In Russland ist das Gerede von einer Krise der Familie zu einem universellen politischen Instrument geworden. Die Herrschenden sehen eine Bedrohung in der „Childfree-Ideologie“ und im Feminismus, die Opposition wirft dem Staat die Schaffung unerträglicher Bedingungen für eine Mutterschaft vor. Beide Seiten sind sich dabei in einem einig: Irgendwer trägt die Schuld. Und man muss dies bekämpfen. Feminismus, LGBT ( als angebliche internationale Organisation in der Russischen Föderation als extremistisch gelabelt und verboten), das Propagieren von Kinderlosigkeit – all dies ist jetzt keine private Wahl bzw. Entscheidung, sondern extremistische Ideologien, die einer Kriminalisierung unterliegen. Politiker suchen nach simplen Antworten auf schwierige Fragen. Was aber, wenn keiner die Schuld trägt? Was, wenn ein Auseinanderbrechen der traditionellen Familie nicht das Ergebnis irgendeiner bösen Absicht, sondern einfach eine rationale Reaktion der Menschen auf die sich veränderte Realität ist?
Im Jahr 2024 kamen auf 880.000 Eheschließungen 644.000 Scheidungen. Im vergangenen Jahr kamen auf zehn Eheschließungen acht Scheidungen. Die endgültigen Zahlen werden wohl in der nahen Zukunft veröffentlicht werden. Dennoch: Die Zahlen sind erschreckende, aber voraussagbare. Das Paradoxe besteht darin, dass begonnen wurde, die Familie gleichzeitig als höchsten Wert und als einen unzulässigen Luxus wahrzunehmen. Alle wollen eine „richtige“ Familie, aber wenige spüren, dass dazu ausreichende Ressourcen nötig sind. Und dies liegt nicht an einem Sittenverfall oder an den Intrigen der äußeren Feinde. Die Sache ist die, dass das ökonomische Fundament, auf dem sich das Institut der Ehe die letzten Jahrhunderte stützte, schlicht und einfach in die Brüche gegangen ist.
Die traditionelle Familie löste konkrete Aufgaben: ein gemeinsamer Haushalt, eine Reproduktion der Arbeitskraft, die Übergabe von Eigentum und ein sozialer Schutz bei einem Fehlen staatlicher Institute. Als die Frau nicht selbständig Geld verdienen konnte und der Mann einen Haushalt brauchte, war die wirtschaftliche Logik der Ehe eine eiserne. Eine Scheidung bedeutete für die Frau Armut und ein Haushaltschaos für den Mann. Man duldete, nicht weil es moralisch stabiler war, sondern weil es keine Alternative gab.
Heute ist dieses Fundament verschwunden. Frauen erhalten eine Ausbildung genauso wie die Männer und verdienen selbst. Die Haushaltsleistungen sind kommerzialisiert worden: Es gibt Wäschereien, einen Zustellservice für Essen, Cleaning-Angebote… Der Staat hat die Funktionen des sozialen Schutzes übernommen. Die gemeinsame Haushaltsführung hat aufgehört, eine Notwendigkeit zu sein. Sie wurde zu einer Entscheidungssache. Dabei sind aber die Anforderungen an die Ehe um ein Mehrfaches gestiegen. Wir erwarten vom Partner nicht einfach eine materielle Absicherung oder die Führung des Haushalts, sondern eine psychologische Kompatibilität, gemeinsame Werte, einen intellektuellen Gleichstand und emotionale Unterstützung. Die Planke ist in die Höhe geschnellt, und die wirtschaftlichen Stimuli für ein Dulden sind verschwunden.
Das Durchschnittsalter einer Mutter in Russland bei der Geburt des ersten Kindes hat 29 Jahre erreicht. Europa haben wir damit eingeholt! Die jungen Menschen eilen nach dem Institut nicht mehr zum Standesamt. Sie schieben eine Ehe rational auf die lange Bank, solang sie nicht für eine Wohnung gespart, keine Karriere gemacht und sich nicht von der Kompatibilität überzeugt haben. Die Lebensgemeinschaft ohne eine standesamtliche Trauung verwandelte sich aus einer marginalen Praxis in eine Norm. Die ist eine „Probezeit“ vor ernsthaften Verpflichtungen. Die Hypothek wurde zu einem Test für die Festigkeit der Beziehungen. Wenn ein Paar imstande ist, gemeinsam einen Kredit mit einer Laufzeit von 20 bis 30 Jahren zu stemmen, wird dies als ein Zeichen für eine Kompatibilität aufgefasst. Aber eben jene Hypothek zerstört genauso viele Ehen wie sie schafft.
Kinder verwandelten sich aus einem Wirtschaftsaktiv bzw. Vermögen zu einem Ausgabeposten. In der Agrargesellschaft brachte ein Kind ab sieben Jahren dem Hof einen Nutzen. Heute verlangt es Investitionen mindestens bis zum Alter von 22 Jahren. Und oft auch länger. Dabei verlangt die soziale Norm, ihm eine qualitätsgerechte Ausbildung, eine Entwicklung und ein würdiges Lebensniveau zu sichern. Es überrascht nicht, dass das Kinderkriegen bis zum Zeitpunkt einer finanziellen Stabilität aufgeschoben wird, der für viele aber auch gar nicht eintritt.
Entgegen einer verbreiteten Meinung liegt der Hauptgrund für Scheidungen nicht in einem Ehebruch und im „Fehlen von Liebe“. Der liegt in einem Nichtübereinstimmen der Lebensstrategien und in einem finanziellen Stress. Wenn ein Partner „den heutigen Tag leben“ will und der andere von einem Akkumulieren von Reserven besessen ist, ist ein Konflikt unausweichlich. Die modernen Menschen lassen sich nicht scheiden, weil sie leichtsinniger geworden sind, sondern weil sie die Möglichkeit haben, dies zu tun. Die Scheidung hat aufgehört, eine soziale Katastrophe und ein wirtschaftlicher Zusammenbruch zu sein. Dies ist alles nur ein Aussteigen aus einem nichtfunktionierenden Vertrag.
Der Staat versucht, diesen Prozessen über das sogenannte Mutterkapital, über eine vergünstigte Hypothek sowie die Rhetorik von den „traditionellen Werten“ entgegenzuwirken, und jetzt auch über eine Kriminalisierung alternativer Lebensmodelle. Dies ist aber ein Versuch, das strukturelle Problem mit symbolischen Mitteln zu lösen. Man kann „ein Propagieren von Childfree“ verbieten, man kann Feminismus als Extremismus labeln. Nichts davon wird einen jungen Menschen im Alter von 25 Jahren zwingen, Zuversicht hinsichtlich des morgigen Tages zu verspüren, die für die Entscheidung, sich Kinder zuzulegen, notwendig ist.
Die Bildung einer Familie verlangt Stabilität und Voraussagbarkeit. Ein junger Spezialist weiß nicht, ober er in fünf Jahren einen Job haben wird, ob seine Ersparnisse erhalten bleiben und ob nicht seine Qualifizierung aufgrund technologischer Veränderungen zu einer wertlosen wird. In solch einer Situation wird die Entscheidung, sich Kinder zuzulegen, zu einem Akt des Glauben, aber nicht ein rationales Planen. Bisher existiert die Rhetorik über die Familie als Grundlage der Gesellschaft bei einem völligen Fehlen einer wirtschaftlichen Basis für diese Rhetorik.
Die Zahlen bestätigen: Russlands europäischer Teil verliert seit Jahrzehnten an Bevölkerung. Das Verwaltungsgebiet Nishnij Nowgorod hat seit 1992 800.000 Menschen verloren, das Moskauer Verwaltungsgebiet — 1,2 Millionen. Einzelne Regionen demonstrieren eine Zunahme der Geburtenrate – das Verwaltungsgebiet Magadan, Sewastopol, der Autonome Bezirk der Jamal-Nenzen. Aber dies ist, wie zurecht Vizeregierungschefin Tatjana Golikowa konstatierte, „ein Wachstum von kleinen (Ausgangs-) Zahlen aus“. Der Basistrend bleibt ein unveränderter. Und er ist nicht das Ergebnis einer schlechten Demografie-Politik. Dies ist ein Ergebnis der objektiven Modernisierungsprozesse, die alle entwickelten Länder durchgemacht haben.
Die Krise des Instituts der Familie ist ein schmerzhafter, aber ein natürlicher Prozess. Er bedeutet kein Ende der menschlichen Nähe oder ein Verschwinden der Liebe. Er bedeutet, dass die alten Formen für ein Organisieren des persönlichen Lebens aufgehört haben, der neuen Realität zu entsprechen. Die Menschen suchen nach neuen Modellen – Gast-Ehen, ein bewusstes Alleinsein bzw. eine bewusste Einsamkeit, eine aufgeschobene Elternschaft. Man kann sich über eine „Zerstörung der Traditionen“ beklagen, doch Traditionen sind keine heiligen Konstanten, sondern Institute, die als eine Antwort auf konkrete historische Herausforderungen entstanden sind. Wenn sich die Herausforderungen verändern, verändern sich auch die Institute.
Die Familie der Zukunft wird wahrscheinlich anders aussehen als die Familie der Vergangenheit. Dies ist keine Degradierung der Gesellschaft, sondern ihre Anpassung an die neuen Bedingungen. Die Normalität des Geschehens anzuerkennen, bedeutet nicht, sich mit dem Problem abzufinden. Dies bedeutet aufzuhören, dort nach Feinden zu suchen, wo es sie nicht gibt, und zu beginnen, nach Lösungen dort zu suchen, wo sie möglich sind – zum Beispiel in der Schaffung wirtschaftlicher Bedingungen für eine Stabilität und nicht in der Bekämpfung gespenstischer Ideologien.