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Die Kirche verstößt Saakaschwili-Anhänger


In der Georgischen orthodoxen Kirche ufert ein innerer Konflikt aus. Er hat auch eine politische Ebene erreicht. Am 1. Juni erklärte ein Anhänger des amtierenden Patriarchen und Katholikos Ilija II., der Bischof von Bodbe, Iakow (Jakobashvili), dass „die Kirche die Partei „Für Georgien“, die durch den ehemaligen Premierminister des Landes Giorgi Gacharia gegründet wurde, bei den Wahlen nicht unterstützen wird“, aber auch gegen eine „Rückkehr der Nationalen“ auftrete, wobei er androhte, dass „der Georgier zur Waffe greifen wird“. Auf die Worte von Jakobashvili reagierte hart Georgiens Ex-Präsident Michail Saakaschwili. Gerade seine Anhänger werden im Land üblicherweise als „Nationale“ bezeichnet. „He, sei dort vorsichtiger, damit sich die Waffe, die du zu ergreifen aufrufst, nicht dort wiederfinden wird, wo es dir nicht gefallen wird, Erzbischof! Ich hoffe, dass sich der ganze patriotische Klerus von dieser beispiellosen schändlichen Erklärung distanziert. Als ein einfacher Sohn der Georgischen orthodoxen Kirche bin ich zusammen mit den übrigen gläubigen „Nationalen“ und allen normalen Menschen insgesamt gekränkt worden. Ich erwarte eine unverzügliche und eindeutige Antwort von der Mutterkirche“, schrieb er auf seiner Facebook-Seite.

Saakaschwili ist ein Anhänger des Metropoliten Pjotr (Caawa), der im Jahr 2019 exkommuniziert wurde und wegen dem die Georgische orthodoxe Kirche von einer Reihe von Skandalen erschüttert wird. So wurde am 31. Mai bekannt, dass das Oberhaupt der Eparchie (Diözese) von Tschkondidi, Metropolit Stefan (Kalaidshishvili), einen Anhänger des in Ungnade gefallenen Hierarchen aus dem Priesteramt verstieß – den Vorsteher der Kathedrale zur Geburt der Gottesmutter im Dorf Salchino in der Munizipalität Martvili, Hegumen Daniil (Gvilava). Durch die Entscheidung des Erzbischofs wurde der Hegumen (Igumen) auch exkommuniziert. „Wenn ein Hohepriester den Patriarchen brüsk beschuldigt, so ist darüber nicht im Fernsehen herumzuschreien und dorthin mit den Anschuldigungen zu gehen. Die Anschuldigungen erklingen jede Minute. Maskiert wird dies mit der Redefreiheit. Wenn du ein Geistlicher bist, wird von dir mehr Verantwortung gefordert“, erklärte Kalaidshishvili die Bestrafung für den oppositionellen Kleriker. Er fügte hinzu, dass neben den Angriffen gegen das Oberhaupt der Georgischen orthodoxen Kirche der Hegumen an einem „Aufstand gegen die Kirche“ teilgenommen hätte.

Wahrscheinlich sind die Zwischenfälle gemeint, die sich im Frühjahr ereignet hatten. Am 21. April war Metropolit Stefan nach Salchino gekommen, um in der dortigen Kirche einen Gottesdienst zu leiten. Freilich war es ihm nicht sofort gelungen, die Liturgie zu zelebrieren. Anhänger des ehemaligen Oberhauptes der Eparchie, des Metropoliten Pjotr (Caawa), versuchten den Erzbischof daran zu hindern, zur Kathedrale zu gehen. Die verbalen Auseinandersetzungen endeten mit Handgreiflichkeiten. Damals hatte Gvilava, der auch noch der Vorsteher des Klosters von Salchino war, die Pforten des Klosters vor dem hochrangigen Gast geschlossen, wobei er erklärt hatte, dass er „sich Christus unterordnet“, aber nicht den Kirchenoberen und „Russen“. Nach zwei Tagen stimmte der Geistliche doch zu, das Kloster zu verlassen. Am 25. April wiederholten sich jedoch die Zusammenstöße zwischen den Gläubigen. Die Situation spitzte sich so weit zu, dass Georgiens Innenministerium gezwungen war, ein Strafverfahren aufgrund der Tatsache der Besetzung des Klosters und der Schlägerei einzuleiten.

In der Georgischen Patriarchie bezeichnet man das Vorgefallene als eine „beispiellose und grobe Verletzung der Kirchenregeln“. Daran erinnernd, dass Metropolit Stefan „durch den Heiligen Synod mit allen Vollmachten ausgestattet worden ist“, erklärte man in der Patriarchie, dass der „Zwischenfall in der Eparchie von Tschkondidi eine geplante Provokation gegen diese Eparchie und die Georgische Kirche insgesamt gewesen war“. „Videoaufnahmen haben gezeigt, dass die Handlungen der Aktionsteilnehmer in keiner Weise dem Verhalten von Gläubigen entsprechen. Diejenigen, die derartige Prozesse planen, sind zu unwürdigen Handlungen imstande. Für sie sind schon lange eine Aggression, Lüge und Verleumdung zu einer gewöhnlichen Erscheinung geworden. Sie haben keine Furcht vor Gott und keinen Glauben. Und jetzt greifen sie sogar zu Gewalt“, heißt es in einer Mitteilung, die auf der Internetseite der Patriarchie veröffentlicht wurde.

Hegumen Daniil an sich ist mit den Anschuldigungen an seine Adresse nicht einverstanden und beabsichtigt, das Verdikt des Erzbischofs anzufechten. „Metropolit Stefan hatte kein kanonisches Recht für solch eine Entscheidung und hat sie allein getroffen. In unserer Kirche herrschen ein Papismus und eine kommunistische Herrschaft. Der Sozialismus ist noch nicht von der Kirche weggegangen“, erklärte Gvilava in einem Interview für einen einheimischen Fernsehsender.

Die Skandale in der Eparchie von Tschkondidi dauern bereits zwei Jahre an, seitdem Bischof Pjotr (Caawa) aufgrund scharfer Äußerungen und Kritik an der Kirchenführung verboten wurde, als Geistlicher zu dienen, seinen Weihegrad verlor und gezwungen war, im Oktober 2019 sein Amt zu verlassen. Viele Geistliche in Tschkondidi unterstützten ihn jedoch. Den Kirchenfrieden und die Kirchenordnung sollte Bischof Grigori (Katsia) wiederherstellen, der durch einen Beschluss der Synod der Georgischen orthodoxen Kirche ernannt worden war, die Diözese zu leiten. Er wurde jedoch mit der Aufgabe nicht fertig. Und am 11. Februar vertraute man Metropolit Stefan (Kalaidshishvili) die Eparchie an. Diese Ernennung hat allerdings die Situation nur verschlimmert. Und die Konflikte zwischen den Anhängern und Gegnern von Caawa wurde zu einer häufigen Erscheinung.

Anfang März fielen bei einer Rangelei im Diözesen-Gebäude in Martvili zehn Personen von einem Balkon. Zum Anlass für den neuen Konflikt wurden eine Reihe von personellen Umbesetzungen, aber auch die Entscheidung des neuernannten Hierarchen, zwei Diakone, die Caawa unterstützt hatten, mit einem Verbot zu belegen. Im Ergebnis des Unfalls kamen sechs Personen mit Verletzungen unterschiedlichen Schweregrades ins Krankenhaus. Kalaidshishvili gab dabei hart zu verstehen, dass er nicht beabsichtige, sich zu ergeben. Am 30 März schloss er „aufgrund des Versuchs, die Georgische orthodoxe Kirche zu spalten“, elf Geistliche von der Kommunion aus. Einen Tag später veranstaltete Caawa mit seinen Anhängern ein Meeting am Gebäude des Georgischen Patriarchats in Tbilissi. Neben einem Treffen mit Ilija II. forderten die Kundgebungsteilnehmer eine großangelegte Kirchenreform, die Anerkennung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (die von der Russischen orthodoxen Kirche nicht anerkannt wird – Anmerkung der Redaktion) und beinahe eine Unterstellung der Georgischen orthodoxen Kirche unter die Führung des Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I.

Was Bartholomäus I. angeht, so erklärte er Anfang Mai in einer Sendung des georgischen oppositionellen Fernsehkanals TVFormula, dass das Patriarchat von Konstantinopel die „Mutterkirche“ und das koordinierende Zentrum der Orthodoxie darstelle, und warf der Russischen orthodoxen Kirche „den antikanonischen Wunsch vor, sich in die Angelegenheiten anderer orthodoxer Kirchen einzumischen“, darunter der Georgischen, mit dem Ziel, zum „Dritten Rom“ zu werden. „Der Ansprüche auf eine „Führungsrolle“ bezichtigen, kann man auf der Grundlage offizieller Dokumente oder zumindest auf der Grundlage von Erklärungen von Hierarchen. Bekanntlich gibt es solcher seitens des Patriarchats von Konstantinopel mehr als genug, während es sie seitens der Russischen orthodoxen Kirche überhaupt nicht gibt“, reagierte der Vorsitzende der Abteilung für auswärtige Kirchenverbindungen der Russischen orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion (Alfejew) auf die Worte des Patriarchen.

In Georgien ist gut bekannt, dass der ehemalige Leiter der Eparchie von Tschkondidi, der sie ab dem 21. Dezember 2006 geleitet hatte, die Bildung der Orthodoxen Kirche der Ukraine aktiv unterstützte. „Die Ukraine muss eine unabhängige Kirche haben. Sie darf nicht in den Gebeten des Kirchenoberhauptes des Landes-Eroberers erwähnt werden und darf sich nicht in dessen kirchlichen Unterstellung befinden“, erklärte Caawa im Juni 2018. Freilich machte er den Einwand, dass dies nur seine persönliche Meinung sei. Mit der Zeit begannen, seine Erklärungen einen anklagenden und fordernden Charakter zu tragen. Anfang 2019 kam es in der Georgischen Kirche zu einem grandiosen Skandal nach den öffentlichen Erklärungen von Caawa, wonach Ilija II. „in der Patriarchie die Sünde der Päderastie deckt“. Einige Monate später gab Bischof Iakow (Jakobashvili) in einer Sendung des Fernsehkanals TV Pirveli eine Erklärung ab, wonach die Georgiens Regierung beginnend ab 2016 ein Plan zur Absetzung des Patriarchen ausgearbeitet worden sei. An der Verschwörung hatten nach der Behauptung des Erzpriesters nicht nur der damalige Premierminister Giorgi Gacharia und der heute amtierende Innenminister Wachtang Gomelauri teilgenommen, sondern auch der Führer der Partei „Georgischer Traum“ Bidsina Iwanischwili, aber auch Vertreter der Kirche – Metropolit Pjotr (Caawa) und Oberpriester Georgij Mamaladse. Letzterer war im Frühjahr des Jahres 2017 Angeklagter im sogenannten „Zyanid-Fall“ und wurde zu neun Jahren Haft wegen Vorbereitung der Ermordung der Sekretärin und Referentin des Patriarchen, Shorena Tetruashvili, verurteilt.

Zu Beginn dieses Jahres wurden die Gerüchte über einen baldigen Sturz des Oberhaupts der Georgischen orthodoxen Kirche erneut aktiv in Umlauf gebracht. Genannt wurde auch ein konkretes Datum, der 11. Februar. Gerade für diesen Tag war eine Tagung des Synods unter dem Vorsitz von Ilija II. anberaumt worden. Die Assoziation der Religionskundler Georgiens behauptete, dass dieses Mal die Attacke unter Führung Moskaus und mit Unterstützung einer Gruppe von georgischen Bischöfen-Verbündeten der Russischen orthodoxen Kirche erfolgen sollte. Nach deren Version sollte das Amt des Kirchenoberhauptes der Patriarchen-Vertreter, der Metropolit von Senaki und Chkhorotsku, Bischof Shio (Mujiri), einnehmen, um den Einfluss Russlands auf den Synod der Georgischen orthodoxen Kirche zu verstärken. Vertreter des Patriarchats dementierten diese Informationen, und die Tagung der Bischöfe erfolgte ohne die erwarteten Exzesse.