In Taschkent ging Mitte Juni der Usbekistan-Cup zu Ende, bei dem ein neuer Star den Sieg errang, der 19jährige usbekische Schachgroßmeister Muhiddin Madaminov. Und den kann man als einen sensationellen bewerten. Die größte Aufmerksamkeit der Schach-Öffentlichkeit erregten in den vergangenen Juni-Tagen aber nicht die Ereignisse, die mit diesem Turnier zusammenhingen, sondern mit der anstehenden Wahl des FIDE-Präsidenten, die in Samarkand parallel zur Abschlussetappe der 46. Internationalen Schacholympiade (vom 15. bis 28. September dieses Jahres) erfolgen wird.
Es sei daran erinnert, dass im Verlauf von beinahe acht Jahren dieses Amt der russische Bürger Arkadij Dworkowitsch (war u. a. Vizepremier Russlands und vier Jahre lang Berater des russischen Staatsoberhaupts – Anmerkung der Redaktion) bekleidet, dessen Kandidatur für die nächste Präsidentenamtszeit (entsprechend der geltenden Prozedur) der Russische Schachverband (RSV) unterstützt hat. In dieser Entscheidung gibt es scheinbar nichts Überraschendes. Jedoch gibt es da einen Einwand, der damit verbunden ist, dass allen gut bekannt war (obgleich auch zu jenem Zeitpunkt nicht offiziell darüber informiert worden war), dass das zuständige bevollmächtigte Gremium der Europäischen Union plant, den 54jährigen Dworkowitsch in seine bei weitem nicht erste Sanktionsliste aufzunehmen. Damit wird der FIDE-Präsident nicht Turnieren und Veranstalten in der Alten Welt beiwohnen können. Und die Arbeit des sich in Lausanne befindlichen FIDE-Hauptquartiers wird erschwert werden.
Es war klar, dass die sich in Vorbereitung befindliche Entscheidung in keiner Weise mit der Person von Arkadij Dworkowitsch als solche zusammenhing, sondern vom politischen Kurs Brüssels auf eine Ausrottung von allem Russischen in den offiziellen internationalen Strukturen diktiert wird. Dabei bewegt keinen, dass aus inhaltlicher Sicht Dworkowitsch für Europa wohl kaum der unbequemste Kandidat unter Russlands Bürgern ist. Europa hat in den letzten Jahren den Status eines informellen Zentrums der Schachwelt eingebüßt, das sich (beinahe gleichzeitig mit der RSV) nach Asien verlagert hat.
Um für den höchsten internationalen Schach-Posten zu kandidieren, muss sich ein potenzieller Bewerber der offiziellen Unterstützung zumindest eines nationalen Verbands (nicht unbedingt des eigenen Landes) versichern. Obgleich in der Praxis die stärksten Kandidaten mehr solch eine Unterstützung von Verbänden haben. Bis zum Abschluss der Nominierungsperiode ist nur noch wenig Zeit geblieben, rund zehn Tage. Aber die potenziellen Konkurrenten von Dworkowitsch im Kampf um den höchsten Posten in der Schachwelt halten sich weiterhin bedeckt, um nach Beurteilung der Situation die eine oder andere Entscheidung zu treffen.
Die Sache ist die, dass, wenn es nicht die Androhung europäischer Sanktionen geben würde, es sich für Arkadij Dworkowitsch keine ernsthaften Probleme mit einer Prolongierung seiner Vollmachten ergeben würden. Jedoch ist der neue, sich plötzlich ergebene Faktor in der Lage, die Situation in Bewegung zu bringen. Es sei daran erinnert, dass sich etwas Ähnliches im Jahr 2016 mit dem vorangegangenen FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow (auch aus Russland – Anmerkung der Redaktion) ereignet hatte. Gegen ihn waren amerikanische Sanktionen verhängt worden, wonach selbst Beamte der Internationalen Schachverband begannen, zuerst ihn zu einem Rücktritt zu überreden und später gegen ihren langjährigen Chef Intrigen einzufädeln. Durch ein amüsantes Zusammentreffen von Umständen hat die Situation eine Kehrtwende um 180 Grad erlebt, da Donald Trump die Sanktionen gegen Iljumschinow aufgeboben hat. Daher ist Kirsan Iljumschinow nunmehr absolut „sauber“. Aber (ungeachtet des offenkundigen Zeitmangels) beeilt er sich nicht, zweimal in und denselben Fluss zu steigen.
Vom gleichen Prinzip lässt sich scheinbar noch ein potenzieller Kandidat leiten („stille Wasser sind tief“). Dies ist der deutsche Schachmäzen Wadim Rosenstein. Es ist klar, dass eine Teilnahme dieses jungen, dem Schachsport ergebenen Europäers am Rennen um das Präsidentenamt eine Welle von Emotionen unterschiedlicher Art und einer bei weitem nicht berechtigten Kritik auslösen kann. Daher ist nach unserer Auffassung das Auftauchen von Wadim (36 Jahre alt und Unternehmer aus Düsseldorf) in der Liste der Anwärter auf das höchste Amt im internationalen Schachsport wenn auch nicht im Regime eines Konsens, sondern nur im Falle einer Abstimmung seiner Kandidatur mit einigen der einflussreichsten Kräfte des internationalen Schachsports möglich.
Etwas anders sieht der Besitzer des Schach-Magazins „CHESS Magazine“, der Engländer Malcolm Pein, als ein potenzieller Kandidat für den Posten des FIDE-Präsidenten aus, der seinerzeit den Wechsel des RSV von Europa nach Asien scharf kritisiert und im Zusammenhang damit Mitgefühl den asiatischen Großmeistern bekundet hatte, denen die Russen jetzt die Qualifikationsplätze wegnehmen würden. Pein wird im Falle seiner Nominierung nicht einfach als ein regionaler, sondern auch als ein recht politisierter Kandidat aufgenommen. Und dies bedeutet, dass er die eine oder andere Koalition mit einem der realen Anwärter auf einen Sieg eingehen kann, wobei er einen Teil der „westlichen“ Stimmen kontrolliert. Aber nicht mehr.
Es sei wiederholt, dass ein ernster Kampf um den Posten des FIDE-Präsidenten lediglich in dem Fall einsetzen kann, wenn die europäischen Sanktionen in Kraft treten. Und die Namen der alternativen Kandidaten sind durch uns ausschließlich auf der Grundlage von Gerüchten und Vermutungen „kundiger“ Personen ausgewiesen worden. Dennoch ergibt sich eine Frage: Wozu irgendwen von außerhalb suchen, da doch das Amt des 1. FIDE-Vizepräsidenten Ex-Weltmeister Viswanathan Anand (56 Jahre alt) bekleidet, ein Mann, der praktisch durch keinerlei Antirating belastet wird und über ein riesiges Ansehen verfügt?! Das Problem besteht darin, dass Anand, nachdem er diese Bürde auf sich genommen hat, im Verlauf von mindestens vier Jahren gezwungen sein wird, sich mit einer für ihn extrem uninteressanten Sache zu befassen, indem er – zitiert man einmal den berühmten sowjetischen Poeten Wladimir Majakowskij – zu einem „Abfallbeseitiger und Wasserträger“ des internationalen Schachsports wird. Ob er sich entscheidet, sich darauf einzulassen, ist bisher unklar.
Angesichts der heranrückenden 46. Internationalen Schacholympiade in Samarkand ist von besonderem Interesse die Kampfkraft der führenden Auswahlmannschaften, von denen zwei – die Teams der USA und Usbekistans – am 26 und 27. Juli in Miami ein sehr interessantes Match bestreiten werden. Freilich erfolgt dort der Kampf nicht im langen klassischen Schach, sondern in den Versionen Rapid und Blitz. Schnellschach wird auch bei der am Mittwoch, dem 17. Juni in Hongkong begonnenen FIDE-Mannschaftsweltmeisterschaft gespielt. Dieses Turnier wird bereits das vierte Mal ausgetragen. Und das Besondere dabei besteht darin, dass bei dem Championat erlaubt ist, dass sowohl Nationalmannschaften als auch Klubteams antreten. Einmalig ist da noch ein Punkt, dementsprechend unter den sechs bei jedem Durchgang antretenden Spieler mindestens eine weibliche Starterin sein muss (ohne Präzisierung dessen, an welchem konkreten Schachbrett). Und außerdem muss einer der sechs ein „Amateur“ sein, der noch nie die Ratingpunktzahl von 2000 überschritten hat.
Dieses Mal haben das Turnier gleich 48 Mannschaften begonnen. Und als Favorit des Turniers laut Rating erwies sich nicht die Mannschaft Chinas (mit dem Namen Dragon Chilling) und auch nicht die Auswahl Usbekistans, sondern der von Wadim Rosenstein gesponsorte Klub WR Chess. Zum Team gehören Magnus Carlsen, Fabiano Caruana, Wesley So, Maxim Vachier-Lagrave, Jan-Krzysztof Duda, Javohir Sindarov und Alexandra Gorjatschkina. Im zweiten Schnellschach-Durchgang unterlagen jedoch die Favoriten knapp mit 2,5 zu 3,5 der nicht so sehr bekannten Mannschaft Chessnut Nova. Und danach stolperte auch die Auswahl Usbekistans, die mit dem gleichen Ergebnis dem Team Kazchess unterlag, zu dem Richard Rapport, Shakhriyar Mamedyarov, Alexander Grischtchuk, Wang Hao und Bibisara Assaubajewa gehören. Die Turnertabelle führen damit die chinesischen und kasachischen Großmeister an, die am Start all ihre Spiele gewannen. Und schon jetzt kann man garantieren, dass der Kampf bei dem Championat ein sehr interessanter werden wird.