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Duschanbe hat im Pamir-Gebirge eine Sonderoperation durchgeführt


Tadschikistans Offizielle gaben am 18. Mai die Durchführung einer antiterroristischen Operation im Autonomen Verwaltungsgebiet Berg-Badachschan bekannt. Am ersten Tag kamen bei Gefechten acht Einheimische ums Leben, elf wurden verletzt. Die Vertreter der bewaffneten und Sicherheitsorgane nahmen 114 Mitglieder einer „organisierten kriminellen Gruppierung“ (bzw. terroristischen Gruppierung entsprechend einer Pressemitteilung des Innenministeriums dieser GUS-Republik vom 19. Mai – Anmerkung der Redaktion) fest. Beschlagnahmt wurde ein „ganzes Arsenal von Waffen“, teilte das Pressezentrum des Innenministeriums von Tadschikistan mit. Einwohner der Autonomie erklären, dass ihre Aktionen friedliche seien und sie diese zum Schutz ihrer Rechte durchführen würden.

Duschanbe hat eine Gewaltvariante für die Lösung der neuen Krise im Pamir gewählt. Nachdem am 16. Mai die Vertreter des Innenministeriums und Staatskomitees für nationale Sicherheit eine Protestaktion in Chorugh brutal unterdrückt hatten, wobei Waffen und Tränengas zum Einsatz gekommen waren, sind Einheimische in benachbarten Kreisen zusammengekommen und blockierten die Trasse Duschanbe – Chorugh. Die tadschikischen Militärs konnten nicht in die Hauptstadt der Autonomie gelangen und begannen eine gewaltsame Operation.

Wie Augenzeugen in sozialen Netzwerken berichten (die Informationen können nicht überprüft werden, da seit November das Internet im Pamir-Gebiet abgeschaltet ist), begann in den Morgenstunden des 18. Mai eine Kolonne tadschikischer Militärs einen Beschuss von Einwohnern in der Stadt Vamar des Verwaltungskreises Ruschon. Geschossen wurde sogar von einem Hubschrauber aus. Später kam die Meldung, dass der Hubschrauber von afghanischem Territorium aus abgeschossen worden sei. „Die Situation ist eine schwere. Das Leben in der Stadt ist vollkommen gelähmt worden. Es arbeiten keine Geschäfte, Schulen und staatliche Einrichtungen. In das hiesige Krankenhaus gelangen Verwundete. Davon gibt es viele. Laut vorläufigen Informationen gibt es Tote. Ihre Anzahl ist bisher unbekannt“, schrieb der Telegram-Kanal „Pamir“.

Die Informationen über die Zusammenstöße bestätigte das Pressezentrum des Innenministeriums. „Eine organisierte kriminelle Gruppierung aus 200 Personen hatte unter Einsatz aller Waffenarten im Zentrum des Verwaltungskreises Rushon die Fernverkehrsstraße Duschanbe – Chorugh für Einheiten der Grenzkommandantur des Staatlichen Komitees für nationale Sicherheit blockiert“. Die Vertreter der bewaffneten Organe gestanden ein, dass sie gleichfalls Verluste erlitten hätten. Ein Offizier wurde getötet, und verwundet wurden 13 Kämpfer einer Spezialeinheit.

Laut Angaben von Tadschikistans Innenministerium hätten an der Aktion „ausländische Söldner für die Vornahme von Terrorakten und andere Formen von Provokationen“ teilgenommen. Hinsichtlich dieser Tatsache hat die Staatsanwaltschaft des Autonomen Gebietes von Berg-Badachschan ein Strafverfahren eingeleitet. Den auf freiem Fuß gebliebenen „Mitgliedern der organisierten kriminellen Gruppierung“ ist ein Ultimatum gestellt worden – sich freiwillig zu ergeben, „solange es solch eine Möglichkeit gibt. Andernfalls wird es zu spät sein“.

Der Druck auf das Pamir-Gebiet begann sofort nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen dem offiziellen Duschanbe und der Opposition 1997. Die Regierung von Emomali Rachmon hatte laut Aussagen einheimischer Politiker und internationaler Menschenrechtler methodisch mit allen abgerechnet, die in der Opposition gewesen waren. So war es 1992, 2012, 2018 und 2021. Der Druck dauert auch heute an. Der Grad der Bürger-Aktivitäten der Bevölkerung im Pamir war stets und bleibt ein hoher. Im Verwaltungsgebiet hatte es immer eigene informelle Anführer gegeben. Und dies hatte die Führung Tadschikistans in Spannung gehalten. Duschanbe hatte nur einmal den Versuch für Friedensgespräche mit den Pamir-Bewohnern unternommen. Im Jahr 2018 lud Präsident Emomali Rachmon die informellen Anführer zu einem Treffen ein, wobei er ihnen die Sicherheit garantiert hatte, und schlug vor, ein Protokoll über den Verzicht auf „widerrechtliche Handlungen“ zu unterzeichnen. Die Geschichte endete ergebnislos. In Duschanbe nennt man die Pamir-Führungskräfte weiterhin „kriminelle Autoritäten“. Auf Anweisung von Rachmon wurde ein zwischeninstitutioneller Stab zur Gewährleistung der Sicherheit und Rechtsordnung geschaffen, der mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet wurde, bis hin zum Einsatz von Waffen. Aber dies hatte nichts bewirkt. Die Beziehungen zwischen Chorugh und Duschanbe wurden mit jedem Jahr nur komplizierter.

Wie Professor Alexander Knjasew von der Sankt Petersburger staatlichen Universität, ein Experte für Zentralasien und den Mittleren Osten, der „NG“ sagte, hätten alle Proteststimmungen im Autonomen Gebiet Berg-Badachschan im Verlauf vieler Jahre nie eine Gewalt-Komponente enthalten. Sie hätten stets einen friedlichen Charakter getragen. Mehr noch, die Forderungen der Pamir-Bewohner wären nie radikale gewesen. Sie hätten den Wunsch gehabt, eine reale Autonomie entsprechend dem Status zu erreichen und mehr Aufmerksamkeit des Zentrums in Wirtschaftsfragen zu bekommen.

Dabei unterstrich der Experte, dass, wenn Duschanbe den Bogen überspanne, es einen ernsthaften Spannungsherd erhalten werde. Es existiere das Projekt für die Etablierung eines Ismailiten-Staates. Und die Angelegenheit könne gerade dazu führen, wenn die Pamir-Bewohner endgültig in den Hoffnungen enttäuscht werden, die Beziehungen mit dem Zentrum in Ordnung zu bringen. Die Ismailiten sind eine der Strömungen des schiitischen Islams. Die geistlichen Zentren der Bewegung befinden sich außerhalb Tadschikistans. Im Pamir-Gebiet lebt aber eine große Gemeinde. „Das Projekt sieht eine Vereinigung aller angrenzenden Ismailiten-Gemeinden von Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan und gar von China vor. Eine derartige „antiterroristische Operation“ kann zu einem Trigger für eine neue Tendenz werden. Die zentralen Behörden werden zweifellos die Eigenständigkeit der Pamir-Bewohner unterdrücken. Dies kann aber radikalere Stimmungen provozieren, einen ernsthaften Konfliktherd schaffen, in den Kräfte aus Afghanistan, Pakistan und China involviert werden können, genauer gesagt jener Regionen, wo Ismailiten leben“, sagte Knjasew. Nach seiner Meinung könnten die radikalen Gruppierungen die Situation ausnutzen, wenn sich der Konflikt ausdehne, die sich auf dem Territorium Afghanistans befinden und ihre Ziele verfolgen. Dann könnte man von der Eröffnung einer zweiten Front für Russland sprechen.

Professor Rustam Burnaschew von der Kasachstanisch-Deutschen Universität, ein Spezialist für Sicherheitsfragen in Zentralasien, sagte der „NG“, dass, ausgehend von den historischen Erfahrungen der aktuelle Konflikt in Tadschikistan einen lokalen Charakter trage und nicht über die nationalen Grenzen hinausgehen werde. Er schloss aus, dass der Konflikt irgendeine auswärtige Unterstützung habe. „Die Spannungen im Pamir ergeben sich aus der fehlenden Bereitschaft der Herrschenden, die Interessen der Regionen zu berücksichtigen, dem Dominieren solcher Figuren in den Machtstrukturen, die oft nur eine Region vertreten. Und selbst wenn sie aus anderen Regionen stammen, verteidigen sie die Interessen der Zentralgewalt. Und hinzukommen die Wirtschaftsprobleme, die seit Jahren nicht gelöst werden“, betonte Burnaschew.

Derweil ist in Duschanbe die Journalistin und Menschenrechtlerin Ulfatchonim Mamdschojew, die die Offiziellen zur Organisatorin der Protestaktion in Chorugh „ernannt haben“. Wie ihr Verwandter, der Journalist Marat Mamdschojew, sagte, hätten die Behörden bisher keine offiziellen Informationen über ihre Festnahme vorgelegt. Nach seinen Worten „wurde in der Wohnung von Ulfatchonim eine Durchsuchung im Beisein von Verwandten durchgeführt. Es ist aber nichts Verdächtiges gefunden worden“.