Nach dem erneuten Machtantritt der „Taliban“-Bewegung in Afghanistan stellte sich mehrfach die Frage, ob die Kräfte des Widerstands gegen das herrschende Regime ihm Paroli bieten und welche Rolle sie bei der weiteren Aufteilung der Einflusssphären spielen können. Bisher gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass den derzeitigen Herrschenden in Kabul etwas droht.
Die „Taliban“ bleibt an der Macht und bewahrt ihre innere Legitimität. Der Widerstand ist schwach. Und kein einziger Staat in der Region hält einen Machtwechsel in Afghanistan für ein zu bevorzugendes Szenario. Keiner ist bereit, die hohen Unkosten zu übernehmen, die für einen Sturz der Taliban notwendig sind.
Die oppositionellen Formationen konzentrieren sich in den nördlichen und nordöstlichen Regionen Afghanistans, vor allem in den Provinzen Baglan und Tachar sowie in der Pandschschir-Schlucht. Widerstand leisten dem Taliban-Regime solche Gruppierungen wie die „Nationale Widerstandsfront“ unter Führung von Ahmad Massoud, dem Sohn von Ahmad Shah Massoud, aber auch „Front für die Freiheit Afghanistans“ unter Führung des einstigen Generalstabschefs der Afghanischen nationalen Armee, General Yasin Zia. Zur Zahl der Antitaliban-Formationen gehören auch kleinere Gruppen.
Die nördlichen Regionen des Landes waren historisch mit der „Nördlichen Allianz“ — einer Vereinigung, die vor dem Hintergrund des politischen Vakuums nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan (der vor 37 Jahren abgeschlossen wurde – Anmerkung der Redaktion) entstanden war – verbunden. Der Aufschwung der „Taliban“ Mitte der 1990er Jahre zwang die ehemaligen politischen Widersacher, sich als eine Antwort auf die zunehmende Bedrohung zu vereinigen. Der Widerstand hatte sich einer internationalen Unterstützung versichert, was im weiteren half, die Positionen der Allianz in Nordafghanistan zu bewahren.
Nach dem August des Jahres 2021 hat sich jedoch die Geschichte nicht wiederholt: Dieses Mal war die Vereinigung der Antitaliban-Kräfte, nachdem sie es nicht geschafft hatte, sich einer internationalen Unterstützung zu versichern, bereits nach einem Monat gezwungen gewesen, sich aus den nördlichen Provinzen inklusive der Provinz Pandschschir zurückzuziehen. Obgleich die Führer des Widerstands über die Durchführung hunderter Operation jedes Jahr berichten, sind die meisten Experten der Auffassung, dass die Handlungen der Opposition nicht in der Lage seien, das Kräfteverhältnis zu verändern.
Die Angreifbarkeit der Einwohner der nördlichen Provinzen Afghanistans versetzt sie in eine abhängige Lage von der Hilfe, deren Verteilung die Regierung der Taliban kontrolliert. Zu den sozial-ökonomischen Stimuli gehören die Zuteilung von Boden, die Möglichkeit einer Arbeitsanstellung sowie eine geneigte Haltung seitens der örtlichen Verwaltungsbehörden.
Das Zusammenwirken zwischen der Bevölkerung und den Behörden erfolgt über einheimische Beamte, Religionsvertreter und die Ältesten der Gemeinden. Die Kontakte tragen vor allem einen pragmatischen und keinen ideologischen Charakter und reduzieren sich darauf, dass für die Loyalität der Bevölkerung eingeschränkte soziale Leistungen und eine Gewährleistung der Sicherheit offeriert werden. Unter Berücksichtigung der großen Müdigkeit der afghanischen Gesellschaft nach vier Jahrzehnten Krieg, Opfern und Zerstörungen löst heutzutage die Politik der Taliban in den nördlichen Regionen des Landes keinen deutlichen Widerstand aus.
Bei der gegenwärtigen Situation sind die oppositionellen Kräfte kaum in der Lage, den erstarkenden Einfluss der Taliban im Norden Afghanistans zu untergraben. Und dies unter Berücksichtigung dessen, dass er nicht durch militärischen Druck ausgeübt wird, sondern unter Ausnutzung der Verwaltungsstrukturen, der örtlichen Rechtsinstitute und der wirtschaftlichen Anfälligkeit der Bevölkerung.
Hypothetisch die aktuelle Situation zu beeinflussen, ist eine Einmischung äußerer Kräfte in Gestalt einflussreicher regionaler oder globaler Akteure in der Lage. In solch einem Fall könnten die Antitaliban-Formationen als Proxy-Kräfte in einer größeren Konfrontation mit dem derzeitigen Regime ausgenutzt werden sowie eine spürbare Finanzierung und materielle Unterstützung erhalten. Ist jedoch irgendwer daran interessiert?
Obwohl die internationale Staatengemeinschaft die Politik der „Taliban“ verurteilt und sich das Land immer noch in einer relativen diplomatischen Isolation befindet, verweist alles darauf, dass die Regierung in der überschaubaren Zukunft mit einer großen Wahrscheinlichkeit die Macht bewahren wird. Viele Analytiker hatten einen Fall des Regimes vorausgesagt, ausgelöst durch die Wirtschaftskrise, die Fragmentierung in den Reihen der Bewegung oder durch Provokationen seitens der bewaffneten Opposition. Doch nach Verstreichen von vier Jahren haben sich diese Erwartungen nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, die Taliban haben die territoriale Kontrolle verstärkt, die Opposition neutralisiert und pragmatische Kontakte mit den Nachbarstatten hergestellt.
Die Stabilität der „Taliban“-Bewegung wird durch eine Reihe miteinander verbundener Faktoren bestimmt.
Erstens, die Großmächte und die regionalen Akteure stellen immer mehr die Stabilität in Afghanistan über die politischen Umgestaltungen, wobei sie ein Wiederaufflammen des Konflikts als eine größere Bedrohung für ihre Interessen denn eine Bewahrung der Macht durch die Taliban betrachten.
Zweitens schränken die ideologischen Grundlagen der „Taliban“ die Effektivität eines äußeren Drucks und einer bedingten Anerkennung ihrer Macht ein. Außerdem fördern die Struktur der afghanischen Gesellschaft, der historische Widerstand gegen radikale Reformen und das Nichtvorhandensein von Vertrauen verdienenden alternativen Herrschenden, die in der Lage sind, das Land effizient zu führen, eine Konsolidierung der Herrschenden.
Ja, und die weitere Herrschaft der „Taliban“ stellt unter den gegenwärtigen Bedingungen den für das Land geringsten traumatischen Ausweg dar.
Die Versuche, Druck zwecks eines Regime-Changes oder Durchführung radikaler Reformen in Afghanistan auszuüben, verheißen ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs und eine Destabilisierung der Lage in der Region. Die regionalen Akteure in Gestalt von Russland, China, Iran, der Länder Zentralasiens, von Indien und Pakistan sind sich in der Meinung einig, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen die Stabilität in Afghanistan politischen Experimenten vorzuziehen sei. Für jede der Seiten würde eine Zuspitzung der Lage im Land die Sicherheit der Grenzen bedrohen, den Handel und den Transit unterbrechen, die Rückkehr der Flüchtlinge erschweren und einen indirekten Konflikt provozieren.
China und die Länder Zentralasiens versuchen, mit Afghanistan auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung und bei der Realisierung von Wirtschaftsprojekten zusammenzuarbeiten. Der Iran beteiligt sich an der Lösung von Migrationsfragen, die unter anderem die Flüchtlinge betreffen. Die Herrschenden des Landes sind gleichfalls an einer Gewährleistung der Sicherheit der Grenzen, an Wasserressourcen und an einer Entwicklung des Handels interessiert. Indien setzt vor allem auf ein Zusammenwirken zwecks Erweiterung des strategischen Zugangs zu Zentralasien und Ausbalancierung des Einflusses von Pakistan und China.
Ungeachtet der spürbaren Verschlechterung der Beziehungen in den letzten Jahren ist Pakistan ebenfalls nicht an einer Destabilisierung Afghanistans unter Berücksichtigung des großen Risikos der Folgen, besonders des Aufflammens von Aktivitäten der Puschtunen-Rebellen auf beiden Seiten der Durand-Linie (die praktisch nicht markierte 2640 Kilometer lange Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan) interessiert. Für Pakistan ist dies aufgrund dessen Strebens nach einer Verstärkung der Beziehungen mit den USA und den Golf-Staaten, aber auch der Aktivierung der Kontakte mit China und Russland strategisch unvorteilhaft.
In ihrer Gesamtheit erklären diese Faktoren, warum die Taliban in der überschaubaren Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit an der Macht bleiben werden.