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Deutschland wird die Ukraine mit einem Wasserstoff-Transit unterstützen


Die USA und Deutschland werden für Kiew eine Entschädigung für den Ausfall eines Teils der Einnahmen aus dem russischen Gastransit durch die Ukraine im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme von „Nord Stream 2“ vorbereiten. Als solch eine Kompensierung wird ein Plan zur Einbeziehung der Ukraine in Projekte für die Wasserstoff-Energiewirtschaft und den Transit von Wasserstoff nach Europa wirken. Russische Experten schauen skeptisch auf die technische Möglichkeit eines Pumpens von Wasserstoff durch das bestehende Gastransportsystem der Ukraine. Die Regierung in Kiew hält dies jedoch für real. Angela Merkel wird sich am 12. Juli mit Präsident Selenskij treffen und am 15. Juli zu einem Washington-Besuch aufbrechen.

„Der Einsatz von Erdgas und dessen Transit ist eine vorübergehende Erscheinung. Deutschland hat beschlossen, bis zum Jahr 2045 aus der Nutzung von Kohlenstoff-Energiequellen auszusteigen. Wir werden noch recht viel Gas brauchen, möglicherweise bis zum Jahr 2032. Danach aber wird sich dessen Einsatz sehr stark verringern. Und wir muss darüber nachdenken, was danach sein wird… Unser ganzes System wird in 15 Jahren auf Wasserstoff umgestellt werden“, erzählte Deutschlands Botschafterin in Kiew, Anka Feldhusen, der ukrainischen Internetzeitung www.zn.ua. Die deutsche Botschafterin rief die ukrainischen Beamten auf, sich über die Zukunft Gedanken zu machen – über die Erzeugung von Wasserstoff und dessen Transit nach Europa. Der ukrainische Premier Denis Schmygal (Denys Schmyhal) berichtete im März in einem Interview für die deutsche Zeitung „Handelsblatt“ über die Möglichkeit einer Nutzung der „Druschba“-Trasse (Bauabschnitt der insgesamt 2750 Kilometer langen Erdgasleitung „Sojus“ auf dem Territorium der Ukraine – Anmerkung der Redaktion) für Wasserstofflieferungen nach Europa.

Die Umorientierung der Gegner von „Nord Stream 2“ in Washington und Kiew auf eine Erörterung von Wasserstoff-Vorhaben wäre in jeglicher Hinsicht für Deutschland eine gewinnbringende. Laut Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg würden amerikanische und deutsche Beamte zum Washington-Besuch von Angela Merkel am 15. Juli ein Abkommen über eine osteuropäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Energiewirtschaft und des Transportwesens unter Beteiligung der Ukraine vorbereiten. Die Kanzlerin beabsichtigt, sich im Vorfeld ihres USA-Besuchs mit dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij zu treffen. Und die Wasserstoff-Perspektiven der Ukraine werden sicherlich bei der Begegnung mit Selenskij erörtert werden.

Derweil halten russische Experten das Problem des Wasserstoff-Transports für ein wenig untersuchtes. „Bisher gibt es nirgends irgendwelche funktionierenden kommerziellen Systeme für einen Wasserstofftransport. Die Technologien befinden sich auf dem Stand von Forschungs-, Versuchs- und Konstruktionsarbeiten“, erklärte der „NG“ Stanislaw Mitrachowitsch, leitender Experte der Finanzuniversität und der Stiftung für nationale Energiesicherheit. Vermutlich wird es möglich sein, durch die neuen Röhren („Nord Stream 1“, „Nord Stream 2“, aber auch „Jamal – Europa“) ein Methan-Wasserstoff-Gemisch durchzupumpen. Die Kosten für die technologischen Nachrüstungsarbeiten sind aber unbekannt. All dies erfolge vorerst auf der Ebene eines theoretischen Suchens, aber nicht von kommerziellen Lösungen, wies der Experte hin.

„Das ukrainische Gastransportsystem hat wenig Chancen, ein für einen Transit von Wasserstoff oder gar eines Methan-Wasserstoff-Gemischs aufgrund seines Alters und des Fehlens ausreichender Investitionen für dessen Modernisierung umgerüstetes zu werden.

Investitionen wird es auch ohne Garantien für einen russischen Gastransit für Jahrzehnte im Voraus nicht geben. Und es wird keiner solche Garantien geben“, prognostiziert Mitrachowitsch. „Die Ukraine könnte von der Theorie her „gelben“ Wasserstoff aus AKW-Strom produzieren. Aber auch diese Projekte hängen aufgrund des Fehlens von Plänen für den Bau neuer AKW-Blöcke in der Ukraine in der Luft. Alle funktionierenden müssen früher oder später außer Betrieb genommen werden“, urteilt der Experte. Die Verhandlungen mit den Europäern zeigen, dass die EU aus der Sicht der Ideologie für die Energiewende und des „grünen Kurses“ „gelben“ Wasserstoff als einen akzeptablen nicht anerkennen will. „Andernfalls könnte selbst Russland zu einem großen Exporteur von „gelbem“ Wasserstoff in die EU werden, schon ganz zu schweigen von „blauem“ Wasserstoff aus Erdgas“, sagt Mitrachowitsch.

„Ein Beimischen von bis zu zehn Prozent Wasserstoff in den gesamten Erdgasstrom in den existierenden Gaspipelines ist möglich. Wenn es um solch ein Beimischen geht, so muss die Ukraine ihr Gastransportsystem nicht wesentlich modernisieren“, meint Artjom Tusow, Exekutivdirektor des Departments für Kapitalmärkte des Investmentunternehmens „Univer Capital“.

„Theoretisch kann die Ukraine die Produktion von Wasserstoff auf ihrem Territorium anschieben, darunter aus russischem Gas oder auf alternative Art und Weise. Und diesen Wasserstoff weiter nach Europa verkaufen, indem es ihn den bestehenden Gasströmen beimischt. Solch ein Projekt kann wirklich den Widerstand Kiews gegen den Bau und Einsatz von „Nord Stream 2“ abschwächen, aber nur, wenn sich ein Investor findet, der bereit ist, ein derartiges Vorhaben zu finanzieren und dessen Abstimmung mit „Gazprom“ zu lobbyieren“, meint Tusow. Damit zu rechnen, dass im Jahr 2045 der Gastransport durch „Nord Stream 2“ eingestellt werde, mache keinen Sinn, sagt der Experte. Das durch die Pipeline erhaltene Gas werde in die Nachbarländer Deutschlands verkauft werden, die noch nicht zu einer Wasserstoff-Energiewirtschaft übergegangen sind.

„Russland arbeitet aktiv Varianten für eine Produktion und den Transit von Wasserstoff durch seine Gaspipelines durch. Dabei werden wahrscheinlich keine rein „Wasserstoff“-Pipelines gebaut werden. Wahrscheinlicher ist die Schaffung einer Infrastruktur, die analog dem Transport verflüssigen Erdgases ist“, vermutet Tusow.

„Die Thesen von einer massenhaften Entwicklung einer Wasserstoff-Energiewirtschaft muss man mit einem bestimmten Maß an Skepsis zur Kenntnis nehmen, allein schon deshalb, weil es eine Konkurrenz seitens einer umfassenden Elektrifizierung, vor allem des Transportwesens gibt. Eine gleichzeitige Entwicklung einer Infrastruktur sowohl für die Wasserstoff-Energiewirtschaft als auch für den elektrischen Transport verlangt kolossale Investitionen. Welche perspektivreiche Richtung die Konkurrenz gewinnt, ist vorerst verfrüht zu sagen“, meint Alexander Grigorjew, stellvertretender Direktor des Instituts für Probleme natürlicher Monopole. Die Probleme eines wirtschaftlich effektiven Transports, der Speicherung und des sicheren Einsatzes von Wasserstoff seien bisher weit von einer Lösung entfernt, meint Grigorjew. „Daher wird Wasserstoff wahrscheinlich noch sehr lange gegenüber dem Erdgas in Bezug auf die Parameter Preise und Technologie verlieren. Die Offiziellen der EU könnten aber stets in die natürlichen marktwirtschaftlichen Prozesse eingreifen und die reale Wirtschaft im Konkurrenzkampf der Brennstoffe und Energieträger verzerren, wie dies bei dem Paar Kohle-Gas geschah“, warnt der Experte.