Die Offiziellen Armeniens, Aserbaidschans und Georgiens bekundeten Besorgnis über den Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Sie schicken sich an, Flüchtlinge aufzunehmen, und rufen die Gegner zu einer diplomatischen Regulierung des Konflikts auf. Zur gleichen Zeit bereitet sich der Südkaukasus auf das Schlimmste bevor, da der Iran einer der Schlüsselakteure im Südkaukasus ist. Und dessen Schicksal wird unbedingt die Region beeinflussen.
Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan leitete eine Tagung des Sicherheitsrates der Republik, deren Teilnehmer „tiefes Bedauern hinsichtlich der tragischen Ereignisse und Beileid den Opfern bekundeten und die Notwendigkeit einer schnellsten Herstellung von Frieden unterstrichen“. Seinerseits hat Armeniens Außenministerium seine Hilfe für die Evakuierung von Ausländern aus der Islamischen Republik angeboten.
Baku rief die sich gegenüberstehenden Parteien auf, maximale Zurückhaltung an den Tag zu legen und keine Handlungen zu begehen, die zu einer weiteren Eskalation des Konflikts führen können. „Wir unterstreichen die Wichtigkeit einer Achtung der Souveränität, territorialen Integrität und Unabhängigkeit aller Staaten entsprechend der UNO-Charta und den allgemein anerkannten Normen und Prinzipien des Völkerrechts“, heißt es in einer Erklärung des Außenministeriums Aserbaidschans.
Gleichfalls haben die aserbaidschanischen Behörden mindestens zwei Gruppen von Flüchtlingen aus dem Iran aufgenommen. Allerdings erklären die Angekommen, dass es bisher keinen großen Andrang an der Grenze gebe.
Die Offiziellen Georgiens haben auch auf eine Verurteilung jeglicher Seite verzichtet und den Konfliktparteien geraten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Daneben empfahl Tbilissi seinen Mitbürgern, alle notwendigen Maßnahmen für eine Gewährleistung der eigenen Sicherheit zu ergreifen.
Derweil sind sich die von der „NG“ befragten Experten sicher, dass der Überfall auf Teheran zu ernsthaften Veränderungen im Südkaukasus führen könne. In den vergangenen Jahrhunderten haben drei Staaten die Region beeinflusst – Russland, der Iran und die Türkei. Aber alles hat einmal ein Ende.
„Das geopolitische Dreieck existierte über Jahrhunderte. Dabei dominierte in ihm einen erheblichen Teil der Zeit Russland. Die Situation begann sich im 21. Jahrhundert zu ändern. Jetzt forciert die Türkei ihren Einfluss, dass in einer Verbindung mit Aserbaidschan agiert und versucht, eine Entente mit Georgien zu bilden. Zur gleichen Zeit erweitern vor dem Hintergrund einer Abschwächung des Einflusses von Moskau und Teheran die USA und China ihre Rolle im Südkaukasus. Dabei setzt China auf Investitionen und den Handel, Washington – auf militärpolitische Methoden“, erklärte Wadim Muchanow, Sektorenleiter Kaukasus im Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Nach Aussagen des Kaukasus-Experten würden die Schläge gegen den Iran zusätzlich dessen Positionen im Südkaukasus belasten. Vorerst sei es aber schwierig zu sagen – inwieweit. Alles werde von der Dauer und dem Ausgang des Krieges abhängen.
„Wenn die USA mehrere Tage lang Schläge führen werden, wird es für den Iran nicht schrecklich werden. Wenn sie sich aber in die Länge ziehen und durch eine Bodenoperation ergänzt werden, können die Folgen katastrophale sein. Und dies wird sich unmittelbar auf den Südkaukasus auswirken. Vor allem Armenien und Aserbaidschan werden mit einer Flüchtlingsschwemme konfrontiert werden. Nicht zufällig haben viele Iraner in den letzten Jahren Immobilien in diesen Ländern erworben. Gleichfalls kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Iran beginnen wird, Schläge gegen Aserbaidschan zu führen, wenn es den Nachbarn einer Hilfe für die USA verdächtigt. Für Jerewan ist Teheran ganz und gar lebenswichtig, da es Armenien erlaubt, die Wirtschaftsblockade seitens der Türkei und Aserbaidschans zu umgehen. Was Georgien angeht, so wird es mittelbar in Mitleidenschaft gezogen, da es von Baku abhängt“, sagte Muchanow.
Der Vorstandsvorsitzende des Zentrums für die Analyse internationaler Beziehungen, Farid Schafijew, betonte, dass die Zuspitzung an der Grenze eine Besorgnis Bakus auslöse. Es nehme aber in keiner Weise an dem Konflikt teil.
„Kur vor Beginn der Kampfhandlungen besuchten Vertreter der Regierung des Irans Aserbaidschan. Seit dem Jahr 2005 gilt gleichfalls zwischen unseren Ländern ein Vertrag über die Nichtzurverfügungstellung ihrer Territorien für Drittländer zwecks feindseliger Handlungen gegen einander. Und in Aserbaidschan gibt es keine Militärstützpunkte der USA und Israels“, unterstrich Schafijew.
Bei der Kommentierung der geopolitischen Situation im Südkaukasus teilte der Experte mit, dass sie schon lange sich zu verändern begonnen habe. Nach seinen Worten habe zuerst Russland einen Teil seines Einflusses auf Armenien verloren und sei in nicht einfache Beziehungen mit Aserbaidschan geraten. Und jetzt büße der Iran seine Positionen ein.
„Vor diesem Hintergrund kehren die USA in den Südkaukasus zurück. Darauf verweist unter anderem direkt der Jerewan- und der Baku-Besuch von Vizepräsident DJ Vance. Außerdemerstarkt die Türkei in der Allianz mit Aserbaidschan, die ebenfalls begonnen hat, Beziehungen mit Armenien anzubahnen“, betonte Schafijew.
Grant Mikaeljan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kaukasus-Institut, ist der Auffassung, dass eine Niederlage des Irans im Krieg gegen die USA und Israel Armenien in eine äußerst unangenehme Situation versetzen werde. „Bisher spielte Teheran eine äußerst wichtige ausgleichende Rolle im Südkaukasus. Er zügelte unter anderem Aserbaidschan. Eine große Frage ist, wie würde sich Teheran verhalten, wenn Baku einen neuen Krieg entfesseln würde. Doch die Aserbaidschaner waren gezwungen gewesen, selbst dessen Warnungen ins Kalkül zu ziehen. Wenn der Iran den USA unterliegt, wird er voll und ganz in der Lösung innerer Probleme eintauchen. Und da wird schon von keiner Vermittlungsrolle mehr die Rede sein“, sagte Mikaeljan. Er erläuterte, dass der Iran eine Niederlage erleiden werde, wenn im Endergebnis dessen Regierung gestürzt werde oder die Kontrolle über einen Teil des Landesterritoriums verliere. Zu einem Sieg könne das Zufügen eines solchen Schadens für den Gegner werden, nachdem er entscheiden werde, dass es keinen Sinn habe, den Krieg fortzusetzen. In diesem Fall werde die Lage des Irans, darunter im Kaukasus, erstarken. „Im Falle einer Niederlage des Irans wird die Türkei Konkurrenten im Südkaukasus verlieren. Und zwecks Selbsterhaltung wird Armenien gezwungen sein, sich in einen amerikanischen Satelliten zu verwandeln. Allerdings werden die USA in der Region über die Türkei handeln“, resümierte Mikaeljan.