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Die Verwandten mobilisierter Reservisten erwarten Geschenke vom Staatsoberhaupt


Die Gouverneure setzen die Begegnungen mit Ehefrauen von für die militärische Sonderoperation einberufenen Bürgern-Reservisten und Verwandten der an dieser Operation teilnehmenden Militärs fort. Hinsichtlich des Formats unterscheiden sich die Veranstaltungen. Das Wesen ist aber eines — die Fürsorge der Herrschenden soll gezeigt werden. Und im Kreml hat man bereits bestätigt, dass sich Wladimir Putin auf ein analoges Gespräch mit dem Volk vorbereite. Und als Termin wurde der Freitag, der 25. November genannt. Im Vorfeld des Muttertages, der in Russland seit 1998 begangen und in diesem Jahr auf den 27. November fallen wird. Experten nehmen an, dass solch ein Kommunizieren entsprechend dem Szenario der sogenannten „Call-in-Shows“ erfolgen wird, wobei der Präsident öffentlich eine Unterstützung von Bürgern erhält und obendrein deren privaten Probleme löst oder überraschende Geschenke macht.

Es macht Sinn, von den letzten Treffen eine Veranstaltung im städtischen Zentrum „Patriot“ unter Beteiligung des Gouverneurs vom Irkutsker Verwaltungsgebiet, Igor Kobsew, hervorzuheben. Am 22. November unterhielt er sich mit Ehefrauen von im Rahmen der Teilmobilmachung einberufener Reservisten, und danach schrieb er in den sozialen Netzwerken: „Für mich ist es eine große Ehre, persönlich mit diesen aufopferungsvollen Frauen zu sprechen. Gerade ihre Unterstützung ist ein Unterpfand für die Ruhe der Militärangehörigen. Sie sind eine wahre Stütze für die Jungs. Es ist unsere Pflicht, diesen Frauen zu helfen und alles Mögliche zu tun, damit sie und ihre Kinder mit allem Notwendigen versorgt sind, während sich die Familienväter in der Zone der militärischen Sonderoperation befinden“. Die Unterhaltung erfolgte in einer streng offiziellen Atmosphäre – in einer Aula mit Informationstafeln über den Großen Vaterländischen Krieg.

Solch eine Aktivierung der Gouverneure – freilich nicht in allen Regionen – hatte nach einer Erklärung des Präsidenten Anfang Oktober begonnen. Es seien ja im Verlauf der Teilmobilmachung Probleme des Militärbereichs zu Tage getreten, die man unter anderen Umständen nicht ermitteln hätte können. Und die Mobilmachung sei zu einem Anlass für die Klärung solcher Fragen geworden. Bei einem Besuch im Verwaltungsgebiet Twer am 7. November erklärte der Kremlchef, dass er sich persönlich mit Bürgern treffen wolle, um über die Situation mit der Unterstützung für die Mobilisierten zu sprechen. Und später hat er diesen Gedanken noch mehrfach wiederholt. Und nun findet also am Freitag solch ein Treffen statt. Vor dem russischen Muttertag am 27. November.

In der Zeit seit Anfang Oktober hat man bereits in mehreren Regionen eigene Formate durchgespielt. Und zwar der Gouverneur des Verwaltungsgebietes Wladimir, Alexander Awdejew, der Kursker Gouverneur Roman Starowoit sowie die Gouverneure der Verwaltungsgebiete Wolgograd und Saratow, Andrej Botscharow und Roman Busargin. In eine besondere Lage war das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Chakassien, Valentin Konowalow, geraten, dem man anfangs vorgeworfen hatte, dass er unaufmerksam gegenüber den Verwandten von Militärangehörigen sein. Er hat sich aber rasch gebessert, da er begriff, dass dies für ihn eine neue politische Attacke ist.

Bisher ist aber natürlich unklar, was für ein Format Putin für seine Begegnung auswählen wird – einen feierlichen Show-Act oder ein problembeladenes. Das Mitglied des Zentralrates der Partei „Gerechtes Russland – Für die Wahrheit“, Michail Jemeljanow, sagte, dass die Begegnung wahrscheinlich eine brisante werde, mit einer Behandlung realer Probleme, ohne „Hysterie und Slogans“, denn hier reagieren die Offiziellen auf ein Bedürfnis der Gesellschaft. Folglich „wird man uns wohl kaum ein schönes Märchen im Format „zu Gast bei Großväterchen Lenin“ zeigen. Der Leiter der analytischen Verwaltung der KPRF, Sergej Obuchow, vermutet, dass „man alles in einem Flacon vereinen wird“. Zur gleichen Zeit soll das Treffen auch einen Anlass für ein Dampfablassen geben. Und dies bedeutet, alle Traditionen der Call-In-Shows werden ausgenutzt. „Irgendwem schenkt man ein Hündchen, einer anderen ein Kleid, und irgendwem verlegt man eine Wasserleitung ins Dorf. All dies fügt sich in die Konzeption „ein guter Zar – schlechte Bojaren“ ein. Die Abgeordnete der Gesetzgebenden Versammlung Kareliens (Parlament dieser russischen Teilrepublik – Anmerkung der Redaktion) von der „Jabloko“-Partei Emilia Slabunowa pflichtet bei, dass eine Verbindung von Formaten möglich sei. „Natürlich wird man dem Präsidenten wohl kaum demonstrativ die akutesten Probleme vorführen. Man wird aber dosiert, sorgfältig und sehr akkurat einige ansprechen. Das Hauptziel des Treffens ist, das Volk davon zu überzeugen, dass der Präsident alles unter Kontrolle hat“. Der Staatsduma-Abgeordnete von der LDPR, Jaroslw Nilow, merkte an, dass „der Präsident verständlicherweise mit den Verwandten Probleme der Mobilisierten erörtern wird, aber anzunehmen, in welchem Format, dies sei ein Kaffeesatz-Lesen“.

Der Leiter der Politischen Expertengruppe, Konstantin Kalatschjow, erläuterte der „NG“: „Das Szenario für derartige Veranstaltungen wird vorab durchgesprochen, damit alles glaubwürdig aussieht. Daher wird man wohl kaum, eine an naive und primitive Kunst mit einem Karamell- und Lebkuchen-Beigeschmack erinnernde Handlung zeigen. Ohne die Diskussion von Problemen wird es in keiner Weise abgehen. In den Vordergrund gelangen aber jene, die per Fingerschnipsen des Präsidenten genehmigt sein werden. Denn die Hauptaufgabe der Veranstaltung ist, nicht so sehr das Volk davon zu überzeugen, dass der Präsident die Familien der Mobilisierten unterstützt, als vielmehr zu zeigen, dass sie selbst unbedingt den Präsidenten und die Sonderoperation unterstützen und dass all ihre einzelnen Fragen lösbar sind“. Nach Meinung des Experten werde es für das Volk Geschenke geben, wenn auch keine direkten. Wahrscheinlich Maßnahmen für eine zusätzliche soziale Unterstützung für die Familien, die parallel mit der Regelung privater Situationen der Gäste des Treffens bekanntgegeben werden. Das heißt: Das Format wird ein Zwischending zwischen „Wunder“ und brisanter Diskussion sein.

Post Scriptum

Im Internet tauchten derweil bereits am Mittwoch erste kritische Kommentare zu dem Freitag-Treffen des Kremlchefs mit handverlesenen Teilnehmerinnen auf. Dabei wird auch kein Hehl aus der Vermutung gemacht, dass eventuell Schauspielerinnen zum Einsatz kommen könnten. Massiv kritisiert wird, dass der „Rat der Mütter“ (Vorsitzende Olga Zukanowa) und das „Komitee der Soldatenmütter“ (Valentina Melnikowa) gar nicht erst eingeladen wurden. Das Interessantes dabei ist, dass Quellen im Kreml den Grund für das Geschehen nicht verheimlichen. Und auch in der Staatsduma war die Auffassung zu hören, dass der Kreml keine wahren Mütter von einberufenen Reservisten sehen wolle, da sich die Aktivistinnen zu aggressiv und „lärmend“ verhalten würden.

Im russischen Internet kursierte noch ein bemerkenswerter Gedanke, der sich durchaus in das Verhalten der Offiziellen einfügt. Laut Aussagen einer kremlnahen Quelle werde die Möglichkeit diskutiert, eine alternative patriotische Bewegung von Müttern von Militärs der russischen Armee aus der Taufe zu heben, um letztlich unbequeme Organisationen – von denen es in Russland kaum noch welche gibt – an den Rand zu drücken. Und gerade dafür veranstalte Wladimir Putin sein Freitag-Treffen.