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Eine armenische Nuklear-Lehrstunde


Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan und US-Vizepräsident DJ Vance haben eine gemeinsame Erklärung über den Abschluss von Gesprächen zu einem Abkommen zwischen der Regierung der Republik Armenien und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika im Bereich der Nutzung von Kernenergie für friedliche Zwecke unterzeichnet. Vorgesehen ist die Implementierung amerikanischer kleiner Modulreaktoren (SMR) in Armenien mit einem Gesamtwert von neun Milliarden US-Dollar.

Die Seiten betonten, dass das Abkommen die Partnerschaft im Energiebereich verstärken und den USA erlauben werde, die Übergabe von Kerntechnologien sowie Anlagen und Ausrüstungen an Armenien zu lizenzieren. Die Reaktion russischer offizieller Vertreter war voraussagbar: Armenien sei zweifellos berechtigt, mit jenen Partnern zu arbeiten, mit denen es dies für nötig erachte. Jedoch löst die Entscheidung zugunsten amerikanischer Technologien Fragen aus. Worin können diese Fragen bestehen?

Kurz gesagt: Russland geht von der einfachen und in einer einfachen geopolitischen Situation logischen Voraussetzung aus, dass, wenn wir nukleare Technologien an Drittländer vermarkten, wir damit unsere Positionen in diesen Ländern und Regionen verstärken. Die Russische Föderation ist zu jeglichen Szenarios für eine Zusammenarbeit mit Armenien bei der friedlichen Nutzung nuklearer Energie inklusive einer Verlängerung des Betriebs des Armenischen AKW in der Nähe der Stadt Mezamor bis zum Jahr 2036 und der Errichtung neuer Blöcke auf der Grundlage bewährter Technologien bereit. Wobei dies für die Bedingungen gerade Armeniens (mit dessen hohen seismischen Aktivität) angepasste Technologien inklusive des Umgangs mit verbrauchten Kernbrennstoffen sind. Die Amerikaner bieten aber Jerewan lediglich das Projekt SMR (Small Modular Reactors) an. Faktisch hat Armenien einem Experiment mit neuen nuklearen Technologien zugestimmt. Den ersten Prototyp eines SMR wird es erst nach dem Jahr 2030 geben.

Experten betonen, dass SMR für Armenien in den nächsten Jahren ganz und gar nicht kritisch notwendig seien. Kleine Modul-AKWs des Typs SMR würden sich für eine Reservestromversorgung abgelegener Regionen eignen. Armenien sei jedoch vollkommen elektrifiziert und bedürfe eines exportorientieren leistungsstarken AKW für die Märkte Georgiens und des Irans.

All dem ist so. Und dennoch wählt Armenien amerikanische Kerntechnologien. Warum entscheidet sich aber Armenien zugunsten amerikanischer SMR?Möglicherweise ist dies ein gewisses Instrument, ein Faktor der sanften Gewalt (oder eventuell auch einer sanften Erpressung). In der Tat, eine technologische Abhängigkeit ist mitunter einfach eine Spielart einer starken politischen Abhängigkeit. Im nuklearen Bereich fällt dies aufgrund des langen und komplizierten technologischen Zyklus nicht so ins Auge, doch die Folgen sind mitunter beeindruckende.

Das heißt: Potenziell kann dieses Projekt zu einem ernsthaften destabilisierenden Faktor in der Region werden. Obgleich Baku beispielsweise bisher keinerlei Erklärungen hinsichtlich dieser Situation abgegeben hat, kann durchaus angenommen werden, dass Aserbaidschan die Risiken des „experimentellen“ Status der SMR in der erdbebengefährdeten Zone ins Kalkül zieht. Übrigens, das Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen der Regierung der Republik Armenien und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika im Bereich der Nutzung von Kernenergie für friedliche Zwecke sieht eine Lagerung der verbrauchten Kernbrennstoffe und Abfälle in Armenien vor.

Die transkaukasische Republik hängt gegenwärtig stark von russischen Kernbrennstoffen und Leistungen für das Armenische AKW, das rund 40 Prozent des Stroms für das Land liefert, ab. Das 9-Milliarden-Dollar-Abkommen Armeniens mit den USA eröffnet eine Ausschreibung für amerikanische Firmen. Und dies wird Russland Milliarden-Verträge unter den Bedingungen der Sanktionen wegnehmen. Die wird gleichfalls die Abhängigkeit Armeniens von russischen Energieträgern verringern, indem der Einfluss Moskaus über die Hebel von Erdgaslieferungen und generell von Lieferungen von Energieträgern zurückgedrängt wird. Doch der armenisch-amerikanische Deal schwächt auch die geopolitischen Positionen Russlands im transkaukasischen Raum.

Somit kann die Entscheidung Jerewans zugunsten der USA zu einer unumkehrbaren nach dem Jahr 2036 werden, wenn die geplante Einsatzdauer des Armenischen AKW ausläuft. Und diese armenische Lehrstunde muss zweifellos durch die russische Seite beim Fällen von Entscheidungen über eine internationale Zusammenarbeit im nuklearen Bereich ins Kalkül gezogen werden.