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Die Partei „Georgischer Traum“ ist dem Herrn näher gekommen


Je näher die Wahl des neuen Patriarchen der Georgischen orthodoxen Kirche (GOK) rückt, desto erbitterter wird der Informationskrieg zwischen den Herrschenden und der Opposition in Georgien. Die Seiten werfen einander einen Verrat der Nation vor und legen auf ihre Art und Weise die Geschichte aus. Den vorübergehend das Patriarchenamt wahrnehmenden Shio hat man noch nicht zum Kirchenoberhaupt gewählt, doch bereits als einen russischen Spion und eine Marionette der Partei „Georgischer Traum“ bezeichnet.

Die Führungskräfte der Partei „Georgischer Traum“ behaupten, dass ihre Gegner versuchen würden, den Tod von Patriarch Ilia II. für eine Diskreditierung der GOK auszunutzen. In der regierenden Partei ist man sich dessen gewiss, dass die Oppositionellen im Interesse von Ausländern den Versuch unternehmen würden, die geistlichen Grundlagen der Gesellschaft ins Wanken zu bringen, um letzten Endes den Staat zu vernichten. Dabei unterstreicht man in der Partei „Georgischer Traum“, dass man solch eine Entwicklung der Ereignisse vorausgesehen hätte und daher das Gesetz über ausländische Agenten verabschiedet habe.

So sei nach Aussagen von Premierminister Irakli Kobachidse eines der Hauptziele des „Gesetzes über die Transparenz“ der Kampf gegen die Antikirchen-Kampagne gewesen. „Wir brauchten viele Anstrengungen, um sie zu verlangsamen. Vor etwa vier, fünf Jahren befand sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Intensität. Und wir mussten sie entlarven“, erklärte der Regierungschef.

Seinerseits unterstrich Parlamentschef Shalva Papuashvili, dass die Eurobürokraten schon seit langem eine „Pseudoreligion“ promoten und die Kirche als ihren Konkurrenten betrachten würden. „Wenn sich die Kirche nicht in den Dienst deren globalistischen Agenda stellt, versuchen sie, sie zu zerstören – durch eine Aufteilung, Diskreditierung, durch Beleidigungen und das Anhängen der Labels einer antiwestlichen oder prorussischen an sie. Sie geben diesen Prozessen falsche Bezeichnungen — „Zivilgesellschaft“ -, erfinden falsche Ideologien — „Gender-Identität“ — und stellen sich als einen unbedingten Fortschritt dar, der a priori einer Begeisterung würdig ist“, erklärte Papuashvili.

Deren Worte erklangen vor dem Hintergrund von Meldungen, wonach der Gründer von „Georgischer Traum“, Bidzina Ivanishvili, Ilia II. Gehasst hätte. Die Oppositionellen behaupten, dass der Milliardär möglicherweise an dem Versuch zur Vergiftung des Patriarchen im Jahr 2017, an der Organisation eines Agentennetzes um das Oberhaupt der GOK, aber auch an der Verbreitung diskreditierenden Materials gegen ihn beteiligt gewesen sein könnte. Dabei stellen die oppositionellen Medien Ilia II. an sich als einen Demokraten dar.

Beispielsweise habe der Patriarch, wie TV Pirveli berichtete, mindestens dreimal die Partei „Georgischer Traum“ gebeten, die politischen Häftlinge freizulassen. Außerdem hätten die von Ivanishvili kontrollierten Geheimdienste laut Informationen des Fernsehsenders seit dem Jahr 2017 an einer Liste von Nachfolgern Ilias II. gearbeitet. Zu ihr gehörten die Erzbischöfe Andrij Gvazava und Daniil Patschuashvili, der Erzpriester Isaia Tschanturia, die Metropoliten Abba Alaverdeli und Shio Mujiri und Bischof Feodor Tschuadse. Über jeden von ihnen sei ein Dossier mit einer Auflistung der starken und schwachen Seiten erstellt worden. Da Shio zum Statthalter des Patriarchen-Throns und Favoriten des Wahlkampfs geworden war, verhielt sich die Partei „Georgischer Traum“ mit größter Aufmerksamkeit ihm gegenüber. Und die Vertreter der Rechtsschutz- und Sicherheitsorgane hätten ein Verzeichnis all seiner Anhänger in der Georgischen orthodoxen Kirche erstellt.

Die Opposition ist der Auffassung, dass Shio (der 57 Jahre alt ist) mindestens mit den Herrschenden zusammenarbeiten werde. Unter anderem sei er seit der Kindheit mit dem Politiker und Unternehmer Levan Vasadse (55 Jahre alt) befreundet, der durch seine Sympathie für Russland und Ablehnung des Liberalismus bekannt ist. Im Jahr 2021 hatte Vasadse sogar die national-konservative Partei „Nation“ gebildet. Dabei habe am 25. März Shio in einem Gespräch mit seinem Assistenten Diakon Andrij Dshamaidse angeblich erklärt, dass Ivanishvili, den der Erzbischof „Boss“ nennt, mit Vasadse Verhandlungen aufgenommen habe. Bisher sei jedoch unbekannt, was konkret der Gründer von „Georgischer Traum“ wolle, berichtete TV Pireli.

„Die Oppositionellen werfen Shio vor, dass er angeblich mit russischen Geheimdiensten liiert sei, unter anderem aufgrund dessen, dass er in Russland eine theologische Ausbildung erhalten hatte. Aber das Gleiche hatten sie auch über Ilia II. Gesagt. Der Patriarch wurde für sie zu einem Verteidiger liberaler Werte erst, nachdem an seiner Beisetzung anderthalb Millionen Menschen teilnahmen“, berichtete der „NG“ der politische Analytiker Gia Abaschidse.

Nach Aussagen des Experten hätte es die Opposition gern, dass zum neuen Patriarchen das Oberhaupt der Eparchie von Zchinvali, Metropolit Isaia Tschanturia, wird. Zur gleichen Zeit war noch zu Zeiten der Präsidentschaft von Michail Saakashvili die Idee von einer synodalen Verwaltung aufgekommen, in deren Rahmen überhaupt kein Patriarch nötig ist.

„Wie dem nun auch immer sein mag, die Opposition braucht keinen religiösen Führer, sondern einen Politiker, der im Namen der Kirche für eine Integration in die Europäische Union eintreten und Russland kritisieren wird. Sie begreifen einfach nicht, womit sich der Patriarch befassen muss. Daher werden sie nie richtig „ihren Kandidaten“ haben“, resümierte Abaschidse.

Der Politologe und Mitglied der Parlamentspartei „Kraft des Volkes“, David Kartvelishvili, ist der Meinung, dass die Opposition seit langem auf den Tod von Ilia II. gewartet hätte, um ihren Mann an die Spitze der Kirche zu stellen und mit dessen Hilfe eine Revolution zu beginnen. In der Georgischen orthodoxen Kirche gebe es jedoch keine ausreichende Anzahl von Menschen, die den Willen des verschiedenen Kirchenoberhauptes ignorieren könnten. „Die Opposition versucht, das Ansehen von Shio zu verderben. Aber allen sind deren Motive offensichtlich“, sagte Kartvelishvili der „NG“.