Die Veröffentlichung von Materialien zum Fall von Jeffrey Epstein ist zu einer Nachricht globalen Maßstabs geworden. Wenn nicht alle, so hoffen doch viele von jenen, die gegenwärtig die Internetseite des US-Justizministeriums durchforsten und in den drei Millionen Files bekannte Namen von Politikern und Staatsmännern ihrer Länder suchen, dass jetzt etwas Ungewöhnliches folgen wird. Es wird sich herausstellen, dass sich die wundersamsten, mit Verschwörungstheorien verbundenen Phantasien bewahrheiten, Rücktritte, Prozesse und Skandale bevorstehen – kurz gesagt, das Geheime wird offenkundig, und die Welt wird aufgrund dieses neuen Wissens erzittern. Oh je und ach! Die daran Glaubenden werden bald enttäuscht werden. Rücktritte, Prozesse und Skandale wird es natürlich geben (ja, und es gibt sie bereits), es sind aber nicht jene, die erwartet werden.
Überlassen wir den amerikanischen Opponenten von Trump die Frage, ob alle Files Epsteins veröffentlicht worden sind. Wenn sie sich wirklich gewiss sind, dass das Justizministerium etwas Wichtiges verborgen hat – mag Gott ihnen helfen und mögen sie suchen. Schauen wir uns einmal die vorhandenen Materialien an. Fotos, Bescheide und analytische Notizen, die für Epstein oder von Epstein selbst vorgenommen wurden. Sein Schriftwechsel ist der informativste Teil des Veröffentlichten, in dem es dennoch (auf jeden Fall auf den ersten Blick) keine Indizien für eine hundertprozentige Überzeugungskraft gegen wen auch immer außer gegen Epstein selbst und gegen seine Komplizin Ghislaine Maxwell gibt. Die Schlussfolgerungen der Geheimdienste und Angaben der Untersuchung, aber auch das, wo das „Brisanteste“ enthalten ist – dies sind Signale, die den FBI und andere Rechtsschutzbehörden erreichten.
Die Publisher (Veröffentlicher) der Files haben akribisch in diese den ganzen Unsinn eingefügt, den zu den Zeiten, in denen der Epstein-Fall in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Medien geraten war, Patienten von Psychiatrien, Drogensüchtige und andere von ganzer Seele für die Wahrheit fiebernde Bürger der Polizei mitgeteilt hatten. Möglicherweise wollten die Leute Trumps, dass in der Masse all dieser Offenbarungen über menschliche Opfergaben und „ein Verzehren von Kindern“ (nach dem 19. Kapitel aus dem Buch Jeremia – Anmerkung der Redaktion) unter der aufmerksamen Aufsicht Epsteins wirklich wertvolle Informationen „untergehen“. Vielleicht aber hatten sie im Gegenteil angestrebt, nicht einmal den irrsinnigsten „Beweis“ zu verbergen, wobei befürchtet wurde, dass ihn andere veröffentlichen und der Mythos sein Leben leben wird, wobei er gegen das Staatsoberhaupt spielt. Schließlich hatte es so etwas in der Geschichte – darunter der USA – bereits gegeben.
Die Schlussfolgerungen der Warren-Kommission hinsichtlich der Ermordung von John Fitzgerald Kennedy 1963 sind bisher von keinem überzeugend dementiert worden. Aber dies ist doch uninteressant, die Auffassung zu vertreten, dass man den Präsidenten der USA in Folge eines Fehlers seiner Bodyguards ermordete, dass es keinerlei Verschwörung gegeben hat, sondern es einen unausgeglichen im Alleingang handelnden Verbrecher aus den Reihen jener, die grundlos das Feuer in einem Gewühl von Menschen eröffnen, gegeben hat. Die Entscheidung von Lyndon B. Johnson, die Seite mit dem Kennedy-Mord zu schließen und nicht auf die Fragen an die Warren-Kommission zu antworten, wurde zu einem der Faktoren, die das Scheitern seines Versuchs, bei den Wahlen von 1968 wiedergewählt zu werden, vorausbestimmten. Eine ähnliche fehlerhafte Taktik – sich eher von dem „toxischen“ Epstein-Fall zu distanzieren – haben scheinbar eine Reihe europäischer und amerikanischer Figuren der Files gewählt, die mit dem Milliardär Kontakte hatten, aber keinerlei Verbrechen begingen. Dafür haben sie mit ihrer Karriere bezahlt oder werden nach mit der zahlen. So ist ein demokratischer Staat aufgebaut: Einem Staatsbeamten vergibt man nicht nur keine kriminelle Straftat, sondern auch eine Lüge und gar ein simples Verschweigen einer Tatsache.
Was die Epstein-Files aber unbestrittenermaßen aufgedeckt haben, dies ist die Persönlichkeit von Epstein an sich. Der prinzipienlose Geschäftemacher und Abenteurer, er hatte wirklich große Verbindungen, aber keinen großen Einfluss. Anhand der Files kann nicht nachvollzogen werden, welche staatliche Entscheidung und in welchem Land Epstein zu lobbyieren vermochte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es erfolgreiche Beispiele seiner Lobbysten-Tätigkeit gibt. In den Files gibt es viele Anhaltspunkte für künftige Nachforschungen. Ohne sie aber sehen die Materialien des US-Justizministeriums wie ein Instrument des politischen Kampfes aus. Die Epstein-Files kann man gegen Trump und gegen Clinton, gegen die Republikaner und die Demokraten, gegen jene und gegen diese verwenden. Wenn es einen Wunsch geben würde. Und der wird sich bei vielen in diesem Jahr der für die USA wichtigen Wahlen ergeben.