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Die weißrussische Jugend entscheidet sich für die Heimat


Eine soziologische Untersuchung, die von der oppositionellen Jugendorganisation, die mit dem Vereinigten Übergangskabinett liiert ist, durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass die weißrussische Jugend in den letzten Jahren apolitischer geworden ist. Dabei hat sich die Anzahl derjenigen verdoppelt, die nicht vorhaben, das Land zu verlassen, und planen, in ihm zu leben und zu arbeiten. Die Autoren der Untersuchung verbinden dies mit einer Zunahme des Individualismus und der Orientierung auf die persönliche Karriere in Verbindung. Und im Zusammenhang damit, dass durch die aus dem Land emigrierten Landsleute viele freie Arbeitsplätze geschaffen haben, ist es einfacher geworden, sie (die Karriere) im Land zu machen.

Das Forum „Zeit deiner Möglichkeiten“ hat am Donnerstag in Witebsk begonnen und endete am Freitag. An ihm nahmen Vertreter der arbeitenden Jugend aus allen Regionen des Verwaltungsgebietes teil. Die Organisatoren waren die Hauptverwaltung für ideologische Arbeit und Jugendfragen der Gebietsverwaltung, die Gewerkschaftsvereinigung und das Gebietskomitee des Weißrussischen republikanischen Jugendverbands (WRJV).

Auf dem Programm des Forums standen eine Vielzahl von sowohl Bildungs- als auch Unterhaltungsveranstaltungen. Organisiert wurde sogar die Dialog-Plattform „Die Jugend – die Zukunft des Landes“ unter Beteiligung von Spitzenvertretern der Führung des Verwaltungsgebietes Witebsk.

Diese Veranstaltung hätte man einfach zu einer der Formen für eine Berichterstattung der örtlichen bevollmächtigten Ideologen rechnen könne, wenn nicht am Vorabend ihrer Durchführung recht anschauliche Zahlen einer soziologischen Untersuchung veröffentlicht worden wären, die von einer oppositionellen Struktur, deren Spitzenvertreter sich in der Emigration, durchgeführt worden war – vom Weißrussischen nationalen Jugendrat „RADA“.

Befragt wurden Jugendliche, die nicht emigrierten, sondern in Weißrussland leben. Eine analoge Untersuchung war von dieser Struktur auch im Jahr 2022 durchgeführt worden. Und der Unterschied zu den früheren Ergebnissen ist ein recht beeindruckender.

Im Jahr 2022 hatten nur 30 Prozent der jungen befragten Menschen gesagt, dass sie in Weißrussland bleiben wollen. Aber im vergangenen Jahr machten solche bereits 62 Prozent aus. Das heißt: Radikal zugenommen hat der Prozentsatz der Menschen, die ihre Zukunft in Weißrussland sehen.

Die Beraterin von Swetlana Tichanowskaja für Jugendpolitik und die Studentenschaft, Margarita Worichowa, erläuterte auf einer der oppositionellen Internetseiten diese Ergebnisse so: „Dies hängt auch mit dem zusammen, dass sich das Verständnis für die Situation, das Verhältnis dazu, was sich ringsherum ereignet, normalisiert hat. Die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation ist für sie zu einer Norm geworden. Sie leben in den bestehenden Realitäten und errichten nicht mehr Luftschlösser hinsichtlich dessen, wie die potenzielle Zukunft aussehen kann. Sie versuchen einfach, sich in dem zu orientieren, was es jetzt gibt. Meines Erachtens führt dies auch dazu, dass sie denken: Und was kann ich hier und jetzt für mich tun, und nicht darüber nachdenken, wie sie ausreisen können“.

Wie merkwürdig es auch sein mag, doch die Ergebnisse der Umfrage begeistern sogar die Oppositionspolitikerin. „Im Vergleich zu der Umfrage, die wir im Jahr 2022 durchführten, sieht dies weitaus optimistischer aus, da es in dem mehr Erscheinungen von Individualismus und eines Setzens auf sich selbst gibt“, nimmt Worichowa an. „Die jungen Menschen haben aufgehört, sich bei der Absicherung ihres Lebens auf den Staat zu stützen, und haben begonnen, mehr auf sich zu setzen, auf ihre Fertigkeiten, auf ihren Charakter, auf ihre eigene Entwicklung“.

Die Autoren der Untersuchung konstatieren derweil eine Zunahme des Unpolitischseins der Jugendlichen. Diese Tendenz erklären sie damit, dass, da es keine Möglichkeit gibt, die Politik zu beeinflussen, natürlich das Interesse für diese Problematik als solche verschwindet.

Für einen wichtigen Moment in der Veränderung des Verhältnisses zu den persönlichen Perspektiven, die sich in der Entscheidung offenbart, das eigene Schicksal mit Weißrussland zu verknüpfen, halten die Experten die Situation, die auf dem Arbeitsmarkt des Landes entstanden ist. Während es früher für die jungen Menschen nicht einfach gewesen war, einen Job zu finden, der ihren Bedürfnissen und Erwartungen entspricht, hat sich die Lage der Dinge nunmehr verändert. In den letzten Jahren haben die Republik Belarus aufgrund politischer Motive nicht wenige gebildete professionelle Menschen verlassen. Und dementsprechend ist es einfacher geworden, eine würdig bezahlte Arbeit zu finden. Mehr noch, die Arbeitgeber kämpfen selbst um junge professionelle Mitarbeiter.

Der Staat arbeitet derweil aktiv daran, die Jugendlichen professionell in der für die Volkswirtschaft nötigen Richtung zu orientieren. Und die braucht keine Absolventen geisteswissenschaftlicher Fakultäten, die sich unterschiedliche gefährliche Fragen stellen, sondern professionelle Ingenieurkräfte.

Am Mittwoch berichtete Bildungsminister Andrej Iwanez auf der bilanzierenden Kollegiumssitzung des Ministeriums über die Realisierung der Konzeption für die Entwicklung der ingenieurtechnischen Ausbildung. Der Minister betonte: „Der praxisorientierte Charakter der Ausbildung ist gleichfalls eine überaus wichtige Aufgabe. Die Wirtschaft des Landes möchte nicht einfach einen jungen Spezialisten, einen Hochschulabsolventen sehen, sondern jenen Menschen, der über ein tiefgründiges theoretisches Wissen verfügt und bereit ist, heute die Arbeit ohne ein jegliches Zusatzstudium und ein Eintauchen in die konkrete Produktion aufnimmt“.

Iwanez teilte mit, dass in Umsetzung des entsprechenden Auftrags des Präsidenten zusammen mit dem Arbeitsministerium Mechanismen für eine Arbeitsplatzbeschaffung für Studenten der höheren Studienjahre in Unternehmen entsprechend der Spezialisierung ausgearbeitet werden. Derweil ist für eine erfolgreiche Karriere auch ein Demonstrieren von Loyalität notwendig.

Margarita Worichowa erklärte, als sie über die offiziellen Jugendinitiativen sprach: „Tatsächlich wird der WRJV nicht als eine Organisation der Zivilgesellschaft wahrgenommen, denn dies ist eine staatsnahe Organisation, in der die Jugend keinerlei Nutzen sieht – außer den, dass sie unter „Sanktionen“ aufgrund einer Nichtteilnahme gerät. Zum Beispiel stellt die Schule kein Diplom aus oder man kann nicht an einer Universität immatrikuliert oder einen Job finden“.

Und dennoch gesteht die Politikerin ein: „Mitunter gibt es aber doch innerhalb selbst des WRJV Initiativen, die als positive bewertet werden, zum Beispiel die Arbeit von Freiwilligen in Zentren für die Aufnahme von Tieren, Fahrten in Kinderdörfer und irgendeine praktischere Hilfe, wo die Menschen spüren, dass sie nützliche sind und dass sie ein Teil irgendeines guten Ziels und nicht einer ideologischen Struktur sind“.

Hinsichtlich der Ergebnisse der Untersuchung zieht sie eine recht überraschende Schlussfolgerung: „Dies wird eine individualistische, eine unabhängige Generation sein, die dem Staat nicht vertraut. Doch wahrscheinlich wird uns, wenn Mechanismen aufkommen, nur bleiben, diesen jungen Menschen, die bereits mehr an sich als an den Staat glauben, das beizubringen, wie man auf den Staat Einfluss nehmen kann“.