Die wesentliche Verringerung des russisch-chinesischen Handels erklären unsere Staatsbeamten mit einer Sättigung des russischen Marktes „durch eine Reihe von Kategorien chinesischer Erzeugnisse“. Aber auch „durch einen bestimmten Einfluss der westlichen Sanktionen“, die immer noch nicht die gegenseitig vorteilhafte Entwicklung des russisch-chinesischen Handels gestoppt haben. Die russischen Industriellen haben jedoch eine völlig andere Sichtweise auf diese „gegenseitig vorteilhafte Entwicklung“. China brenne heute schnell die Überreste der russischen Industrie aus, sagen russische Unternehmensdirektoren. Sie bezeichnen die Tendenz der Gewährung staatlicher Subventionen für die Vermarktung chinesischer Erzeugnisse als russische in der Russischen Föderation als eine gefährliche. Den wirtschaftlichen Konkurrenzkampf mit China hat heute nicht nur Russland verloren, sondern auch die USA, denen nur gewaltsame Methoden des Konkurrenzkampfes mit China durch eine Besetzung von Märkten und Handelsrouten geblieben sind. Die USA und Russland könnten zu wirtschaftlichen Methoden des Konkurrenzkampfes mit China durch die Organisation einer gemeinsamen Fertigung unter Nutzung billiger russischer Rohstoffe und qualifizierter Arbeitskräfte zurückkehren, schlagen einheimische Industrielle vor.
Der Umfang des russisch-chinesischen Handels ist im letzten Jahr um 6,9 Prozent eingebrochen. China hat begonnen, in Russland weniger Erdöl, Kohle und Erdölprodukte zu kaufen. Es hat gleichfalls die Lieferungen von Fertigerzeugnissen in die Russische Föderation verringert. Im Herbst vergangenen Jahres berichteten die Medien über ein Verbot für Lieferungen hochtechnologischer Anlagen und Ausrüstungen sowie von Werkzeugmaschinen mit einem hohen Präzisionsgrad der Bearbeitung nach Russland. Russische Käufer berichten, dass selbst die Ausfuhr von bereits erworbener Technik aus China von „unangenehmen Zwischenfällen“ begleitet werde.
„Leider hält auch ein bestimmter Einfluss der westlichen Sanktionen an. Ich möchte jedoch unterstreichen, dass sie nicht die gegenseitig vorteilhafte Entwicklung des russisch-chinesischen Handels gestoppt haben. Dank einer Koordinierung auf der Ebene der Regierungen und des Business ist es uns gelungen, effektive Kanäle für ein Zusammenwirken zu organisieren, neue Produktions- und Logistik-Ketten sowie stabile Mechanismen für die Abwicklung der bilateralen Verrechnungen zu schaffen“, erläuterte Russlands Botschafter in China, Igor Morgulow, gegenüber der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Nach seinen Worten würden uns im begonnenen Jahr „neue Leistungen, interessante Projekte und viel Arbeit, die in erster Linie auf die Gewährleistung eines Wohlergehens und Prosperierens der Völker unserer Länder ausgerichtet ist, erwarten“. Was den Import aus China nach Russland angehe, der um etwas mehr als zehn Prozent zurückgegangen ist, sei sein Rückgang durch viele Spezialisten aufgrund der Sättigung unseres Marktes durch eine Reihe von Kategorien chinesischer Erzeugnisse vorausgesagt worden, teilte der russische Diplomat mit.
Derweil bewerten russische Wirtschaftsfachleute und Unternehmer die Beziehungen mit China oft mit weniger diplomatischen Formulierungen. „Die Dynamik des Anteils des russischen Markts im chinesischen Export verweist auf eine Verringerung dessen Wichtigkeit selbst unter den Bedingungen der Restriktionen für Lieferungen chinesischer Erzeugnisse in die USA“, betonten Alexander Knobel und Alexander Firantschuk aus dem Gaidar-Institut. Die Lieferungen aus China nach Russland sind im Zeitraum Januar-November des vergangenen Jahres um beinahe zwölf Prozent zurückgegangen. Und der Anteil des russischen Markts sackte für China bis auf 2,7 Prozent ab, wobei er sich im vergangenen Jahr um 0,5 Prozentpunkte verringerte. Aufgrund der Anhebung der Recycling-Gebühr haben sich die Lieferungen von Autos halbiert. Die Lieferungen anderer Kategorien von Maschinen und Anlagen gingen fast um elf Prozent zurück.
Dabei lenken viele russische Unternehmer die Aufmerksamkeit nicht nur auf die operativen Zahlen der Handelsstatistik, sondern auch auf die generellen Folgen der Zusammenarbeit mit China für Russland.
„Rund 57 Prozent der ganzen technologischen Anlagen und Ausrüstungen in Russland sind chinesische. Das heißt: Wir sind bereits fast vollkommen zu chinesischen Technologien übergegangen. Dies bedeutet, dass Russland heute kritisch davon abhängt, ob China die Lieferungen von Anlagen und Ausrüstungen in unser Land stoppt oder nicht“, erläuterte Wladimir Boglajew, Generaldirektor des Tscherepowezer Gießerei- und Mechanik-Werks.
Nach seinen Worten „brennt China heute vollkommen die Überreste der russischen Industrie aus, wobei in einem früher ungeahnten Tempo“. Die Zusammenarbeit mit China bezeichnet er als eine gefährliche, da sie zu einer absoluten Rohstoff-Abhängigkeit Russlands von dem östlichen Nachbarn führe. „Wir werden nicht einmal auswählen können, von wem wir abhängige sein werden. China ist als ein Land gefährlich, das uns die technologische Souveränität nimmt. Der Westen hat uns der finanziellen Souveränität beraubt. Und China raubt die industrielle und technologische Souveränität“, warnt Boglajew.
Es sei angemerkt, dass China heute objektive wirtschaftliche Möglichkeiten für ein „Ausbrennen“ nicht nur der russischen Industrie, sondern auch jeglicher Massenproduktion in den meisten Ländern, die nicht mit China hinsichtlich der Dimensionen der Produktion und hinsichtlich der Selbstkosten der Fertigerzeugnisse konkurrieren können.
Die Europäer haben sich bereits faktisch mit der Unmöglichkeit eines Konkurrierens mit den chinesischen Massenerzeugnissen auf den offenen Märkten abgefunden. Die USA begreifen ungeachtet der Anhebung der Schutzzölle wahrscheinlich auch die Unmöglichkeit eines Konkurrierens mit der Volksrepublik China auf den freien Märkten mit rein wirtschaftlichen Methoden. Gerade daher ist die Administration in Washington zu Gewaltmethoden der Rivalität mit China übergegangen, zum Beispiel durch die Besetzung eines soliden Anteils des globalen Erdölmarkts. Oder über ein Verdrängen chinesischer Unternehmen mittels Gewaltmethoden aus wichtigen Wirtschaftssektoren – angefangen bei IT-Technologien bis hin zu Transportwegen (Panama-Kanal).
Auch die russischen Offiziellen hoffen, einige Segmente der russischen Wirtschaft vor einem chinesischen „Ausbrennen“ zu schützen. In der Russischen Föderation versuchen die Staatsbeamten, die Rüstungstechnologien oder die Möglichkeiten für die Herstellung einheimischer Bahntransportmittel zu bewahren. Die Industriellen verweisen jedoch darauf, dass es in unserem Land praktisch unmöglich sein werde, die kleinen Inseln hochtechnologischer Produktionsstätten für die Luft- und Raumfahrt zu bewahren, wenn durch China die Überreste des russischen Werkzeugmaschinenbaus oder des Maschinenbaus vernichtet werden. Denn ohne die Herstellung der Basiselemente für jegliches beliebiges Industrieerzeugnis wird man wohl kaum russische Flugzeuge, Schiffe, Autos oder Raketen bauen können.
Für den Schutz der einheimischen Autoindustrie wenden die russischen Offiziellen unter anderem Schutzbarrieren unter dem Namen „Recycling-Gebühr“ zum offenkundigen Unmut der Chinesen an. Es ist kein Zufall, dass die chinesischen Unternehmer versuchen, verschiedenartige Varianten für ein Umgehen derartiger Schutzbarrieren zu finden. Dafür würden nach Aussagen von Boglajew bereits Verträge abgeschlossen, die erlauben, nach Russland chinesische Fertigerzeugnisse zu bringen, die danach als russische deklariert werden. Dabei planen die Chinesen, für den Absatz dieser chinesischen Erzeugnisse Subventionen aus dem russischen Haushalt zu bekommen.
Nirgends in der Welt subventioniert ein einkaufendes Land den Kauf chinesischer Importerzeugnisse bei sich. „Wir werden zum ersten und einzigen Land in der Welt, das für jene staatliche Subventionen gewährt, die auf chinesische Technik das Etikett „Made in Russia“ kleben werden“, warnt Boglajew. Nach seinen Worten würden die Chinesen heute nicht einmal Varianten für eine tiefgreifende Lokalisierung ihrer Fertigung auf dem Territorium der Russischen Föderation erwägen.
Für eine Bewahrung der Wettbewerbsfähigkeit der russischen Unternehmen schlägt Boglajew vor, sich Gedanken über eine umfassende Wirtschaftszusammenarbeit mit den USA auf der Grundlage spezieller Regimes der Preisbildung für Rohstoffressourcen zu machen.