Russlands Bildungsminister Sergej Krawzow hat bei einer Tagung der ressortübergreifenden Kommission für historische Bildung am 3. März die getroffene Entscheidung über die Einführung einer Geschichtsprüfung in der 9. Klasse vor dem staatlichen Hauptexamen (SHE) annonciert. Nach seinen Worten werde dies eine mündliche Prüfung für ausnahmslos alle Schüler der 9. Klasse sein. Geplant wird, dass man sie im Zeitraum vom Januar bis einschließlich April in Form einer Zulassung zu den staatlichen Abschlussprüfungen (SAP) durchführt.
„Ich erinnere daran, dass in das Staatliche Einheitsexamen (SEE) ein Geschichtsaufsatz aufgenommen wurde. Und wir ergänzen die Gesamtprüfung und Darlegung des Materials in der 9. Klasse in einer mündlichen Prüfung. Der Lehrplan wird ab dem Schuljahr 2027/2028 eingeführt. Daher gibt es einen Plan für die Vorbereitung der Lehrer und Schüler für eine mündliche Geschichtsprüfung“, unterstrich Krawzow bei der Tagung.
Er betonte, dass im Land bereits die Arbeit an einem einheitlichen staatlichen Geschichtslehrbuch abgeschlossen worden sei. Die mündliche Form der Prüfung entspreche den Traditionen des Studiums der Geschichte und dem Wesen der Geschichtsausbildung.
Der Leiter der Aufsichtsbehörde für das Bildungswesen ROSOBRNADZOR, Anzor Muzajew, unterstützte in einem Kommentar für die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti die Einführung einer mündlichen Geschichtsprüfung in den 9. Klassen. Er betonte, dass dies die Qualität der Vermittlung dieses Unterrichtsfachs erhöhen werde. „Wir unterstützen bedingungslos die Einführung solch eines Examens, wobei wir dessen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit begreifen. Wir nehmen an, dass die Aufnahme des mündlichen Formats der Prüfung in das System des Staatlichen Einheitsexamens die Qualität des Studiums der Geschichte in den Schulen erhöhen und die Geschichtsunterrichtsstunden zu inhaltsreicheren machen werden“, meint Muzajew.
In ROSOBRNADZOR hob man gleichfalls hervor, dass vor der Einführung des Examens eine Erprobung durchgeführt werde, an der über 1,5 Millionen Menschen teilnehmen werden. Nach dem Test würden die Ergebnisse in der Pädagogen-Community erörtert werden. Und erst danach werde das Examen vollwertig implementiert werden.
„Die Annahme der Entscheidung über eine mündliche Prüfung zur Geschichte Russlands vor den staatlichen Hauptprüfungen (SHP) ist eine völlig gesetzmäßige“, erklärte in einem Kommentar für die „NG“ Michail Boguslawskij, Doktor der pädagogischen Wissenschaften und korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie für Bildungswesen. „Die letzten vier Jahre sehen wir deutlich, wie sich aufgrund einer Reihe bekannter politischer, ideologischer und sozialer Umstände und Ereignisse die Bedeutung des Unterrichtsfachs „Geschichte Russlands“ insgesamt grundlegend verstärkt. Angehoben wurde die Anzahl der Unterrichtsstunden hinsichtlich dieses Unterrichtsfachs in der Mittelschule, eingeführt wurde das neue Unterrichtsfach „Geschichte unserer Region“. Als eine geklärte sieht die Frage nach der Einführung einer obligatorischen staatlichen Prüfung zur Geschichte Russlands in der überschaubaren Zukunft aus. Großes Interesse für dieses Lehrfach bekunden auch die Universitäten des Landes. Seit September 2022 studieren alle Studenten der nicht Geschichte unterrichtenden Hochschulfakultäten die Geschichte Russlands. Bei den Aufnahmeprüfungen für geisteswissenschaftliche Disziplinen wird beginnend ab diesem Jahr den Ergebnissen des SEE für Geschichte der Vorrang eingeräumt.
Die Entscheidung über das ablegen einer mündlichen Geschichtsprüfung nach der 9. Klasse ist im Zusammenhang mit der sich vollziehenden vollkommenen Erweiterung und Vertiefung des Studiums der Geschichte Russlands durch die Schüler und Studenten getroffen worden. Doch wir lesen gemeinsam die ersten Kommentare, vor allem von Lehrern, und sehen, dass die Lehrerschaft Fragen hat. Und sie betreffen nicht die eigentliche Entscheidung über die Prüfung. Da herrscht ein konsolidiertes Verständnis. Die Pädagogen bewegt vor allem die stark zunehmende Belastung für die Lernenden. Das Examen wird schließlich die Geschichtskenntnisse der Schüler nicht für die 9. Klasse allein, sondern auch das in den vorangegangenen Jahre erworbene Wissen überprüfen.
„Die Lehrer machen sich darüber Sorgen, dass, wenn im neuen Unterrichtsjahr der Akzent auf die Vorbereitung zur Prüfung gelegt wird, auf das Wiederholen des früher behandelten Geschichtsmaterials, so kann das Studium des neuen Materials an die Peripherie geraten“, betont Boguslawskij. „Dies zum ersten… Zweitens wird die Prüfung in mündlicher Form in der Art eines Gesprächs vorgenommen werden, was an und für sich sehr erfreut. Doch für eine mündliche Prüfung müssen sehr weit im Voraus, wünschenswert bis zum 1. September 2026 Fragen-Komplexe vorbereitet werden. Und schließlich die schwierigste Frage: der sehr hohe Preis der Prüfung. Es ist erklärt worden, dass das Examen die Zulassung zum staatlichen Hauptexamen (SHE) sein werde, das wiederum als eine Zulassung zur nächsten Ausbildungsstufe dienen wird. Da ergibt sich, dass, wenn Schüler die Geschichtsprüfung nicht bestehen, sie dann nicht einmal ein Dokument über die schulische Grundausbildung erhalten werden. Und was sollen sie dann weiter tun?“.
Und noch eine ewige Frage auf den Lehrer-Foren: Und wie soll die Geschichte unterrichtet werden um das Unterrichtsfach zu bewältigen, ohne alles auf ein Auswendiglernen unendlich vieler Daten und Biografien von Herrschern zu reduzieren? Schon Plutarch hat betont, dass es unmöglich sei, in historischen Ereignissen genaue Ursachen auszumachen und endgültige Wahrheiten zu finden. Und schließlich hatten noch vor nicht allzu langer Zeit hatten viele Schullehrer (und wahrscheinlich gibt es sie auch heute) persönliche Neigungen hinsichtlich der Auslegungen historischer Ereignisse. Und vor noch nicht allzu langer Zeit unterrichteten sie Geschichte nicht entsprechend einem vom Staat bestätigten Lehrbuch, sondern entsprechend den Geschmäckern und Grundsätzen des jeweiligen konkreten Lehrers. Und all dies muss man schon morgen auf einen „einheitlichen Nenner“ bringen.
Viele Pädagogen heben auch den Aspekt hervor, dass die traditionelle Herangehensweise an die Geschichtsstunden in den Schulen heute mit großen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Solche Unterrichtsstunden hinterlassen keine sichtbare Spur im Bewusstsein der Schüler. Ob es eine Unterrichtsstunden gab oder nicht gab – dies übt keinerlei besonderen Einfluss auf das Wissen und umso auf die Werte und Ansichten des Schülers aus. Und diejenigen der Schüler, die sich nicht auf das SEE für Geschichte vorbereitet haben, können nicht auf die einfachsten Frage – wer war Lenin, wann war der Bürgerkrieg oder der Napoleon-Feldzug – antworten.
Alle verstehen, dass die vorgeschlagene Maßnahme zum Teil eine Rückkehr zur klassischen Ausbildung ist. In deren Rahmen man sich bemüht, den Schülern das Können zu vermitteln, klar ihre Gedanken darzulegen, zu argumentieren und Fakten zu verknüpfen. Letztlich das, womit sich die Schule lange Zeit nicht befasst hat.