Das Internationale Olympische Komitee (IOC) beabsichtigt in keiner Weise, die Sportler aus den USA und Israel nach den Attacken ihrer Länder gegen den Iran zu bestrafen, aber auch nicht die internationalen Sportverbände zu irgendwelchen Sanktionen aufzurufen. Auf eine entsprechende Frage russischer Journalisten antwortete man im IOC: „In einer Welt, die von Konflikten und Meinungsverschiedenheiten erschüttert wird, in der Menschen ums Leben kommen und viele Tragödien durchmachen muss der Sport jetzt wie nie zuvor ein Leuchtturm der Hoffnung bleiben, eine Kraft, die die ganze Welt im friedlichen Wettstreit vereint“. In der Organisation fügte man hinzu, dass für das IOC das Neutralitätsprinzip ein grundlegendes sei und diese Herangehensweise eine aktuelle bleibe.
In dieser Vorgehensweise gibt es zweifellos eine Prinzipientreue und eine Logik. Das IOC darf in jeglichem Konflikt keine Seite auswählen, daher wird es die Amerikaner, die Israelis oder Iraner weder ausschließen noch zu deren Disqualifizierung aufrufen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Konjunktur sieht dies eben so aus. Aber nicht alles ist so glatt, wenn man sich zusätzliche Fragen stellt. Was wäre, wenn die Konjunktur, die Kette von Ereignissen andere gewesen wären? Wenn der Iran als erster einen Schlag gegen amerikanische Stützpunkte oder gegen Objekte auf dem Territorium Israels geführt hätte, wenn Washington auf alle internationalen Organisationen einschließlich der Sportverbände Druck ausgeübt und aufgerufen hätte, mit Sanktionen gegen Teheran vorzugehen? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob wir das IOC oder die anderen Sportstrukturen wirklich für prinzipielle und zu 100 Prozent eigenständige halten.
Nicht zufällig haben gerade russische Journalisten dem IOC die Frage gestellt. Nach dem Beginn der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine im Jahr 2022 sind die Sportler aus Russland und Weißrussland de facto in ihren Rechten eingeschränkt worden. Nachdem juristische und logistische Hindernisse überwunden wurden, schaffen es einige dieser Athleten – in individuellen Sportarten – zu Olympiaden in einem neutralen Status. Internationale Verbände haben erst vor kurzem begonnen, russische und weißrussische Athleten zu Welt- und Europameisterschaften und zu Weltcup-Starts zuzulassen. Oft erfolgt dies auch nach Entscheidungen von Schiedsgerichten. Das IOC kann antworten, dass die Organisation selbst aufrufe, die Restriktionen aufzuheben. Klar ist auch das, dass im Jahr 2022 der IOC-Präsident Thomas Bach gewesen war. Und seine Nachfolgerin Kirsty Coventry erklärte gleich nach ihrer Wahl, dass für sie die Prinzipien der Neutralität und des Verzichts auf eine Diskriminierung von Athleten wichtig seien. Wie dem nun auch immer sein mag, werden diese Prinzipien hinsichtlich der Russen und Weißrussen nicht eingehalten. Und keiner unternimmt wirklich entschiedene Schritte, um dies zu beheben.
Hat das IOC an den Sport als einen „Leuchtturm der Hoffnung“ im Jahr 2022 erinnert? Ja! In einer damals (am 28. Februar 2022) herausgegebenen Resolution hatte das Exekutivkomitee der Weltorganisation das Dilemma konstatiert: Einerseits dürfe man keine Sportler aus jeglichen Ländern entsprechend der Nationalität oder aufgrund der Handlungen ihrer Regierungen diskriminieren. Zur gleichen Zeit werde es unter den Bedingungen des Konflikts für die Ukrainer schwer werden, an Wettkämpfen teilzunehmen. Die Russen und Weißrussen könnten dies aber ungehindert tun. Daher hatte das IOC-Exekutivkomitee den Sportverbänden empfohlen, russische und weißrussische Athleten „zwecks Verteidigung der Integrität der Wettkämpfe und der Sicherheit der Teilnehmer“ nicht für eine Teilnahme zuzulassen“. Im Ergebnis dessen traten die Ukrainer weiter überall an. Die Russen und Weißrussen – nicht. Viele Verbände befolgte die Empfehlung. Einige lockern nach wie vor nicht diesen „Würgegriff“.
Dies bedeutet, dass der nötige Punkt in der Charta oder der logische Schritt konjunkturell ausgewählt wird. Wenn man auf das IOC Druck ausüben würde, um Israel zu suspendieren, würde die Organisation auf die gleichen Sicherheitserwägungen verweisen und sich des Terrorakts gegen Sportler aus diesem Land während der Sommerolympiade in München 1972 erinnern. Es gibt aber keinen solchen Druck. Wie auch hinsichtlich des Themas der Ungerechtigkeit gegenüber den Russen und Weißrussen. Keiner übt wirklich Druck auf das IOC aus. Und die Führung der Organisation ist der Auffassung, dass sie richtige Worte spreche und folglich ausreichend handele. Überdies ordnen sich nicht alle Sportverbände den Wünschen des IOC unter, wenn sie sich nicht mit ihren eigenen decken.