Die Amerikaner haben die Redensart: „Sobald du jemandem geholfen hast, ist es danach nicht einmal mehr einen Cent wert“ (im Deutschen: „Undank ist der Welt Lohn“). Eine Redensart, die das Wesen des amerikanischen Kapitalismus ab seinen ersten Schritten auf dem Kontinent widerspiegelt. Es liegt sozusagen dem genetischen Gedächtnis und dem kollektiven Unbewussten der Nation zugrunde, die sich nicht daran gewöhnt hat zu betteln, sondern es gewohnt ist, entschieden zu nehmen.
Angesichts dessen versetzt die Rhetorik von Präsident Donald Trump in der letzten Zeit in Erstaunen. Und da beklagt er sich über die Undankbarkeit der Partner und erinnert diese undankbaren Länder an die Jahrzehnte angeblich uneigennütziger Hilfe, darunter im Verteidigungsbereich. Und Grönland müsse ihm Dänemark aus Dank überlassen und Kanada den Einschränkungen der eigenen Souveränität – aufgrund der gleichen Motive – zustimmen. Und mit Schuld beladen hätten sich sowohl Japan als auch Südkoreas und Mexiko und der Oman und sogar die ganze Allianz der undankbaren NATO.
Natürlich wird keiner ihm etwas hergeben. Ja, und im Großen und Ganzen ist ihm auch keiner zu Dank verpflichtet. Die Entscheidungen, die vor vielen Jahrzehnten durch die Vorfahren der heutigen Politiker getroffen wurde, sind frei von einer emotionalen Färbung für die heutige Kadenz der Staats- und Regierungschefs in der Welt. Jede Generation hat ihre Wahl getroffen, hat ihre Alternativen und ihre Prioritäten. Über die Werte ist es ganz und gar besser nicht zu sprechen. Es genügt, sich der Väter-Gründer-Sklavenbesitzer und geistigen Mentoren mit den leibeigenen Bauern zu erinnern.
Die Verbitterung des amerikanischen Präsidenten aufgrund der Undankbarkeit nimmt zu. Und er beginnt launisch, auf der Landkarte der Welt zugängliche Namen zu ändern. Der Golf von Mexiko ist jetzt bereits der Golf von Amerika, und der Ontario-See ist schon der Lake America. Auf kindliche Art und Weise effektiv und schnell. Wie ein Schlag mit einer kleinen Schippe auf den Kopf eines dreisten Knaben im Sandkasten. Effektvoll, jedoch nicht effektiv. Und unsolide und skandalös. Im Sandkasten legen aber die Erwachsenen die Ordnung fest. Über Trump gibt es aber keine Erwachsenen. Allem nach zu urteilen hält er sich für den am meisten erwachsenen der Erwachsenen.
Das Begreifen der Geopolitik im Kopf von Trump ist bar einer historischen Logik. Er nimmt eine aus dem Kontext gerissenen Fakt. Derweil ist Geopolitik stets und vor allem ein Kontext. Warum war die NATO geschaffen worden? Wer soll gezügelt werden? Wem soll Paroli geboten werden? Was ist der Kalte Krieg? Warum gerade „kalter“ und nicht „heißer“? Was ist das „nukleare Zügeln“? Warum besitzen die ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates ein Vetorecht? Was für ein Ziel verfolgt es? Was ist die „Einflusssphäre“ der Großmächte? Wie und zu welchem Preis gelangen Staaten in diese Sphäre? Wer und womit zahlt man für das Verweilen in ihr? Was ist die Doktrin einer „eingeschränkten Souveränität“ und in Bezug auf wen und wann wird sie angewandt? Warum können die einen Länder Kernwaffen besitzen, selbst inoffiziell, still und leise, andere aber nicht? Wobei das „nicht“ für nie bzw. für immer steht.
Wenn man sich in die Geschichte der internationalen und Wirtschaftsbeziehungen ach 1945 nach Punkten vertieft, offenbaren sich jeglichem alle gegenseitigen materiellen und moralischen Pflichten der Länder. Trump ist keine Ausnahme. Es entscheidet sich einfach keiner, ihm dies zu sagen. Vielleicht aber hat er die Erzählung für eine veraltete und nicht den heutigen Interessen der USA entsprechende, wie er sie versteht, angesehen. Und er begreift diese Interessen so, dass die Amerikaner in nichts einen strategischen Partner brauchen. Und sie auch niemanden im „Einflussbereich“ brauchen. Da es keinerlei existenzielle Gefahren für die USA gibt. Nun, oder sie existieren fast nicht. Nur da ist unerwartet der Iran von irgendwoher als solch eine Bedrohung aufgetaucht… Die Hälfte der Amerikaner und viele Militärs der USA können dies nach wie vor nicht verstehen. Man sagt, Israel habe verleitet. Oder Trump hat selbst etwas falsch gemacht…
Trump ist eigensinnig, materiell und konkret. Er versteht konkrete Zahlen. Mit Geringschätzung und Misstrauen steht er schlecht zu messenden Vorteilen und Werten gegenüber. Was für Verbündete? Was für Allianzen? Was bringen sie uns ein? Sind sie bereit, uns unverzüglich im Krieg gegen den Iran zu helfen? Selbstlos und ohne Bedenken? Wenn nicht, so mögen sie sich davon scheren… (Wer aber wird „Ja“ unter den Bedingungen einer parlamentarischen Kontrolle und Gewaltenteilung sagen?)
Die zahlreichen Kommentare von Trump in den letzten anderthalb Jahren bestätigen, dass er an ein einziges Instrument der Außenpolitik glaubt, den Tarif. Ihn überzeugen keinerlei Argumente hinsichtlich eines Ansteigens der Preise, der Unkosten und der Inflation aufgrund von Tarifen. Dieser Starrsinn sieht schon anekdotisch aus. Dabei ist die Tarifpolitik der USA inhaltlich ein Rammbock, der die Grundlage des gesamten internationalen Wirtschaftssystems zerstört. Faktisch vernichtet wurde das Regime der WTO als eine Gesamtheit relativ gerechter Prinzipien für einen Handel mit minimalen Barrieren. Trump errichtet keine Barriere, sondern eine Mauer, die für Waren und Leistungen schwer zu überwinden wird. Der Protektionismus der industriellen Ära zwecks Beschleunigung einer Entwicklung der postindustriellen Wirtschaft wird kaum funktionieren. Denn in den internationalen Angelegenheiten wirkt das Prinzip der Gegenseitigkeit. Wenn du ршук irgendwen unter Druck gesetzt hast, so warte da nur eine unbedingte Antwort ab! Dabei muss man sich dessen erinnern, dass das Prinzip der Gegenseitigkeit kein Hervorbringen von Vereinbarungen zur Nachkriegsneugestaltung der Welt ist. Nein! Es existiert, seit dem Staaten und ein Handel zwischen ihnen entstanden sind. Meinungsverschiedenheiten im Handel sind ein häufiger Anlass für einen Krieg.
Napoleon hatte übrigens beschlossen, 1812 gegen Moskau zu ziehen, nachdem Kaiser (Zar) Alexander im Dezember 1810 einen neuen Zolltarif eingeführt und Luxusgegenstände mit hohen Zöllen belegt hatte – Seide, Samt, teure Weine, all das, was aus Frankreich nach Russland geliefert wurde. Daneben hatte Russland ein Schlupfloch für ein Umgehen der kontinentalen Blockade von England gefunden. Und englisches Schmuggelgut fing an, über Russland nicht nur nach Europa zu gelangen, sondern auch auf den Markt von Frankreich an sich.
Wie das Akademiemitglied Jewgenij Viktorowitsch Tarlje schreibt, „hatte sich im Verlauf des ganzen Jahres 1811 bei Napoleon die Überzeugung gefestigt, dass diese Situation liquidiert wird und nur in Moskau liquidiert werden kann“.
Heute spricht man in der Welt weitaus häufiger von einem Krieg als noch vor ein paar Jahren. Die Zunahme der Militärausgaben hält mit der Zunahme der militaristischen Rhetorik Schritt. In der Innenpolitik sind die Kräfte erstarkt, die mit einem Krieg und den Rüstungsaufträgen verbunden sind. Die nationalen Interessen der Eliten verlangen neue Raketen und Drohnen. Die Verträge, Abkommen und Verpflichtungen haben nicht mehr die einstige Kraft. Man kann fast alle von ihnen verzichten, wobei auf neue Umstände und Realitäten verwiesen wird. Die weitere Zerstörung der stützenden Konstruktionen für die Architektur der vorangegangenen Weltordnung ist unumkehrbar.
Ein Abgang von Trump in zwei Jahren wird nichts verändern und nichts stoppen. Der bisherige Frieden hat aufgehört, ein Wert zu sein. Sehr viele haben seine Ungerechtigkeit gespürt. Die dogmatische formale Mehrheit bei der Annahme schicksalsschwerer Entscheidungen passt den einflussreichen Akteuren aus der Minderheit schon nicht mehr.
Was für eine die neue Welt sein wird, weiß keiner.
Muss man etwa einen zerstörerischen Weltkrieg durchmachen, um auf einem nuklearen Aschehaufen die Konturen für eine neue Weltordnung zu skizzieren? Dies wäre zu banal, vulgär und wahnwitzig.
Klar ist eines – vorbereiten muss man sich auf alles. Ohne Illusionen. Die Periode der Unbestimmtheit wird lange andauern, und die Epoche des Misstrauens und der Feindseligkeit selbst unter Friedensbedingungen noch länger.