Der Sieg der Partei von Nikol Paschinjan bei den Parlamentswahlen vom 7. Juni über Samwel Karapetjan und insgesamt über die „patriotische“ armenische Opposition besitzt unter anderem auch einen kirchenpolitischen Aspekt. Karapetjan, Kotscharjan und ihre Anhänger traten als Verteidiger der Armenischen apostolischen Kirche und persönlich von Katholikos Garegin II. vor den Angriffen Paschinjans und vor dem Druck seitens des Staates auf. Daher sind die Wahlergebnisse auch noch Ergebnisse der Armenischen apostolischen Kirche: Für eine Verteidigung des Instituts der Kirche waren somit nicht mehr als etwa 34 Prozent der Wähler, die also die Opposition unterstützt hatten, einzutreten bereit.
Der Höhepunkt der klerikalen Bewegung war die letztlich unvollendete „purpurne“ Revolution unter Führung von Erzbischof Bagrat Galstanjan, der sich heute mit der Anklage der Vorbereitung von Terrorakten und des Versuchs eines Sturzes der Verfassungsordnung unter Hausarrest befindet. Galstanjan hatte auf Plätzen Jerewans bis zu 100.000 Menschen vereint. Jedoch ist es eine große Frage, in welchem Maße dies Kundgebungen von Gläubigen und in welchem Meetings von Revanchisten und entrechteten bzw. unglücklichen Menschen im Ergebnis des Exodus der Armenier aus Bergkarabach gewesen waren, aber auch in welchem Maße einfach eine Versammlung Neugieriger. Die Bewegung „Tawusch im Namen der Heimat“ war streng genommen aus der lokalen Agenda – der Demarkation der Grenze mit Aserbaidschan – hervorgegangen. Dabei hatte Bagrat offenkundig nicht das konservativste und schon ganz bestimmt nicht ein antiwestlich eingestelltes Publikum angezogen. Es macht Sinn, sich zumindest seiner beeindruckenden Darbietung des Songs „My Way“ in der Version von Tom Jones und der nicht weniger ausdrucksstarken Präsenz des englischsprachigen „Happy Bithday To You“ zum Geburtstag des Erzbischofs zu erinnern.
Jedoch hat danach die Partei „Zivilvertrag“ gekonnt der Opposition diese ganze Konzert- und Feiertagsmessage abgejagt. Und da hat der bereits glattrasierte und europäisch aussehende Paschinjan angefangen, einen französischen Chanson mit ihm an den Schlagzeugen zu interpretieren. (Das Rasieren des Premierministers in einer Live-Übertragung hatte, wie Kommentatoren hervorhoben, eine symbolische Bedeutung und illustrierte den Bruch mit der Vergangenheit, das heißt mit der Ideologie des Revanchismus und des „Bergkarabach-Clans“.)
Den Morgen nach den Wahlen zelebrierte Paschinjan in den sozialen Netzwerken mit der Melodie „We are the champions“ der Gruppe „Queen“, womit er nicht so sehr eine prowestliche, als vielmehr eine proarmenische Wende Armeniens illustrierte. Der Sieg Paschinjans, wenn auch kein tosender, aber sicherer hat gezeigt, dass der Name der Armenischen apostolischen Kirche als eine stützende Konstruktion oder ein Grundpfeiler der armenischen Identität bereits ein Anachronismus ist. Dass man durchaus ein Armenier ohne die Kirche sein kann, ohne Bergkarabach und ohne einen Hass auf die Aserbaidschaner. Grundlagen für eine derartige Schlussfolgerung hatte es auch früher gegeben. In den letzten zwei Jahren hat sich die armenische Gesellschaft sowohl mit dem Ausschluss der Geschichte der Kirche aus dem Schulprogramm als auch mit dem Canceln der traditionellen Neujahrsansprache des Katholikos im Fernsehen und sogar mit dem Entfernen des Berges Ararat aus der nationalen Symbolik abgefunden. Was Bergkarabach angeht, so haben selbst die Worte Paschinjans, die am Vorabend der Wahlen geäußert worden waren — „dieses Land war nie unseres gewesen“ -, wohl gerade einmal einen zweitägigen Rummel in den sozialen Netzwerken ausgelöst.
Auf der PR-Ebene hatte Paschinjan der Gesellschaft ein friedliches schaffendes Leben und eine unabhängige Außenpolitik, eine Vorwärtsbewegung offeriert, während Katholikos Garegin und sein Feld in die Rolle von Kriegstreibern, Reaktionären, Revanchisten und überdies von „Agenten eines ausländischen Einflusses“ geraten waren. Die armenische Gesellschaft, die durch mehrere Bergkarabach-Kriege gequält worden war und die Aufgabe der Rolle eines Garanten für die armenische Sicherheit seitens Russlands erlebt hatte, ganz zu schweigen von den jüngsten „Cognac“- und „Tomaten“-Kriegen, konnte einfach nicht anders abstimmen.
Aus Patriarch Garegin hatte man derweil erfolgreich die Figur eines nationalen Verräters geformt – genauso wie man es vor 100 Jahren im sowjetischen Russland vermocht hatte, Patriarch Tichon (Bellawin) als eine Landesverräter darzustellen. „Ins Ausland streckt Tichon das Händchen aus und ruft das weißgardistische Häufchen nach Hause“ hatte (Wladimir) Majakowskij am Vorabend des Prozesses gegen den Patriarchen geschrieben (im April 1923 – Anmerkung der Redaktion). Es ist schwer zu sagen, womit jetzt das Strafverfahren gegen den Katholikos enden wird, und wird Paschinjan bis ans Ende gehen. Wird man Garegin II. inhaftieren und öffentlich des Amtes entheben? Und wird die Regierungspresse ihn bereits offiziell und nicht beschimpfend bei seinem Nachnamen nennen wie einst den „Bürger Bellawin“? Wahrscheinlich nicht, da für Paschinjan ein derartiger Skandal eine unnötige zusätzliche Gefahr sein wird: Die westlichen Partner können ihn ganz einfach eines Angriffs auf die Glaubensfreiheit bezichtigen. Ergibt sich da nicht, dass Paschinjan „mit Mitteln der EU in Armenien einen Autoritarismus durchsetzt“ und „die europäischen Werte mit Füßen tritt“? Allerdings war die Entmachtung von Garegin II. als Oberhaupt der Armenischen apostolischen Kirche offiziell ein Punkt des Wahlkampfprogramms von „Zivilvertrag“. Folglich wird Paschinjan irgendwie diese Situation umgehen bzw. handeln müssen. Zumindest durch ein Festhalten des Katholikos als ein „verwundetes Raubtier“ mit einer Einschränkung der Möglichkeit einer Ausreise aus dem Land und mit einem Verbot für eine Teilnahme an der Politik.
So oder anders ist die Schwächung der Positionen der Armenischen apostolischen Kirche objektiv. Und sie wird sich im ganzen Kaukasus auswirken. Während die armenische Politik ohne eine Teilnahme des alten Etschmiadsin (das geistliche Zentrum Armeniens und Sitz des Katholikos – Anmerkung der Redaktion) möglich ist, so wird wahrscheinlich auch die georgische früher oder später ohne eine Beteiligung der Georgischen Patriarchie möglich. Das Ableben solch eines politischen Giganten wie Patriarch Ilia II. wird offensichtlich diesen Prozess beschleunigen. Aber das Wichtigste ist: Vor unseren Augen ist eine komplizierte Konstruktion aus Kirchen- und politischen Allianzen der postsowjetischen Periode, die unter Patriarch Alexij II. errichtet worden war und aus Moskau gelenkt wird, zusammengebrochen.
Die Russische orthodoxe Kirche hatte mehr als drei Jahrzehnte lang politische Prozesse im Kaukasus über ihre Schlüsselverbündeten – die Armenische und die Georgische Kirche -, aber auch über die eigenen Filialen in Gestalt der Eparchien (Diözesen) von Baku und Jerewan und die de facto mit Moskau verbundenen Kirchenstrukturen in Abchasien und Südossetien gesteuert. Die Fäden von all diesen Organisationen führten auf die eine oder andere Weise ins Moskauer Danilow-Kloster – die Residenz von Patriarch Kirill. In diesem Sinn hatte es für die Kirchenvertreter im postsowjetischen Raum bis zur jüngsten Vergangenheit scheinbar auch keinen Zerfall der UdSSR gegeben. Vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen der Russischen Föderation und Georgien war es der Russischen orthodoxen Kirche sogar gelungen, sich dem Kreml als einen alternativen Kanal für eine Unterhaltung russisch-georgischer Bande zu erklären. Die Ergebnisträchtigkeit des Kanals hat sich allerdings zum heutigen Tag praktisch als eine gleich null erwiesen. Und von irgendeinem russisch-georgischen Resetting ist auch keine Rede. Und es ist bereits klar, dass der angeblich prorussische Patriarch Schio III. auch ganz bestimmt nicht in der Lage ist, eine Wende Georgiens gen Moskau zu gewährleisten, genauso wie auch Garegin II. nicht eine analoge Wende Armeniens sichern konnte.
Vor dem Hintergrund der generellen Schwächung der Positionen der Russischen orthodoxen Kirche im Südkaukasus wird gleichfalls das Schicksal der Eparchien von Jerewan und Baku der Russischen orthodoxen Kirche fraglich: Die Offiziellen Armeniens und Aserbaidschans betrachten sie offenkundig als „Organisationen, die aus dem Ausland gelenkt werden“. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie in der überschaubaren auch jenes Schicksal wie das der Estnischen Kirche des Moskauer Patriarchats erwartet, d. h. eine Nötigung zur Änderung der Jurisdiktion auf dem Gerichtsweg. Die Option eines möglichen Kompromisses, als die Offiziellen Aserbaidschans im Jahr 2023 Moskau direkt gebeten hatten, den einheimischen religiösen Spitzenvertreter, den in Baku geborenen und Patrioten Aserbaidschans Archimandrit Alexij (Nikanorow) zum Oberhaupt der Eparchie von Baku zu machen, war nicht genutzt worden. Patriarch Kirill hatte den Wunsch gehabt, für sich eine maximale Anzahl von Hebeln für eine Steuerung zu bewahren, und entsandte aus Moskau einen „Waräger“ (Vertreter) nach Baku. Genauer gesagt sogar zwei „Waräger“ infolge, da die Aserbaidschaner den ersten Bischof, Filaret (Tichonow, kategorisch abgelehnt hatten, so dass Moskau erstmals in der postsowjetischen Geschichte eine bereits anberaumte Weihe canceln und einen neuen Bischof – Alexij (Smirnow) – nach Baku schicken musste.
Die Versuche des Oberhaupts der Russischen orthodoxen Kirche, sich mit der Führung des Landes auszusöhnen, indem der First Lady Aserbaidschans Mehriban Alijewa der Orden der Heiligen Olga „für die Unterstützung des kulturellen und religiösen Dialogs“ verliehen wurde, lösten ihrerseits Empörung bei der armenischen Seite aus und führten zu unangenehmen Reibereien mit der Armenischen apostolischen Kirche. Ob die europäischen Kritiker und Feinde Russlands die Eparchie von Jerewan und Armenien der Russischen orthodoxen Kirche attackieren werden, ist unbekannt. Doch Moskauer Kirchengäste wird man jetzt sicherlich weder in Baku noch in Jerewan erwarten.
Das Schicksal der nicht anerkannten Kirchenstrukturen in Suchumi und Zchinwali ist gleichfalls fraglich: Die einheimischen Eliten sind durch die langjährigen russisch-georgischen Kirchenspiele und Versuche, die abchasische und die ossetische Orthodoxie in ein Druckmittel zu verwandeln, müde geworden. Beide Republiken (die international fast keine Anerkennung gefunden haben – Anmerkung der Redaktion) brauchen seit langem nationale Kirchenstrukturen. Jedoch mangelt es der Russischen orthodoxen Kirche entweder an Feingefühl bei den Vorgehensweisen oder an einem guten Willen für deren Bildung.
Aus religiöser Sicht ist das Ergebnis all dieser Prozess eines – die Schwächung der Positionen aller Formen des Christentums im Südkaukasus (im Nordkaukasus sind sie auch so schwache). Wie die westlichen Ideologen einer Derussifizierung des Kaukasus erklären, sei das moslemische Aserbaidschan dazu berufen, auf jeden Fall zur führenden politischen Kraft auf dem Territorium des einstigen sowjetischen Transkaukasiens in den bevorstehenden Jahrzehnten zu werden – im Unterschied zu den Sowjetzeiten, als diese Rolle das christliche Georgien spielte. Die Positionen des Islams verstärken sich in ausnahmslos allen südkaukasischen Republiken inklusive Südossetiens, wo es historisch nicht eine einzige Moschee gegeben hatte. Was wiederum zusätzlich für eine Verstärkung des Einflusses des türkisch-aserbaidschanischen Blocks in der Region wirkt.