Der Mai-Gipfel der Organisation der Turk-Staaten (OTS) verspricht, zur einer wichtigen diplomatischen Nachricht des Jahres zu werden. Bei einem Treffen mit der Öffentlichkeit des Verwaltungsgebietes Turkistan erklärte Kasachstans Präsident Qassym-Schomart Tokajew, dass vor dem Hintergrund des „Brandes“ im Nahen Osten und der generellen internationalen Turbulenzen das heilige Land von Turkistan erneut seine historische Mission – zu einer Plattform für eine Vereinigung und das Suchen nach Frieden zu werden – erfüllen müsse. In der letzten Zeit sind die Kaspi-Häfen des Irans bereits zweimal Raketenangriffen ausgesetzt worden.
„Wir müssen uns stets dessen erinnern, dass Turkistan eines der politischen Schlüsselzentren des Kasachischen Khanats gewesen war, in dem schicksalsschwere Entscheidungen getroffen wurden, die die Zukunft der Nation bestimmten“, unterstrich Qassym-Schomart Tokajew. Für den Präsidenten ist die Rückkehr zu den Ursprüngen nicht einfach ein Zeichen der Achtung der Geschichte, sondern eine Strategie für die Zukunft. Davon ist auch in der jüngst angenommenen neuen Verfassung des Landes die Rede (die am 1. Juli 2026 in Kraft treten wird – Anmerkung der Redaktion).
Das Staatsoberhaupt zog eine direkte Linie vom legendären Kurultai (dem Volksrat) in Hordabasy, das die Nation vor 300 Jahren gerettet hatte, bis zu den heutigen internationalen Initiativen Kasachstans. Die Einheit, die zu einem Unterpfand für den Sieg in der Schlacht von Anyrakai geworden war, wird heute in eine diplomatische Geschlossenheit der turksprachigen Welt transformiert.
„Wir sind diejenigen, die den großen Weg unserer Vorfahren fortsetzen“, unterstrich der Präsident, wobei er ein Mai-Treffen der Turk-Staaten auf höchster Ebene ankündigte. Unter den Bedingungen der gegenwärtigen Instabilität höre das Gipfeltreffen der OTS auf, einfach eine Protokollveranstaltung zu sein. Diese „besondere Bedeutung“, von der der Präsident spricht, verlangt von den Staatsorganen eine maximale Konzentration. Der Regierung und der Führung der Region (Turkistan) ist die klare Aufgabe gestellt worden: Die Organisation des Treffens muss seinem hohen politischen Status entsprechen, informierte die Internetressource Tengrinews mit.
Zum Anlass für die kurzfristige Mobilisierung der Diplomatie der Turk-Staaten wurde die drastische Eskalation des Konflikts zwischen dem Iran, Israel und den USA, dessen Konsequenzen bereits über die Grenzen des Nahen Ostens hinaus zu spüren sind. Zu einer direkten Bedrohung für die Sicherheit der OTS-Länder wurde ein Zwischenfall am 7. März: Die zivile Infrastruktur der Autonomen Republik Nachitschewan – eine Exklave Aserbaidschans – war unter Beschuss geraten. Attacken von Drohnen unklarer Herkunft verursachten Schäden am Flughafen und an einem Schulgebäude. Vier Zivilisten erlitten Verletzungen. Baku bewertete den Vorfall als einen Terrorakt und versetzte die Streitkräfte in Gefechtsbereitschaft, wobei es Erklärungen von Teheran erwartete. Später ist der Konflikt zwischen Baku und Teheran geregelt worden.
Diese kritische Situation bildete die Grundlage für die Tagesordnung der kurzfristig einberufenen Tagung des Außenministerrates der OTS in Istanbul. Die Teilnehmer erörterten nicht nur eine Koordinierung der Handlungen in Bezug auf den Iran und die Golf-Staaten, sondern auch Fragen einer Propagierung des Images der Organisation unter den Bedingungen der globalen Krise.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan akzentierte die Aufmerksamkeit darauf, dass die Welt der Turk-Staaten in der gegenwärtigen Situation verpflichtet seien, als eine geschlossene Front aufzutreten. „Wir brauchen eine gemeinsame Position zum Nahost-Konflikt“, unterstrich der Minister, wobei er die Wichtigkeit einer Erweiterung der Zusammenarbeit hervorhob.
Derweil weitet sich die Geografie des Konflikts weiter aus. Und am 22. März wurde einer der iranischen Schlüsselhäfen am Kaspischen Meer – Bandar Anzali – einem Raketenschlag seitens der USA und Israels ausgesetzt. Die Nachrichten über die Attacken in der Kaspi-Region haben in der kasachischen Gesellschaft ernste Besorgnis ausgelöst. Nach Meinung des Politologen Sultan Akimbekow gebe es jedoch „kein direktes Risiko für eine großangelegte militärische Auseinandersetzung auf unserem Territorium“.
Der Experte unterstreicht, dass sich in der Zone der potenziellen Schläge russische Tanker befinden würden, die Treib- und Brennstoffe in den Iran transportieren. Unter Berücksichtigung der Abgeschlossenheit des Kaspischen Meeres könne jeglicher Zwischenfall mit einem derartigen Schiff zu einer Katastrophe führen. „Wenn ein Tanker getroffen wird, wird dies zu einer ernsthaften Herausforderung. Wir erinnern uns der Folgen der Schiffsuntergänge im Schwarzen Meer, wo die Küste der Krasnodarer Verwaltungsregion nach wie vor nicht wiederhergestellt worden ist. Das Austreten mehrerer tausend Tonnen Brennstoffe im Kaspi-See wird unweigerlich unsere Ufer erreichen, wobei einer nicht wiedergutzumachender Schaden der Ökologie zugefügt wird“, betont Akimbekow.
Das Begreifen der Anfälligkeit der regionalen Stabilität veranlasst Kasachstan, nach neuen Wegen für eine Gewährleistung der globalen Sicherheit zu suchen. In diesem Kontext unterstrich Präsident Qassym-Schomart Tokajew bei einem Briefing nach dem Referendum zur neuen Landesverfassung die Wichtigkeit eines pragmatischen Vorgehens in der internationalen Politik. Das Staatsoberhaupt würdigte insbesondere hoch die Strategie von Donald Trump.
„Ich empfinde große Achtung für den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seine Strategie, die auf einem gesunden Grundgedanken beruht, erscheint als eine richtige und verdient Unterstützung“, erklärte Kasachstans Staatsoberhaupt. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Tokajew der Initiative des Board of Peace, wobei er deren innovative Herangehensweise an die Lösung schwierigster Weltprobleme hervorhob. Nach Meinung des Präsidenten seien gerade solche Initiativen in der Lage, eine Eskalation von Konflikten, die die Sicherheit der ganzen Region bedrohen, zu verhindern.
Der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für internationale Studien an der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO des Außenministeriums Russlands, Alexander Knjasew, ist nicht so optimistisch eingestellt. Er ist der Auffassung, dass „nach dem israelischen Schlag gegen den iranischen Hafen Bandar Anzali die Kaspi-Region zu noch einem Kriegsschauplatz wird. Und alle Kaspi-Anrainerstaaten – zu Frontstaaten“. „Aber da ergibt sich ein geringer Widerspruch zu den Interessen der USA. Eine Involvierung Aserbaidschans in den Krieg wird augenblicklich nicht nur die „Trump-Route“, und der ist doch der Sangesur-Korridor, zu Grabe tragen, sondern auch die ganze Idee vom „Mittleren Korridor“, der stabile Verbindungen der Länder Zentralasiens mit der Türkei und Europa über das Kaspische Meer unter Umgehung der Territorien Russlands und des Irans vorsieht. Und mit diesem „Korridor“ sind in Vielem auch andere Kaukasus-Pläne der USA verbunden. Fragen ergeben sich auch hinsichtlich der Ölpipeline BTC (Baku-Tbilissi-Ceyhan), über die fast die Hälfte des israelischen Ölimports aus Aserbaidschan erfolgt…“, sagte Alexander Knjasew der „NG“.
Auf jeden Fall würden, sagte der Expert, alle Kaspi-Transportkorridore scheinbar auf Pause gestellt werden. Doch unter Berücksichtigung dessen, dass in Russland die Möglichkeit einer Begleitung der eigenen Handelsschiffe inklusive Tanker durch Kräfte der Kaspi-Flottille erörtert werde, könne sich die Pause als eine spektakuläre erweisen. Auf Pause sind auch die Projekte aller transafghanischen Routen gen Süden – sowohl die Energie- als auch die Transportrouten — aufgrund der anhaltenden Attacken pakistanischer Streitkräfte gegen Afghanistan gestellt worden. Folglich ist es für die Länder Zentralasiens an der Zeit, über eine Bewahrung der traditionellen Orientierung hinsichtlich ihrer Handelsrouten nachzudenken.