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Die zweite Welle der Kraftstoff-Krise nimmt zu


In der Regierung gesteht man ein, dass in einer Reihe von Regionen der Russischen Föderation eine angespannte Situation um die Lieferungen von Benzin für Tankstellen anhalte. Bei der jüngsten Beratung zur Situation auf dem Binnenmarkt für Kraftstoffe beauftragte der zuständige Vizepremier Alexander Nowak die entsprechenden Ministerien und Ölunternehmen, zusätzliche Maßnahmen für die Kraftstoffversorgung der Regionen zu ergreifen, in denen die Benzin-Probleme anhalten. In den Regionen nimmt eine zweite Welle der Kraftstoff-Krise zu. Immer mehr von ihnen kehren zur Praxis eines getrennten Verkaufs an Fahrzeuge mit geraden und ungeraden Zahlen der Kennzeichen sowie zur Abgabe von Kraftstoffen entsprechend festgelegter Limits zurück.

Wie man im Pressedienst der Regierung präzisierte, wurde bei der Beratung von Russlands Vizepremier Alexander Nowak zur Lage auf dem Kraftstoff-Markt gesondert die Lage um die Kraftstoffversorgung in den Verwaltungsgebieten Orenburg, Lipezk, Twer und Orjol, in den Republiken Tywa und Chakassien sowie in den Verwaltungsregionen Transbaikalien, Primorje, Krasnodar und Krasnojarsk erörtert.

Im Energieministerium der Russischen Föderation teilte man mit, dass gegenwärtig die großen Ölkonzerne die erforderlichen Schritte zur Erhöhung der Lieferungen in die anfälligsten Subjekte des Landes unternehmen würden. In der Regierung unterstrich man gleichfalls separat unter Verweis auf Angaben des Landwirtschaftsministeriums, dass die „Betriebe der Landwirtschaft in einem ausreichenden Umfang mit Kraftstoffen versorgt sind. Die Erntekampagne erfolgt in einem regulären Regime“.

Dennoch bleibt in einer Reihe von Regionen die Situation hinsichtlich des Benzinverkaufs eine komplizierte. Am Freitag berichtete der Gouverneur des Verwaltungsgebietes Orenburg Jewgenij Solnzew, dass die in Orsk angegriffene Raffinerie vollkommen gestoppt worden sei. Im Ergebnis dessen müsse die Region mit Kraftstoffen aus anderen Regionen rechnen. „Die Gefechtselemente (der Drohnen – Anmerkung der Redaktion) haben die Schlüssel-Infrastruktur getroffen, die bisher nicht wiederhergestellt werden kann. Die Anlagen und Ausrüstungen sind importierte, unter Berücksichtigung der Sanktionen wird sich die Reparaturdauer bis zu sechs Monate in die Länge ziehen. Der Betrieb ist vollkommen eingestellt worden“, erklärte Solnzew. Nach seinen Worten erfolge in der Region bereits eine Neuorganisation der Logistik. „Von den 287 Tankstellen arbeiten 80 Prozent. Es sei daran erinnert, dass heute die Sonderfahrzeuge den Vorrang haben“, betonte Solnzew.

Zuvor hatte man an den Tankstellen des Verwaltungsgebietes Orenburg die Regel festgelegt, der gemäß Benzin an Fahrzeuge natürlicher Personen in Abhängigkeit von den Nummernschildern und dem Datum (gerade und ungerade) verkauft wird. Außerdem hatte man in diesem Verwaltungsgebiet ein vollkommenes Verbot für ein Füllen von Kanistern mit Benzin verhängt. Zuvor war dies an einzelnen Tankstellen noch erlaubt gewesen. Eingeführt hat man gleichfalls Limits für die Menge des verkauften Kraftstoffs: Benzin der Sorten AI-92 und AI-95 15 bis maximal 30 Liter pro Person. Dieselkraftstoff – bis zu 60 Liter innerhalb von Ortschaften und bis zu 200 Liter an Tankstellen, die an Straßen zwischen Kommunen, an regionalen und an föderalen Trassen innerhalb des Verwaltungsgebietes gelegen sind.

Seit dem 15. August gilt im Verwaltungsgebiet Kaluga das System „gerade-ungerade“. „Die Lage auf dem Kraftstoffmarkt ist komplizierter geworden. An den Tankstellen der Region gibt es wieder lange Warteschlangen. Gebraucht werden zusätzliche Maßnahmen zur Stabilisierung der Kraftstoff-Situation“, erläuterte Wladislaw Schapscha, der Gouverneur des Verwaltungsgebietes Kaluga. Seit dem 13. August gilt auch an einer Reihe von Tankstellen des Lipezker Verwaltungsgebietes wieder das System „gerade-ungerade“. Dort hat man ebenfalls die Obergrenzen für den Benzinverkauf aus der Schublade geholt – nicht mehr als 30 Liter Benzin pro Fahrzeug. „Unsere erstrangige Aufgabe bei den derzeitigen Liefermengen ist, die Warteschlangen zu beseitigen und gleichmäßiger den Andrang von Autos an den Tankstellen zu verteilen“, unterstrich der Gouverneur des Verwaltungsgebietes Lipezk Igor Artamonow.

Die Behörden des Verwaltungsgebietes Archangelsk haben auf Vorschlag von LUKOIL und GAZPROM zeitweilige Obergrenzen für den Benzinverkauf eingeführt – bis zu 40 Liter an städtischen Tankstellen, teilte der Gouverneur des Region Igor Babuschkin mit. Nach seinen Worten werde die Entscheidung erlauben, die saisonbedingte erhöhte Nachfrage – auch als eine Nachwirkung der ersten Welle der Benzin-Knappheit – zu verringern und die Vorräte an Kraftstoffen zu stabilisieren.

Die Behörden der Verwaltungsgebiete Wolgograd und Irkutsk sind zum Verkauf von Kraftstoff entsprechend festgelegter Obergrenzen zurückgekehrt. Im Verwaltungsgebiet Tambow hat man dagegen das System „gerade-ungerade“ an den nicht zu Tankstellen-Netzen gehörenden Zapfsäulen aufgehoben. Es galt seit dem 20. Juli. Dabei wird aber das ausgewiesene System an den Zapfsäulen der Tankstellen-Netze weiter wirken. Gleichfalls wird an ausschließlich allen Tankstellen weiterhin eine Einschränkung für den Benzin-Verkauf – maximal 30 Liter pro Auto – gelten. Wie die einheimischen Offiziellen erläuterten, habe jede Tankstelle ein Tageslimit für den Kraftstoff-Verkauf, das durch deren Besitzer festgelegt worden ist. An den Zapfsäulen der Tankstellen-Netze wird gleichfalls das Verbot für ein Befüllen von Kanistern beibehalten. Die Öffnungszeiten einer jeden Tankstelle werden von der Intensität der Verkäufe abhängen. Außerdem wurde mitgeteilt, dass an den Tankstellen Mitarbeiter der Polizei zwecks Verhinderung von Konfliktsituationen ihren Dienst versehen werden.

Die Situation mit den Benzin-Lieferungen ist gegenwärtig keine einfache. Das Verwaltungsgebiet Tambow hängt vollkommen von der Lieferung von Kraftstoff aus anderen Regionen ab“, erläuterte das Oberhaupt der Region Jewgenij Perwyschow.

In Sewastopol erfolgte am Sonntag der Verkauf von AI-95- und von AI-92-Benzin – aber nur entsprechend QR-Codes mit einer Obergrenze von 20 Liter. Die übrigen Arten von Kraftstoffen befanden sich in einem freien Verkauf (aber gleichfalls mit einer Obergrenze von 20 l), wie Sewastopols Gouverneur Michail Raswoschajew mitgeteilt hatte. Es sei daran erinnert, dass die Probleme mit den Kraftstoff-Lieferungen Ende Mai auf der Krim und in Sewastopol begonnen hatten, als die Behörden auch begannen, unterschiedliche Restriktionen für den Verkauf einführten. Eine Normalisierung der Lieferungen und der Zugänglichkeit von Benzin auf der Halbinsel wird bis Anfang September erwartet.

Die Behörden von Sotschi bezeichneten ebenfalls die Situation um die Kraftstoffe als eine angespannte. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bleiben die Reserven und die Verteilung von Benzin und Dieselkraftstoff angespannte, sind jedoch vollkommen kontrollierbare“, hatte am Samstag der Bürgermeister des Schwarzmeer-Kurortes Andrej Proschunin erklärt. Nach seinen Worten leiste die Stadt Unterstützung bei einer störungsfreien Arbeit der Tankstellen und Gewährleistung der Sicherheit. An den Tankstellen leisten täglich Freiwillige Wachdienste, die die Kraftfahrer über die Öffnungszeiten und das Vorhandensein von Kraftstoffen informieren, wobei sie helfen, sich in den Warteschlangen zu orientieren. „Gesondert wurden die Logistik des Entladens und die Mechanismen für eine gleichmäßige Belieferung der Tankstellen der Stadt mit Kraftstoffen erörtert, damit eine notwendige Reserve für die Bedürfnisse von Organisationen und Diensten bewahrt wird“, fügte er hinzu.

Zuvor hatte sich der Gouverneur der Verwaltungsregion Krasnodar Weniamin Kondratjew an Russlands Vizepremier Alexander Nowak mit der Bitte gewandt, den Auftrag zu erteilen, die Umfänge der Benzinlieferungen für die Region vor dem Hintergrund der erhöhten Nachfrage in der Urlaubssaison zu erhöhen. Die schwierigste Lage ist an der Küste des Asowschen und des Schwarzen Meeres entstanden, da in der Spitzenzeit der Urlaubssaison die Anzahl der Urlauber, die in die Kur- und Badeorte der Verwaltungsregion Krasnodar mit dem eigenen Auto, zugenommen hat und bis zu 50.000 Autos am Tag erreichte.

In einer Reihe von Regionen einigen sich die örtlichen Behörden mit den Händlern der Erdölprodukte und den Tankstellen über eine Zügelung der Benzinpreise. So wurde das Verwaltungsgebiet Nowosibirsk zur ersten Region Russlands, deren Behörden sich mit dem Markt über eine Zügelung der Benzinpreise einigten. Das Ministerium für Industrie, Handel und Entwicklung des Unternehmertums der Nowosibirsker Region haben mit unabhängigen Öltradern und den regionalen Tankstellennetzen ein Abkommen über eine freiwillige Begrenzung der Handelszuschläge für Kraftstoffe abgeschlossen. Dem gemäß soll der maximale Handelszuschlag für die Kraftstoffe, die in die Region geliefert werden, keine 15 Prozent vom Großhandelspreis überschreiten.

Dabei ist eine deutliche Kluft zwischen den Kraftstoffpreisen an den Tankstellen, die großen Ketten gehören, und denen an kleinen privaten Tankstellen zu beobachten. Regionale Medien führen die Situation im Verwaltungsgebiet Nowosibirsk an, wo der Preis für AI-92-Benzin an den Tankstellen von Ketten im Bereich von 62 bis 64 Rubel pro Liter liegt, während der Preis für das gleiche Benzin an privaten Tankstellen bis zu 120 Rubel pro Liter erreichen kann. Eine analoge Situation herrscht auch um AI-95-Benzin. An den Tankstellen großer Ketten wird dieses Benzin für 66 bis 69 Rubel pro Liter verkauft, an privaten – für bis zu 100 bis 130 Rubel pro Liter.

Zuvor hatte man im Russischen Kraftstoff-Verband, der die Interessen der Einzelhändler auf dem Kraftstoff-Markt vertritt, die Aufmerksamkeit auf die Probleme der privaten Tankstellen gelenkt. Sie würden ohne Erdölprodukte selbst bei einer Stabilisierung der Kraftstoff-Situation bleiben. Wie man in der Branchenvereinigung mitteilte, könnte die privaten Tankstellen keine Kraftstoffe zu annehmbaren Preisen erwerben. Und die an der Börse gekauften Erdölprodukte würden ihnen einfach nicht geliefert werden, da die Raffinerien in der gegenwärtigen Situation in erster Linie ihre eigenen Tankstellen-Netze mit Kraftstoffen versorgen würden. Im Endergebnis bleiben den privaten Tankstellen geringe Kraftstoff-Mengen zu Preisen, die die Börsenwerte um das 1,5- bis 2fache übersteigen. Überdies handelt es sich dann ach noch um Importe, oder diese Kraftstoffe werden zu Bedingungen einer Selbstabholung verkauft. (Am Wochenende wurde gar bekannt, dass indisches Benzin, das per Tanker bis nach Murmansk gebracht wurde, nach wie vor nicht entladen wurde, da es 2mal teurer sei als an der Petersburger Ölbörse. — Anmerkung der Redaktion)

Das staatliche Statistikamt Rosstat meldete derweil eine Stabilisierung der Verbraucherpreise für Benzin. Innerhalb einer Woche (mit Stand vom 10. August im Vergleich zum 4. August) sei der Durchschnittspreis für die wichtigsten Kraftstoffarten in Russland zurückgegangen. So sei AI-92-Benzin um 60 Kopeken billiger geworden, AI-95-Benzin um 50 Kopeken und Dieselkraftstoff um 2,30 Rubel (jeweils pro Liter). Dabei bleibe aber in einer Reihe von Regionen der Preis für Autobenzin über der 100-Rubel-Marke pro Liter. Die schwierigste Situation herrscht auf der Krim, in Sewastopol sowie in den Republiken Kalmykien, Tschetschenien und Tywa.

Nach Meinung von Experten verweise die Benzin-Situation auf eine zweite Welle des Benzin-Mangels. Der leitende Analytiker der Stiftung für nationale Energiesicherheit Igor Juschkow ist der Meinung, dass die gegenwärtige Situation wirklich einer neuen Welle eines Mangels ähnele, wobei die Ursachen für sie ungefähr die gleichen seien wie auch im Sommermonat Juli. Probleme bei der Erdölverarbeitung und die Drohnen-Attacken gegen russische Raffinerien. Nach seinen Worten werde der Markt, wenn die Verarbeitung erneut zurückgeht, unweigerlich die Konsequenzen verspüren: Weniger hergestellte Kraftstoffe bedeuten weniger Möglichkeiten, ruhig die hohe Sommernachfrage abzudecken. Überdies wird im Sommer mehr Benzin gebraucht. Die Menschen sind aktiv zwischen den Städten unterwegs, fahren in Urlaub, kehren nach Hause zurück, verbringen mehr Zeit am Lenkrad. Daher sei selbst eine geringe Verringerung des Angebots im August weitaus stärker als in kalten Zeiten des Jahres zu spüren, unterstrich der Experte. Folgt man seinem Gedankengang, müsste sich im Herbst die Lage stabilisieren.

Der Mangel an Kraftstoffen hat sich in der Tat wieder ergeben. Dies betrifft sowohl das Zentrum Moskaus als auch die sehr von der Hauptstadt entfernten Orten. Augenscheinlich ist die von den Basen gekommene „Hilfe“ ausgegangen. Und mit den Lieferungen neuer Partien gibt es Störungen. Die Erntekampagne wird unter solchen Bedingungen erschwert. Die Agrarier sind ganz und gar unter eine Kaskade von Schlägen geraten. Die Abgabepreise für ihre Erzeugnisse sinken, mit dem Export gibt es Probleme. Und jetzt ist auch nicht allzu sehr klar, wie das geerntet werden soll, was gewachsen ist. Das nächste Landwirtschaftsjahr wird zu einem schwierigen, zumindest für jene, die vom Maßstab her kleiner als die größten Agrar-Holdings sind“, warnte Oleg Nikolajew, Experte am Stolypin-Institut für eine Wirtschaft des Wachstums.

P. S.

Die Moskauer Wirtschaftszeitung „Kommersant“ schrieb am Montag, dass sich im September die Lage auf dem Kraftstoff-Markt des Landes nicht stabilisieren, sondern verschlechtern werde. Eine neue Welle des Mangels an Benzin und Dieselkraftstoff sagt das Blatt im Zusammenhang mit den geplanten Instandsetzungsarbeiten in großen russischen Raffinerien und im Erdölverarbeitungswerk im weißrussischen Nowopolozk voraus. Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist das Risiko neuer ukrainischer Drohnen-Attacken gegen russische Raffinerien. All diese Probleme passen natürlich in das geplante Szenario für die Staatsduma-Wahlen, denn sie lösen Unmut unter der Bevölkerung aus, die sich möglicherweise in einem Stimmenverlust für die Kremlpartei „Einiges Russland“ niederschlagen wird. Freilich wird sie die Wahlen gewinnen, aber eventuell nicht mit dem Wunschergebnis.