Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

banner ad
banner ad

Ein Blockbuster in der Schwerelosigkeit


Am 5. Oktober erfolgte der „historische“ Start des Raumschiffs „Sojus MS-19“. Zur Crew gehören der Kosmonaut Anton Schkaplerow, die Schauspielerin Julia Peresild und der Spielfilmregisseur Klim Schipenko. Die Backup-Crew bildeten der Kosmonaut Oleg Artjemjew, die Schauspielerin Aljona Mordowina und der Kameramann Alexej Dudin. In der Internationalen Raumstation ISS werden Dreharbeiten für den ersten Spielfilm im Weltall stattfinden. Ein Kosmos-Drama mit dem Arbeitstitel „Die Herausforderung“, ein Gemeinschaftsprojekt der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, des Ersten TV-Kanals sowie des Studios Yellow, Black and White. Dies wird ein Streifen über eine Ärztin, die weit von der Raumfahrt entfernt ist, aber aufgrund der Umstände in den Weltraum fliegt, um einem Kosmonauten das Leben zu retten, der eine chirurgische Operation braucht. Die Rückkehr des Filmteams zur Erde ist für den 17. Oktober geplant.

Gleich von Beginn der Realisierung dieses Projektes an hat es Ablehnung sowohl bei einem erheblichen Teil der Gesellschaft als auch unter den Veteranen der Weltraumfahrt ausgelöst. Es war angeblich ein Casting für die weibliche Hauptrolle ausgeschrieben worden, und der 1. Kanal habe Tag und Nacht Bewerberinnen ausgewählt, obgleich es klar gewesen war, dass man ein einfaches Mädchen oder eine Nichtberufsschauspielerin nicht in den Kosmos schicken wird. So ist es auch geschehen. Man wählte Julia Peresild aus, eine recht bekannte Schauspielerin.

Weiter beginnt die unwissenschaftliche Phantastik. Eine chirurgische Operation, die die Heldin von Julia Peresild im Weltall vornehmen soll, ist in der ISS praktisch nicht realisierbar, selbst bei der heutigen Entwicklung der Weltraummedizin und der Konzeption für die Gewährung medizinischer Hilfe in der Station. Außerdem gab es aufgrund einer Reihe von Ursachen keine entsprechenden Apparaturen, Instrumente und Präparate für solch eine Operation und wird es auch nicht geben. Die ISS kann man nur mit großen Mühen als eine gewisse Unfallstation im Weltall bezeichnen, in der man nur erste medizinische Hilfe leisten kann, aber keinen operativen Eingriff.

Die modernen Technologien erlauben, wahre Wunder vor der Kamera zu bewerkstelligen. Mit minimalen Aufwendungen kann man alles Beliebige drehen – sowohl den Kosmos als auch den Meeresboden sowie Eruptionen auf der Sonne. Aber Dreharbeiten im Kosmos — unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit, der radioaktiven Strahlung und der stets bestehenden Wahrscheinlichkeit von Meteoriteneinschlägen an der ISS sowie eines möglichen Verlusts der Dichtheit der Station – sind sehr gefährlich.

Das Wichtigste aber ist: Der Film hat das Programm für die Weltraumflüge dieses Jahres über den Haufen geworfen. Außerdem ist der gesamte Zeitplan für den Besuch der ISS durch Berufskosmonauten verschoben worden. Der russische Kosmonaut, Held Russlands und Rekordhalter hinsichtlich der gesamten Dauer von Weltraumeinsätzen (878 Tage) Gennadij Padalka hat überhaupt erklärt, dass derartige Projekte nur den Beruf eines Kosmonauten diskreditieren würden: „Wir Profis investieren das Leben, die Gesundheit und Jahre für die Ausbildung. Und auf einmal kickt man per Fingerschnippen die Profis raus und entsendet an deren Stelle Schauspieler“.

Die bereits begonnenen Dreharbeiten haben schon zu Opfern geführt. Wegen der Kritik an der Finanzierung des Projekts für die Dreharbeiten im All wurde der amtierende Roskosmos-Direktor für bemannte Weltraumflüge, der Held der Sowjetunion und der Held Russlands, der Kosmonaut Sergej Krikaljow seines Amtes enthoben. Er war der letzte Kosmonaut in der Leitung der Korporation. Mehr noch, deren Leitung kreidete ihm alle Misserfolge der russischen Raumfahrt in den letzten sechs Jahren an. Nach scharfen Protesten in der Gesellschaft und – allem nach zu urteilen – nach einem Anruf von oben ist Krikaljow wieder in seine Funktion zurückgekehrt. Aber nach diesem Zwischenfall hat er mit einem Schlage aufgehört, gegen das „Weltraum-Kino“ aufzutreten. Man muss nicht herumrätseln – warum.

Außerdem haben sich bereits bestimmte Schwierigkeiten ergeben, wobei sie sicher nicht die letzten sind. Das Raumschiff konnte nicht im automatischen Raum aufgrund einer Störung im Andock-System „Kurs“ an die ISS ankoppeln. Die Ankopplung wurde manuell vorgenommen. Der Roskosmos-Chef Dmitrij Rogosin versuchte zu beruhigen. Das System „veraltet still und leise“, und man werde es ersetzen, damit „keine Probleme mehr beim Andocken auftreten“.

Was wäre aber gewesen, wenn der Kommandant des Raumschiffs gleich nach dem Start erkrankt wäre oder noch etwas mit ihm geschehen wäre? Bei einem gewöhnlichen Flug besteht die Crew aus drei Personen – dem Kommandanten des Raumschiffs, dem Bordingenieur und einem Forschungskosmonauten oder Weltraum-Touristen. Die ersten beiden können sich stets bei einer außerplanmäßigen Situation gegenseitig ersetzen. Dies lehrt man ihnen mehrere Jahre lang. Im Fall mit Julia Peresild aber würden eine plötzliche Erkrankung des Kommandanten und der Ausfall des automatischen Andocksystems dazu führen, dass die Crew im Raumschiff, in dem die Sauerstoffreserven nicht unendliche sind, erstickt wäre.

Die Ausbildung von Julia Peresild und ihrem Kollegen bei dem Weltraumflug erfolgte entsprechend einem beschleunigten 3-Monatsprogramm. Beobachter und Spießer interessieren sich bereits dafür, warum andere Kosmonauten Jahre lang ausgebildet werden, wenn dies so simpel sei, und machen sich bereits ans Heilige, ans „Eingemachte“: Warum seien in diesem Falle das Kosmonauten-Ausbildungszentrum, das Flugleitzentrum und letztlich die Russische Raumfahrtagentur und ihr Leiter nötig? Es gibt mehr Fragen als Antworten!

Jurij Gagarin und Valentina Tereschkowa – die zwei bekanntesten Namen in unserer und in der internationalen Raumfahrt. Am 16. Juni dieses Jahres jährte sich zum 58. Mal der Flug von Tereschkowa, die zur ersten Frau im Weltall geworden war. Da der Flug zu jener Zeit eine ideologische Mission erfüllte, konnte man technische Unannehmlichkeiten sofort voraussagen. Akademiemitglied Boris Tschertok erinnerte sich: „Der physische Zustand von Tereschkowa im All ließ zu wünschen übrig. Sie wurde von Übelkeit, Schwindelgefühlen und einer generellen Schwäche verfolgt. Dies hinderte daran, die geplanten Versuche im nötigen Umfang durch sie durchzuführen. Und daher war entschieden worden, sie so schnell wie möglich zur Erde zurückzuholen. Außerdem kam es mit ihr im All zu einer Verwirrung. Als sie mit dem Flugleitzentrum in Verbindung treten sollte, war Valentina verschwunden gewesen. Auf der Erde herrschte größte Aufregung, man hatte schon das Schlimmste gedacht. Doch laut den Angaben der Telemetrie hatte man begriffen, dass Tereschkowa … geschlafen hatte“.

Bei der Rückkehr zur Erde ereigneten sich technische Störungen im Raumschiff, die Tereschkowa nicht manuell beheben konnte. Dennoch aber hatte die Automatik das Raumschiff erfolgreich in der Altai-Verwaltungsregion zur Landung gebracht. Aber auch dort hatte sie sich ausgezeichnet. Sie verteilten die für eine Untersuchung bestimmten Tuben mit Essen an Einheimische als Souvenirs und kostete selbst einheimische „irdisches“ Essen, was aufgrund einer unvorhersehbaren Reaktion des Organismus und einer Beeinträchtigung der Reinheit des medizinischen Experiments in keiner Weise getan werden durfte. Sergej Koroljow war sehr erbost. Nach dem Flug Tereschkowas löste er die Frauen-Kosmonauten-Riege auf und cancelte alle geplanten weiteren Flüge von Frauen in den Kosmos.

Wie sich die 37jährige Peresild und ihre Mitstreiter Schipenko und Schkaplerow im Kosmos fühlen werden, ist schwer zu sagen (obgleich nach dem Erreichen der ISS nur über einen guten Zustand berichtet wird). Aber die entsprechenden Symptome werden offensichtlich in der Periode der Anpassung an die Schwerelosigkeit auftreten, die laut unterschiedlichen Berechnungen einen bis sieben Tage dauern kann. In dieser Zeit kann ein Kosmonaut Übelkeit, einen Brechreiz, Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen verspüren! Und du arbeitest nicht mit solchen Gefühlen und Empfindungen! Nur muss man berücksichtigen, dass Reinigungskräfte in der ISS nicht vorgesehen sind!

Und gebe Gott, dass bei Julia Peresild nicht ein Zustand auftritt, der zu einer leichten Bewusstseinsstörung führt. So etwas passierte einmal mit einer US-amerikanischen Astronautin bei einem Flug in der ISS. Sie fing an, in der Verkleidung der Station zu polken. Wozu? Damit die Dichtheit der ISS zerstört wird. Ein Rettungsraumschiff wäre von der Erde aus gestartet worden und hätte sie gerettet.

Ja, aufgrund des Fehlens einer ernsthaften Wissenschaft im russischen ISS-Segment, von perspektivreichen Zukunftsprojekten und insgesamt eines Gebrauchtseins der bemannten Raumfahrt bleibt Russlands Raumfahrtagentur Roskosmos auch nur, Blockbusters in der Schwerelosigkeit zu drehen.