In Russland bilden sich neue Widersprüche der digitalen Entwicklung heraus. Einerseits verfolgt man den Kurs auf eine weitere Digitalisierung. Andererseits aber werden Russlands Bürger, für die bis vor kurzem ein Funktionieren einer Vielzahl von Internet-Service-Anbietern eine gewohnte Sache gewesen war, jetzt immer häufiger mit der Unmöglichkeit konfrontiert, Online-Einkäufe zu bezahlen oder sich mit Nächsten in Verbindung zu setzen.
Die Russische Föderation zeichnet sich dabei durch einen recht hohen Grad der Verbreitung des Internets aus. Im vergangenen Jahr waren 92 Prozent der Haushalte an das Internet angeschlossen gewesen. Die meisten Haushalte (90 Prozent) loggen sich mithilfe von Smartphones ins Internet ein.
Das Internet ist für Russlands Bürger in erster Linie ein Kommunikationsmittel und eine Informationsquelle. So haben 81 Prozent der Nutzer Anrufe per Messenger vorgenommen. 71 Prozent tauschten Mitteilungen aus. Für 69 Prozent ist das Internet auch eine Quelle von Nachrichten.
Die absolute Mehrheit der russischen Internet-Nutzer (93 Prozent) ist der Auffassung, dass die digitalen Technologien positiv ihr Leben beeinflussen würden. Jeder zweite bewertet diesen Einfluss als einen starken. In den letzten Jahren hat Russland einen Qualitätssprung hinsichtlich der gewährten digitalen Leistungen geschafft. Und jeder Bürger Russlands hat sich daran gewöhnt, dass diese Leistungen rund um die Uhr zugänglich sind.
Auf eine weitere Beschleunigung der digitalen Entwicklung ist auch das neue nationale Projekt „Daten-Wirtschaft und digitale Transformation des Staates“ ausgerichtet. In dessen Hinsicht wird erwartet, dass bis zum Jahr 2030 97 Prozent der Haushalte einen Zugang zu einem sehr schnellen Breitband-Internet haben werden. Bis zum Jahr 2030 versprechen die Offiziellen, eine 100-%-ige Erfassung des Territoriums der Russischen Föderation per Internet durch Satelliten auf einer geringen orbitalen Umlaufbahn zu sichern. Das neue nationale Projekt sei, wie ausgewiesen wird, auf eine weitere Vervollkommnung des digitalen Zusammenwirkens der Bürger, des Business und des Staates ausgerichtet.
All diese Ziele sehen im Jahr 2026 etwas paradox aus. Während der Staat offiziell die Erhöhung des Grades der Digitalisierung als sein Ziel stellt, wird die Bevölkerung immer mehr mit Problemen beim Zugang zu Internet-Ressourcen konfrontiert. Und großangelegte Abschaltungen des Internets werden für die Bürger zu einer Alltäglichkeit.
Periodische Abschaltungen des mobilen Internets begannen in verschiedenen Regionen der Russischen Föderation seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres. Meistens wurden diese Abschaltungen mit Sicherheitsmaßnahmen und der Notwendigkeit eines Schutzes vor Drohnen-Attacken begründet.
Als ein Sonderfall wirkt der Kampf der Offiziellen gegen den Messenger Telegram. Im Februar haben die Behörden begonnen, die Arbeit dieses Services auszubremsen. Und bereits zum April hat er sich als ein praktisch vollkommen unzugänglicher in der Russischen Föderation erwiesen. Ende des vergangenen Jahres überstieg das monatliche Publikum des Messengers die Planke von 93 Millionen Menschen.
Es nimmt auch die Anzahl der Internet-Ausfälle zu. Gleich mehrere große Ausfälle ereignete sich Anfang April. Die Nutzer brachten die Störfälle mit den Versuchen der Bekämpfung der VPN-Services und von Telegram in der Russischen Föderation in Verbindung. Doch die Behörden bestritten ihre Beteiligung daran. (Ob sie dabei zu überzeugen wussten, steht auf einem anderen Blatt. — Anmerkung der Redaktion)
Im vergangenen Monat wurden 77 Prozent der Befragten mit Problemen beim Zugang zum Internet per Mobiltelefon konfrontiert. 74 Prozent berichtete über Probleme in der Arbeit der Messenger. Die Probleme mit dem Zugang zum mobilen Internet und die Probleme in der Arbeit der Messenger haben das Leben von etwa zwei Dritteln der Befragten erschwert.
Die Blockierungen von Messengern und generell des Internets bringen auch für das Business Verluste mit sich. Umfragen zeigen, dass die Blockierungen von Messengern für zwei Drittel der Unternehmen Probleme in den Kontakten mit den Klienten und Partnern verursachten. Jedes vierte Unternehmen erlitt Verluste. Und beinahe die Hälfte der Unternehmen befürchtet, Kunden vor dem Hintergrund der Verlangsamung der Messenger zu verlieren.
Dabei ist gerade Telegram für viele Unternehmen zu einer populäre Reklame-Plattform und zu einer Form für die Gewinnung von Kunden geworden. Das Kleinunternehmertum verliert beim Übergang zu einer neuen Plattform einen Teil seiner Kundschaft. Und die Blockierung führt letztlich zur Schließung von Betrieben. Und ergo wird der Staatshaushalt weniger Steuern erhalten.
P. S.
Der Informationshub Cloudwards legte dieser Tage Ergebnisse einer Untersuchung vor, die sich mit der Freiheit des Internets in der Welt befasste. Das ermittelte Rating der Länder dürfte in Moskau wenig Freude ausgelöst haben. Russland rangiert hinsichtlich der Internet-Freiheit unter den schlimmsten Ländern der Welt. Es kam gerade einmal auf vier von 100 möglichen Punkten, was den vorletzten Platz bescherte. Weniger bekam nur Nordkorea, genauer gesagt: Dieses Land kam auf 0 Punkte. Cloudwards untersuchte für das Rating die Möglichkeit, frei im Internet politische und Bürgeranschauungen zum Ausdruck zu bringen, aber auch die Zugänglichkeit von VPN-Serbiveleistungen, Torrent-Seiten und Inhalten für Volljährigen. In nicht einer einzigen Untersuchungskategorie wurde Russland als ein „vollkommen freies“ anerkannt. Spitzenreiter waren im Übrigen elf Länder, die zwar nicht auf 100, aber auf 92 Punkte gekommen waren – unter ihnen Belgien, Dänemark, Island, Neuseeland, Norwegen, die Slowakei und Finnland (siehe https://www.cloudwards.net/internet-censorship/).