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Eine Abwertung des Rubels wird zu einem sensiblen Thema für die Offiziellen


Die spürbare Schwächung des russischen Rubels in den letzten Wochen haben die Gerüchte über eine neue Abwertung der nationalen Währung provoziert. Seit Jahresbeginn hat der Rubel um fast 23 Prozent an Wert verloren und lag damit zusammen mit der türkischen Lira, dem brasilianischen Real und dem südafrikanischen in der Gruppe der Währungen, die am stärksten gelitten haben. Die Voraussage einer neuen Abwertung erwies sich für die Herrschenden als ein so sensibles Thema, dass das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Sergej Glasjew einen eiligen Appell aufzeichnete, in dem er aufrief, ihn nicht mit den Voraussagen hinsichtlich einer Rubel-Schwäche in Verbindung zu bringen. Am Vorabend waren in der westlichen Presse widersprüchliche Prognosen über das Schicksal des russischen Rubels veröffentlicht worden. Ein Teil der Experten sagt dessen vorübergehende Stärkung voraus, während andere ein Abkoppeln der russischen Banken von Verrechnungen und Zahlungen in US-Dollar nicht ausschließen. Die Gefahr neuer Sanktionen unter den Bedingungen der von der russischen Zentralbank verfolgten Politik eines floatenden Kurses verursachten die Bedingungen für eine große Volatilität des Rubels. Im Zusammenhang damit berücksichtigen die Prognosen für den Kurs der russischen Währung unbedingt die Risiken der Verhängung neuer antirussischer Sanktionen. Ein Teil der Analytiker erklären, dass die Amerikaner bis zum Ende der Präsidentschaftswahlen in den USA einfach keine Zeit haben werden, um sich mit Russland zu befassen. Und daher könne der Rubel vorübergehend gegenüber dem Dollar erstarken. 

Der Kurs des russischen Rubels kann gegenüber dem US-Dollar etwa um sechs Prozent zurückgehen und die 70-Rubel-Marke erreichen, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf die Meinung westlicher Experten. Der Analytiker der New Yorker Investitionsfirma Schroder Investment James Barrino hält die Befürchtungen hinsichtlich einer Verschlechterung in den Beziehungen Russlands und Weißrusslands sowie einer Verschärfung der Sanktionsrhetorik seitens der USA und der Europäischen Union für übertriebene. „Wie auch der Einfluss Russlands auf Weißrussland sein möge, so wird er wahrscheinlich hinter den Kulissen ausgeübt und wird wohl kaum ein Propagieren des Themas flächendeckender Unruhen fördern, die sich über die Grenzen des Landes auszudehnen drohen“, nimmt Barrino an.

Der Experte des Londoner Investitionsunternehmens Finisterre Capital Damien Buchet bemüht sich, genau den Moment für einen optimalen Erwerb russischer Rubel zu bestimmen. „Der Rubel war Ende Juli ein billiger. Und jetzt ist er noch billiger geworden“, erläuterte er. Nach Meinung des Experten habe es nicht den Anschein, dass Russland es mit dem Eingreifen in die weißrussische Krise nicht übertreibe und sich auf eine neue Konfrontation mit dem Westen einlasse. Andere Spezialisten, darunter aus der Bank Citigroup stimmen der Meinung zu, dass die Investoren den realen Wert des russischen Rubels unterschätzen würden. 

Ein längerfristiger Blick auf die Perspektiven des Rubels veranlasst jedoch, sich des US-amerikanischen Gesetzentwurfs über „teuflische Sanktionen“ gegen Russland zu erinnern. Und im Falle einer Realisierung dieses Szenarios erinnern die Experten an die Gefahr eines Abkoppelns der russischen Banken vom System der Zahlungen und Verrechnungen in Dollar. 

Für die russischen Banken nimmt die Gefahr zu, vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten zu sein, Zahlungen in US-Dollar vorzunehmen, meinen Analytiker von Fitch Solutions. Dies belegen die angespannten russisch-amerikanischen Beziehungen, aber auch die Tatsache, dass Washington nicht nur die bereits verhängten Sanktionen beibehält, sondern sie auch periodisch erweitert. 

Gesetzesvorlagen über harte Restriktionen für Russlands Bankensystem sind bereits im Jahr 2018 im Kongress eingebracht worden. Und sie sollten eine oder mehrere der acht größten Staatsbanken treffen. Gerade mit dieser Gefahr bringen Analytiker die Forcierung der Goldförderung in Russland, aber auch die Erhöhung des Anteils dieses Edelmetalls an den Reserven der Zentralbank in einen Zusammenhang. Laut Berechnungen von Fitch habe die russische Zentralbank den Goldvorrat um 120 Prozent bis auf 2.300 Tonnen vergrößert. Im April 2020 stoppte der Regulator den Ankauf von Gold, um mit den Einnahmen aus dessen Export den Mangel an Öl-Dollar zu decken. Die Regierung hat begonnen, den Goldförderern Generallizenzen zu gewähren, womit sie den Weg für die Ausfuhr des gesamten im Land geförderten Edelmetalls freimachte.

„Ende August beobachten wir einen übermäßigen Verkauf des Rubels, wofür eine Reihe von Faktoren der Grund sind: Dies sind sowohl die Zunahme der Unbestimmtheit im geopolitischen Bereich als auch die Verschlechterung der Zahlungsbilanz, die Verringerung der Attraktivität der Bundesanleihen für Nichtresidenten sowie die Aktivierung des Imports und des Auslandstourismus nach Aufhebung der Quarantänemaßnahmen. Auch hat sich die Konvertierung der Dividenden in andere Währungen durch die ausländischen Investoren ausgewirkt. Jedoch im Herbst und bis zum Jahresende insgesamt kann sich der Rubel in geringem Maße rehabilitieren. Zu Gunsten einer geringen Stärkung des Rubels kann die Stabilisierung der Nachfrage nach Rubel-Schulden spielen“, meint Alexander Bachtin, Investitionsstratege der Firma „BKS Premier“. Seinen Worten zufolge haben die Investoren in den letzten Jahren eine bestimmte Immunität gegen die Gefahr von Sanktionen entwickelt, da die scharfe Rhetorik bei weitem nicht zu Taten führt. 2Am wahrscheinlichsten ist, dass bis zum Jahresende sich der Rubel gegenüber dem Dollar im Bereich von 72,5 bis 75 (Rubel für einen US-Dollar) befinden wird“, prognostiziert Bachtin. 

Russland ist wieder zu einem Spitzenreiter unter den Erdölförderländern hinsichtlich einer Abwertung seiner Währung geworden, behauptet der Wirtschaftsfachmann Sergej Glasjew, der traditionell die negativen Folgen der Politik der Zentralbank kritisiert, die den Rubelkurs freigegeben hat. Einige Beobachter haben die Überlegungen des Akademiemitgliedes als Vorhersagen für eine weitere Rubel-Abwertung aufgefasst. Glasjew selbst bewertete jedoch solch eine Interpretation als eine direkte Provokation. In seiner Videobotschaft bezeichnet er den Rubel als die volatilste Währung in den Ländern der G-20, bestreitet aber die Autorenschaft der Prognosen hinsichtlich einer neuen Abschwächung der russischen Währung. „Ich erlaube mir nie, hinsichtlich eines Schwächelns der nationalen Währung in Panik zu verfallen, und trete als ein kategorischer Gegner eines Manipulierens des Devisenmarktes auf“, erklärte Glasjew. Er ist der Auffassung, dass der Rubel heute eine der stärksten Positionen in Welt aus der Sicht der Deckung durch Gold- und Währungsreserven habe. Nach Aussagen Glasjews würden die Reserven der Zentralbank erlauben, jegliche Nachfrage von Interessenten, Rubel gegen eine ausländische Währung einzutauschen, zu befriedigen. Doch das Problem des Rubels bestehe nach Meinung des Wirtschaftsfachmanns darin, dass die Zentralbank ihre Pflichten hinsichtlich der Gewährleistung einer Kursstabilität nicht erfülle. Deshalb werde der Rubel zu einem Objekt von Spekulationen, wobei er eine rekordverdächtige Volatilität demonstriere. 

Die Gerüchte hinsichtlich einer bevorstehenden Abwertung erklärt Glasjew entweder mit politischen Interessen der Kräfte, die die politische Situation in Russland und Weißrussland destabilisieren wollen, oder mit den Wirtschaftsinteressen der russischen Exporteure. 

Viele Wirtschaftsfachleute erklären jedoch das Schwächeln des Rubels nicht nur mit der Politik der Zentralbank, sondern auch mit der direkten Interessiertheit der Regierung der Russischen Föderation. „Eine schwache nationale Währung ist ein allen bekanntes Mittel, um ein Wachstum zu stimulieren und aus der Krise herauszukommen… Die Einnahmen des föderalen Haushalts durch das Schwächeln des Rubels belaufen sich auf 2,2 Billionen Rubel im Zeitraum vom Januar bis einschließlich Juli. Dies ist der sogenannte Kursunterschied. Ohne dem geht in diesem Jahr nichts. Er macht mit einem Schlag das akkumulierte Haushaltsdefizit (von 1,5 Billionen Rubel) wett“, erklärt der bekannte Wirtschaftsfachmann Jakow Mirkin auf Fragen der hauptstädtischen Zeitung „Moskowskij Komsomolez“. Als Hauptursachen für die Rubelschwäche nennt Mirkin die Verringerung der Deviseneinnahmen, aber auch die Flucht der Ausländer aus den Rubel-Aktiva und das Abziehen von Devisen aus dem Land. Dabei bekräftige die Führung der Zentralbank regelmäßig ein Festhalten an der Politik des freien Rubelkurses.