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Die Armenische Kirche bereitet man auf eine Vertreibung vor


Am Donnerstag ist Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan nach Davos geflogen, um zusammen mit US-Präsident Donald Trump (und Vertretern anderer Staaten) den Board of Peace (Friedensrat) für eine Lösung der Probleme des Gaza-Streifens zu schaffen. Und am Vorabend des historischen Ereignisses versprach der Premier von der Tribüne des nationalen Parlaments aus, die „KGB-Agenten“ aus der Führung der Armenischen Apostolischen Kirche (AAK) zu jagen. Allerdings wissen die Geistlichen schon lange um die Einstellung des Regierungschefs. Daher hat Katholikos Garegin II. beschlossen, dass es sicherer sei, die Hierarchen für eine Erörterung wichtiger Fragen nicht in der Heimat, sondern im Ausland zu versammeln.

Im Verlauf der Regierungsfragestunde hatte Nikol Paschinjan in dieser Woche erklärt, dass „KGB-Agenten“ die Kirche für eine Verbreitung staatsfeindlicher Propaganda in Form von Predigten nutzen würden. Im Zusammenhang damit ist sich der Premier sicher, dass Armenien nicht die Tätigkeit der religiösen Organisation ignorieren könne. Als Antwort erklärte der oppositionelle Abgeordnete Garnik Danieljan, dass die Geistlichen, die Paschinjan unterstützten, einen nicht weniger verdorbenen Ruf als der Katholikos und dessen Anhänger hätten.

Diejenigen, die sich den Kirchenreformen anschließen, akzeptieren ihre Schuld, darunter auch ich, und ein Vergeben von Sünden ist die Grundlage des Christentums. Es gibt eine Prozedur für das Vergeben von Sünden. Augenscheinlich haben Sie kein solches Bedürfnis, wozu ich Ihnen auch gratuliere“, wehrte sich Paschinjan.

Vertreter der Regierungspartei „Zivilvertrag“ haben gleichfalls einen Gesetzentwurf vorbereitet, gemäß dem die Führung der AAK ohne eine Genehmigung der Regierung kein Kircheneigentum wem auch immer übergeben kann. In der regierenden Partei erklärte man diese Initiative damit, dass der Katholikos angeblich einmal irgendwelches Kircheneigentum seinen Enkeln geschenkt habe. In der AAK weist man diese Anschuldigungen zurück und betrachtet die Gesetzesvorlage als einen weiteren Versuch, die Organisation zu diskreditieren.

Derweil hat Garegin II. entschieden, in der österreichischen Stadt Sankt Pölten eine Bischofskonferenz durchzuführen. Bemerkenswert ist, dass der Katholikos nur einmal in Österreich war – im November 2001. Die Veranstaltung soll vom 16. bis 19. Februar stattfinden. In ihrem Verlauf wird man „die letzten Ereignisse um die AAK und Fragen im Zusammenhang mit dem innerkirchlichen Leben behandeln“. Ursprünglich war dies für den 10. bis 12. Dezember 2025 in Etschmiadsin geplant worden. Aber im letzten Moment hat es sich das Oberhaupt der AAK anders überlegt, wobei er die mit den „Repressalien“ gegen den Klerus begründete.

Es sei daran erinnert, dass in den letzten sechs Monaten aufgrund unterschiedlicher Anklagen einschließlich Aufrufe zu einem Staatsstreich und zu dessen Vorbereitung drei Erzbischöfe in Haft genommen wurden – Bagrat Galstanjan, Mikael Adschapachjan und Arschach Chatschatrjan, aber auch der Neffe des Katholikos, Bischof Mkrtitsch Proschjan. Außerdem haben Anfang Januar Paschinjan und zehn ihm loyale Oberpriester die Erklärung „Über eine Reform der AAK“ unterschrieben, in der von der Bildung eines Koordinationsrates des Klerus die Rede ist. Der Rat soll den organisatorischen Teil der Kirchenreform übernehmen, deren Hauptaufgabe es ist, ein Statut für die AAK auszuarbeiten und den Katholikos abzusetzen.

Garegin II. hat zu der Auslandsversammlung auch jene eingeladen, die er als Spalter ansieht. Die Anhänger Paschinjans haben es jedoch abgelehnt, an der Veranstaltung teilzunehmen, und bezeichneten sie als eine illegitime.

Wie in ihrer Erklärung gesagt wird, wurde der Oberste geistliche Rat, den der Katholikos einberuft, im Jahr 2017 für vier Jahre gewählt. Seine Vollmachten endeten im Jahr 2021, doch Garegin II. hat ihn nicht aufgelöst. Überdies bestehen die Oppositionellen darauf, dass man eine derartige Veranstaltung nur in Armenien durchführen könne.

Freilich haben die Verteidiger des Katholikos erklärt, dass es nie irgendwelche geografischen Einschränkungen für eine Versammlung gegeben hätte. Man hatte beispielsweise eine in der selbst proklamierten Republik Bergkarabach und eine in den USA organisiert. „Es ist unzulässig, die Autorität der Kirchenorgane in Zweifel zu ziehen, an deren Arbeit viele der oben erwähnten Bischöfe im Verlauf von Jahrzehnten teilgenommen haben, Beschlüsse fassten und die Verantwortung für das Wirken der Kirche trugen… Als eine Form zur Überwindung der besorgniserregenden Situation, die im Ergebnis der verfassungsfeindlichen Handlungen der Offiziellen entstanden ist, wird die Einberufung der Bischofsversammlung dienen, deren kanonischer Charakter in keiner Weise vom Ort ihrer Durchführung abhängt… Es besteht keine Notwendigkeit, voreingenommene Stimmungen zu schaffen und den Versuch zu unternehmen, die Einberufung der Versammlung im Ausland mittels unbegründeter Argumente und falscher Anschuldigungen scheitern zu lassen, während die unterschiedlichen Repressalien gegen den Klerus in Armenien offenkundig sind“, erklärte man in der Kanzlei von Garegin II.

Ungeachtet dessen behaupten regierungstreie Medien, dass die wahre Ursache für die Durchführung des Treffens in Österreich die Tatsache sei, dass der jüngere Bruder des Katholikos und Oberhaupt der Russischen und der Neu-Nachitschewaner Eparchie, Ezras Nersisjan, aufgrund der Gefahr einer Festnahme nicht nach Armenien kommen könne. Seit vergangenem Herbst bezeichnet Paschinjan ihn als einen „KGB-Agenten“. Österreich wiederum bezeichnen die dem Premier loyalen Medien als ein „Spionage-Zentrum“.

Wie der politische Analytiker Tigran Kotscharjan der „NG“ erläuterte, könne Garegin II., wenn man die Versammlung in Etschmiadsin durchführen würde, kein beschlussfähiges Forum zusammenbringen. „Erstens kan sein Bruder Ezras wirklich verhaftet werden, wenn er nach Armenien fliegt. Zweitens kann man die Anhänger des Katholikos unter verschiedenen Vorwänden an der Grenze zurückschicken. Deshalb kann man einer groben Einmischung der Herrschenden in die Kirchenangelegenheiten nur außerhalb des Landes ausweichen. Dabei kommt man nicht darum, die Versammlung der Hierarchen durchzuführen, da gerade auf der Grundlage ihrer Beschlüsse die Leitung der Kirche erfolgt“, sagte Kotscharjan.

Nach Aussagen des Experten könne Paschinjan, wenn er nach den Parlamentswahlen, die in etwa einem halben Jahr stattfinden werden, Premierminister bleibt, den Druck auf die AAK noch mehr vergrößern. Und da werde Garegin II. gezwungen sein, seine ganze Tätigkeit ins Ausland zu verlegen und dort eine Exil-Kirche zu bilden. „Dabei wird in Armenien eine neue Kirche oder irgendeine parallele Struktur entstehen, die für das geistliche Leben nur der Einwohner Armeniens verantwortlich sein wird, aber nicht für die gesamte internationale Armenier-Diaspora wie gegenwärtig, und die zu einer Stütze für die Regierung Paschinjans wird“, resümierte Kotscharjan.