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Dem turkmenischen Gas bahnt man einen Weg nach Europa


Europa kann bereits in der nächsten Zeit zu einem Verbraucher turkmenischen Gases werden. Aserbaidschan stellt Turkmenistan die fertige Infrastruktur des „Südlichen Gas-Korridors“ für einen Transit von Kohlenwasserstoffen zur Verfügung. Die Seiten beginnen eine gemeinsame Erschließung und Ausbeutung des Feldes „Dostluk“ („Freundschaft“), das früher als „Kyapaz“ oder „Serdar“ bekannt war und wegen dem Aschgabat und Baku beinahe einen Krieg begonnen hätten. Experten sind der Auffassung, dass die Ausbeutung von „Dostluk“ ein Probeballon für die Realisierung größerer Projekte und den Bau der Transkaspischen Pipeline sei.

Mit dem Vorschlag, die aserbaidschanische Infrastruktur zu nutzen, war Rovnag Abdullayev, Präsident des nationalen aserbaidschanischen Ölkonzerns SOCAR, im Verlauf des Internationalen Forums für die Gewinnung von Investitionen für den Öl- und Gassektor Turkmenistans OGT-2021, das am 12.-13. Mai in Aschgabat stattgefunden hatte, aufgetreten. „Wir sind bereit, den turkmenischen Unternehmen den Zugang zu den umfangreichen Möglichkeiten des Pipelinesystems des Südlichen Gas-Korridors und der Ölpipeline Baku-Tbilissi-Ceyhan für den Transport der überaus reichen turkmenischen Kohlenwasserstoff-Ressourcen zu den internationalen Märkten zu ermöglichen“, zitiert das Internetportal „Orient“ Abdullayev. Danach wurde er vom turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdymuchamedow selbst empfangen, was belegt, was für große Hoffnungen die turkmenischen Offiziellen mit einer Zusammenarbeit mit dem aserbaidschanischen Monopol verknüpfen. Und allein die Ernennung der SOCAR-Struktureinheit SOCAR Trading zum „Premierpartner“ des gesamten veranstalteten Forums sprach Bände, während alle schon in Turkmenistan präsenten ausländischen Unternehmen auch inkl. des Schlüsselpartners der Republik – des chinesischen Konzerns CNPC, die in deren Wirtschaft rund 19 Milliarden Dollar investierten, mit dem Status von Sponsoren bedachten wurden (obgleich für CNPC mit dem eines „goldenen“).

Der „Honeymoon“ zwischen Turkmenistan und Aserbaidschan hatte im vergangenen Januar mit der Unterzeichnung eines Memorandums über gegenseitiges Einvernehmen zwischen den Regierungen der Länder hinsichtlich einer gemeinsamen Erkundung, Erschließung und Ausbeutung der Ressourcen von Kohlenwasserstoffen des „Dostluk“-Feldes begonnen, das früher so sehr Gegenstand erbitterter Streitigkeiten war, dass der erste Präsident Turkmenistans Saparmurat Niyazov in einer direkten Polemik mit dem damaligen aserbaidschanischen Amtskollegen Geydar Aliyev zu sehr bildhaften, aber harten Formulierungen hinsichtlich der Aufteilung des Kaspischen Meeres und der umstrittenen Lagerstätten griff: „Andernfalls wird es beginnen, nach Blut zu riechen“. Dies erklärte Niyazov im Verlauf des Gipfeltreffens der Kaspi-Anrainerstaaten im Jahr 2002 und unterbreitete den Vorschlag, einen Rat der Präsidenten der Kaspi-Staaten zu bilden, um solch eine Entwicklung der Ereignisse nicht zuzulassen, berichtete der Experte Arkadij Dubnow.

Allerdings ist jetzt dieser Streitgegenstand der Geschichte anheimgefallen, was den Ländern erlaubt, nicht nur friedlich zusammenzuleben, sondern auch gemeinsam Kohlenwasserstoffe in der Kaspi-Region zu fördern. Mehr noch, die Nachricht war eine solch positive, dass der Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdoğan eine Woche nach Unterzeichnung des Memorandums dieses segnete. Die türkischen, aserbaidschanischen und turkmenischen Medien sowie Vertreter der Wirtschaft und Staatsbeamte begannen unison zu erklären, dass nicht nur die Spannungen zwischen Aserbaidschan und Turkmenistan aufgehoben, sondern auch das letzte Hindernis für … den Transport turkmenischer Energieressourcen durch das Kaspische Meer beseitigt worden wären.

Der Jubel der türkischen Seite war nicht nur und nicht so sehr mit der Freude für die beiden turksprachigen Völker, die zu einem Friedensabkommen gelangt waren, sondern vielmehr damit zu erklären, dass die turkmenischen Energieressourcen in Richtung Europa über das Territorium der Türkei transportiert werden sollen. Und es ist naiv anzunehmen, dass ohne die aktive diplomatische Flankierung seitens der Türkei dieses Abkommen erzielt worden wäre. Die Hauptidee war gerade solch eine – dem turkmenischen Gas das Tor nach Europa über das Territorium der Türkei zu öffnen.

Als eine Reaktion klang dieser Gedanke auch im Auftritt des stellvertretenden Vorsitzenden des Staatskonzerns „Turkmengas“ Guvantsch Agadschanow an: „Die Erschließung des Feldes „Dostluk“ im Kaspischen Meer durch Turkmenistan und Aserbaidschan wird erlauben, Erdgas in der westlichen Richtung zu exportieren“. Dabei muss betont werden, dass die Gasvorräte auf dem „Dostluk“-Feld recht bescheiden sind (rund 30 Milliarden Kubikmeter). Es geht aber um wirklich gigantische Gasvorräte anderer Felder Turkmenistans, deren Kohlenwasserstoffe über das Kaspische Meer und via Aserbaidschan weiter in die Türkei transportiert werden sollen.

Dabei hatten alle Redner des Forums – vorsätzlich oder aus Vergesslichkeit – die Tatsache des Bestehens der Kapsi-Konvention nicht erwähnt, die man pathetisch als „Kaspi-Verfassung“ bezeichnet hatte und die von der Idee her die Modalitäten solcher transkaspischen Projekte unter Berücksichtigung aller Kaspi-Anrainerstaaten bestimmen soll, was in der Konvention betont wird.

„Es musste mehrfach erklärt werden, dass die schiere Beharrlichkeit, mit der die Türkei Aserbaidschan und Turkmenistan zu einer schnellstmöglichen Verlegung der Transkaspischen Pipeline zu bewegen sucht, eine Provokation reinsten Wassers und ein ernsthafter Versuch zur Untergrabung der regionalen Stabilität und Sicherheit ist. Fast 30 Jahre brauchten die Kaspi-Anrainerstaaten, um all ihre Normen und feinsten Nuancen abzustimmen. Aber auch in der abgeschlossenen Form löst die Kaspi-Konvention weiter Fragen aus. Als ein Beispiel dafür kann die Tatsache dienen, dass die Madschles (das Parlament – „NG“) Irans sie nach wie vor nicht ratifiziert hat“, sagte der turkmenische Experte Serdar Aitakow in einem Gespräch mit der „NG“. Die Vervollkommnung der Konvention erfordere nach seiner Meinung ein sehr akkurates Vorgehen, eine Atmosphäre gegenseitigen Einvernehmens und eine Achtung der Interessen aller Kaspi-Staaten. „Russland hat unter anderem hinsichtlich der Verlegung transkaspischer Pipelines klare Anforderungen. Und die iranische Seite verlangt eine strikte juristische Kodifikation solcher Projekte, wenn nicht in der Konvention an sich, so doch im Rahmen ihrer Protokolle oder der Anlagen zu ihr. Der Voluntarismus und das Abenteurertum, mit denen die Offiziellen Aserbaidschans und Turkmenistans bei einer aktiven Stimulierung der Türkei handeln, führen eindeutig zu einem Zerbrechen des fragilen Konsenses, dank dem die Kaspi-Konvention geschaffen worden war“, unterstrich Aitakow.

Nach seinen Worten würden sich gerade deshalb die türkischen Offiziellen so beeilen. Solange die Konvention nicht in Kraft getreten ist, „ist es für sie wichtig, sie zu devalvieren, faktisch zu vernichten“. „Im Wissen darum, wie sich die Offiziellen der Türkei gegenüber den Normen des Völkerrechts verhalten – und dies ist nicht nur in ihrem Geiste, dies ist eines der Prinzipien ihrer heutigen Politik -, kann man behaupten, dass im Fall mit dem Kaspi das Verhalten der Türkei ein beredtes Beispiel und eine Bestätigung ihrer destruktiven Rolle ist. Es lohnt sich jedoch auch für die Offiziellen Turkmenistans und Aserbaidschans, auf ernsthafteste Weise alle Risiken und Folgen ihres Abenteurertums einzuschätzen. Bei der unterzeichneten Kaspi-Konvention birgt eine derartige Politik, ohne eine Abstimmung mit den anderen Anrainerländern zu verfolgen, ernsthafteste Komplikationen in sich. Und die Worte von Saparmurat Niyazov können da einen neuen Sinn erlangen“, betonte Serdar Aitakow.

Der Leiter des Politologen-Klubs „Südlicher Kaukasus“ Ilgar Welisade sagte der „NG“, dass es heute nicht um den Bau einer Transkaspischen Pipeline gehe. In dem Projekt gebe es viele offene Fragen. „Wichtig ist, dass Turkmenistan und Aserbaidschan gemeinsam die Erschließung des Feldes „Dostluk“ beginnen. Mehr noch, von turkmenischer Seite aus wird sich der russische LUKOI-Konzern anschließen. Sowohl LUKOIL als auch Aserbaidschan haben im und am Kaspischen Meer eine gute Infrastruktur. Daher muss Aschgabat (nur) die fehlenden 10 bis 15 Kilometer Rohre nachverlegen, um sich an den Südlichen Gas-Korridor anzuschließen. Dies ist relativ billig. Man muss nicht von Null an eine Infrastruktur schaffen. Und es ist effektiv, da das Unternehmen für die Erschließungs- und Ausbeutungsarbeiten die Möglichkeit erhält, in kürzester Frist seine Erzeugnisse zum Endverbraucher zu bringen“, betonte der Experte. Dabei könnten nach seinen Worten die Gaslieferungen vom Feld „Dostluk“ zum Ausgangspunkt für die Lösung eines Komplexes von Fragen im Zusammenhang mit der Lieferung turkmenischer Energieträger nach Europa werden. „Gegenwärtig besteht die Spezifik der Situation darin, dass hier konkrete Unternehmen teilnehmen, die ihre Partner und ihre Infrastruktur haben. Die turkmenische Seite nutz nur die Situation aus“, unterstrich Welisade.

Baku erhalte nach seinen Worten die Möglichkeit, aktiv seine 30 Prozent des „Dostluk“-Feldes zu erschließen und auszubeuten. Die Seiten hatten das Feld zur gegenseitigen Befriedigung in einem Verhältnis von 78 zu 30 und den zusätzlichen wirtschaftlichen Gewinn aus dem Transit turkmenischer Energieressourcen über den Südlichen Gas-Korridor auf die Märkte der Länder Südeuropas aufgeteilt. „Zu den positiven Seiten kann man nicht nur die Zusammenarbeit beider Länder rechnen, sondern auch das Zusammenwirken mit der Russischen Föderation, was einen Teil der Fragen, genauer gesagt: der politischen Spekulationen aufhebt. Insgesamt wird die Realisierung des trilateralen Projekts erlauben, andere Projekte zu aktivieren, bei denen LUKOIL in Bezug auf den aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres ein Abkommen mit SOCAR über die Erschließung und Ausbeutung der perspektivreichen Felder „Nachchivan“ und „Goschadash“ in eben diesem Teil des Meeres im Jahr 2020 unterzeichnete. Was aber die Kapazität des Südlichen Gas-Korridors angeht, so reicht sie vorerst aus“, sagte Welisade.