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Ein Drittel der Bürger Russlands erwarten Zunahme der Arbeitslosigkeit


Jeder dritte Bürger Russlands erwartet, dass im neuen Jahr die Arbeitslosigkeit im Land zunehmen werde. Zu solch einer Schlussfolgerung gelangte die Soziologen der Stiftung „Öffentliche Meinung“ (FOM). Im begonnenen Jahr die Arbeit zu verlieren, fürchtet fast jeder zweite, und jeder vierte ist sich gewiss, dass das Jahr 2022 ihm eine Verringerung des Arbeitseinkommens bescheren werde. Vor dem Hintergrund solcher Befürchtungen meldet das Arbeitsministerium einen Rückgang der Arbeitslosigkeit, die den Stand aus Zeiten vor der Pandemie mit 4,3 Prozent erreicht habe. Experten sprechen derweil von einem wesentlichen Personalmangel im Land. Und die Zunahme der Ängste der Bürger Russlands verknüpfen sie mit dem möglichen Fehlen der auf dem Arbeitsmarkt erforderlichen Fähig- und Fertigkeiten. Darüber hinaus haben viele Branchen im Ergebnis der Pandemie und der restriktiven Maßnahmen Verluste eingesteckt.

Dabei sind nur 13 Prozent der Befragten der Auffassung, wie die FOM-Umfrage belegt, dass die Zahl der Arbeitslosen in Russland im gerade begonnenen Jahr zurückgehen werde. 40 Prozent der Befragten sind der Annahme, dass sich die Arbeitslosenrate nicht verändern werde.

In einer ähnlichen FOM-Umfrage hieß es, dass 44 Prozent der Bürger Russlands heute aufgrund eines möglichen Jobverlusts besorgt sind. Dabei betonen die Soziologen, dass der Anteil derjenigen, die sich um einen möglichen Verlust des Arbeitsplatzes Sorgen machen, planmäßig zurückgehe. Heute liege dieser Wert erheblich unter denen vom Herbst des Jahres 2020, die die Sorgen der Arbeitnehmer vor dem Hintergrund der zweiten Pandemiewelle reflektierten, und etwas unter dem Stand vom letzten Sommer. So hatten sich im November 2020 55 Prozent der Befragten Sorgen um einen Arbeitsverlust gemacht, im Juni 2021 – 47 Prozent.

Dabei hat sich, wie die Meinungsforscher hervorheben, der Anteil jener praktisch nicht verändert, die eine Besorgnis im Zusammenhang mit der Berufstätigkeit in ihrer Umgebung bemerkten. Ein Drittel der Arbeitnehmer sagte, dass unter ihren Bekannten viele einen Jobverlust fürchten würden. Und nur 17 Prozent erklärten, dass dies nur wenige betreffe.

Außer einem Verlust der Arbeit fürchten Russlands Bürger auch einen Verlust von Arbeitseinkommen. Wie die Soziologen erklärten, mache die mögliche Verringerung des Arbeitsverdienstes jedem vierten Sorgen. Dabei teilten elf Prozent mit, dass man ihnen bereits den Lohn bzw. das Gehalt gekürzt hätte. Und erstmals seit den letzten vier Monaten ist der Anteil jener, die von einer Verringerung des Einkommens sprachen, größer geworden, konstatieren die Soziologen.

Groß ist der Anteil jener, die eine mögliche Stilllegung der Unternehmen fürchten, in denen sie arbeiten. Solch eine Befürchtung haben 41 Prozent der Bürger Russlands. Und sie nimmt zu. Einen Monat zuvor hatte dies 38 Prozent der Befragten beunruhigt. Elf Prozent der Befragten halten das Risiko einer Schließung für ein großes. Und der Anteil solcher Bürger Russlands steigt an.

Zur gleichen Zeit habe die Anspannung aufgrund einer möglichen Kündigung oder Verringerung der Arbeitseinkommen in beinahe allen sozial-demografischen Gruppen nachgelassen, unterstreichen die Soziologen. Nach ihrer Meinung hätten besonders die Werte für die Besorgnis unter den arbeitenden Frauen und Rentnern, aber auch unter den Beschäftigten des staatlichen Sektors abgenommen. Die jüngsten Arbeitnehmer und die Einwohner von Millionenstädten (mit Ausnahme der Hauptstadt) und von Städten mit einer Bevölkerung von 50.000 bis 250.000 Einwohnern würden sich weniger vor einer Lohn- bzw. Gehaltskürzung fürchten.

Interessant ist ebenfalls, dass in der Russischen Föderation nach wie vor die Gewissheit eines Auseinanderdriftens der sozialen Gesellschaftsschichten groß ist. Laut den FOM-Angaben erwarten nur sechs Prozent der Bürger Russlands eine Verringerung der sozialen Ungleichheit im neuen Jahr, während die Zahl der Bürger, die deren Zunahme erwarten, 7mal größer ist – 43 Prozent. Und genauso viele Befragte sind sich gewiss, dass die derzeitige Kluft zwischen den Einkommen der Reichen und Armen unverändert bleibe.

Die großen Befürchtungen der Bürger Russlands hinsichtlich eines Jobverlusts stehen in keinem Verhältnis zu den Angaben der offiziellen Statistik. Laut den Ergebnissen des vergangenen Oktobers lag die Arbeitslosenrate in Russland bei 4,3 Prozent. Dies sei der geringste Wert für die letzten Jahre, erinnerte Jelena Muchtijarowa, stellvertretende Ministerin für Arbeit und Soziales. „Und die Anzahl der beschäftigten Bürger beträgt bei uns gegenwärtig 72,3 Millionen Menschen. Dies ist auch ein sehr guter Wert“, betonte sie voller Stolz. Die Vertreterin des Arbeitsministeriums hob gleichfalls hervor, dass in Russland der Wert, der durch den russischen Präsidenten in Bezug auf die Wiederherstellung der Beschäftigungsrate und die Wiederherstellung des Arbeitsmarktes vorgegeben worden war, erreicht und sogar um etwa 400.000 beschäftigte Bürger übererfüllt worden sei.

Von einer geringen Arbeitslosigkeit sprach auch Arbeitsminister Anton Kotjakow. Er berichtete, dass in den Beschäftigungszentren (Arbeitsämtern – Anmerkung der Redaktion) weniger als 850.000 arbeitslose Bürger registriert seien. Und der Arbeitsmarkt sei zu den Zeiten vor der Pandemie zurückgekehrt.

Nach Meinung von Experten widerspiegele die Anzahl der registrierten arbeitslosen Menschen nicht die reale Situation in Sachen Arbeitslosigkeit. So teilte der ehemalige stellvertretende Arbeitsminister Alexander Safonow mit, dass die Gesamtzahl der Arbeitslosen in Abhängigkeit von unterschiedlichen Perioden um das 2fache höher liegen könne, da es bestimmte Kategorien von Menschen gebe, die sich nicht an die Arbeitsämter wenden würden.

Die Befürchtungen der Bürger Russlands halten die Experten für eine subjektive Erscheinung. „Da sich Russland in einer demografischen Senke befindet, erfolgt ein natürlicher Bevölkerungsschwund. Es verringert sich der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung. Es kann dagegen das Problem eines Personalmangels auftreten“, sagte Maxim Schejin, Chefstratege in der Investitionsgruppe „BKS – Welt der Investitionen“.

Da ergibt sich, dass die Bürger Russlands vor dem Hintergrund einer geringen Arbeitslosigkeit weiter um ihre Arbeitsplätze Angst haben. Viele Branchen befürchten aber im Jahr 2022 eine weitere Zunahme des Personalmangels. Im Recruiting-Unternehmen HAYS teilte man mit, dass der größte Personalmangel heute im Agrarsektor, in der Bergbauindustrie, Metallurgie, im IT-Bereich und in der Chemieindustrie zu beobachten sei.

Die Gründerin der Recruiting-Agentur „ProPersonnel“ Tatjana Doljakowa berichtete gegenüber Medienvertretern, dass eine Nachfrage nach Spezialisten neuer Berufe mit neuen Kompetenzen zu beobachten sei. Dabei liege der Mangel an Mitarbeiter bei über zwei Millionen Menschen. Die Expertin nennt mehrere Ursachen für das Geschehen: die allmähliche Wiederherstellung des Arbeitsmarktes und die weitere Anpassung der Wirtschaft an eine Arbeit unter den Pandemiebedingungen. Noch ein Faktor sei die demografische Grube (Senke). „Dabei besteht eine deutliche Diskrepanz: Die Arbeitgeber lehnen qualifizierte Spezialisten, darunter mit neuen Kompetenzen aufgrund des Alters, aber bei einem bestehenden Personalmangel ab“, berichtete sie.

Doljakowa unterstreicht: Heute sind „digitale“ Fertig- und Fähigkeiten gefragt. Und die Berufe tendieren zu einer Verkomplizierung und einem hybriden Charakter. Es sind viele neue Berufe aufgekommen. „Die Spezialisten der mittleren Ebene brauchen neue Kompetenzen. Aber man hat es noch nicht geschafft, sie diese an den neuen Arbeitsplätzen oder in der Hochschule zu vermitteln“, betont sie.

Wahrscheinlich beunruhigt gerade dieses Nichtentsprechen in Bezug auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes die Bürger Russlands. Der Markt erlebt einen kolossalen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Doch bei weitem nicht alle Arbeitnehmer werden den neuen Bedingungen gerecht.

Außerdem erlebten viele Branchen einen ernsthaften Schlag während der Pandemie. Und in erster Linie der Dienstleistungssektor. Beispielsweise habe die russische Fitness-Industrie 5.200 Objekte aufgrund der Situation mit der Coronavirus-Pandemie im vergangenen Jahr verloren, wie die Leiterin der Nationalen Fitness-Community Jelena Silina erklärte. „Die Coronavirus-Pandemie und die damit verbundenen einschränkenden Maßnahmen haben der Fitness-Branche zugesetzt. Im Jahr 2021 haben zehn Prozent der Akteure den Markt verlassen. Und insgesamt ist er um 40 Prozent zusammengeschrumpft. Die Verluste in Zahlen: minus 5.200 Objekte und minus 249.600 Mitarbeiter, die in der Branche beschäftigt waren“, betonte sie. Silina präzisierte, dass bis Ende vergangenen Jahres 518.400 Arbeitnehmer im Fitness-Business beschäftigt waren. Im Land würden 7.800 Objekte weiterhin funktionieren.

„Die Fitness-Branche war auf die Prüfungen des Jahres 2021 überhaupt nicht vorbereitet gewesen, das einen kurzfristigen Lockdown und eine Verstärkung des Regimes der einschränkenden Maßnahmen bescherte“, unterstrich sie.