexe. Ab dem 18. bis einschließlich 31. Juli wurden zehn große Sortier- und Distributionsobjekte von Wildberries in den Verwaltungsgebieten Moskau und Tambow, in den Verwaltungsregionen Krasnodar und Stawropol, in Sankt Petersburg, im Leningrader Gebiet, auf der Krim, im Verwaltungsgebiet Rjasan und in den letzten zwei Tagen in den Verwaltungsgebieten Pensa, Wolgograd sowie in der Teilrepublik Udmurtien Attacken ukrainischer Drohnen ausgesetzt. Unwiederbringlich zerstört oder für lange Zeit außer Betrieb gesetzt wurden mindestens zehn Prozent der Lagerflächen des Online-Händlers. Im Ergebnis von Explosionen und Bränden sind fast zehn Menschen ums Leben gekommen, über 60 erlitten Verletzungen.
Laut vorläufigen Schätzungen sind für die Wiederherstellung der verlorenen Logistik-Objekte 20 bis 36 Milliarden Rubel erforderlich. Die Verluste der Verkäufer (vernichtete Warenbestände) sind weitaus größer. Sie werden bisher mit 150 bis 170 Milliarden Rubel beziffert.
Das Ziel der Attacken besteht, wie es scheint, in der Führung eines Schlages gegen die Lebensweise und den psychologischen Zustand der Stadtbevölkerung. Die Sache ist, dass die Bevölkerung der Russischen Föderation rasant sozusagen zu einer plattform-abhängigen wird. In den letzten vier Jahren ist das Volumen der Plattform-Wirtschaft in der Russischen Föderation um das 6fache gewachsen, hauptsächlich in Städten mit einer Bevölkerung von mehr als 500.000 Einwohnern. Gegenwärtig sichert die Realisierung von Waren und Leistungen über E-Commerce-Plattformen bis zu 8,5 Prozent des Landes-BIP. Optimistische Prognosen sagen das Erreichen von zehn bis zwölf Prozent des BIP im Jahr 2023 und das Annäherung an die Marke 12 bis 15 Prozent des BIP in den Jahren 2035-2036 voraus.
Schon jetzt nehmen 84 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des Landes (im Alter von 18 bis 65 Jahren) regelmäßig Einkäufe auf den Online-Handelsplattformen vor, wobei bis zu 40 Prozent dies mehrmals im Monat und bis zu 25 Prozent nicht seltener als einmal in der Woche. Dabei nimmt der Grad der Verbraucherabhängigkeit und -neigung (Häufigkeit des Suchens und der Einkäufe) beständig zu. Man kann sagen, dass die Möglichkeit einer ständigen Nutzung elektronischer Einkaufsplattformen für die russische Bevölkerung zu einem untrennbaren Bestandteil der Lebensweise, einer Stütze im Alltag und zu einer immer mehr bestimmenden Komponente der Vorstellung von einer Normalität des Lebensumfeldes geworden ist.
Der von Kiew entfachte großangelegte „Krieg gegen Online-Händler“ hat augenscheinlich das Ziel, den Verbrauchermarkt des Landes zu destabilisieren, die Inflation anzuheizen und außerdem einen erheblichen Teil der Bevölkerung psychologisch zu traumatisieren und die Grundlagen ihres Alltags zu zerstören. Möglicherweise gar sozialen Unmut und lokale Unruhen auszulösen, die evtl. in der Lage sind, irgendwie die nahen Wahlen zu beeinflussen. (Die Angriffe auf die Lagerhäuser von Wildberries sind aber auch Teil einer ukrainischen Kampagne mit Langstreckenangriffen auf die zivile Infrastruktur in Russland. Der ukrainische Präsident bezichtigte Wildberries, „Drohnenkomponenten, Navigationsgeräte und militärische Ausrüstung“ zu lagern und transportieren, was Moskau zurückweist. Ziel all dieser Attacken sei es, den Kreml zu zwingen, über ein Ende des Krieges zu verhandeln. Ende Juni hatte Selenskij eine „40-tägige Operation“ angekündigt, um Druck auf Russlands Präsidenten Wladimir Putin auszuüben. — Anmerkung der Redaktion).
Den Rechnungen der Organisatoren des „Krieges gegen die Online-Handelsplattformen“ ist — allem nach zu urteilen — nicht beschieden aufzugehen. Nach den ersten Schocks aufgrund der großen Bränden werden schrittweise Maßnahmen zur Abwehr neuen Ungemachs angeschoben. Wie stets in Russland erfolgt dies langsam und halbherzig. Daher ist eine Experten-Diskussion um den aus Sowjetzeiten denkwürdigen Begriff „Zivilverteidigung“ angebracht. Sie wird ernsthaft auch in einem neuen Gewand gebraucht.
Das erste: Man muss schnell den Betreibern der großen Lagerkomplexe helfen, die Objekte vor weiteren Luftangriffe zu schützen, die aufgrund ihrer Dimensionen, Offenheit und Zugänglichkeit total anfällig sind. Die Lagerhäuser haben jedoch auch einen Vorzug, Die große Fläche auf ihren Flachdächern ist für ein Anlegen befestigter Luftabwehrpunkte recht bequem, für die unter anderem auch die alten guten Sandsäcke, Scheinwerfer, Komplexe von großkalibrigen Maschinengewehren und Luftabwehrwaffen mit einer großen Feuergeschwindigkeit geeignet sind. Dort kann es sowohl Punkte für das Starten von Abfang-Drohnen als auch verstärkte Brandschutzanlagen gebe. Und zu einer Triebkraft könnten entsprechend von Verträgen Militärs der Reserve mit den entsprechenden Erfahrungen werden.
Im Unterschied zu den Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges kann ein erheblicher Teil solcher Objektmittel für die Luftverteidigung, die auf den Flachdächern installiert werden, in einem automatischen Regime mit einer Fernsteuerung arbeiten, was erlauben wird, die Menschenverluste zu minimieren. Noch in der Anflugphase der Drohnen zu den Logistik-Parks kann man durchaus bei rechtzeitiger Alarmierung Sperrballons aufsteigen lassen, worüber seit langemn Militärspezialisten schreiben. Mögen dabei aber nur die Warnsignale von den Strukturen der Luftverteidigung rechtzeitig erfolgen.
Das zweite. Noch zu Sowjetzeiten existierten in allen großen Organisationen Pläne für ein Verhalten im Falle von Bränden – mit Evakuierungsplänen, Verantwortlichen, Löschmaßnahmen u. a. Es ist an der Zeit, die vergilbten Dokumente zu aktualisieren! Es ist schon seit langem an der Zeit, überall für bedeutsame Objekte einen „Sicherheitspass für den Fall eines Luftangriffs“ zu haben – mit Angaben von Verantwortlichen für die Verteidigung des Objekts, Telefonverbindungen, Angaben zur Alarmierung, Evakuierung und operativen Liquidierung der Folgen sowie mit einer Aufteilung des weitreichenden Territoriums in Sektoren. Es ist wohl (auch) an der Zeit, zivile Antidrohnen-Trupps zu bilden bei Übungen zu trainieren.
Das dritte: eine finanzielle Hilfe. Man muss mit Vergünstigungen und Stimuli die Ausgaben der betroffenen Unternehmen für eine Wiederherstellung der verlorenen Lager-Logistik und für eine Organisation einer objektbezogenen Luftverteidigung – auf eigene Kosten – unterstützen. Nicht weniger wichtig ist, eine vernünftige Hilfe für die betroffenen Händler zu organisieren und für die Zukunft eine Versicherung ihres Lebens und Eigentums mit einer teilweisen staatlichen Rückversicherung absichern.
Insgesamt muss ein effektives Zusammenwirken zwischen den privaten Unternehmen, den örtlichen, regionalen und föderalen Behörden bei der schnellen Schaffung einer mehrschichtigen Luftverteidigung im Hinterland, die alle kritischen oder sozial wichtigen Objekte absichert, angebahnt werden. Die Aufgabe entspricht durchaus einem besonderen föderalen Programm. Das Wichtigste jetzt ist, die mehrstufige Bürokratie, ihre schreckliche Trägheit aufgrund von Selbstgefälligkeit und Misstrauen zu überwinden sowie mehr Raum für einen kreativen Selbstschutz der privaten Unternehmen und Bürgervereinigung im Rahmen einer engen Koordination mit den Staat zu schaffen.
P. S.
Russlands Regierung will gleichfalls schnell reagieren, wie am Donnerstag nach einer Tagung der Unterkommission zur Erhöhung der Stabilität des Finanzsektors und einzelner Wirtschaftsbranchen mitgeteilt wurde. In deren Verlauf wurden gerade die Probleme des Online-Händler Wildberries und Hilfe für dessen Partner erörtert. „Die Folgen der Luftangriffe haben einem erheblichen Teil von Vertretern des Kleinunternehmertums und Mittelstands einen spürbaren Schaden zugefügt. In diesem Zusammenhang halte ich es für notwendig, die Arbeit der Kommission auf eine Ausarbeitung konkreter Vorschläge zu konzentrieren, die auf eine schnellstmögliche Überwindung dieser Herausforderungen und Gewährung einer zielgerichteten Unterstützung für das betroffenen Business abzielen“, erklärte Russlands Vizepremier Alexander Nowak.
Bis zum 10. August sollen nun das Wirtschafts- und das Finanzministerium sowie der Föderale Steuerdienst zusammen mit der Zentralbank und Unternehmervereinigungen Parameter für voraussichtliche Maßnahmen bestimmen und Entwürfe für Entscheidungen vorlegen, die für deren Umsetzung erforderlich sind.
Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow umriss bei der Donnerstag-Beratung drei Schlüsselaufgaben, die für eine operative Wiederaufnahme und Gewährleistung einer stabilen Arbeit der Verkäufer-Partner des Online-Händlers Wildberries gelöst werden müssten. „Die erste ist natürlich die Absicherung störungsfreier Lieferungen der Waren an die Verbraucher durch eine Wiederherstellung und Umgestaltung der Logistik-Ketten, damit die Erzeugnisse wieder die Menschen erreichen. Die zweite ist eine Hilfe für die Lieferanten und besonders der Hersteller bei der Wiederaufnahme der Tätigkeit. Die dritte sind systematische Maßnahmen, die auf eine Erhöhung der Stabilität der Lieferungen, eine Erhöhung der Warenvorräte, aber auch auf eine Erhöhung der Flexibilität und Operativität der Zustellung ausgerichtet sind“, betonte der Minister.