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Die Wiederbelebung der Pionierorganisation


Laut Angaben einer der letzten Umfragen des staatlichen Meinungsforschungszentrum VTsIOM würden 62 Prozent der Lehrer und 54 Prozent der Eltern von Schülern „bestimmt positiv“ die Tätigkeit der Pionierorganisation in der UdSSR beurteilen. 73 Prozent der Lehrer und 81 Prozent der Eltern würde „eher positiv“ der Etablierung eines allrussischen Pendants zur Pionierorganisation gegenüberstehen. Solch eine Organisation würde sich – wie es im bürokratischen Sprachgebrauch heißt – mit der „Realisierung unterschiedlicher Erziehungsprojekte“ befassen.

In der Staatsduma (dem Unterhaus des russischen Parlaments – Anmerkung der Redaktion) haben gleichzeitig Vertreter aller fünf Fraktionen einen Gesetzentwurf über die Bildung der Russischen Kinder- und Jugendbewegung „Große Pause“ eingebracht. Zum formalen Vorsitzenden der Bewegung soll der Präsident der Russischen Föderation höchstselbst werden. Die Organisation soll in den Bildungseinrichtungen wirken. Die neue Pionierorganisation (anders kann man sie nicht bezeichnen) soll bei den Kindern und Jugendlichen „eine Weltanschauung auf der Grundlage der traditionellen russischen geistigen und moralischen Werte“ ausprägen, ihnen „hohe moralische Gefühle sowie Liebe und Achtung gegenüber dem Vaterland“ vermitteln.

Es scheint, dass diese Initiative in den obersten Führungsriegen Unterstützung findet. Parallel erklingen in der Staatsduma andere, noch kühnere Vorschläge. Beispielsweise hat der Krim-Abgeordnete Michail Scheremet (Kremlpartei „Einiges Russland“) vorgeschlagen, das Siegesbanner zur Staatsflagge der Russischen Föderation zu machen. „Das rote Banner erinnern den Westen daran, dass unser Volk den Hauptbeitrag zum Sieg im Weltkrieg geleistet hat“.

Die neue (alte) Flagge würde ein symbolisches Canceln des postsowjetischen Russlands bedeuten, das sich von den 70jährigen Erfahrungen gelöst und den Versuch unternommen hatte, anders zu leben. Die Rückkehr der Pionierorganisation, wenn auch mit einem neuen Namen, dies ist ein inhaltliches Canceln. Geändert werden die Grundgedanken, unter anderem auch die in der Verfassung verankerten.

Im Wortlaut des Grundgesetzes bleibt selbst nach dem beim Referendum angenommenen Änderungen beispielsweise die Aussage darüber, dass keinerlei Ideologie zu einer Staatsideologie erklärt werden kann. Übrigens, nicht alle sind darüber gehalten. Ein Teil der Patrioten und Konservativen schlägt vor, diese Bestimmung aus der Verfassung zu entfernen. Wie dem nun auch sein mag, die Wiederbelebung der Pionierorganisation beschwört auch eine faktische Wiederbelebung einer Staatsideologie herauf. Die Eltern und Lehrer, die den Mitarbeitern des staatlichen VTsIOM antworten, reproduzieren den rosaraten Mythos von den sowjetischen Kinder- und Jugendorganisationen, in denen die Erziehungsarbeit natürlich eine Indoktrinierung vorsah.

Ideologische Umrisse sind auch jetzt markiert worden. Alles ist natürlich juristisch glatt und stromlinienförmig vorgenommen worden. Man kann behaupten, dass Patriotismus und die traditionellen Werte keinerlei Ideologie seien. Aber die eigentliche Aufgabenstellung belegt indirekt, dass die Familie und die Schule nicht mit der Erziehung von Patrioten fertig werden. Und die traditionellen Institute sind an und für sich unzureichend einflussreich. Sie brauchen Hilfe, eine föderale staatliche Organisation, die klare Antworten auf die Fragen hat, was Patriotismus ist und was es für Werte gibt, — richtige Antworten.

Die Wiederbelebung des sowjetischen Diskurses in Russland sieht vor, dass die kommunistische Form verworfen wird. Hinter ihr aber wird ein universeller Inhalt entdeckt, der auch bewahrt wird, eine gewisse Matrix für den politischen Aufbau, die Beziehungen von Staat und Gesellschaft. Und der Patriotismus und die traditionellen Werte werden zu einer neuen Ausgestaltung dieser Matrix.

Die Beobachtungen des politischen, des gesellschaftlichen Umfeldes erlauben die Schlussfolgerung, dass weder Patriotismus noch russische moralische und geistige Werte als wenig konkrete Begriffe angesehen werden können. Die Vertreter der Machtorgane definieren sie von Jahr zu Jahr immer konkreter. Unter Patriotismus wird immer häufiger (und umso mehr gegenwärtig) eine antiwestliche Haltung verstanden, wenn man es eingrenzt – ein Antiamerikanismus. Unter traditionellen geistigen und moralischen Werten – Antiliberalismus, der sehr oft die Form eines Kampfes gegen Abweichungen im persönlichen und Geschlechtsleben vom Standard der Mehrheit annimmt. Wahrscheinlich wird jetzt auf der Welle der sogenannten militärischen Sonderoperation auch eine „antinazistische“ Schicht hinzukommen.

All dies kann schwerlich als ein schlankes System bezeichnet werden. Es ist kaum mit der sowjetischen ideologischen Maschine vergleichbar. Doch für eine Basis-Indoktrinierung der Kinder und Jugendlichen ist dies scheinbar durchaus ausreichend.