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Die Shanghai-Gruppe hat es bisher vorgezogen, die Nahost-Turbulenzen nicht zu bemerken


Am 31. August 2026 wird Bischkek zum Austragungsort des nächsten Gipfeltreffens der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit. Vor dem Hintergrund der Eskalation im Iran und der Grenzkonflikte Pakistans und Afghanistans hat die Organisation nach wie vor keine einheitliche Position ausgearbeitet. Die Rolle der Shanghai-Gruppe und der Republik Kirgisistan bei der Gewährleistung von Frieden ist zum zentralen Thema einer Rundtischdiskussion in Bischkek geworden.

Das Thema der militärischen Konflikte im Verantwortungsbereich der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit und der Rolle Kirgisistans bei der Gewährleistung der regionalen Sicherheit hat für die Republik eine prinzipielle Bedeutung. Wir befinden uns auf einem Kontinent mit den Hauptkonfliktzonen“, erklärte Gulja Koschokulowa, Abgeordnete des Shogorku Kenesch (des Parlaments) der Republik Kirgisistan, im Rahmen der Rundtischdiskussion „Militärische Konflikte im Verantwortungsbereich der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit: Die Rolle Kirgisistans bei der Gewährleistung der regionalen Sicherheit“.

Sie erklärte, dass für die Länder Zentralasiens die Fragen der regionalen Sicherheit keinen theoretischen, sondern einen praktischen Charakter tragen würden.

Die Parlamentariern unterstrich, dass die Instabilität innerhalb der Shanghai-Gruppe, in der vier Länder in Konflikte involviert sind, von der Organisation entschiedene Handlungen verlange. Vor dem Hintergrund des Ignorierens des Völkerrechts durch die starken Staaten müsse die Shanghai-Gruppe zu einem Garanten für die Souveränität ihrer Mitglieder werden und von der UNO einen realen Schutz des Friedens erreichen.

Es sei daran erinnert, dass der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit China, Russland, Kirgisistan, Kasachstan, die Republik Belarus, Tadschikistan, Indien, Pakistan, Usbekistan und der Iran angehören, Afghanistan und die Mongolei sind Beobachterländer. In der Organisation gibt es gleichfalls den Status „Dialog-Partner“. Zu denen gehören Aserbaidschan, Armenien, Kambodscha, Nepal, die Türkei, Sri Lanka, Bahrein, Ägypten, Katar, Kuweit, die Malediven, Myanmar, Saudi-Arabien und die VAE.

Die Abgeordnete betonte die Schlüsselrolle Kirgisiens bei der Gestaltung eines Sicherheitsschildes: Dies sind sowohl die Ratifizierung des Abkommens über die Bildung eines Zentrums für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Bischkek als auch die erfolgreichen Erfahrungen des Terrorismusbekämpfung (mit einem Nullindex von Gefahren in der Republik Kirgisistan) sowie die Initiative zur Implementierung von Mechanismen für ein schnelles Reagieren an den Grenzen.

„Im Jahr seines Vorsitzes und des 25jährigen Bestehens der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit konzentriert sich Kirgisistan auf eine Festigung des Vertrauens und eine kollektiven Bekämpfung von Terrorismus, Separatismus und Extremismus“, resümierte Koschokulowa.

Der Militärexperte und Veteran der Geheimdienste der Republik Kirgisistan Nurlan Dosalijew konstatierte, dass der Konflikt im Iran – allem nach zu urteilen – in die Phase einer langwierigen Konfrontation eingetreten sei, in der der „Kriegsnebel“ und die selektive Anwendung des internationalen Rechts die reale Diplomatie ersetzen würden. Nach seiner Meinung habe der Fehlschlag der Berechnungen hinsichtlich einer schnellen Kampagne die Konfrontation der Armee in einen Wettbewerb der technologischen und finanziellen Ressourcen transformiert. Die kolossalen Kosten der modernen Luftabwehrsysteme und der Logistik würden den Krieg zu einem Testfall für die Wirtschaft machen. Besondere Besorgnis löse die Strategie zur Ausdehnung des Konflikts per Proxy-Mechanismen und durch ein Schüren religiöser Zwietracht (die Sunniten gegen die Schiiten, die Araber gegen die Perser) aus. Der Experte warnt: Der Informationskrieg habe bereits die Grenzen des Bereichs der Kampfhandlungen überschritten. In den Ländern Zentralasiens seien Fake-News in den nationalen Sprachen fixiert worden, deren Ziel eine Involvierung der Region in eine globale Konfrontation sei.

Experten lenken ebenfalls die Aufmerksamkeit auf die sogenannten sekundären Gefahren, die in der Lage sind, die Länder Zentralasiens in die globale Konfrontation hineinzuziehen. Zu einem anschaulichen Beispiel wurde die scharfe Attacke israelischer Massenmedien gegen Duschanbe. Tadschikistan bezichtigte man faktisch einer Ausnutzung des humanitären Korridors für Lieferungen von militärischen Erzeugnissen in den Iran. Es geht dabei um einen Konvois aus 110 Großlastern, die offiziell Lebensmittel, Medikamente und Bekleidung transportieren. In Israel spielt man auf einen anderen Inhalt an – auf Bauteile für die Angriffs- und Aufklärungsdrohnen Ababil-2.

Zum Hauptargument der Kritiker wurde das im Mai 2022 in Duschanbe in Betriebe genommene Werke für die Montage der iranischen taktischen Drohnen Ababil-2. Laut der Version der israelischen Seite erlaube die Konstruktion dieser Drohnen, sie in einer auseinandergebauten Form in den Standard-LKW-Anhängern zu transportieren.

Ungeachtet der kategorischen Dementis seitens Duschanbes und Teherans bleibt die Situation eine hochexplosive. Die israelische Aufklärung hat ein intensives Monitoring des Konvois, der die Grenze des Irans am 18. März passierte, organisiert. Und in den politischen Kreisen Israels werden bereits Appelle laut, den Konvoi als ein „legitimes militärisches Ziel“ anzuerkennen. Für Tadschikistan ist der Preis dieses Zwischenfalls ein äußerst hoher.

Bei Übergang von den globalen Herausforderungen zu den regionalen unterstrich Igor Schestakow, der Direktor des Zentrums für Experten-Initiativen „Oy Ordo“, den wesentlichen Unterschied im Charakter der Gefahren. Während die Instabilität im Nahen Osten vorrangig die Transportlogistik tangiere, stelle der Konflikt zwischen Pakistan und der Taliban-Bewegung für Zentralasien eine direkte existenzielle Bedrohung dar. Unter den Bedingungen dessen, dass auf dem afghanischen Territorium zehntausende Kämpfer konzentriert seien, beschwöre jegliche Eskalation zwischen Kabul und Islamabad unkontrollierbare Flüchtlingsströme für die Region heraus. Das Hauptrisiko ist hier die Infiltration terroristischer Gruppen, die es auf einen Sturz der weltlichen Regimes in den Republiken Zentralasiens abgesehen haben.

In diesen turbulenten Knoten versucht aktiv Washington einzudringen, indem es den Boden für eine Rückkehr auf den Luftwaffenstützpunkt Bagram sondiert, was deutlich auf den Wunsch der USA hinweist, den Konflikt für eigene Interessen zu moderieren. Vor diesem Hintergrund sehe nach Meinung des Experten die Handlungsfähigkeit der Shanghai-Gruppe wie eine überschätzte aus: Die Organisation habe nach wie vor keine klare Position sowohl hinsichtlich des Iran- als auch bezüglich des Afghanistan-Cases ausgearbeitet.

Das Sicherheitsvakuum versucht Ankara auszunutzen, indem es danach strebt, die Rolle des Hauptfriedensstifters zu übernehmen und den einstigen Einfluss von Teheran für sich zu gewinnen, indem die militärische Komponente in der Organisation der Turk-Staaten (OTS) lobbyiert wird. Jedoch ist hinter der ambitiösen Rhetorik der Türkei hinsichtlich einer „Einheit der Turk-Staaten“ eher ein kommerzielles Interesse auszumachen. Es geht um eine Vermarktung der Erzeugnisse der eigenen Rüstungsindustrie. Schestakow erinnerte daran, dass unter den Bedingungen einer sich in die Länge ziehenden Wirtschaftskrise Ankara keine Ressourcen für ein reales militärisches Agieren im Rahmen der OTS habe. Und die Aufrichtigkeit der „Bruderschaftsideologie“ löse Zweifel aus. Nach Meinung von Schestakow bleibe der einzige reale Garant für die Stabilität der Region die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit.