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Die Inflation zeigt den Ärzten die Zähne


In Russland nimmt die Zahl der Stomatologie-Kliniken bei einem gleichzeitigen Ansteigen der Preise für die Leistungen von Zahnärzten zu. So hat sich innerhalb eines Jahres die Zahl solcher Kliniken um 14 Prozent erhöht, und die durchschnittliche Summe für die Leistungen von Stomatologen – um beinahe 20 Prozent. Nach Schätzungen von Experten belege dies eine Verstärkung der Konkurrenz um die Patienten, während die Patienten an sich aufgrund der unaufhaltsamen Verteuerung der Zahnarztleistungen die entsprechenden Besuche immer häufiger auf ein „später“ verschieben.

Entsprechend den Ergebnissen des ersten Quartals hat die Gesamtzahl der funktionierenden Stomatologie-Kliniken in Russland die 27.000-Marke überschritten, was um 14 Prozent mehr ist als im Jahr zuvor, berichteten Experten aus den Business-Gruppen „Sber2B Analytika“ und „Sber2B EDO“ (EDO – elektronischer Dokumentenverkehr). Entsprechend deren Schlussfolgerungen verweise die Zunahme der Anzahl von Kliniken auf eine Verstärkung des Wettbewerbs.

Für die Studie untersuchten die Analytiker die Dynamik des Verbraucherverhaltens in 14 russischen Millionenstädten mit Ausnahme Moskaus und Sankt Petersburgs.

So hatte der Umfang der stomatologischen Dienstleistungen entsprechend den Ergebnissen der ersten drei Monate dieses Jahres lt. ihren Angaben um 24 Prozent auf das Jahr hochgerechnet zugenommen und 151 Milliarden Rubel erreicht. Die Anzahl der Arztbesuche nahm bis auf 15 Millionen zu (ein Plus von 5 Prozent). Im regionalen Querschnitt wurde laut den Zahlen der Forscher die größte Zunahme des Umsatzes entsprechend den Ergebnissen des Quartals in Omsk (+79,5 Prozent), Rostow am Don (+37,2 Prozent) und Samara (+33,3 Prozent) fixiert. Aus finanzieller Sicht war unter den größten Märkten Jekaterinburg, wo sich der Umsatz um 27,7 Prozent bis auf 5,3 Milliarden Rubel erhöhte. Dabei unterstreichen die Analytiker: In den untersuchten 14 Millionenstädten konzentriere sich nur der fünfte Teil des Gesamtumsatzes der Branche.

Die Durchschnittsrechnung für den Besuch einer stomatologischen Klinik ist innerhalb eines Jahres um fast 20 Prozent gestiegen und überschritt 9500 Rubel. Die Anzahl der Zahnarzt-Besuche hat sich ihrerseits um 6,3 Prozent bis auf 3,3 Millionen erhöht.

Es sei betont, dass die Kosten für Zahnarztleistungen in Russland traditionell zunehmen, wobei sie die gesamte Inflationsrate überschreiten. Laut Angaben des Forschungszentrums der Kommunikationsgruppe „Progress“ ist der Preis für eine Zahnarztsprechstunde (sowohl in einer priavten als auch in einer staatlichen Praxis) in Moskau um 48 Prozent angestiegen, in Nowosibirsk um 37 Prozent, in Sankt Petersburg und Nabereschnij Tschelny um 27 Prozent und in Ufa um 22 Prozent. Ihre Schlussfolgerungen untersetzten die Forscher mit einer Analyse offener Daten der Serviceanbieter für das Suchen und Finden von Ärzten in 35 Städten Russlands mit einer Bevölkerung von mehr als 500.000 Einwohnern.

Sie lenkten auch die Aufmerksamkeit auf den Unterschied in den Preisen für ein und dieselben medizinischen Leistungen in Abhängigkeit von der Region. So ist eine Karies-Behandlung in Tscheljabinsk 5mal teurer als in Saratow. Und eine Behandlung von Pulpitis (Entzündung des Zahnmark) ist in Nowosibirsk um fast das 6fache teurer als in Wladiwostok.

Insgesamt aber haben sich im vergangenen Jahr die Preise für stomatologische Leistungen in Russland im Durchschnitt um 15 Prozent erhöht, zeigte eine Untersuchung des Analyse-Unternehmens „DentalData“, das sich auf eine Analytik des Stomatologie-Marktes in der Russischen Föderation spezialisiert. Dabei unterstrichen die Experten: Der Preisanstieg war kein spekulativer, sondern wurde zu einer direkten Folge der Zunahme des Ausgabenteils der Kliniken. Die Kosten für die Gewinnung eines Patienten haben spürbar zugenommen. Und die Konkurrenz um die zahlungskräftige Nachfrage hat sich verstärkt. Im Ergebnis dessen waren die Kliniken gezwungen gewesen, die Unkosten auf die Endpreise umzulegen. Für einen Vergleich sei gesagt: Vor einem Jahr hatte die Durchschnittsrechnung für die Zahnarztleistungen eine Zunahme um 14 Prozent erlebt.

Wie in „Sber2B Analytika“ betont wird, sei der Kunde einer Zahnarztklinik in der Mehrzahl eine Person mit einem Durchschnittseinkommen. So beträgt das Durchschnittseinkommen des Besuchers von stomatologischen Kliniken 98.000 Rubel (umgerechnet etwa 1145 Euro). Und 44 Prozent von ihnen haben ein Privatauto. Die aktivste Altersgruppe unter den Besuchern sind Bürger im Alter von 35 bis 44 Jahren. Am meisten wenden sich Frauen an einen (Zahn-) Arzt (in 67 Prozent der Fälle).

Formal kann man von einer stabilen Zunahme der zahnärztlichen Leistungen in Russland sprechen. Der Gesamtumsatz des russischen Zahnarzt-Marktes überstieg entsprechend den Ergebnissen des vergangenen Jahres 870 Milliarden Rubel, womit er um 23 Prozent innerhalb eines Jahres zugenommen hatte. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 wuchs dieser Markt um 15,4 Prozent, teilte man in „DentalData“ mit.

Branchen-Experten verbinden jedoch solch eine Dynamik eher damit, dass die finanziellen Möglichkeiten der Patienten aufhören, den Anschluss zum Wachstum des Marktes zu bewahren. Es nehmen die Durchschnittsrechnung und der Umsatz des Marktes an sich zu, doch die Anzahl der Patienten und der Sprechstunden nimmt nicht zu, konstatierte man in „DentalData“. Im Ergebnis dessen hört die Stomatologie auf, ein Markt einer zunehmenden Nachfrage zu sein, und wird zu einem Markt eines Kompensationswachstums.

Die weitere Verteuerung macht die Leistungen für eine Behandlung von Zähnen zu einer unerschwinglichen für einen erheblichen Teil der Bevölkerung, und die Behandlung an sich wird auf „später“ verschoben. (Wobei dies wohl vor allem für kostenpflichtige Zahnarztbehandlungen gilt. — Anmerkung der Redaktion). Auf die hohen Kosten der Leistungen verweise nach Meinung der „DentalData“-Experten auch dies, dass immer mehr Patienten Kredite, Zahlungsaufschübe und Ratenzahlungen bei der Bezahlung der stomatologischen Leistungen in Anspruch nehmen. Laut ihren Angaben hätten im vergangenen Jahr fast zwölf Prozent der Patienten solche Formen genutzt.

Der Markt der Zahnarztleistungen in Russland wächst weiterhin aus der Sicht der Finanzen. Dieses Wachstum wird jedoch in erster Linie durch eine medizinische Inflation und eine Zunahme der durchschnittlichen Kosten und nicht durch eine signifikante Erweiterung des Umfangs der Leistungen bedingt, stimmte Schamil Omarow, Chefarzt der Dokmtor-Omarow-Klinik, zu. „Die Anzahl der Kliniken nimmt formal zu, doch die Ökonomie der Branche ist spürbar komplizierter geworden. Auf das Business drücken gleichzeitig das Wachstum des Lohn- und Gehaltsfonds, die Verteuerung der Materialien und Ausrüstungen, die Steuerbelastung und die hohen Finanzierungskosten“, zählte er auf.

Im Endergebnis ist die Anhebung der Preise in größerem Maße eine Form, um die Stabilität und nicht das Wachstum der Rentabilität zu bewahren. Im Endergebnis wird der Markt zu einem noch mehr polarisierten: Die großen und stabilen Kliniken werden stärker während es für neue Projekte immer schwieriger wird, Fuß zu fassen, meint Omarow.

Was die Zunahme der Zahl von Zahnarztkliniken unter den Bedingungen des inflationären Markts angeht, so hänge dies nach Meinung von Experten ebenfalls mit der niedrigen Schwelle für ein Betreten dieses Markts und der Attraktivität des Segments für eine Bewahrung des Kapitals zusammen. „Unter den Bedingungen der Instabilität auf den Finanzmärkten ist es erheblich einfacher, eine kleine Zahnarztklinik oder ein entsprechendes Kabinett (Behandlungsraum) zu eröffnen als beispielsweise eine Klinik mit einem breiten Profil zu schaffen. Dies erlaubt den neuen Akteuren, schnell eine Nische einzunehmen, besonders im Format „ein Kabinett“ oder einer Mikropraxis. Außerdem schaffe das Ansteigen der Preise für die Leistungen die Illusion von einer großen Marge, was selbst jene zu einem Betreten des Markts veranlasse, die die realen Risiken nicht berücksichtigen“, erläuterte Dozentin Maria Twerdochlebowa von der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität.

Dabei bleibe die reale Rentabilität der meisten neuen Kliniken eine geringe oder negative, fuhr sie fort. „Die Zunahme der Zahl von Organisationen ist oft nicht mit einer organischen Entwicklung zu erklären, sondern mit einem „Aufsplitten des Business“ für eine steuerliche Optimierung. In einigen Fällen arbeiten einige Neulinge aufgrund der harten Konkurrenz um Ärzte und aufgrund des Wachsens des Lohn- und Gehaltsfonds mit einem minimalen Aufschlag, um die Patienten zu behalten. Im Endergebnis balanciert ungeachtet der Zunahme der Anzahl der Kliniken ein erheblicher Teil von ihnen an der grenze der Rentabilität. Und das gesamte Wachstum des Markts erfolgt durch eine Anhebung der Preise und nicht durch eine stabile Erweiterung der Nachfrage“, meint die Expertin.

Jedoch mache es keinen Sinn, irgendeinen drastischen Einbruch der Branche in den nächsten Jahren zu erwarten, ist sich David Melik-Guseinow, stellvertretender Direktor der Hochschule für staatliche Verwaltung der Präsidenten-Akademie, sicher. „Die Struktur der Branche hat sich in den letzten Jahrzehnten ernsthaft verändert. Die staatlichen Zahnarztpraxen arbeiten in den meisten Regionen heute vor allem im Rahmen des Systems der Krankenpflichtversicherung und gewährleisten ein Basisspektrum von Leistungen. Der Hauptumfang des Marktes ist aber schon seit langem in den privaten Sektor übergegangen. Und faktisch hat praktisch jeder Einwohner des Landes in den letzten 20, 30 Jahren zumindest einmal die Leistungen von privaten Zahnärzten in Anspruch genommen. Der Stomatologie-Markt bleibt eines der stabilsten und gefragtesten Segmente der Privatmedizin“, unterstreicht der Experte.

Das Wachstum des Marktes der Zahnarztleistungen verknüpft er mit der Brancheninflation. „Alles, was heute in der Stomatologie und ästhetischen Medizin verwendet wird – die Verbrauchsmaterialien, Implantate, Ausrüstungen und Präparate – hat in erheblichem Maße eine Import-Herkunft. In den letzten Jahren sind die Kosten für die Logistik angestiegen, komplizierter wurden die Lieferketten, teurer wurden die Materialien an sich. Im Endergebnis sind die Durchschnittskosten in der Stomatologie spürbar angestiegen“.