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Die Attacke gegen ein Öltanklager im Gebiet Belgorod ist ohne offizielle Erklärungen geblieben


Die zuständigen staatlichen Behörden haben es vorgezogen, sich hinsichtlich des Vorfalls in Belgorod in Schweigen zu hüllen. Selbst nach mehreren Stunden nach der Explosion in dem Öllager sind weder auf der Interseite des Gouverneurs und Regierung der Region noch auf der Seite des russischen Verteidigungsministeriums sowie auf den Ressourcen des Katastrophenschutzministeriums irgendwelche klare Informationen über das Vorgefallene aufgetaucht. Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow hatte gegen 6 Uhr morgens auf Telegram über einen großen Brand informierte, wobei er etwas später präzisierte, dass er „im Ergebnis eines Luftangriffs von zwei Hubschraubern der Streitkräfte der Ukraine“ erfolgt sei, „die in einer geringen Höhe auf das Territorium Russlands vorgedrungen waren“. Und er betonte, dass es keine Opfer geben würde. Die Einheimischen, die versuchen, sich darüber Klarheit zu verschaffen, was geschehen ist, sind gezwungen, ungeprüfte Informationen aus den sozialen Netzwerken und Meldungen ukrainischer Massenmedien zu nutzen.

Am 1. April hatte in einem großen Öltanklager, das sich auf dem Territorium des Verwaltungsgebietes Belgorod befindet, ein Brand begonnen. Durch die Flammen wurden acht Tanks mit Brennstoffen erfasst. Die Einwohner der am Ort des Zwischenfalls gelegenen Häuser sind evakuiert worden. Das Verwaltungsgebiet Belgorod grenzt an das ukrainische Verwaltungsgebiet Charkiw. Wie Gladkow mitteilte, „ist der Brand im Tanklager infolge eines Luftangriffs durch zwei Hubschrauber der Streitkräfte der Ukraine ausgebrochen, die in geringer Höhe auf das Territorium Russlands vorgedrungen waren“. Etwas später erklärte er, dass eine Veränderung der logistischen Ketten für die Kraftstofflieferungen an die Tankstelle erfolge, und bemühte sich, die Bürger zu beruhigen. „Für die Liquidierung des Brandes sind alle Ressourcen vorhanden. Das Katastrophenschutzministerium bemüht sich, den Brand innerhalb maximal kürzester Frist zu lokalisieren. Die Bevölkerung wird durch nichts gefährdet“.

Etwas später tauchten in den sozialen Netzwerken und auf russischen Internetressourcen Mitteilungen auf, wonach Hubschrauber gleichfalls einen Angriff gegen das Gebäude einer Druckerei in Belgorod geführt hätten. Bei diesem Zwischenfall sei gleichfalls keiner zu Schaden gekommen, das Gebäude habe unerhebliche Beschädigungen erhalten.

In dieser Situation sind auf den Seiten der staatlichen Organe – des Katastrophenschutzministeriums und der Regionalregierung – auch keine klaren Informationen über den Vorfall aufgetaucht. Mehr noch, der offizielle Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums Igor Konaschenkow ignorierte beim traditionellen Morgen-Briefing des Ministeriums den Fall, wobei er vor allem darüber informierte, wieviel ukrainische Militärtechnik es in der letzten Zeit zu vernichten gelungen sei. Dabei hatte zuvor das Verteidigungsministerium behauptet, dass es den russischen Militärs in der Zeit der Sonderoperation gelungen sei, praktisch die gesamten kampffähigen Luftstreitkräfte der Ukraine zu vernichten.

Angemerkt sei, dass die ukrainischen Medien gleichfalls recht knapp den Brand kommentieren. Auf jeden Fall gibt es keine eindeutigen Erklärungen über eine von den ukrainischen Militärs durchgeführte Operation. Die Journalisten stellten sich eher die Frage, ob denn die Vertreter der Streitkräfte der Ukraine in der Lage seien, solch eine Operation auf fremdem Territorium durchzuführen. Das ukrainische Verteidigungsministerium hatte in den Morgenstunden ebenfalls die Meldungen über die angebliche Attacke gegen das Tanklager in Belgorod nicht kommentiert.

Um zu begreifen, was denn nun passierte, sind die Bürger Russlands – und vor allem die Einwohner des Verwaltungsgebietes Belgorod – gezwungen, Informationen in den sozialen Netzwerken und auf Telegram zu suchen. Dort sind recht operativ Video mit Brandbildern aufgetaucht, aber auch Clips, in denen behauptet wird, aufgenommen worden sei, wie gewisse Hubschrauber einen Angriff gegen das Tanklager führen würden. Die Echtheit dieser Aufnahmen konnte man natürlich nicht bestätigen. Wie man auch nicht klar verstehen konnte, was für welche Hubschrauber den Angriff geflogen haben. Außerdem haben Internetnutzer einander Fotos mit Warteschlangen zugeschickt, die sich an Tankstellen gebildet hatten, worauf Gladkow reagierte – auch auf Telegram – und mitteilte: „Die Situation ist eine stabile. Es hat keinen Kraftstoffmangel gegeben, es gibt ihn nicht und wird es nicht geben“.

Das Ignorieren des Zwischenfalls durch offizielle Vertreter führte sofort auch dazu, dass Verschwörungstheorien auftauchten – über das, was zur Ursache des Brands geworden war, und das, ob nicht die Attacke imitiert worden sei, um die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine scheitern zu lassen.

Der Zwischenfall in dem Tanklager ist nicht der erste schwere Vorfall der letzten Tage in der Region, über den man der Bevölkerung keine Einzelheiten mitteilte. Am Dienstag, dem 29. März war von heftigen Explosionen im Bereich des Dorfes Roter Oktober des Verwaltungsgebietes Belgorod informiert worden. Etwas später teilte Gouverneur Gladkow auf seinem Telegram-Kanal mit, dass sich die Explosionen „laut unbestätigten Informationen“ aufgrund eines Brandes in einem Munitionsdepot ereignet hätten. Eine offizielle Version ist in den Medien auch nicht genannt worden.

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In den Mittagsstunden meldete die Moskauer Nachrichtenagentur „Interfax“ unter Berufung auf Kremlsprecher Dmitrij Peskow, dass Präsident Wladimir Putin einen Bericht über die Situation mit dem Brand im Tanklager in Belgorod erhalten hätte. Wie Peskow weiter erklärte, würde der Luftangriff gegen ein Tanklager im russischen Belgorod keine komfortablen Bedingungen für die Fortsetzung der Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew schaffen.

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Im weiteren Tagesverlauf wurde bekannt, dass doch zwei Personen im Tanklager von Belgorod verletzt wurden. Überdies hieß es in einer Mitteilung des Katastrophenschutzministeriums, dass nicht acht, sondern sieben Tanks in Brand geraten waren. Aus diesem Grunde wurden die Bewohner aus den umliegenden Häusern mit Bussen in den Sportkomplex „Belgorod Arena“ gebracht.

Militärexperten sind zu dem Schluss gelangt, dass entsprechend den vorliegenden Videoaufnahmen Hubschrauber vom Typ Mi-24 zum Einsatz gekommen waren. Dies ist ein sowjetischer Angriffshubschrauber, der die Funktionen eines Jagdhubschraubers und die einer Maschine für die Infanteriekräfte wahrnehmen kann. Der Hubschrauber besitzt eine gute Panzerung und leistungsfähige Artilleriewaffen, kann aber auch Raketen abfeuern. Und gerade mit Raketen soll das Tanklager beschossen worden sein. Hubschrauber dieses Typs haben praktisch an allen militärischen Konflikten der vergangenen Jahre teilgenommen und sich als eines der effektivsten Mittel für einen Luftkrieg bewährt. Laut unbestätigten Angaben hatte die Ukraine bis zu 40 solcher Hubschrauber in der Bewaffnung.

Die Hauptfrage ist die: Wie ist es ihnen gelungen, die Attacke vorzunehmen. Die „geringe Höhe“, in der die Hubschrauber geflogen sind, ist keine Rechtfertigung. Die russische Luftabwehr ist imstande, alle Objekte mit einer Größe von einem Tennisball und größer sowie in jeglicher Höhe auszumachen. Schaut man auf die Landkarte, so erfolgte das Auftauchen der „Gäste“ an der für die Sonderoperation „schmalsten“ Stelle – im Bereich Charkiw-Belgorod. Diese Städte trennen ganze 71 Kilometer. Diese Tatsache kann das Vorhandensein auch von Diversionsgruppen der ukrainischen Streitkräfte auf dem Territorium Russlands erklären, die durchaus hinter dem erwähnten Brand im Munitionslager stehen können. Der in Bezug auf Russland nächstgelegene Truppenteil von Sondereinsatzkräften der Ukraine befindet sich in Kropiwnizkij (Verwaltungsgebiet Kirowograd). Dies sind acht Stunden mit dem Auto ab Belgorod. In diesem Truppenteil wurden früher Angehörige der sowjetischen Sondereinheit „Alpha“ ausgebildet.

Es ergibt sich die Frage, wo waren die Militärs der Luftverteidigung zum Zeitpunkt der Attacke. Und gibt es sie überhaupt im tiefen Hinterland der Sonderoperation?

Die Situation veranlasst, die Aufmerksamkeit auf noch eine Schwachstelle zu lenken. Die Technik der ukrainischen Streitkräfte und der russischen Armee sind nach wie vor von einem Typ (freilich nicht in Bezug auf die gesamte Militärtechnik). Daher hätten die russischen Militärs die Ukrainer visuell als ihre eigenen auffassen können. Es ist nicht ausgeschlossen, dass durch die Konfliktparteien nach wie vor ein und dasselbe Erkennungssystem „die eigenen – fremde“ nutzen.

Zum Background für die Mi-24-Attacke könnten die Informationen aus dem russischen Verteidigungsministerium über eine angeblich zugenommene Aktivität ukrainischer Hubschrauber werden (obgleich Igor Konaschenkow gern und oft vermeldete, dass beinahe die gesamten ukrainischen Luftstreitkräfte vernichtet worden seien, zumal ja die von Präsident Putin befohlene militärische Sonderoperation bereits den 37. Tag andauert). Gemeldet wurde am Freitagvormittag, dass Vertreter der von Moskau anerkannten Donezker Volksrepublik einen Hubschrauber abgeschossen hätten, mit dem die ukrainische Seite versucht haben soll, Führungskräfte des Regiments „Asow“ aus Mariupol zu evakuieren.