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Eine gegen die „braune Pest“ gerichtete Sonderoperation


Eine der offiziell durch den Kreml gestellten Aufgaben der international umstrittenen und am 24. Februar begonnenen militärischen Sonderoperation in der Ukraine ist eine „Entnazifizierung“ dieses Landes. Diese Aufgabe sah anfangs etwas abstrakt aus, zumal nicht sehr klar gewesen war, wie man sie gerade erfüllen kann.

Heute wird verständlich, dass tatsächlich diese Aufgabe die wichtigste ist. (Russland will das Nachbarland nach seinen eigenen Vorstellungen völlig umgestalten, zumal es keinen Hehl daraus macht, dass die ukrainische Staatlichkeit eine Fiktion sei. – Anmerkung der Redaktion) Nur ist das Verfahren zur Lösung der Aufgabe noch weniger klar geworden.

EINE SYSTEMFRAGE

In liberalen Kreisen ist es üblich, die eigentliche Aktualität dieser Aufgabe anzuzweifeln. Als Argument wird das sozusagen demokratische politische System der Ukraine angeführt. Als ein zusätzliches Argument dient gewöhnlich die Nationalität des gegenwärtig amtierenden Präsidenten dieses Landes.

Und in der Tat, sehr viele Länder der „traditionellen Demokratie“ können die Häufigkeit der Machtwechsel in der Ukraine beneiden. In den 30 Jahren Unabhängigkeit hat es in der Ukraine schon sechs Präsidenten gegeben, wobei es nur einer von ihnen (Leonid Kutschma) auf zwei Amtszeiten in dieser Funktion gebracht hat.

Ein Mehrparteiensystem gibt es ebenfalls, wobei offenkundig nazistische Parteien nicht in die Werchowna Rada (das ukrainische Landesparlament) einziehen.

Dennoch die Auffassung zu vertreten, dass „es in der Ukraine keinen Nazismus gibt“, können nur die Menschen, die überhaupt nichts über die Situation in diesem Land wissen oder von Kiew ausgehalten werden, oder liberale Dogmatiker, die die Auffassung vertreten, dass die Form wichtiger als der Inhalt sei.

Es versteht sich, nazistische Gruppierungen gibt es in jedem beliebigen Land der Welt. In der Ukraine nehmen sie aber eine völlig besondere Stellung ein. In dieser Hinsicht hat sie in der heutigen Welt augenscheinlich einfach nichts Analoges.

Die Idee von einer unabhängigen Ukraine ist eine prinzipiell gegen Russland gerichtete und antirussische. Sie unterstreicht die Unabhängigkeit der Ukraine gerade auch konkret von Russland und die Trennung der Ukrainer gerade auch konkret von den Russen. Aus diesem Grunde sind die nazistischen Gruppierungen in der Ukraine, deren Popularität unter der Bevölkerung maximal zwei bis drei Prozent ausmacht, in erheblichem Maße in die Macht- sowie die bewaffneten und Rechtsschutzstrukturen des Landes integriert worden. Und ihre Ideologie ist praktisch zu einer offiziellen staatlichen geworden. Die Ukraine ist entweder unser Teil oder unser Feind. Eine dritte Variante gibt es leider nicht.

Die Situation hatte sich dadurch verschlimmert, da sich unter diesem einzigen Präsidenten, der zwei ordentliche Amtszeiten in seiner Funktion absolviert hatte, in der Ukraine ein oligarchisches System herausgebildet hatte, in dem die Herrschenden und das Geld fest miteinander verwachsen sind. Die Oligarchen betrachteten die Ukraine als ein Objekt zur Ausplünderung und ein Mittel zur Bereicherung. Aber gerade deshalb war für sie deren Unabhängigkeit zu einem besonderen Wert geworden. Eine Annäherung mit Russland – schon ganz zu schweigen von einer Vereinigung mit ihm – hätte ihnen dieses Mittel und diese Quelle genommen. Und dies einfach daher, weil die russische Wirtschaft insgesamt weitaus stärker als die ukrainische ist. Und die russischen Oligarchen sind reicher als die ukrainischen.

Der in den 1990er Jahren bestandenen Neigung eines erheblichen Teils der ukrainischen Gesellschaft zu einer Annäherung und Vereinigung mit Russland musste mit einer maximalen Propagierung der Unabhängigkeitsidee Paroli geboten werden. Dafür wurden auch die Hauptträger dieser Idee zum Einsatz gebracht, die ukrainischen Nazis, die „nebenbei“ zu Kampfeinheiten konkreter Oligarchen wurden. Dass die meisten ukrainischen Oligarchen die gleiche Nationalität wie auch der derzeitige Präsident hatten, hatte auf absolut nichts gewirkt und hatte absolut keinen in Verlegenheit gebracht. Überdies waren doch zu den Hauptfeinden ganz und gar nicht die Juden erklärt worden, sondern Russland und die „Moskalen“ (eine historische Bezeichnung für die Bewohner des Großherzogtums Moskau vom 12. bis 15. Jahrhundert, die jetzt von einigen slawischen Nationen, hauptsächlich der Ukraine und Polen, als ethnische Beleidigung gegen Russen verwendet wird – Anmerkung der Redaktion).

In eben dieser Richtung wirkte in der Ukraine auch der Westen. Die Idee von Zbigniew Brzeziński (1928-2017, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten unter US-Präsident Jimmy Carter – Anmerkung der Redaktion), wonach Russland ohne die Ukraine keine Großmacht sein könne, wird dort als ein absolutes Axiom aufgefasst. Dementsprechend hielt man es in Washington, London, Brüssel und Warschau für notwendig, jegliche antirussischen Kräfte in der Ukraine zu unterstützen. Ihr Nazi-Charakter hatte in diesem Fall auch keinen bewegt.

Gerade die nazistischen Gruppierungen waren die Schlagkraft des kriminell-oligarchischen Umsturzes in den Jahren 2013-2014, der in der Ukraine unter der verhöhnenden Bezeichnung „Revolution der Würde“ bekannt ist. Nach dem Umsturz waren die Nazis endgültig in das politische System des Landes integriert worden, und ihre Ideologie wurde endgültig zu einer staatlichen. (Stepan) Bandera, (Roman) Schuchewitsch und andere derartige Personen wurden offiziell in die Reihe der ukrainischen Haupthelden aufgenommen.

Gegen Andersdenkende, zumindest wenn man sie Sympathien für Russland und einem „falschen“ Verstehen der Geschichte der Ukraine verdächtigte, war durch Kräfte eben jener Nazis ein durchaus realer Terror entfaltet worden. Zu dessen klassischem Beispiel wurde aus Moskauer Sicht der ungestrafte Mord an dem Schriftsteller und Historiker Oles Busina (am 16. April 2015 in Kiew – Anmerkung der Redaktion).

EINE NEUE REALITÄT

Somit zu sagen, dass es in der Ukraine keinen Nazismus gebe (oder dass er dort ein marginaler sei), dies ist nicht einmal lächerlich. Das Problem besteht darin, dass bei uns fast keiner begriffen hatte, wie üppig er dort aufgeblüht war.

Die traditionelle Politik eines Einkaufens der Loyalität der nationalen Randgebiete, die von Moskau in der Sowjetzeit verfolgt wurde, hatte verständlicherweise eine umgekehrte Wirkung ausgelöst: Die Republiken hatten angefangen, aufrichtig daran zu glauben, dass sie das elende, armselige und besoffene Russland ernähren. Besonders stark kam dieser Effekt gerade in der Ukraine und in Georgien zur Wirkung. Nicht umsonst hatten die Vertreter aus diesen Republiken eine unproportional große Vertretung in den Machtorganen der UdSSR.

Bereits unter (Nikita) Chrustschow und (Leonid) Breschnew begann die Bandera-Ideologie, aus Galizien schrittweise in andere Regionen der Ukraine vorzudringen. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erfolgte dieser Prozess weitaus schneller, was durch die natürlichen demografischen Prozesse verstärkt wurde. Die Menschen, die sich an die Sowjetunion erinnerten, schieden allmählich aus dem Leben. Dafür kam eine Jugend auf, deren ganzes Leben bereits in der unabhängigen Ukraine und bei einer antirussischen Propaganda – anfangs einer relativ moderaten, dann aber einer immer schärferen – verlief. Mit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2014 erlangte diese Propaganda einen vollkommen zügellosen Charakter. Wobei jetzt bereits prinzipiell keinerlei Andersdenken zugelassen wurde.

Zur Propaganda und zu den Repressalien gegen Andersdenkende kam ein „Wegfall“ des Hauptteils des prorussischen Elektorats hinzu, das die Ukraine verlies – sowohl zusammen mit der Krim sowie den Donbass-Republiken DVR und LVR als auch „eigenständig“ nach einer Vereinfachung der Prozedur für einen Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft für die Bewohner dieses Landes (ganz im Stil von 2008 in Bezug auf die Ereignisse um Südossetien, wobei es diesbezüglich keinerlei staatliche Vereinbarungen Russlands mit Georgien und nun mit der Ukraine gegeben hatte – Anmerkung der Redaktion). Dadurch verlor die Ukraine mindestens zehn Prozent der Bevölkerung. Dafür nahm der Grad der Russophobie unter den Gebliebenen erheblich zu. Es genügt, das ukrainische Internet zu lesen, um zu verstehen: Nazis (nicht entsprechend der formalen Zugehörigkeit zu irgendwelchen Gruppierungen, sondern entsprechend den tatsächlichen Anschauungen) sind ein gewaltiger Teil der Landesbevölkerung, möglicherweise mehr als die Hälfte. Außerdem stellen keinen geringen Teil der Bevölkerung der Ukraine (mindestens ein Drittel) Vertreter der Auffassung „das betrifft mich nicht/dies ist mir schnuppe“, die sich stets dem Stärkeren anschließen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind solche in der Ukraine die Nazis.

Wobei eine sehr wichtige Tendenz hervorgehoben werden muss, die sich bereits im Verlauf des Bürgerkrieges in den Jahren 2014-2015 offenbarte. Obwohl die Bandera-Ideologie in erster Linie aus dem Westen der Ukraine gekommen war, hatten es die Bewohner dieser Region insgesamt vorgezogen, anstelle des Krieges für das Heimatland ins nahe Polen zu fliehen (und nach Möglichkeit – noch weiter gen Westen). Gegen die Bürgerwehrkräfte des Donbass hatten doch die Bewohner der zentralen Regionen gekämpft, unter denen die Mehrheit ethnische Russen oder Nachfahren aus russisch-ukrainischen Mischehen ausmachen.

Diese Menschen bezeichnet man mit dem groben, aber genauen Wort „Wyrus“ (deutsch etwa: aus dem Russischen herausgewachsen). Dies sind „neue Nazis“, die wie auch jegliche Neophyten die neue Ideologie mit einem weitaus größeren Enthusiasmus als ihre traditionellen Träger aus Galizien angenommen haben.

EIN GEWALTIGER FEHLER

Bei der Beurteilung der Situation hat es ein nicht richtiges Verstehen dieser gegeben. Viele hatten sich in Russland als unfähig erwiesen, die reale Situation in der Ukraine zu bewerten. Man hielt sie für solch eine, wie man sie sehen wollte. Die Rede war von einem „Brudervolk“, dass nur auch auf eine Befreiung vom Joch der wenigen Nazis-Usurpatoren warte.

Diese nichtobjektive Konzeption hat schon lange nicht das geringste mit dem realen Leben zu tun. Aber von ihr ausgehend, wird weiterhin unsere Wahrnehmung des Geschehens im Nachbarland gestaltet. Scheinbar haben wir ernsthaft erwartet, dass in der Ukraine im Februar des Jahres 2022 alles genauso werden wird wie auf der Krim im Februar des Jahres 2014. Obwohl die Krim überhaupt stets ein Fremdkörper in der Ukraine gewesen war, hatte die absolute Mehrheit der Krimbewohner ihre Existenz im Bestand der Ukraine in der Sowjetzeit als ein Missverständnis und in der postsowjetischen – als eine Tragödie aufgefasst.

Die russische Armee ist aus Moskauer Sicht gekommen, um die Ukraine zu befreien, hat aber einen überaus erbitterten Widerstand erfahren. Wobei sich die Konzeption in diesem Fall ins Gegenteil verkehrt hat. Genetisch und mental (aber nicht ideologisch) sind die Ukrainer und die örtlichen „Wyrus“ wirklich ein Brudervolk. Und viele ihrer Eigenschaften sind solche wie bei uns. Unter anderem das Können, sehr gut zu kämpfen.

Wir kämpfen gegen einen starken Gegner. Die nazistischen Bataillone erweisen sich dabei als die am stärksten motivierten, folglich als die am besten ausgebildeten und vorbereiteten. Sie werden zur „tragenden Grundlage“ der ukrainischen Armee und gleichzeitig zu potenziellen Absperreinheiten, wenn irgendwelche „gewöhnlichen“ Einheiten zu wanken beginnen. Wobei die die Militärs der „gewöhnlichen“ ausgezeichnet begreifen.

Das weiß auch die Zivilbevölkerung der Ukraine. Diejenigen, die die nazistische Ideologie nicht wahrnehmen wollten und nicht dagegen waren, die russische Armee zu unterstützen, haben panische Angst, dies selbst auf jenen Territorien zu tun, die durch die russische Armee besetzt worden sind. Sie befürchten, dass die russischen Truppen abziehen und die ukrainische „Demokratie“ in Gestalt der Nazis zurückkehren werden. Was in diesem Fall die Anhänger Russlands erwartet, muss man wohl kaum erklären.

UND WAS JETZT TUN?

Es ist unmöglich, alle offiziell vom Kreml formulierten Ziele der Operation ohne das Erreichen des allerersten von ihnen – der Demilitarisierung – zu erreichen. Sie kann ausschließlich durch eine physische Vernichtung der Streitkräfte der Ukraine realisiert werden. (Angesichts solch einer Sichtweise kommt der Eindruck auf, dass Moskau ein Gefühl von Überheblichkeit und eigener Überlegenheit treibt. – Anmerkung der Redaktion)

Bisher ist das Erreichen dieses Zieles außerordentlich weit. Aber nur, wenn (und falls) es erreicht wird, wird man die territorialen Probleme lösen können – den Status der Krim, des Donbass und eventuell noch irgendwelcher Territorien.

Ja, aber mit der Entnazifizierung wird es gelinde gesagt Probleme geben. Man kann ein formelles Verbot der nazistischen Organisationen erreichen. Man kann aber nicht auf Befehl das Bewusstsein eines sehr erheblichen Teils der Bevölkerung verändern. Es wird sogar umgekehrt werden: Die Situation wird sich wahrscheinlich noch mehr verschlimmern. Eine Wegnahme der Territorien von der Ukraine, auf denen es irgendeinen spürbaren Anteil einer prorussischen Bevölkerung gibt (dies ist nicht nur der Donbass, sondern auch noch eine Reihe von Verwaltungsgebieten des Ostens und des Südens) ist eindeutig notwendig. Dies wird aber noch mehr den russophoben Nazismus in der verbleibenden Ukraine verstärken.

Mehr noch, zu der bis in den Himmel aufgestiegenen Russophobie wird jetzt auch eine extrem negative Haltung gegenüber dem Westen hinzukommen. Diese Tendenz hat sich in der Ukraine schon recht lange herausgebildet. Die eindeutig prowestliche Orientierung hat dem Land aus irgendeinem Grunde in keiner Weise Glück gebracht. Überdies sind der absoluten Mehrheit der Bürger der Ukraine die heutigen westlichen linksliberalen Werte vollkommen fremd. Jetzt aber demonstriert der Westen zu offen den Wunsch gegen Russland bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen, was selbst die leidenschaftlichsten ukrainischen russophoben Vertreter bemerken.

Wenn sich die Ukraine (offensichtlich in neuen Grenzen) gleichzeitig als eine antirussische und eine antiwestliche erweist, wird der Machtantritt der wahren Nazis durch demokratische Wahlen zu einem unweigerlichen. Hitler war schließlich auch über demokratische Wahlen an die Macht gekommen. Werden wir dann wieder eine „Operation zur Entnazifizierung“ durchführen? Oder haben wir bereits jetzt von uns die Bürde abgeworfen, zig Millionen uns hassender „Brüder“ zu ernähren, wobei wir die Hoffnung hegen, dass, wenn wir ihnen „den Fernseher umschalten“, sie es sich anders überlegen werden? Es ist interessant: Gibt es irgendwen in unserer höchsten Führung, der bereit ist, diese Fragen zu beantworten?