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Das Kiewer Höhenkloster – bald eine Nekropole der slawischen Einheit


Die Vertreibung der Mönche der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (UOK) aus dem Kiewer Höhlenkloster war eine zu erwartende, nachdem am 22. November vergangenen Jahres die ersten Durchsuchungen durch Kräfte des Sicherheitsdienstes der Ukraine im Kloster erfolgten. Es war aber schwer anzunehmen, dass der Prozess so schnell seinen Kulminationspunkt erreicht und die Führung der Ukraine so kompromisslos vorgehen wird. Noch im November hatte Präsident Wladimir Selenskij bei einem Treffen mit Journalisten über ein vorsichtiges Vorgehen in Kirchenfragen und darüber gesprochen, dass, wenn es Gesetzesverletzungen gebe, so die religiöse Organisation keine kollektive Haftung tragen müsse.

Am vergangenen Freitag hatten jedoch die Leitung des nationalen Schutzgebietes „Kiewer Höhlenkloster“ und das ukrainische Kulturministerium bekanntgegeben, dass die Mönche die Räumlichkeiten des Klosters bis zum 29. März im Zusammenhang mit der Lösung des Pachtvertrages verlassen müssten. Als Begründung werden Entscheidungen des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine angeführt, denen zufolge die UOK die Regeln für die Nutzung des religiösen Komplexes verletzt hätte.

In der entsprechenden Veröffentlichung auf der Internetseite des Schutzgebietes wird nicht präzisiert, was für Verstöße gerade erfolgten. Entsprechend den Ergebnissen der Nachforschungen des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung ist nur bekannt, dass die Rechtsschützer in der UOK Geistliche mit der Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation und Literatur, die man mit großen Mühen als „prorussische“ bezeichnen kann, ermittelt hatten. Es werden auch noch die Vermutungen laut, dass einen Anlass für die Beanstandungen der Beamten die Rechtsverstöße des Klostervorstehers, des Metropoliten Pawel (Lebedj), gaben. Der Metropolit war freilich auch noch in jenen Jahren in aller Munde, als der Einfluss der UOK in der Ukraine ein unerschütterlicher zu sein schien. Die Leitung des Schutzgebietes führt jedoch auch keine Vorwürfe gegen Lebedj an. Daher sieht die Entscheidung, die Mönche zu exmittieren, von der Seite her wie eine zweifelhafte und politisierte aus.

Gerade so stellt man sie auch im Moskauer Patriarchat dar, wobei man sich an die internationale Öffentlichkeit mit der Bitte um Hilfe für die UOK wendet, die – woran erinnert sei – bereits im Mai 2022 öffentlich die Aufhebung der Einheit mit der Russisch-Orthodoxen Kirche verkündete. Patriarch Kirill sandte Botschaften an die geistlichen Spitzenvertreter des Westens, unter anderem an den Primas der Kirche Englands, an den Erzbischof von Canterbury Justin Welby. „Nur zu Zeiten der Herrschaft der militanten atheistischen Offiziellen im 20. Jahrhundert hatte man die Mönche des Kiewer Höhlenklosters aus dem Kloster vertrieben“, heißt es in den Botschaften des Oberhauptes der Russisch-Orthodoxen Kirche. Es ist interessant, diese Zeilen mit den Erinnerungen darüber in Verbindung zu bringen, wie die Sowjetmacht die Lawra der Russisch-Orthodoxen Kirche zurückgab. Der Geistliche Andrej Kurajew veröffentlichte in den sozialen Netzwerken ein Archivfoto von 1988, auf dem der Moment der Verkündung der Rückgabe des Klosters festgehalten wurde. Auf dem Foto sind der Kiewer Metropolit Filaret (Denisenko), der Erzbischof von Lwow Makarij (Maletisch) und der damalige Erzbischof von Canterbury Robert Runcie.

Eine wirklich symbolische Aufnahme, die die Widersprüche der neuesten Geschichte und des untrennbar mit ihr verbundenen Schicksals der orthodoxen Kirche reflektiert. Es gehen nur wenige Jahre nach den Feierlichkeiten im Zusammenhang mit dem 1000. Jahrestag der Taufe der Rus ins Land, und die Hauptakteure der Wiedergeburt der Kirche gehen in verschiedene Richtungen auseinander. Filaret wählt man nicht zum Patriarchen von Ganz Russland. Er fühlt sich beleidigt und stellt sich an die Quellen der „ukrainischen unabhängigen“ Kirche, die auf einen nationalen Status Anspruch erhebt. Makarij wechselt noch früher zu den damaligen, da noch nicht marginalen Vertretern einer Autokephalie, um dann an der Schaffung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) teilzunehmen, der man jetzt wahrscheinlich auch die geräumten Mönchszellen in der Lawra übergeben wird.

Aber besonders symbolisch ist die Rolle der Anglikanischen Kirche. Im Verlauf von Dezennien des sowjetischen Kampfes gegen die Religion hatten die westlichen Christen von der UdSSR Garantien für eine Gewissens- und Glaubensfreiheit gefordert. In Vielem Dank Englands und dem Vatikan hatte sich die orthodoxe Kirche triumphal ihre Positionen in der Gesellschaft zurückgeholt, um wenige Jahre später den Weg des Auseinandergehens nach den Republiken, den Erbinnen des Sowjetstaates, zu beschreiten.

Die Wiederherstellung der Glaubensfreiheit wurde zu einer der wichtigsten Errungenschaften der Perestroika in der UdSSR. Aber ihr Hauptziel war es, die Sowjetunion zu einem einheitlichen demokratischen Raum zu machen. 1988 entsprach die Aufgabe der Integrierung des großen Landes in das gemeinsame „europäische Haus“ den Interessen des Westens. Danach aber ist irgendetwas, wie es heißt, „nicht so gelaufen“. Anstelle eines gemeinsamen demokratischen Raums hatten sich nicht ohne die Billigung des Westens anderthalb Dutzend nicht sehr demokratische Staaten gebildet. Und sie haben beinahe alle gegenseitige Gebietsansprüche.

Diese dramatische Wende wurde zu einer fatalen für die Kirche. Anstatt ein Symbol der Gewissens- und Meinungsfreiheit zu sein, verwandelte sie sich in ein Instrument des politischen Kampfes. Wenn Völker, die sich zu einer Religion bekennen, aufgrund politischer Motive auseinandergehen, werfen sie unweigerlich den geistigen Universalismus über den Haufen und suchen in der religiösen Tradition eine Rechtfertigung für den aktuellen Zorn. Da hatten auch die religiösen Organisationen in jedem der slawischen Länder, die die Unabhängigkeit erlangt hatten, ihren Anteil an der Führung der Nationen gefordert.

In irgendeiner Weise ist der Appell von Patriarch Kirill an die Spitzenvertreter des westlichen Christentums gesetzmäßig und gerecht. Sie tragen für jene die Verantwortung, denen lange der Gedanke vermittelt wurde, dass ihre Freiheit ein unvergänglicher und nicht wegzunehmender Wert ist. Jetzt stellt sich aber heraus, dass die westlichen Kirchen – und in größerem Maße betrifft dies die Vertreter der Anglikanischen Kirche – die Seite eines der Teile der einst einheitlichen und gemeinsamen geistlichen Tradition einnehmen und – was das Wichtigste ist – den Klerus zu einer nationalistischen Vulgarisierung provozieren.

Für die Folgen dieser slawischen Auseinandersetzungen werden die westlichen Kirchen auch irgendwann einmal mit ihrer Autorität und dem Vertrauen der Menschen geradestehen müssen. Und die Folgen können tragische sein. Der Vorsitzende der Informations- und Aufklärungsabteilung der UOK, Metropolit Kliment (Wetscherja) erklärte, dass es für die Exmittierung der Mönche keine rechtlichen Grundlagen gebe. In der Mitteilung der Leitung des Schutzgebietes sehe er keine Grundlagen für den Vorwurf gegen die religiöse Vereinigung, die Pachtbedingungen verletzt zu haben. Der Metropolit spricht es nicht direkt aus, aber die Weigerung, das Kloster zu verlassen, kann bedeuten, dass die Mönche eine Belagerung erleben werden. Ukrainische Telegram-Kanäle berichteten in diesen Tagen unter Berufung auf ungenannte Quellen im Office des Präsidenten der Ukraine, dass die Offiziellen bereit seien, Gewalt anzuwenden.

Außerdem bereiten die Beamten eine Revision der Gebeine der Heiligen vor, worüber am Samstag der ukrainische Minister für Kultur und Informationspolitik Alexander Tkatschenko informierte. Und am Montag wurde bereits bekannt, dass Vertreter des Ministeriums die Revision des Besitzes des Höhlenklosters begonnen hätten. Solche Revisionen hatte es auch früher gegeben. Damals aber erfolgte dies nicht in solch einem konfliktbeladenen Kontext. Die Manipulationen der Revisoren mit den Gebeinen und Reliquien können die Vorwürfe hinsichtlich einer Lästerei auslösen und den Konflikt auf eine neue Ebene heben sowie Öl ins Feuer eines „heiligen Krieges“ gießen, dessen Thema in bestimmten Kreisen schon fast ein Jahr diskutiert wird.

Vielleicht wird es aber auch zu keiner Zuspitzung kommen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die UOK vor der Macht des Staates kapituliert und sich den Forderungen der Politiker und Beamten beugt. Und mit der Zeit werden einige Mönchen in ihre Mönchszellen zurückkehren, aber bereits als Vertreter der Orthodoxen Kirche der Ukraine.

Jeglicher Ausgang wird zu einer Kopie für die Rolle der Religion im Leben des Volkes. Wenn das Wichtigste die geistlichen Werte sind, so muss sich die Treue bzw. das Festhalten an den Überzeugen als wichtiger als die politischen Launen der staatlichen Administratoren erweisen. Wenn sich aber die Ideale der Bergpredigt als ein Trugbild erweisen und die nationale Ideale ihre Überlegenheit über das vereinigende Wesen des Glaubens beweist, wird klar werden, dass die Pläne für eine geistige Wiedergeburt von vor 30 Jahren nichts anderes als wunderbare Träume – oder auf Ukrainisch gesagt ein „Mrija“ – waren.