Der Tag der nationalen Einheit uferte in Georgien zu Beleidigungen an die Adresse von Regierungsmitgliedern und Handgreiflichkeiten auf den Straßen des Zentrums von Tbilissi aus. Während der Festveranstaltungen begannen die Georgier, sich gegenseitig eines Verrats an der Nation, der Arbeit für die Europäische Union und für Russlands, eines Vergehens an der Geschichte usw. zu bezichtigen. Sogar aus Kiew kam die Erinnerung daran, dass die Nation ganz und gar keine geschlossene sei.
In Georgien beging man den Jahrestag der Tbilissi-Ereignisse von 1989. Es sei daran erinnert, dass vor 37 Jahren am 9. April sowjetische Truppen ein Oppositionsmeeting am Gebäude der Regierung der Georgischen SSR in Tbilissi auseinander getrieben hatten, dessen Teilnehmer zu einem Staatsstreich aufgerufen und die USA um Hilfe gebeten hatten. Im Endergebnis kamen 21 Menschen ums Leben, 290 wurden verletzt. Nach Erlangung der Unabhängigkeit durch Georgien hatten die einheimischen Herrschenden den 9. April zum Tag der nationalen Einheit erklärt.
Allerdings ist im Jahr 2026 von dem Feiertag lediglich allein der Name geblieben. Vertreter der regierenden Partei „Georgischer Traum“ legten traditionsgemäß Blumen am Memorial am Rustaweli-Prospekt nieder. Unter ihnen waren Premierminister Irakli Kobachidse, Außenministerin Maka Botschorishvili, Verteidigungsminister Irakli Chikovani, Parlamentschef Shalva Papuashvili und Präsident Michail Kavelashvili. Während sich die Vertreter der herrschenden Elite auf der Straße befanden, wurden an ihre Adresse Beleidigungen laut. Gleichfalls kam es in der Menschenmenge zu Handgreiflichkeiten zwischen Anhängern und Gegnern der Regierung. Letzten Endes warf einer der über die Partei „Georgischer Traum“ unzufriedenen Menschen die von den Staatsbeamten niedergelegten Blumen auseinander.
Erinnerungen daran, dass die Nation nicht geeint sei, erreichen die Georgier auch aus dem Ausland. So wurde am 8. April bekannt, dass der ehemalige Generalstaatsanwalt und Justizminister Georgiens, Zurab Adeishvili, zum Direktor des Departements für internationale Polizeizusammenarbeit der Nationalen Polizei der Ukraine geworden war.
„Adeishvili ist zum Chef des ukrainischen Interpols ernannt worden, mein Mitstreiter Goga Zchakaia wurde zum Berater des Verteidigungsministers der Ukraine ernannt. Kurz gesagt, ich bin der einzige, der in russischer Gefangenschaft geblieben ist… In der neuen Funktion wird Zurab für die Festnahme und Auslieferung der Personen verantwortlich sein, die Verbrechen auf dem Territorium der Ukraine begangen haben, aber auch für die Suche nach den Personen auf dem Territorium der Ukraine, die im Ausland Verbrechen begangen haben“, erklärte in diesem Zusammenhang Georgiens Ex-Präsident Michail Saakashvili.
Derweil hatte bis zum Jahr 2015 Interpol nach Adeishvili gesucht. Die Regierung von „Georgischer Traum“ wirft ihm die Aneignung fremden Eigentums sowie die Organisation und Teilnahme an Folterungen vor. Außerdem hatte das Stadtgericht von Tbilissi den Mitstreiter von Saakashvili in absentia zu sechs Jahren Freiheitsentzug hinsichtlich des Verfahrens über die Verprügelung des Oppositionspolitikers Koba Davitashvili im Verlauf des brutalen Auseinandertreibens eines Meetings im Jahr 2007 verurteilt.
„Leider beherbergt die ukrainische Regierung Personen, die schwere Straftaten in Georgien begingen, wobei sie die für hohe politische oder andere Verwaltungsposten ernennt. Dies ist eine gewisse Reserve… Wenn sich für die Ukraine die Möglichkeit ergibt, wird sie diese Personen in die Führung Georgiens zurückbringen“, meint das Mitglied der regierenden Partei „Georgischer Traum“ Irakli Kadagishvili.
Sein Parteigenosse Aluda Gudushauri hält gleichfalls die Ernennung von Adeishvili für ein Signal an Georgien, wonach das Team von Saakashvili nicht der Vergangenheit anheimgefallen und immer noch aktiv sei und in die Republik zurückkehren können. „Nein, wir werden diesen kleinlichen Leuten nicht erlauben, zur Macht zurückzukehren und ihre gewaltsamen Handlungen fortzusetzen“, unterstrich Gudushauri.
Zur gleichen Zeit versicherte der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Prozedurfragen, David Matikashvili, dass die Wühltätigkeit Kiews die georgisch-ukrainischen Beziehungen nicht beeinflusse.
„Ein Verbrecher ist zum Chef von Interpol ernannt worden. Die ukrainische Regierung tut alles, um die georgisch-ukrainischen Beziehungen zu zerstören. Natürlich wird dies ihnen nicht gelingen, denn die Ukrainer sind uns befreundete Menschen. Schauen sie auf die Entscheidungen, die die georgische Regierung trifft. Die Hilfe und Beihilfen für ukrainische Flüchtlinge werden ungeachtet der beispiellosen Attacke von Wladimir Selenskij und seiner Regierung auf die zwischen den zwei Ländern bestehenden Beziehungen fortgesetzt“, sagte Matikashvili.
Der Gründer der Stiftung SIKHA Foundation Archil Sikharulidze erzählte der „NG“, dass die Ernennung von Saakashvili zum Gouverneur des Verwaltungsgebietes Odessa zum ersten ernsthaften Schlag gegen die georgisch-ukrainischen Beziehungen geworden war. Im Weiteren hätte „Georgischer Traum“ Versuche unternommen, um sie zu retten, doch sie hätten zu nichts geführt.
„Heute ist offensichtlich, dass man Adeishvili und andere Mitstreiter von Saakashvile in der Ukraine nicht nur deshalb behält, weil sie gute Manager sind. Für sie ist Kiew eine Plattform, von der aus sie in die Heimat starten können. Eine andere Sache ist, dass man in Georgien ihnen gegenüber negativ eingestellt ist. Daher wird nichts klappen“, betonte Sikharulidze.
Seinerseits ist sich der Politologe Piotr Mamradze sicher, dass die Vertreter der Ukraine in der Vergangenheit zumindest Versuche für die Verübung eines Staatsstreichs in Georgien unterstützt hätten und sie bereit seien, dies wieder zu tun. Die georgischen Rechtsschützer haben beispielsweise in Tbilissi ukrainische Söldner festgenommen und Lieferungen von Sprengstoff abgefangen, die aus Kiew in die Republik vorgenommen wurden.
„Es ist schwer zu sagen, in welchem Maße die ukrainischen Offiziellen daran beteiligt waren und inwieweit dies eine persönliche Initiative hochrangiger Mitglieder des Saakashvili-Teams in der Ukraine gewesen war. Außerdem wissen wir, dass Selenskij, Mitarbeiter des Offices des Präsidenten der Ukraine und Abgeordnete der Werchowna Rada offen die Georgier aufriefen, eine zweite Front gegen Russland zu eröffnen, und die regierungsfeindlichen Proteste in Tbilissi unterstützten. Insgesamt waren die Beziehungen bereits zu Zeiten der Präsidentschaft von Pjotr Poroschenko in der Ukraine angespannte gewesen, der angefangen hatte, Georgier in das ukrainische Machtsystem zu inkorporieren. Sie haben sich aber besonders zugespitzt, nachdem es Georgien abgelehnt hatte, den Streitkräften der Ukraine seine Waffen zu übergeben“, sagte Mamradze der „NG“.
Andererseits hält der Politologe Gia Khukhashvili die heftige Reaktion von „Georgischer Traum“ auf die Ernennung von Adeishvili für das Ergebnis einer Falle, in die sich die regierende Partei selbst hineingetrieben hätte.
„Zuerst hatten sie aus Saakashvili und dessen Team ein Bild vom Hauptübel in der Geschichte Georgiens geformt, dem der Gründer von „Georgischer Traum“, Bidzina Ivanishvili, Widerstand leistet. Im Jahr 2022 fügte man dem die Geschichte hinzu, wonach eine geheime Gesellschaft die Ukraine führe. Wobei sie im Jahr 2008 Tbilissi genötigt hätte, gegen Moskau zu kämpfen, und es nötigen wolle, dies erneut zu tun, indem es eine zweite Front eröffnet. Dementsprechend ist die Ernennung von Adeishvili aus der Sicht der offiziellen Propaganda eine zweifache Bedrohung, die man nicht ignorieren könne. Die regierende Partei ist zu einer Geisel der eigenen Rhetorik geworden“, erläuterte Khukhashvili der „NG“.
Zur gleichen Zeit betonte der Experte, dass das Saakashvili-Team weder selbstständig noch mit Unterstützung von Kiew an die Macht zurückkehren könne. Nach seinen Worten hätte ihre Herrschaft die Georgier ernsthaft traumatisiert. Und sie wollen diese Erfahrungen nicht wiederholen. Die Bevölkerungsmehrheit des Landes sei mit der Partei „Georgischer Traum“ unzufrieden. Daher erwarte sie einen Machtantritt neuer Kräfte, die nicht mit Saakashvili und Ivanishvili verbunden sind, sagt Khukhashvili.