Chinesische Spezialisten haben einen großen Unterschied in den Ursachen für den Rückgang der Geburtenrate in Russland und in der Volksrepublik China gefunden. Sie beurteilten gleichfalls die „tiefgreifende Alterung der Bevölkerung“, die eine Revision der Politik für die staatlichen Ausgaben erfordert. In Russland stellen die Chinesen ein einmaliges Phänomen der „Alterung vor dem Reichwerden“ fest, bei dem das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung nicht die Standards der entwickelten Länder erreichte, die Alterung aber bereits einen vielschichtigen Druck auf den Etat und die Wirtschaft ausübt. Die Chinesen schlagen den russischen Offiziellen vor, sich Gedanken über eine Balance der Militär- und Sozialausgaben zu machen sowie die Qualität der medizinischen Betreuung und deren Zugänglichkeit in den ländlichen Gebieten anzuheben.
In Russland hat sich ein schwieriges Modell der Alterung bei Verbindung einer geringen Geburtenrate, einer hohen Sterblichkeit und einer Gender-Disbalance bei der Lebenserwartung herausgebildet. Besonders auffällig offenbart sich hier das Phänomen einer „Alterung vor dem Reichwerden“. Der Grad der wirtschaftlichen Entwicklung hat nicht die Standards der entwickelten Länder erreicht, jedoch verspürt die Region bereits einen mehrschichtigen Druck, der mit einer tiefgreifenden Alterung der Bevölkerung zusammenhänge, schreibt Xian Zhang, Dozentin des Lehrstuhls für slawische Sprachen der Universität von Tsinghua. Sie erinnert daran, dass laut den Plänen der russischen Regierung die Anzahl der betagten Menschen in den nächsten 15 Jahren in unserem Lands fast um zehn Millionen zunehmen werde, was die Belastung für den Demografie- und sozial-ökonomischen Bereich zusätzlich erhöhen werde.
Das für Russland charakteristische Modell der Alterung bei einem geringen durchschnittlichen Niveau des Wohlergehens schaffe Gefahren für die sozial-ökonomische Entwicklung, meint die Wissenschaftlerin. Um die Risiken und Gefahren zu verringern, schlägt die Wissenschaftlerin in einer Liste von Empfehlungen vor, eine Optimierung der Struktur der Etatausgaben vorzunehmen, eine ausgewogene Verteilung der Mittel zwischen der Verteidigung und den sozialen Bedürfnissen zu gewährleisten, aber auch die Investitionen für die demografische Entwicklung und Rentenversorgung zwecks Schaffung einer stabilen finanziellen Grundlage für ein Reagieren auf das Altern zu erhöhen.
Eine Bestätigung der Worte über eine Verletzung der Balance zwischen der Verteidigung und den sozialen Bedürfnissen ist die Tatsache, dass die Ausgaben des föderalen Haushalts von 2021 bis einschließlich 2025 um das 2fache zugenommen haben. Während die durchschnittliche nominelle Höhe der sozialen Altersrente im gleichen Zeitraum nur um das 1,5fache angestiegen ist.
Die russischen Offiziellen müssten nach Meinung der Chinesen die Systeme des Gesundheitswesens und der sozialen Betreuung betagter Bürger entwickeln. Dafür müsse der „Zugang zu den medizinischen Leistungen mit einer besonderen Beachtung der Bedürfnisse der ländlichen und abgelegenen Gebiete“ erweitert werden. Russland müsse das Niveau der medizinischen Versorgung und langfristigen Betreuung betagter Menschen zwecks Befriedigung der zunehmenden Nachfrage anheben.
Die Herrschenden müssten gleichfalls die Maßnahmen für die Bewahrung der Beschäftigung vervollkommnen, aber auch günstige Bedingungen für eine Rückkehr von Arbeitsmigranten (Gastarbeitern) schaffen. Gleichfalls müsse man den Grad der Beschäftigung der arbeitsfähigen Bevölkerung in der Wirtschaft zwecks Abschwächung des Arbeitskräftemangels erhöhen. Die sozial-ökonomische Rückständigkeit und Transformationsschwierigkeiten schaffen die Basisbedingungen für das russische Modell eines Altwerdens, betont Xian Zhang. Russland hat wie auch einige andere postsozialistische Länder eine langwierige Zeit wirtschaftlicher Instabilität und sozialer Erschütterungen durchgemacht. Der eingeschränkte Grad der Wirtschaftsentwicklung des Landes erlaube nicht, ein vollwertiges System für eine demografische Absicherung und Rentenversorgung zu bilden, meint die Wissenschaftlerin.
Das Phänomen des „Altwerdens vor einem Reichwerden“ bedeutet, dass die Länder mit einem größeren finanziellen und Ressourcen-Druck bei den Versuchen, die Folgen der Alterung abzuschwächen, konfrontiert werden: Das traditionelle Modell der Betreuung der Betagten durch die Familie ist untergraben worden. Und ein System der gesellschaftlichen Nächstenliebe hat sich noch nicht herausgebildet. Dies verschärft die Probleme, die mit dem Altwerden verbunden sind.
Für eine Verlangsamung der Alterung der Bevölkerung müsse die Russische Föderation die Maßnahmen für eine Förderung der Geburtenrat verstärken und sich mit einer Verbesserung des „Reproduktionsumfeldes“ befassen, schlägt Xian Zhang vor. Diese Maßnahmen müssten eine Vervollkommnung des Systems der Beihilfen für die Geburt von Kindern, aber auch eine Entwicklung der Leistungen zur Kinderbetreuung umfassen. Freilich, ein anderer chinesischer Experte meint, dass die Möglichkeiten für eine Anhebung der Geburtenrate sowohl in Russland als auch in China recht eingeschränkt seien. Und dies ungeachtet des großen Unterschieds in Bezug auf die Ursachen deren Rückgangs.
„Russland und China gehören zu den wenigen großen Staaten, wo der Staat konsequent versucht, die Geburtenrate zu steuern, wobei er sie in einem Fall stimuliert, im anderen vor noch einigen Jahrzehnten drastisch einschränkte. Umso überraschender sieht das Ergebnis aus: Ungeachtet der entgegengesetzten Ausgangspunkte bewegen sich beide Länder in Richtung naher Werte für den summarischen Koeffizient der Geburtenrate und zu einer ähnlichen Dynamik der Reproduktionseinstellungen der Jugend“, betont der Forscher Wei Yi-Jun aus der Sankt-Petersburger staatlichen Universität. Er vertritt die Auffassung, dass China und Russland heute vor der Aufgabe stehen würden, für deren Lösung sie kein Standard-Instrumentarium hätten.
Wei Yi-Jun gesteht ein, dass heutzutage die Schlüsselfrage eine ungelöste bleibe: Ist eine stabile Geburtenrate über dem Niveau einer einfachen Reproduktion in Gesellschaften mit einem hohen Grad der Ausbildung, Urbanisierung und Gleichberechtigung der Geschlechter möglich oder ist dies eine strukturell unerreichbare Kombination? Er betont, dass die heute angewendeten materiellen Stimuli nur denjenigen helfen würden, die bereits ein Kind haben wollten, dies aber aufgrund wirtschaftlicher Hindernisse vertagt hätten. Aber auf jene, die die Notwendigkeit von Kindern an sich aufs Neue durchdacht haben, würden die materiellen Stimuli schwächer wirken. Für Russland sei nach Meinung des chinesischen Forschers eine große Differenz zwischen den Reproduktionsabsichten der Bürger Russlands und dem realen Verhalten charakteristisch. Der Unterschied zwischen den Wunsch- und realen Reproduktionsplänen sei in der Russischen Föderation mit den Wohnraumproblemen, der Instabilität der Beschäftigung, der mangelnden Infrastruktur und – was wichtiger sei – mit den Vorstellungen über den „richtigen“ Moment für die Geburt eines Kindes, der ständig verschoben wird, zu erklären.
In China hänge aber das Paradoxe der geringen Geburtenrate mit den strengen Restriktionen für die Geburt von mehr als einem Kind zusammen. Innerhalb von 30 Jahren hat sich ein Umfeld herausgebildet, in dem ein Kind als eine Norm wahrgenommen wird, zwei aber als etwas, was eine Erklärung verlangt. Wei Yi-Jun fixiert ebenfalls, dass China seit dem Jahr 2022 mit einem natürlichen Bevölkerungsrückgang erstmals seit den letzten sechs Jahrzehnten konfrontiert werde. Im Jahr 2023 überstieg die Sterblichkeit in der Volksrepublik China die Geburtenrate um fast 850.000 Menschen.