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Die Pandemie kostet Russland zwei, drei verlorene Jahre


Die russische verarbeitende Industrie hat die Chance, zu den Vorkrisen-Werten bis Ende dieses Jahres zurückzukehren. Eine Wiederherstellung der Öl- und Gasförderung wird nur bis zum Jahr 2023 möglich, prognostizieren Experten der Moskauer Wirtschaftshochschule. So optimistische Prognosen setzen voraus, dass Russland nicht von einer dritten Welle der Coronavirus-Erkrankungen tangiert wird.

Der Rückgang der Industrie in der Russischen Föderation, der im Januar beobachtet wurde, bedeutet wahrscheinlich keinen Beginn einer dritten Rezessions- oder Stagnationswelle der Industrie, meint man im Zentrum für Entwicklung der Wirtschaftshochschule. Wenn die dritte Welle der Pandemie Russland wirklich nicht erfasst, so wird unsere Wirtschaft beginnen, zu einigen Vorkrisen-Werten bereits bis Ende dieses Jahres zurückzukehren. Bei Ausbleiben einer dritten Welle wird die Wiederherstellung der Gasförderung bereits Mitte des Jahres 2022 erwartet, die der Ölförderung – im Jahr 2023.

Dabei kann die gesamte russische Industrie (unter Berücksichtigung all ihrer drei Bestandteile – des Verarbeitungs- und des Fördersektors sowie die Energiewirtschaft) sogar früher wiederhergestellt werden als allein nur der Brennstoff- und Energiekomplex, meinen die Experten.

Der Umfang der Industrieproduktion fing ab April vergangenen Jahres zurückzugehen an und verringerte sich letztlich um 2,6 Prozent. Die Schlüsselrolle spielten bei diesem Rückgang die Beschränkungen für die Ölförderung, die im Rahmen der OPEC+-Vereinbarung beschlossen worden waren. Die Förderindustrie reduzierte das Volumen weitaus stärker – um 6,9 Prozent, während sich die verarbeitende Industrie sicherer fühlte und sogar den Ausstoß um 0,6 Prozent steigerte.

Der Dezember wurde von positiven Nachrichten bestimmt. Der Index für die Industrieproduktion befand sich im Vergleich zum Vorjahr im positiven Bereich. Im Januar dieses Jahres setzte aber wieder ein Rückgang ein, der dazu veranlasste, an die Möglichkeit einer neuen Rezessionswelle zu denken.

Insgesamt hat die russische Wirtschaft im vergangenen Jahr eine relativ gute Dynamik demonstriert, wobei sie weniger eingebrochen war als die Weltwirtschaft (minus 3,1 bzw. minus 3,5 Prozent). Doch der Beginn der Lockerung der Quarantäne-Restriktionen an und für sich garantiert keine automatische Rückkehr der Wirtschaft zum Vorkrisentempo des BIP-Wachstums auf einem Niveau von etwa 2,2 Prozent. Die globale Rezession des Jahres 2020 – die fünfte nach dem letzten Weltkrieg – kann noch Wellen von Insolvenzen und einer Finanzkrise auslösen, die die vorangegangenen Rezessionen (mitunter mit einer Zeitverzögerung) begleiteten.

Das globale potenzielle Produktionswachstum ist in den Jahren 2010-2019 bis auf 2,5 Prozent zurückgegangen, was erheblich weniger als der durchschnittliche Jahreswert von 3,3 Prozent im vorangegangenen Jahrzehnt ist. Das potenzielle Wachstum für die Weltwirtschaft in den Jahren 2020-2030 wird lediglich 1,8 Prozent ausmachen. Und diese Tatsache kann sich äußerst negativ auf die für Russland wichtigen Preise für Energieträger auswirken, warnt man im Zentrum für Entwicklung.

Laut einer Prognose des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung wird eine Beschleunigung des Wachstums in den Jahren 2021-2023 von etwa einem Prozentpunkt im Vergleich zur Vorkrisensituation erwartet, darunter in diesem Jahr bereits um 3,3 Prozent. Um hinsichtlich der Ergebnisse für dieses Jahr das Tempo für das Wachstum der Industrieproduktion zu erreichen, das der aktuellen Version der mittelfristigen Prognose des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung zugrunde gelegt wurde (plus 2,6 Prozent im Jahr 2021), ist es erforderlich, dass ab Mai das durchschnittliche Monatswachstum in der Industrie etwa 0,2 Prozent ausmacht, hat man im Zentrum für Entwicklung berechnet. Dies wird der Industrie erlauben, im Dezember den Vorkrisenstand vom März des Jahres 2020 zu erreichen. Und so wird die Krise der russischen Industrie aus der Sicht des Produktionsumfangs einen Verlust von einem Jahr und neun Monaten bescheren.

Die Erwartungen für das Industriewachstum hängen mit der Wiederherstellung der internationalen Nachfrage nach Erdöl zusammen. Vizepremier Alexander Novak erklärte am Mittwoch während einer Beratung von Präsident Wladimir Putin mit der Regierung, dass Russland erwarte, dass die internationale Nachfrage nach Öl im Jahr 2022 auf den Vorkrisenstand zurückkehren werde.

In den Branchen der verarbeitenden Industrie verbindet man die Wiederbelebung und Wiederherstellung mit den Auswirkungen der Importsubstitution, der stabilen Fertigung in der Rüstungsindustrie und dem Einfluss der aufgeschobenen Nachfrage. Denis Manturow, Minister für Industrie und Handel, berichtete, dass der Anteil der einheimischen Erzeugnisse bei den staatlichen Einkäufen von 49 Prozent im Jahr 2019 bis auf 57 Prozent im vergangenen Jahr angestiegen sei. Im Industrie- und Handelsministerium erwartet man, dass mit der Inkraftsetzung des Gesetzes über die Quotierung im Jahr 2021 der Anteil der russischen Waren und Dienstleistungen bei den staatlichen Einkäufen noch mindestens um sieben Prozent zunehmen werde.

Das Ministerium rechnet gleichfalls mit einer Beibehaltung des Wachstums in der Pharma-Industrie im Bereich von fünf bis zehn Prozenten. In der Chemiebranche wird ein Wachstum von rund sieben Prozent erwartet, das die Zunahme des Konsums und die Realisierung von Investitionen sichern sollen. Zu einer der Triebkräfte für das Wachstum in diesem Jahr kann die Metallurgie werden, darunter auch die Forcierung der Verarbeitung im Land. Nach Aussagen von Manturow soll im Jahr 2021 die Zunahme bei der Herstellung von Bekleidung und Schuhwerk sowie von Sportartikeln besonders spürbar werden. Er rechnet gleichfalls mit einer Wahrung des Wiederherstellungstrends in der Automobilindustrie.

„Eine langsamere Wiederherstellung des Fördersektors der Industrie im Vergleich zu den verarbeitenden Branchen nach der durch die COVID-19-Pandemie bedingten Krise wird mit den Handlungen zur Einschränkung der Erdölförderung im Rahmen von OPEC+, mit dem Bestreben in der Welt, den Verbrauch „schmutziger“ Kohle zu reduzieren, und der Beibehaltung der aktuellen Einschränkungen aufgrund der epidemiologischen Situation, die die Wiederherstellung der Nachfrage nach Energieträgern zügeln werden, zusammenhängen“, sagte der „NG“ der Leiter der Abteilung für analytische Untersuchungen der Hochschule für Finanzverwaltung, Michail Kogan. „Beispielsweise hat sich laut Angaben der International Air Transport Association der weltweite Passagierstrom im Jahr 2020 um 70 Prozent verringert. Und eine Wiederherstellung bis auf den Vorkrisenstand ist nicht früher als im Jahr 2023 zu erwarten“.

Nach Aussagen des Experten werde im Unterschied zum Sektor der Förderung von Bodenschätzen in den verarbeitenden Industriezweigen die erfolgte Schwächung der nationalen Währung eine positive Wirkung erzielen, aber auch das Abreißen der Logistik-Ketten, was veranlasste, die Variante einer Verlegung von Fertigungen nach Russland zu erörtern. „Der Beginn der Vakzinierung und die Belebung der russischen Wirtschaft schaffen die Basis für eine Entwicklung dieses Segments der Industrie, während sich der Fördersektor unter anderem auf die Auslandsnachfrage orientiert“, sagte Kogan.

„Ungeachtet der möglichen dritten Welle der (Corona-) Epidemie in der Welt, weckt die Situation in Russland doch Optimismus“, sagte Oleg Kalenow, Dozent am Lehrstuhl für Industriewirtschaft der Russischen G.-V.-Plechanow-Wirtschaftsuniversität, der „NG“. „Dies wird durch die gesammelten großen Erfahrungen aus dem Kampf gegen die Infektion und durch die aktive Vakzinierung der Bevölkerung bedingt. All dies fördert ein schrittweises Herauskommen der russischen Industrie aus der Krise. Es macht jedoch keinen Sinn, sich mit Schlussfolgerungen dahingehend zu beeilen, dass sie schneller als der Brennstoff- und Energiekomplex wiederhergestellt werden kann. Die Situation auf dem Ölmarkt verbessert sich. Die Preise für das schwarze Gold demonstrieren eine stabile Zunahme. Die Zukunft gehört dem Gas gerade als ein Energieträger. Ursache dafür sind unter anderem auch ökologische Faktoren. Im letzten Jahrzehnt hat der Gas-Konsum in der Welt um 20 Prozent zugenommen. Auf dem internationalen Gasmarkt ist Russland ein entscheidender Akteur und wird offenkundig in den nächsten Jahrzehnten die Führungsrolle bewahren“.