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Die geistigen Werte verteidigen, aber nicht vermischen!


Im Moskauer Patriarchat ist man über die Versuche ungehalten, die christliche Dogmatik den politischen Aufgaben anzupassen. Im Kontext der patriotischen Zielsetzung erklingen Vorschläge, aus dem Christentum und dem Islam gemeinsame Nenner für die Gestaltung einer den Geist „aufmöbelnden“ Ideologie, die die Bürger unterschiedlicher Glaubensrichtungen vereinen soll, herauszufinden. Jedoch hat man in der Russischen orthodoxen Kirche in diesen Versuchen die Gefahr eines Verschwimmens der theologischen Grundlagen der Orthodoxie ausgemacht. Solche Versuche bezeichnete man sogar als „Häresie“.

Der stellvertretende Vorsitzende des Synodalen Missionarischen Abteilung für die apologetische Mission, der Geistliche Sergij Fufajew, trat in der Moskauer Geistlichen Akademie mit einem Vortrag auf, in dem er die „religiös-synkretistische Ideologie“ kritisierte, die in dem Buch „Die Heerschar Jesus im Kampf gegen die Heerschar des Daddschāl-Antichrist“ dargelegt wird. Als einer der Koautoren dieses Buchs wird der stellvertretende Chef der militärpolitischen Hauptverwaltung des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation, der Generalleutnant Apti Alaudinow, ausgewiesen (lt. offiziellen Angaben besitzt der 52-jährige Tschetschene eine juristische Hochschulausbildung und verteidigte 2013 eine Dissertation zum Thema „Regionale Identität als Grundlage für die Ausprägung einer gesamtnationalen politischen Identität“ zwecks Erlangung des Doktorgrades auf dem Gebiet der politischen Wissenschaften – Anmerkung der Redaktion). Dem Publikum wurde die Arbeit im Oktober vergangenen Jahres vorgestellt. „Die Welt hat sich in zwei Lager geteilt: in Menschen, die die von Gott gesandten Werte zu bewahren versuchen (wir nennen sie das Heer Gottes), und in jene, die von der von Gott gesandten Wahrheit, von den Familien- und allgemeinen menschlichen Werten abgegangen sind, wobei sie alles dem Herrn widersprechende tun, das heißt die Heerschar des Antichristen Daddschāl“, heißt es im Vorwort des Buchs. „Um standzuhalten und zu siegen, müssen wir uns vereinen: die Moslems, die Christen, die Vertreter aller Religionen und Konfessionen, ungeachtet aller Umstände, denn wir haben keinen anderen Weg“.

Unterschiedliche christlich-orthodoxe Geistliche haben sich auch früher über diese Publikation ohne eine Billigung geäußert. Ja, aber das Thema ist zu einer offiziellen kirchlichen Diskussion gebracht worden. „Es ist betont worden, dass diese Lehre eine Vermischung von Ideen des Islams und des Christentums darstellt, die zu einer radikalen Entstellung der fundamentalen Grundlagen des orthodoxen Glauben, das heißt zu einer Häresie führte“, heißt es in einer Veröffentlichung der Internetseite der Missionarischen Abteilung der Russischen orthodoxen Kirche, in der die Hauptaussagen aus dem Vortrag des Geistlichen Sergij Fufajew dargelegt werden. Der Vertreter des Klerus empfiehlt, im missionarischen und Hirtengespräch mit den Menschen, „die sich unter dem Einfluss dieses Irrtums befinden“, dessen radikale Inkompatibilität mit dem christlich-orthodoxen Glauben aufzuzeigen. „Der Gedanke der Wiederkehr des Herrn Jesu Christi besteht nicht darin, auf militärischem Wege die Heerschar des Antichristen zu bezwingen und den Gottergebenen ein irdisches Wohlergehen zu sichern, sondern darin, die Toten wiederauferstehen, die Wahrheit Gottes wissen, ein Gottesgericht über dem gesamten Menschengeschlecht vollziehen und den Gerechten ein ewiges Leben im Reich Christi, in dem es einen neuen Himmel und neues Land geben wird, schenken zu lassen“, heißt es im Vortrag des Geistlichen.

Seinen Stellvertreter unterstützte der Vorsitzende der Synodalen Missionarischen Abteilung, Erzbischof Sawwa (Tutunow). „Der christlich-orthodoxe Mensch, der sich zu dieser „Ideologie“ bekennt, gerät in einen Widerspruch mit der Orthodoxie“, schrieb der Hierarch in seinem Telegram-Kanal. „Dabei erklären wir, dass imaginäre Übereinstimmungen im Glaubensbekenntnis überhaupt nicht nötig sind, um gemeinsam einen Feind zu schlagen und das Vaterland zu verteidigen. Wodurch ist die Ideologie einer Vereinigung unter der russischen Trikolore für unser Vaterland, das durch das russische christlich-orthodoxe Volk geschaffen wurde und dem sich andere Völkerschaften angeschlossen haben, eine ungute? Die Unterschiede im Glauben, das feste Bekenntnis zu seinem Glauben haben die Moslems nie daran gehindert, gemeinsam in der russischen Heerschar zu stehen“.

Zur Untermauerung seiner Worte führte der Erzbischof ein Zitat aus dem Vortrag des Patriarchen von Moskau und der Ganzen Rus, Kirill, während der Diözesen-Versammlung Moskaus am 16. Dezember 2025 an: „Wir dürfen nie die Reinheit unseres Glaubens und der von der Kirche verkündeten Morallehre preisgeben“.

Unzulässig ist ein Abweichen zu einem religiösen Synkretismus unterschiedlichster Art. Aber dazu versucht man mitunter, die orthodoxen Christen unter unterschiedlichsten, gar scheinbar hehren Vorwänden, zum Beispiel für eine Vereinigung mit Menschen eines anderen Glaubens auf dem Schlachtfeld oder bei einer gemeinsamen Arbeit, zu bewegen“, hatte der Patriarch gesagt. „Man muss sich sowohl auf dem Schlachtfeld als auch beim gemeinsamen Arbeiten vereinigen. Dies bedeutet aber nicht, dass eine solche Solidarität das beeinflussen darf, an das wir glauben und wie wir unseren Glauben predigen“.

Einige Zeit später antwortete Apti Alaudinow auf die Kritik der Missionare aus der Russischen orthodoxen Kirche. „Ich bin ein wahrhaft gläubiger Moslem, und in diesem Buch ist die Sicht eines Moslems auf jene Ereignisse dargelegt worden, die sich abspielen. Ich weiß ausgezeichnet, dass das Christentum seine Dogmatik besitzt, der Islam hat seine Dogmatik. Da gibt es überhaupt keinerlei Fragen“, zitierte die Nachrichtenagentur „Tschetschenische Republik heute“ den General. Hinsichtlich des Buchtitels fügte er hinzu, dass er den Namen Jesu für ein besseres Verständnis durch das christlich-orthodoxe Publikum verwendet hätte. „Der Islam zeigt, dass wir das Kommen des Propheten Isa (Friede sei mit ihm) erwarten. Damit es kein Missverständnis gibt, sagen wir: Jesus, damit die orthodoxen Christen dies richtig vernehmen und verstehen. Mein Gedanke besteht darin, dass wir einen gemeinsamen Feind haben. Und wir erwarten gemeinsam das Kommen des Herrn Jesu Christi. Die Dogmatik der Christen und des Islams ist eine unterschiedliche, aber nicht so sehr, dass wir für einander Feinde sind. Wir haben genug gemeinsame Berührungspunkte, um uns zu vereinen“, bestand Alaudinow auf seinem.

Es sei daran erinnert, dass der General schon mit dem christlich-orthodoxen Klerus diskutieren musste. Im Juni vergangenen Jahres war es nach einer Videopredigt eines Mönchs aus Sotschi, des Schemamonachos Gawriil (Winogradow-Lakerbaj), zu einem Skandal gekommen. Der hatte erklärt, dass die „Armee der Moslems“ bereit sei, „auf Befehl eines Mullah die Moskauer niederzumetzeln“. Er hatte gleichfalls gesagt, dass der Islam ein „falscher“ Glaube sei. Obgleich dieses Thema in seinem Auftritt ein nebensächliches hinsichtlich der Hauptmessage gewesen war, die durch eine Verschwörungstheorie angereichert worden war, hatten die Worte des Schema-Mönchs gerade die Moslems verletzt. Gawriil wurde hart durch Alaudinow kritisiert. Und die Worte des Generals kränkten bereits christlich-orthodoxe Aktivisten. Freilich söhnten sich bei einem persönlichem Treffen die Vertreter des öffentlichen Lebens mit dem General aus, und der Militär entschuldigte sich gegenüber Gawrill, wobei er die Einschränkung machte, dass er nur deshalb nicht recht hatte, weil er einen vom Alter her älteren Mann gekränkt hätte.

Auf diese Geschichte reagierte Patriarch Kirill. Bei einem Treffen mit dem Klerus der Kaliningrader Eparchie am 14. Juni 2025 bezeichnet er die Predigt des Geistlichen aus Sotschi als eine „Provokation“, die aus dem Ausland inspiriert worden sei. Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche erklärte, dass in solch einer schweren Zeit, die Russland durchmache, „entweder ein Irrer oder ein Mensch mit bösen Absichten einen christlich-islamischen Konflikt provozieren kann“. Der Patriarch räumte ein, dass die christlich-orthodoxen Gläubigen und die Moslems den gemeinsamen Glauben an einen Gott hätten. Jedoch würden sich die Vorstellung von der Ehe unterscheiden und erinnerte dabei unter anderem an die Polygamie. Das Wichtigste sei aber die „Zielsetzung“ und zwar die „Sorge um die Heimat, um Russland“. Die bestehende Harmonie in den Beziehungen der beiden Religionen „löst Verärgerung unserer Gegner aus“. „Besonders jene, die außerhalb unserer Heimat leben, versuchen, die Moslems aufzustacheln, indem aggressive Ideen unterschiedlicher Art gegen die orthodoxen Christen provoziert werden. Nun, und um die orthodoxen Christen unter dem Vorwand in Aufregung zu setzen: „Wie viel kann man dies noch dulden? Geben Sie es ihnen, wie es sich gehört! Sowohl dies als auch das andere kommt von unseren Feinden“, warnt das Kirchenoberhaupt. „Verjagen Sie all jene, die unter dem Vorwand einer „Sorge“ um die Russen, um die russische Kultur und um die orthodoxe Kirche aufrufen, sich zum Kampf gegen die russischen Moslems zu erheben. Dies ist eine Provokation!“, rief er auf.

Die Versuche, eine Symbiose aus den zwei in Russland dominierenden Religionen zu schaffen, erfolgen, nachdem die politische Führung für die Bürger bereits die gemeinsame Plattform der traditionellen Werte offerierte. Dieser Kompromiss soll Widersprüche zwischen den Konfessionen ausschließen. Im Jahr 2020 formulierte das Verfassungsgericht der Russischen Föderation eine Klarstellung bezüglich der Erwähnung von Gott im Grundgesetz: „Die Aufnahme des Verweises auf den Glauben an Gott, der dem Volk Russlands durch die Vorfahren weitergegeben wurde, in den Wortlaut der Verfassung der Russischen Föderation (Artikel 671, Teil 2), bedeutet keine Aufgabe des weltlichen Charakters des russischen Staates, der in deren Artikel 14 proklamiert wurde, und der Glaubensfreiheit, die durch ihren Artikel 28 garantiert wird, da er hinsichtlich seiner Formulierung mit keiner konfessionellen Zugehörigkeit verbunden ist, das Vorhandensein der einen oder anderen religiösen Überzeugungen zu keiner obligatorischen in der Russischen Föderation erklärt und die Bürger Russlands nicht wider dem Artikel 19 (Teil 2) der Verfassung der Russischen Föderation in eine ungleiche Lage in Abhängigkeit vom Bestehen solch eines Glaubens oder dessen konkreten Ausrichtung versetzt“. Im Jahr 2022 wurde der Erlass des Präsidenten der Russischen Föderation „Über die Bestätigung der Grundlagen der Staatspolitik zur Bewahrung und Stärkung der traditionellen russischen geistig-moralischen Werte“ veröffentlicht, in dem es heißt, dass diese Werte „der gesamtrussischen Bürgeridentität zugrunde“ liegen. Sie sind so formuliert worden, damit sie bei den Vertretern welcher Religion auch immer keine Abstoßung hervorrufen.