Am Donnerstag, dem 18. Dezember, rutschten die Ölpreise unter die 60-Dollar-Grenze für einen Barrel Erdöl der Marke Brent (am 24. Dezember lag er wieder deutlich über 61 Dollar – Anmerkung der Redaktion). Einen Tag zuvor waren die Preise vor dem Hintergrund der geopolitischen Risiken, die mit Russland und Venezuela verbunden sind, gestiegen. Die Ölpreis-Notierungen schwanken zwischen einem Ansteigen und Rückgang, da die Marktteilnehmer versuchen, die Wahrscheinlichkeit von Konsequenzen des Kampfes von Washington gegen Caracas, aber auch die Risiken neuer Sanktionen gegen den Energiesektor Russlands abzuschätzen. Experten verweisen auch auf mögliche Probleme bei der Auffüllung des russischen Staatshaushaltes im kommenden Jahr aufgrund der zu optimistischen Basisprognosen für die Weltpreise des schwarzen Golds.
Auf den generellen Trend des Zurückgehens der Ölpreise auf dem internationalen Markt wirkt der mögliche Konflikt um Venezuela. In der vergangenen Woche hatte US-Präsident Donald Trump angeordnet, ein Blockaderegime gegen alle Öltanker einzuführen, die sich unter Sanktionen befinden und nach bzw. von Venezuela aus unterwegs sind. Und er hatte gleichfalls die gegenwärtigen Herrschenden dieses Landes zu einer ausländischen terroristischen Organisation erklärt. Trump hatte ebenfalls versprochen, die militärischen Aktivitäten der USA um Venezuela zu verstärken. Er verlangte unter anderem von Caracas, das Erdöl, Boden und andere Vermögenswerte, die von den USA „gestohlen wurden“, zurückzugeben. „Die Rechte auf Land, Erdöl, auf alles, was es gegeben hatte, dies hat man uns weggenommen, da wir einen Präsidenten hatten, der möglicherweise einfach nicht das Geschehen verfolgte“, erklärte er.
Die amerikanische Presse versicherte, dass sich die Vereinigten Staaten darauf vorbereiten würden, punktuelle Schläge gegen Ziele auf dem Territorium Venezuelas zu führen. Der Konflikt könne mit einer Operation im Cyber-Raum und zur Unterdrückung satellitengestützter Fernmeldeverbindungen beginnen, um Caracas die Möglichkeit zu nehmen, seine Luftabwehrsysteme einzusetzen.
In der Woche zuvor hatten die USA mit Einsatz des Flugzeugträgers „Gerald R. Ford“ einen Tanker mit venezolanischem Erdöl in der Karibik gestoppt. Donald Trump hatte dazu erklärt, dass die USA planen würden, dieses Erdöl für sich zu behalten. Später teilte die Pressesprecherin des Weißen Hauses Karoline Leavitt mit, dass die USA beabsichtigen würden, den vor der Küste Venezuelas aufgehaltenen Tanker und das von ihm transportierte Erdöl zu konfiszieren. Trump habe gleichfalls begonnen, die Möglichkeit der Durchführung einer Bodenoperation gegen dieses Land zu erwägen. Nach den jüngsten Erklärungen von Trump haben die Seestreitkräfte Venezuelas angefangen, Tanker mit venezolanischem Erdöl zu begleiten.
Im staatlichen Erdölkonzern Venezuelas PDVSA versicherte man, dass der Export von Erdöl und Erdölprodukten Venezuelas im üblichen Regime erfolgen würde. Und die bei diesen Operationen eingesetzten Tanker würden die Navigation mit einer vollständigen technischen und versicherungsseitigen Absicherung fortsetzen. Im PDVSA unterstrich man, dass die Seetransporte im Rahmen der legitimen Umsetzung des Rechts auf eine freie Schifffahrt und einen freien Handel, die durch die Normen des internationalen Rechts verteidigt werden, erfolgen würden.
Die Erklärungen von Trump haben globale politische Spannungen ausgelöst, jedoch die Befürchtungen hinsichtlich einer zunehmenden Menge überschüssigen Erdöls auf dem Weltmarkt verringert.
Allerdings hält bei Analytikern des Marktes das Unverständnis darüber an, wie die vom US-Präsidenten angeordnete Blockade gewährleistet wird und ob sich auf die Schiffe erstreckt, die nicht mit Sanktionen belegt wurden.
Auf der Internetseite TankerTrackers.com hat man derweil berechnet, dass unter die Sanktionen der Vereinigten Staaten 40 Prozent oder fast 180 Tanker, die in den letzten Jahren venezolanisches Erdöl transportiert hatten, geraten sind. Und einen Großteil des venezolanischen Erdöls kauft China. Laut Berechnungen von Analytikern der Bank ING könne die Blockade von Venezuela dessen Export in einem Umfang von 600.000 Barrel am Tag – vor allem nach China – beeinflussen. Dabei werde der Export in die USA im Umfang von etwa 160.000 Barrel am Tag wahrscheinlich bewahrt werden. (Dass aber auch Kuba, das bis zu 40 Prozent des für die Stromerzeugung notwendigen Erdöls aus Venezuela erhält, besonders leiden wird, ist dabei von den ING-Analytikern wohl ignoriert worden. – Anmerkung der Redaktion)
Den Erdölmarkt wird wahrscheinlich nicht nur der Faktor „Venezuela“ beeinflussen. Westliche Agenturen berichten gleichfalls über die Ausarbeitung von Sanktionen gegen den russischen Energiesektor durch die Vereinigten Staaten, die sie verhängen können, wenn die Russische Föderation die Vorschläge zur Beilegung des Ukraine-Konflikts zurückweist. Es wird darauf hingewiesen, dass US-Präsident Donald Trump bisher keine Entscheidung zu neuen Sanktionen gegen Russland getroffen habe. Laut ihren Angaben diskutiere man in Washington Varianten solcher Sanktionen wie Restriktionen gegen Tanker und Händler, die sich mit dem Export russischen Erdöls befassen. Nicht ausgeschlossen wird, dass Washington bereits in der überschaubaren Perspektive neue Sanktionen bekanntgeben kann.
Außerdem verhängte die Europäische Union am 18. Dezember Sanktionen gegen 41 Tanker, die laut Aussagen der EU russisches Erdöl unter Umgehung der Restriktionen beförderten. Insgesamt hat die Zahl der Schiffe, die auf die Sanktionsliste aus diesem Grunde gesetzt wurden, fast 600 erreicht. Wie es in einer entsprechenden Erklärung der EU heißt, hätten die Sanktionen die Tanker betroffen, „die den Mechanismus der Beschränkung der Ölpreise umgehen oder den Energiesektor Russlands unterstützen, aber auch die Schiffe, die für den Transport von Militärtechnik für die Russische Föderation verantwortlich sind“. Großbritannien hatte am gleichen Tag eine Reihe russischer Öl- und Gasunternehmen auf die Sanktionsliste gesetzt.
Die zusätzlichen Maßnahmen, die auf eine Einschränkung der Öllieferungen aus Russland abzielen, könnten noch ernsthaftere Risiken für das Angebot auf dem Markt auslösen, betonen die ING-Experten. „Unter Berücksichtigung der Prognosen für ein Überangebot auf dem Mark und der Tatsache, dass Öl der Marke Brent für 60 Dollar je Barrel gehandelt wird, hat Trump die Möglichkeit, in Bezug auf Sanktionen aggressiver zu sein“, heißt es in einem ING-Report.
Angaben des Energieministeriums der USA haben einen Rückgang der Ölvorräte im Land um 1,27 Millionen Barrel in der Vorwoche ausgewiesen. Die Benzinreserven sind um 4,81 Millionen Barrel angestiegen, die der Destillate – um 1,71 Millionen Barrel. Dabei bezweifeln Experten, dass die aktuellen geopolitischen Ereignisse die Ölpreis-Notierungen spürbar beeinflussen werden. „Ohne die Anstrengungen der OPEC+-Staaten zur Stabilisierung des Marktes kann der Rückgang der Preise bis zum Jahresende wieder beginnen, und die Preise für Brent-Öl werden bis zu 58 Dollar je Barrel korrigiert. In der nächsten Woche (gemeint ist die vierte Dezemberwoche – Anmerkung der Redaktion) prognostizieren wir für sie einen Spielraum von 58 bis 62 Dollar“, erklärte Natalia Miltschakowa, Chefanalytikerin des Investitionsunternehmens Freedom Finance Global.
Der Leiter des Zentrums für die Analyse der russischen Aktien der Bank „BKS – Welt der Investitionen“, Kirill Bachtin, ist gleichfalls der Auffassung, dass die Wirkung für die Ölpreise eine moderate sein werde – nicht mehr als fünf Dollar für einen Barrel. „Die Produktionsmengen an Erdöl aus Venezuela für Lieferungen auf den Weltmarkt belaufen sich derzeit auf etwa 0,7 Millionen Barrel am Tag. Und deren Wegfall aus der Bilanz macht nicht einmal ein Viertel des auf dem Öl-Markt entstandenen Überschusses von vier Millionen Barrel am Tag aus. Während vor zehn Jahren der Anteil des Landes an der weltweiten Ölproduktion drei Prozent ausmachte, war es in den letzten Jahren ein Prozent§, unterstrich der Experte.
Dennoch könne, fuhr der Experte fort, das geopolitische Risiko des Konflikts um Venezuela die Nachbarländer Kolumbien (mit einer Förderung von 0,8 Millionen Barrel am Tag) und Guyana (mit einer Förderung von 0,9 Millionen Barrel am Tag) tangieren. „Der Hauptfaktor für eine Stützung der Ölpreise und deren Ansteigen in der mittelfristigen Perspektive ist ein ökonomischer, da das Niederbringen einer neuen Bohrung in den USA im Durchschnitt schon nicht mehr rentabel ist. (Die Grenze für eine Verlustfreiheit liegt im Jahr 2025 bei 69 Dollar.) Die gegenwärtigen Preise verringern nicht die Haushaltsdefizite der meisten OPEC+-Länder“, unterstrich Bachtin.
Der Portfolio-Geschäftsführer des Unternehmens „Alfa-Capital“, Dmitrij Skrjabin, erinnert daran, dass in der makroökonomischen Prognose des russischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung bis zum Jahr 2026 folgende Preis-Orientierungspunkte verankert wurden: Brent – rund 70 Dollar je Barrel, Urals – 59 Dollar je Barrel. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich die Preise für Erdöl wesentlich unterhalb dieser Grenzen. Und diese Kluft muss man bei der Bewertung des realistischen Charakters der prognostizierten Erwartungen berücksichtigen“, urteilt er.
Nikolaj Dudtschenko, Analytiker des Unternehmens „Finam“, hält gleichfalls die in der Prognose der russischen Regierung ausgewiesenen Preise für übermäßig optimistische. „Die Prognose der Regierung der Russischen Föderation hinsichtlich des Preises für Öl der Marke Urals für das Jahr 2026 liegt bei 59 Dollar je Barrel. Der durchschnittliche Preis für Öl der Marke Urals kann im kommenden Jahr nicht höher als 53 Dollar liegen“, sagte er, wobei er eine wesentliche Verringerung des Spielraums der Preise für die russischen Ölsorten nicht ausschloss.
„Im November 2025 ist der Durchschnittspreis für russisches Erdöl bereits um sechs Prozent innerhalb eines Monats gesunken. Man kann voraussagen, dass der Preis in Russland im Jahr 2026 weiter aufgrund der Beibehaltung der per Gesetz festgelegten Preisobergrenzen für russisches Erdöl in den USA und in den Ländern Europas, der Verringerung der Menge aufgrund der unter die Sanktionen fallenden Lieferungen (darunter aufgrund der sekundären Sanktionen der USA), aber auch des Risikos, dass neue Sanktionen durch die USA verhängt werden, zurückgehen wird“, sagte Antonina Lewaschenko aus dem Gaidar-Institut. Die Leiterin des dortigen Labors für die Analyse der besten internationalen Praktiken, erinnerte daran: Im nächsten Jahr haben die Unternehmen aus Indien vor, einen Mechanismus zur Nachverfolgung russischer Lieferungen in Gang zu setzen. Dies kann wiederum dazu führen, dass Russland genötigt sein wird, die Lieferungen nach Indien zu drosseln und anderen Lieferanten das Öl zu geringeren Preisen zu veräußern.
Derweil nimmt das Basis-Szenario der russischen Regierung an, dass der Durchschnittspreis für einen Barrel der Sorte Brent im kommenden Jahr 70 Dollar ausmachen werde. Und das konservative offizielle Szenario räumt einen Rückgang des durchschnittlichen Jahrespreises für einen Barrel Brent-Öl bis auf 55 Dollar ein.