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Der Rückgang der Realeinkommen von Russlands Bürgern erreicht zehn Prozent


Die günstige äußere Konjunktur und die Supereinnahmen des russischen Haushalts beeinflussen nicht das Lebensniveau der einfachen Bürger. Sogar entsprechend der offiziellen Statistik: Je praller die Staatskasse und höher die Exporteinnahmen, umso ärmer die Bevölkerung. Die Exporteinnahmen der Russischen Föderation sind um das 1,5fache angestiegen, das Haushaltsplus erhöhte sich fast um das 6fache, doch die Anzahl der Armen erhöhte sich um eine Million Menschen, und die Einkommen der Bevölkerung gehen weiterhin zurück, und dies mit einer Beschleunigung. Die Daten über den Handel und die Zahlung der Steuern belegen, dass die Geschwindigkeit des Rückgangs der Realeinkommen mit dutzenden Prozent gemessen wird.

Das Paradoxe der russischen Wirtschaft ist gut bei einem Vergleich mit der Lage der Dinge in der Nachbarrepublik Weißrussland auszumachen. Dieses Land befindet sich gleichfalls unter westlichen Sanktionen. Und der Staatshaushalt von Weißrussland hat kein Plus (wie in Russland), sondern ein Minus – in einem Umfang von rund 1,6 Prozent des weißrussischen BIP.

Und der Außenhandel sieht gleichfalls weniger rosig als der russische aus, da Weißrussland einen negativen Saldo im Warenhandel hat. Schon nicht das erste Jahr importiert Weißrussland mehr Waren als es exportiert – und dies um mehrere Milliarden Dollar im Jahr. Allein im Zeitraum Januar-April machte die Differenz zwischen dem Im- und dem Export fast 900 Millionen Dollar aus. Aber da gibt es ein Paradoxon: Ungeachtet der erheblich besseren makroökonomischen Werte verarmt Russlands Bevölkerung genauso wie auch die weißrussische. Es ergibt sich, dass im benachbarten Weißrussland die Offiziellen sich mehr Gedanken über die Einkommen der Bürger machen. Oder es gibt in der Wirtschaft des Landes wesentlich weniger jener schwarzen Löcher, in denen der russische Reichtum verschwindet und nicht der Bevölkerung zugutekommt.

Die realen, zur Verfügung stehenden finanziellen Einkommen der Bevölkerung von Belarus machten im Zeitraum Januar-April 2022 98,8 Prozent im Vergleich zum analogen Zeitraum des Vorjahres aus, meldete die offizielle Minsker Statistik. Genau solch eine Zahl für den Rückgang der Einkommen von Russlands Bürgern in diesem Jahr vermeldete auch das staatliche Statistikamt Rosstat. Aber da gibt es einen Haken: Die Bevölkerung von Weißrussland und Russland wird gleichermaßen ärmer, während aber der russische Haushalt nicht schrumpft, sondern reicher wird. Somit ergibt sich, dass die russische Staatskasse nach wie vor die Rolle eines Staubsaugers realisiert, der Geld aus der Wirtschaft abpumpt und sich nicht anschickt, für die Bevölkerung weder die Zunahme der Preise noch den Mangel an Waren sowie den Verlust bei den Einkommen wettzumachen.

Laut Angaben des Finanzministeriums nahm der Haushalt seit Jahresbeginn um 1,5 Billionen Rubel mehr aus der Wirtschaft ein, als er in Gestalt von Staatsausgaben zurückgegeben hat. Das Plus im föderalen Haushalt machte in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 1,495 Billionen Rubel aus, teilte das von Anton Siluanow geleitete Finanzministerium mit. Und der konsolidierte Haushalt (der föderale zusammen mit den regionalen) hatte in den ersten fünf Monaten ein Plus von 3,3 Billionen Rubel vorzuweisen, berichtete Ende vergangener Woche der russische Präsident Wladimir Putin.

Russlands Außenhandel sieht gleichfalls bemerkenswert aus. Der Export hat im Vergleich zum vergangenen Jahr um das 1,5fache zugenommen. Und das Plus in der Handelsbilanz erhöht sich um mehr als das 2fache. Dies sind Angaben des Zolls und der Zentralbank für das erste Quartal. Weitere und vollständigere Daten für die weiteren Monate sollen laut offizieller Entscheidung nicht mehr veröffentlicht werden, aufgrund der Gefahr zielgerichteterer Sanktionen.

Da ergibt sich, dass es in Russland mit Ausnahme der Bevölkerung für alle gut aussieht, da sowohl der Etat als auch der Export eine ungeahnte Verbesserung der Werte demonstrieren. Für Russlands Bürger nimmt nur die Geschwindigkeit des Rückgangs der Einnahmen zu.

„Die Statistik bezüglich des konsolidierten Haushalts belegt im April einen katastrophalen Einbruch der Einkommen der Bürger Russlands. Noch im Februar und März sind die Einnahmen aus den Einkommenssteuern der natürlichen Personen um 20 bis 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Die Bilanz des April aber ist ein Minus von elf Prozent. Schlimmer war es nur während des Lockdowns im Jahr 2020 gewesen, als im April die Haushaltseinnahmen aus den Einkommenssteuern der natürlichen Personen um 18,6 Prozent einbrachen“, betonen die Autoren des Telegram-Kanals MMI. Der drastische Rückgang der Einnahmen der Bevölkerung erklärt die „Wunder“ mit der Inflationsrate, auf die die russischen Staatsbeamten so gern stolz sind. Freilich erklären sie nicht, dass die Verlangsamung des Ansteigens der Preise in der letzten Zeit durch ein umfangreiches Abzapfen von Geldern aus der Bevölkerung ausgelöst wurde, unter anderem auch über Kanäle des föderalen und der regionalen Haushalte.

Den wesentlichen Einbruch der Bevölkerungseinkommen bestätigt auch die Dynamik der Höhe des durchschnittlichen Kassenbons für die tatsächlich vorgenommenen Einkäufe. Im Mai dieses Jahres wies der durchschnittliche Kassenbon beim Einkauf von Waren des täglichen Bedarfs nur eine um ganze acht Prozent höhere Summe im Vergleich zum Vorjahr aus. Und dies bei einer offiziellen Jahresinflation von 15 bis 17 Prozent. Die Zunahme der Summe des durchschnittlichen Kassenbons war im Mai nur halb so hoch wie die der Inflation, meldete die Forschungsholding „Romir“. „Die Zunahme der Summe des durchschnittlichen Kassenbons gegenüber dem Vorjahr ist erheblich geringer als die Inflationsrate, was eine Verringerung des Umfangs des einmaligen Einkaufs bedeutet. Die Zunahme der Preise widerspiegelt sich auf der Ebene des gesamten Handelssektors, darunter auch auf den Kanälen des traditionellen Handels. Die Käufer suchen nach Wegen für eine Optimierung der Ausgaben. Die aktuelle Strategie ist heute einer Verringerung des Einkaufskorbes“, erläutert die Senior Direktorin für Kundenarbeit von „Romir“, Xenia Paisanskaja. In den Index des durchschnittlichen Kassenbons schließt „Romir“ nicht die Einkäufe ein, die teurer als 15.000 Rubel sind. Berücksichtigt werden die einmaligen Ausgaben der Bürger Russlands, die in Städten mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 100.000 Einwohnern leben.

Ein anderer mittelbarer Indikator für die Einkommen sind die Ausgaben mittels Geldkarten der Sberbank o der der sogenannte SberIndex. Dieser Parameter belegt, dass sich Anfang Juni keine bedeutsame Veränderung der Verbrauchernachfrage vollzieht, heben die Analytiker des Kanals MMI hervor. „Die letzten zwei Wochen ist die Dynamik der Ausgaben im Vergleich zum Vorjahr etwas größer als in der zweiten Maihälfte. Doch die Veränderung ist unwesentlich, um von einer Trendänderung zu sprechen. Nach wie groß bleibt die Nachfrage nach Lebensmitteln, während die Nachfrage nach Nichtlebensmittelwaren im Bereich einer tiefgreifenden Rezession bleibt. Der SberIndex hatte sehr gut den 10-%igen Rückgang des Einzelhandels im April prognostiziert. Im Mai konnte sich der Rückgang etwas verstärken“, sagen die Wirtschaftsexperten. Im Juni sei erneut ein Einbruch um mehr als zehn Prozent möglich.

Im Juni hat die Regierung der Russischen Föderation die Auszahlungen der indexierten Renten begonnen. Aber eine spürbare makroökonomische Wirkung durch diese Maßnahme ist bisher nicht auszumachen.

Derweil wird gerade die Unterstützung der Verbraucher- und Investitionsnachfrage die Geschwindigkeit der Verringerung der Abhängigkeit vom kritischen Import bestimmen, und folglich auch den Übergang der Wirtschaft zur Phase einer stabilen Entwicklung, meinen die Wirtschaftsfachleute aus dem Institut für volkswirtschaftliche Prognostizierung von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Eine Unterstützung der Einkommen der Bevölkerung besitze die stärkste positive Wirkung für die Wirtschaft, meinen die Wirtschaftsexperten.

„Daher besitzen die Handlungen zur Indexierung der sozialen Beihilfen sowie der Löhne und Gehälter im Bereich, der aus dem Staatshaushalt finanziert wird, aber auch die Maßnahmen zur Unterstützung der Beschäftigung eine erstrangige Bedeutung. Laut unseren Schätzungen hat die Regierung Ressourcen für das Schnüren eines Antikrisenpakets im Jahr 2022 im Bereich von vier bis fünf Prozent des BIP. Die Ressourcen für dieses werden die Restbestände auf den Konten der Staatskasse, das Haushaltsplus und die Mittel aus dem Fonds für nationalen Wohlstand sein“, heben die Wirtschaftswissenschaftler hervor