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Die Russische orthodoxe Kirche gegen Androhungen im Stil „Wir können es wiederholen“


Der Vorsitzende der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew) kritisierte in einer Sendung des russischen staatlichen Fernsehkanals „Rossia-24“ die Politiker und Geistlichen, die verantwortungslos Erklärungen im militaristischen Geist abgeben. Am Vorabend des Tages des Sieges erinnerte er daran, wie schwer unser Land unter dem Großen Vaterländischen Krieg gelitten hatte, und rief auf, nicht darauf zu hoffen, dass Russland jeglichen bewaffneten Konflikt gewinnen könne.

„Viele haben die Vorstellung darüber verloren, dass der Krieg etwas Böses ist“, sagte der Geistliche. „Wir leben bereits 76 Jahre in der Situation eines Friedens. Die Menschen, die sich an den Krieg erinnern, derer bleiben immer weniger. Und an ihre Stelle tritt die Jugend, die sehr militant eingestellt ist. Und selbst einige Politiker erklären, dass Russland stets alle Kriege gewonnen hätte. Wir hätten keine Angst. Wer zu uns mit einem Schwerte komme, der werde auch durch das Schwert umkommen… In der heutigen Situation sind dies aber recht verantwortungslose Erklärungen, selbst wenn sie aus populistischen Gründen erfolgen“.

Interessant ist, dass der Metropolit in einem kritischen Geist den Satz zitiert, den man Fürst Alexander Newski zuschreibt. Gerade im Mai begeht man den 800. Geburtstag des frommen Fürsten. Der Bezwinger der Teutonen und Schweden wird als ein Symbol der Vereinigung von Kirche und Armee wahrgenommen. Es sei daran erinnert, dass vor nicht allzu langer Zeit die Idee aufgekommen war, ein Denkmal für Alexander Newski auf dem Lubjanka-Platz in Moskau (gegenüber dem Hauptquartier des russischen Inlandgeheimdienstes FSB – Anmerkung der Redaktion) zu errichten.

Der Metropolit nannte Gründe, denen man zufolge nicht mit militanten Erklärungen um sich werfen dürfe. „Erstens hat Russland nicht in allen Kriegen gewonnen“, erinnerte er. Zweitens habe es dort, wo Russland, wie es schien, im Krieg gewonnen hatte, ihm nicht immer zum Nutzen gereicht. Im Ersten Weltkrieg war es auf der Seite der Sieger. Jedoch endete alles mit einem Untergang des Staates. „Drittens, selbst wenn es in einem Krieg gewonnen hat, müssen wir uns dessen erinnern, zu welch einem Preis, was für Opfer für diese Siege gebracht wurden“, rief Alfejew auf.

„Deshalb zu sagen, dass wir einen Krieg nicht fürchten und wir stets als Sieger aus einem Krieg hervorgehen würden, dies sind sehr verantwortungslose Erklärungen, besonders in der gegenwärtigen Zeit, in der die ganze Welt ein Pulverfass ist, in der ein gewaltiges Arsenal an Kernwaffen angehäuft worden ist und in der beim Ausbleiben zügelnder Faktoren ein Einsatz der Waffen zu einer globalen Katastrophe führen kann“, resümierte der hochrangige Vertreter der Russischen orthodoxen Kirche.

Die Äußerungen des Metropoliten erklangen vor dem Hintergrund mehrerer patriotischer Veranstaltungen, die scharfe Kritik in der Gesellschaft ausgelöst hatten. So wurden zwiespältig die in Regionen veranstalteten „Paraden von Knirpsen-Truppen“ aufgenommen, bei denen man Kinder im Kindergartenalter in Kleidung steckt, die an Uniformen aus Kriegszeiten erinnern, und die Knirpse kleine, mitunter recht brutale Szenen nachstellen. Viele sind der Auffassung, dass derartige Veranstaltungen in der heranwachsenden Generation militaristische Verhaltensweisen ausprägen.

Die Journalistin, die das Gespräch mit dem Kirchenhierarchen führte, fragte, wie er zu der Initiative eines nicht namentlich genannten Geistlichen in Bratsk stehe, der für Kinder einen Schießklub eingerichtet hat. Der Vertreter der Russischen orthodoxen Kirche antwortete, dass er diese Tätigkeit nur als eine, die ein sportliches Ziel habe, billigen könne. Und er bekundete den Vorbehalt: „Bei einigen Menschen kann sich ein Hang zur Nutzung von Waffen entwickeln. Und sie werden die Waffen dort einsetzen, wo man dies nicht tun sollte“.

„Ich denke nicht, dass ein Dienst in der Armee für jeden Mann notwendig ist.“ Außerdem erklärte Metropolit Hilarion (Alfejew): „Jegliches Dienen kann nur dann ein erfolgreiches sein, wenn es aus Berufung erfolgt. Unter den heutigen Bedingungen ist eine wahrhaft schlagkräftige Armee eine Berufsarmee, in die Menschen aus Berufung dienen kommen, die bereit sind, ihr Leben für die Rettung der Heimat zu riskieren“. Und er kritisierte die Geistlichen, die selbst keine Erfahrungen eines Militärdienstes haben und mit militaristischen Erklärungen auftreten.