Der Sekretär des Vatikans für auswärtige Beziehungen, Erzbischof Paul Richard Gallagher, bereitet sich auf eine Russland-Reise vor. Der Besuch des katholischen Hierarchen findet vom 25. bis einschließlich 28. August dieses Jahres statt, bestätigte man in der Katholischen Erzbistum Mutter Gottes mit seinem Zentrum in Moskau. Ungeachtet dessen, dass der 72jährige Gallagher nicht das erste Mal die russische Hauptstadt besuchen wird, hat gerade die anstehende Visite lebhaftes Interesse internationaler Analytiker und Diplomaten ausgelöst.
Die nunmehrige Reise des Sekretärs im Vatikan für die Beziehungen mit den Staaten wird zur ersten offiziellen nach der Wahl des neuen Pontifex im März vergangenen Jahres – des Amerikaners Robert Francis Prevost, der den Papstnamen Leo XIV. annahm. Der Besuch von Gallagher soll die Kontinuität des Kurses des Heiligen Stuhls demonstrieren, die Bereitschaft von Rom zur Fortsetzung des Dialogs sowohl mit dem Kreml als auch mit der Russischen orthodoxen Kirche fixieren und möglicherweise gar diesen Dialog verstärken. Das letzte Mal, als der Prälat zu Lebzeiten von Papst Franziskus im November des Jahres 2021 besuchte, kam es zu Arbeitstreffen mit dem Premierminister der Russischen Föderation Michail Mischustin, Russlands Außenminister Sergej Lawrow, aber auch mit dem damaligen Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen (AAKB) der Russischen orthodoxen Kirche, mit Metropolit Hilarion (Alfejew). Nachdem jedoch im Juni des Jahres 2022 Patriarch Kirill den Leiter der AAKB abgelöst hatte, erklärte der neue Außenminister der Kirche, Metropolit Antonij (Serjuk) im Oktober 2022, dass „die Beziehungen zwischen der Russischen orthodoxen Kirche und der Römisch-katholischen Kirche praktisch eingefroren wurden“. Jetzt steht dem katholischen Chefdiplomaten augenscheinlich bevor, den Versuch zu unternehmen, diese Beziehungen aufzutauen.
Die zweite Aufgabe, die Gallagher während des Besuchs zu lösen hat, ist, den Boden für einen Moskau-Besuch von Kardinal Matteo Maria Zuppi vorzubereiten. Bereits im Jahr 2023 war er im Rahmen der friedensstiftenden Mission des Vatikans zur Beilegung des Konflikts der Russischen Föderation und der Ukraine, die von Papst Franziskus bekanntgegeben worden war, zum Sondergesandten für die Ukraine ernannt worden. In dieser Funktion besuchte Zuppi im gleichen Jahr Kiew, Washington, Peking und zweimal Moskau. Ungeachtet dessen, dass insgesamt die Friedensmission in der Art, in der sie Papst Franziskus gern gesehen hätte, scheiterte, wurden zu Ergebnissen der Reisen die Schaffung eines Mechanismus für eine Heimkehr ukrainischer Kinder, die Initiierung eines Kanals für einen Austausch von Kriegsgefangenen, aber auch eine Internationalisierung des humanitären Trecks des Heiligen Stuhls.
Papst Leo XIV. hat nicht nur den Status des fast 71jährigen Italiener Zuppi bestätigt, sondern auch seine Aufgaben erweitert, indem er den Akzent von einer deklarativen Diplomatie auf klare Menschenrechtsmechanismen verlagerte. Im Juli dieses Jahres wurde Zuppi erneut in die Ukraine entsandt. Er war unter anderem beauftragt worden, Hafteinrichtungen für ein Monitoring der Haftbedingungen zu besuchen. Der Kardinal weilte im Lager „Sachid-1“ im Verwaltungsgebiet Lwow, wo gefangengenommene russische Militärs festgehalten werden. Bei Begegnungen mit der ukrainischen Führung stellte Zuppi Forderungen des Vatikans nach einer Beschleunigung des Erstellens von Listen von Kriegsgefangenen und deren anschließenden vollkommenen Austausch. Im Auftrag von Leo XIV. nahm der Sondergesandte gleichfalls Schreiben von Verwandten Verschollener und Festgehaltener von beiden Seiten entgegen. Zuppi plant, mit diesen Dokumenten auch auf der russischen Seite zu arbeiten. Laut Informationen internationaler Medien sei ein Moskau-Besuch von Zuppi im September möglich. Es wird erwartet, dass er versuchen wird, einen symmetrischen Besuch ukrainischer Kriegsgefangener zu erreichen.
Bemerkenswert ist, dass sich Kardinal Matteo Maria Zuppi vom 13. bis einschließlich 16. Juli dieses Jahres in der Ukraine aufgehalten hatte. Und am Tag seiner Abreise aus Kiew war dort Gallagher eingetroffen und weilte dort fünf Tage. Zum formalen Grund des Besuchs des Erzbischofs wurde seine Teilnahme an großen Feierlichkeiten in Berditschew am 19. Juli, die dem 35. Jahrestag der Wiederherstellung der Strukturen der Römisch-katholischen Kirche des lateinischen Ritus in der Ukraine gewidmet waren. Jedoch traf er sich während des Aufenthalts im Land auch mit dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij und führte Gespräche mit dem amtierenden Außenminister der Ukraine, Andrej Sibiga. Jetzt aber ist es für Gallagher wichtig, persönlich die Atmosphäre in Moskau zu beurteilen, damit der Besuch von Zuppi praktische Ergebnisse bringt und nicht mit einer diplomatischen Sackgassen-Situation konfrontiert wird. So war es beispielsweise im Jahr 2023 gewesen, als man es in der Russischen Föderation kategorisch abgelehnt hatte, mit dem Gesandten des Papstes irgendwelche politischen Aspekte der Konfliktregelung zu erörtern. Und die ganze Mission des Vatikans hatte sich bis auf eine Lösung humanitärer Aufgaben reduziert.
Zu noch einem Ziel von Gallagher in Moskau kann die Klärung der Frage nach dem Vorsitz für das Erzbistum der Muttergottes in Moskau werden, der schon einige Monate vakant ist. Im Mai dieses Jahres hatte das Oberhaupt der russischen Katholiken, Erzbischof Paolo Pezzi (65 Jahre), aus gesundheitlichen Gründen den Rücktritt eingereicht. Die Übergangsverwaltung des Erzbistums, zu dem neben Gemeinden der zentralen und der nordwestlichen Region Russlands drei Diözesen – die von Saratow, Irkutsk und Nowosibirsk – gehören, nimmt der vom Papst bestätigte „Apostolische Administrator sede vacante“ — der Weihbischof Nikolaj Dubinin, ein Bürger Russlands von der Herkunft her – wahr. Ungeachtet dessen, dass sich eine derartige Kader-Rotation im Zuständigkeitsbereich des vatikanischen Dikasteriums für die Bischöfe und persönlich des Papstes befindet, kann der Status von Gallagher als „Außenminister“ des Heiligen Stuhls inoffiziell diesen Prozess beeinflussen. Die Ernennung des Oberhaupts eines Erzbistums in solch einem Land wie die Russische Föderation erfordert ein delikates Sondieren des Bodens. Der Vatikan will begreifen, wie sowohl die russischen Offiziellen als auch im Moskauer Patriarchat die Kandidatur eines neuen Erzbischofs aufnehmen werden. Der nunmehrige Besuch des Leiters des diplomatischen Dienstes wird ihm helfen, die Lage der Dinge in der russischen katholischen Gemeinde zu beurteilen und seine Empfehlungen für Rom zwecks Treffen einer endgültigen Entscheidung durch den Pontifex zu übergeben.
In der Community der Katholiken der Russischen Föderation existieren Erwartungen, dass das neue Oberhaupt des Erzbistums aus den Reihen des Klerus, der in Russland seinen Dienst versieht, ernannt werden könne, wie dies mit Paolo Pezzi im Jahr 2007 gewesen war. Der gebürtige Italiener war zu Beginn der 1990er nach Russland entsandt worden und zum Zeitpunkt seiner Ernennung als zweiter Oberhirte der 2002 gegen den Willen der Russischen orthodoxen Kirche errichteten Erzdiözese den Politikern und Vertretern der Russischen Kirche schon gut bekannt gewesen. Heute gibt es neben Weihbischof Nikolaj Dubinin, der aus Südrussland stammt, in der Russischen Föderation vier Bischöfe, die potenziell den Vorsitz im Erzbistum einnehmen könnten. Dies sind die ethnischen Deutschen Clemens Pickel (ein 65jähriger Sachse, der seit 1990 in Russland lebt und das Oberhaupt der Diözese St. Clemens in Saratow ist) und Joseph Werth (der 1952 in Karaganda/Kasachstan geboren wurde und das Oberhaupt des Bistums der Verklärung von Nowosibirsk ist), aber auch der belorussisch-polnische Geistliche Kirill (Cyryl) Klimowicz (der 1952 auch in Kasachstan geboren wurde und das Bistum St. Josef von Irkutsk leitet). Im vergangenen Jahr wurde der deutsche Geistliche Stephan Lipke (der 1975 in Essen geboren wurde) zum Bischof geweiht, wirkt im Bistum der Verklärung von Nowosibirsk und ist der Generalsekretär der Konferenz der römisch-katholischen Bischöfe in Russland. Alle Hierarchen leben lange in Russland und haben sich nicht schlecht in den inneren Kontext des Landes eingefügt.
Der Prozess des Ersetzens des Leiters des „sede vacante“ kann einige Jahre in Anspruch nehmen. Zum Beispiel hat am 10. August dieses Jahres Papst Leo XIV. den Rücktritt von Bischof Adelio Dell’Oro vom Amt des Oberhauptes des Bistums von Karaganda in Kasachstan angenommen. Laut einer Formulierung des Heiligen Stuhls „im Zusammenhang mit dem Erreichen des Alters von 75 Jahren gemäß Kanon 401 § 1 des Kodexes für das kanonische Recht“. Entsprechend dem erwähnten Kanon sind alle Weihbischöfe (Erzbischöfe) mit Erreichen eines Alters von 75 Jahren verpflichtet, beim Pontifex eine Bitte um ihren Rücktritt einzureichen. Zum neuen Bischof von Karaganda wurde am gleichen Tag der bisherige Pfarrer der Kathedrale von Astana und Sprecher der Zentralasiatischen Bischofskonferenz, Pfarrer Piotr Pytlowany (der am 7. Mai 1969 in Polen geboren wurde – Anmerkung der Redaktion), ernannt. Dabei war Adelio Dell’Oro bereits vor drei Jahren 75 geworden. Und entsprechend den geltenden Regeln hatte er damals auch seinen Rücktritt eingereicht.
P. S.
Dem Erzbistum der Muttergottes in Moskau gehören rund 200.000 Gläubige an. Rund 800.000 Bürger Russlands bekennen sich zur katholischen Kirche. Mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 0,6 Prozent ist sie damit eine kleine Diasporakirche. Die Zahl der Katholiken wäre weit größer, hätten nicht viele deutschstämmige Katholiken nach dem Ende der Sowjetunion Russland verlassen.
Derweil ist in Russland die russischsprachige Version der offiziellen Autobiografie von Papst Franziskus unter dem Titel „Hoffe: Die Autobiografie“ (italienischer Originaltitel: Spera) vom Moskauer Verlag „Alpina“ herausgebracht worden. Sie erschien am 14. Januar 2025 in rund 80 Ländern gleichzeitig und gilt als das persönliche Lebenswerk sowie geistliche Vermächtnis des 2025 verstorbenen Kirchenoberhaupts. Doch in der Russischen Föderation erlebte die Arbeit eine Zensur. Die belorussische Theologin Natallia Wassiljewitsch wies jüngst auf Fragmente in dem Buch hin, die geschwärzt wurden. Betroffen wurde die Erzählung von Franziskus darüber, wie er im Dezember 2023 die Erklärung Fiducia supplicans (deutsch. „Das flehende Vertrauen“) unterschrieb. Sie handelt von der pastoralen Sinngebung von Segnungen. Sie erlaubt erstmals die spontane und pastorale Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren sowie Paaren in „irregulären“ Lebensformen außerhalb der Liturgie, betont aber gleichzeitig, dass sich an der kirchlichen Lehre zur Ehe (zwischen Mann und Frau) nichts ändert. In dem Buch betonte Franziskus auch, dass in mehr als sechzig Ländern der Welt homosexuelle und transsexuelle Menschen als Kriminelle angesehen werden. Und die Christen könnten nach seiner Meinung „nicht gleichgültig angesichts dieser kriminellen Ungerechtigkeit bleiben und können nicht unentschlossen darauf reagieren“. Dabei unterstreicht er, dass er im Verlauf seiner ganzen pastoralen Karriere LGBTQ-Menschen genauso wie auch die anderen empfangen und begleitet hätte. „Und wenn irgendwer persönlich ein „Verstoßen seitens der Kirche“ erleben musste, so möchte ich gern, dass sie wissen: Dies war ein Verstoßen seitens eines Menschen in der Kirche, denn die Kirche ist eine Mutter, die all ihre Kinder ruft und vereint“, schrieb der Pontifex.