Vor einer Woche hatte es den Anschein, dass in den Kreis der Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Internationalen Schachföderation (FIDE) volle Klarheit gebracht worden ist. Nach Meinung vieler Experten und des allwissenden ChatGPT hatte der amtierende FIDE-Chef Arkadij Dworkowitsch die größten Chancen auf einen Sieg gehabt. Schließlich verfügte er über riesige Erfahrungen und ein starkes Team von Mitstreitern. Mit dem 54jährigen Dworkowitsch konkurrierten zwei ambitionierte und keine Niederlagen duldende deutsche Millionäre – der fast 62jährige Jan Henric Buettner (Gründer des Unternehmens Freestyle Chess) und der Gründer des „Dream Teams“ WR Chess, der 35jährige Wadim Rosenstein (siehe auch https://ngdeutschland.de/die-kandidaten-fur-das-amt-des-fide-prasidenten-skizzieren-ihre-plane/).
Am 23. Juli wurde jedoch alles auf dem internationalen Schachbrett durcheinandergebracht. An diesem Tag kam aus Brüssel die Mitteilung über die Verhängung von Sanktionen der Europäischen Union gegen den FIDE-Präsidenten Arkadij Dworkowitsch (im Rahmen des 21. EU-Sanktionspakets – Anmerkung der Redaktion). Die Nachrichten lösten einander buchstäblich wie in einem Kaleidoskop ab. Dworkowitsch erklärte auch sofort, dass er seine Präsidenten-Vollmachten aussetze und sie an den 15. FIDE-Schachweltmeister, an den Inder Viswanathan Anand übergebe. „Leider werde ich nicht an der Wahl teilnehmen, da dies für die ganze Organisation inakzeptable Risiken verursachen würde“ (bekanntlich hat der Schachweltverband seinen Sitz in Lausanne/Schweiz – Anmerkung der Redaktion).
Diese Statement ergänzte noch eine sensationelle Nachricht. Für das Präsidentenamt bewirbt sich Timur Turlow, ein 38jähriger Milliardär, der den Kasachischen Schachverband anführt. Der entscheidende Umstand in der Erklärung von Timur Ruslanowitsch bestand darin, dass er vor der Änderung seines Wahlstatus (im Rahmen der bereits begonnenen Kampagne) für das Amt des Stellvertreters des FIDE-Präsidenten Arkadij Dworkowitsch kandidiert hatte.
Der gebürtige Moskauer Timur Turlow ist eine neue Figur auf dem internationalen Schachbrett. In den letzten dreieinhalb Jahren hat er viel getan: Er wurde zum Inhaber der populären Internat-Schach-Plattform ChessBase, investierte über 75 Millionen US-Dollar in die Austragung von Turnieren, die Entwicklung des Kinder- und Schulschachs sowie die Organisation der Weltmeisterschaft unter den Männern und der Mannschaftsweltmeisterschaft. Wie der Präsident des Kasachischen Schachverbands annimmt, „wird Schach zu einer der populärstenRichtungen des Cybersports – einem Symbol der intellektuellen Epoche“. Dieses Modell realisiert er erfolgreich in Kasachstan und ist bestrebt, es auf den internationalen Schachsport insgesamt auszudehnen. Es macht Sinn zu betonen, dass im Falle eines Sieges von Turlow zum FIDE-Vizepräsidenten der 56jährige Viswanathan Anand wird.
Es schien, dass damit die Liste der Anwärter abgeschlossen ist. Jedoch kurz davor – am Internationalen Tag des Schachs – signalisierte der legendäre Kirsan Iljumschinow (64 Jahre), der die FIDE im Verlauf von ganzen 23 Jahren angeführt hatte, seine Absicht zu kandidieren. Iljumschinow ist eine der bekanntesten Figuren in der Welt des Schachsports. Und viele außerhalb der Schachwelt halten ihn nach wie vor für den Präsidenten der FIDE. Denn der damals junge kalmykische Geschäftsmann war bereits 1995 in die Schachwelt gekommen, als der Weltverband in Ruinen lag und in Schulden steckte. In den Jahren seiner Präsidentschaft hat die Zahl der Verbandsmitglieder erheblich zugenommen (gegenwärtig zählt er 191 Mitglieder), erreichte eine Vereinigung der 1993 gespaltenen Schachwelt und eine Anerkennung dieses Spiels (seitens des IOC) als eine Sportart. Es macht gleichfalls Sinn, sich seiner Wahlsiege im russischen Chanty-Mansijsk und norwegischen Tromsø zu erinnern, wo er zuerst den 12. und dann auch den 13. Weltmeister hinter sich gelassen hatte…
Kurzum, Iljumschinow konnte im Rennen um das Präsidentenamt zu einer sehr starken Figur werden, doch wenige Tage später … zog er seine Kandidatur zurück, wobei er sagte, dass er kommen wollte, um erneut die Schachwelt zu vereinen, und nicht, „um sich mit Staatsbeamten abzugeben“. Kirsan Nikolajewitsch erklärte nicht, wer diese rätselhaften Beamten sind, fügte aber lediglich hinzu, dass er mit 64 Jahren eine neue Lebensetappe beginnen und den Schachsport in der Rumpelkammer abstellen werde (wir hoffen bis zu besseren Zeiten). Dennoch ist es aber schade, dass erstmals seit 31 Jahren keiner aus Russland an der Wahl teilnehmen wird…
Also denn: Am 26. Juli wurde um 18.00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit die Annahme von Anmeldungen abgeschlossen. Und jetzt kann man, ohne das Risiko sich zu irren, sagen, dass drei Anwärter für das Amt des FIDE-Präsidenten geblieben sind, wobei zwei von ihnen Deutschland repräsentieren.
Jan Henric Buettner begann, sich vor relativ kurzer Zeit für Schach zu interessieren, während der COVID-19-Epidemie. Da hatte es viel freie Zeit gegeben. Und Turniere zu beobachten, erschien ihm langweilig zu sein (natürlich hatte er nicht unsere TV-Sendungen gesehen!). Nach Aussagen des Unternehmers habe er bereits ausreichend verdient, um nicht an Geld zu denken. Und er hat… über Schach nachgedacht. Als ein Formel-1-Fan bemerkte Buettner „den Unterschied zwischen der Haltung zu den Piloten der Serie und der Haltung zu den Schachspielern. Die Formel-1-Piloten sind Stars. Alles dreht sich um sie. Eine meiner Begabungen ist das Können, die Sachen nicht nur als solche zu sehen, die sie sind, sondern auch zu denen sie werden können. Und ich möchte das größte Turnier aller Zeiten durchführen…“.
Der weitere Vertreter Deutschlands ist Wadim Rosenstein, der 1990 in der UdSSR geboren wurde. Es sei nicht erstaunlich, schrieb er, dass „Schach seit der Kindheit zu einem Teil meines Lebens wurde. Es prägte mein Denken, lehrte, Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen meiner Entscheidungen zu verstehen“. Rosenstein ist heutzutage eine der einflussreichsten Figuren in der Schachwelt. Er schuf nicht nur ein „Dream Team“, dessen Anführer Magnus Carlsen ist, sondern wurde selbst, indem er für dieses sich selbst als ein Amateur ans Schachbrett setzte, im vergangenen Jahr Weltmeister. Wadim Rosenstein ist durch den deutschen Verband als Delegierter für den FIDE-Kongress gewählt worden. Dabei werde er aber, wie im sozialen Netzwerk X DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker schrieb, keine Unterstützung vom deutschen Verband erhalten, denn Deutschland habe jetzt ganze zwei Kandidaten.
Es ist schwer zu sagen, wer als Sieger aus dem dramatischen Ringen um das Präsidentenamt herauskommen wird. Man kann lediglich voraussagen, dass es in Samarkand Ende September zu interessanten Ereignissen kommen wird.