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Einem erteilt Kasachstan ein „Altyn-Visum“, einen anderen aber nötigt es, die Sprache zu erlernen


Kasachstan ändert grundlegend die Spielregeln in der Migrationspolitik. Gesetzt wird auf jene, deren Ideen und Kapital in der Lage sind, der Wirtschaftsentwicklung des Landes einen Impuls zu versetzen. Zu einem Schlüsselinstrument der Strategie wird das „Altyn-Visum“ („Goldes Visum“), das ausländischen Spezialisten einen beispiellosen Zugang zu staatlichen und finanziellen Leistungen gewährt, womit sie den Bürgern der Republik Kasachstan gleichgestellt werden. Für die Kandas – die ethnischen Kasachen, die im Ausland geboren wurden – hat man die Regeln für eine Übersiedlung in die Republik verschärft.

Die stellvertretende Regierungschefin Aida Balajewa legte Details der Realisierung  des Erlasses des Staatsoberhaupts über den Übergang zu einem neuen Modell der Migrationspolitik dar und erläuterte, warum der Kampf um Talente zur Priorität Nummer 1 werde. Die Republik ändert die Spielregeln im Migrationsbereich: An die Stelle strikter Quoten und Einschränkungen tritt eine Ära von Stimuli.

Das Ziel ist ambitiös: Bis Ende dieses Jahres soll Kasachstan in das wichtigste regionale Zentrum für Talente und Investitionen verwandelt werden. Für das Erreichen dieses Ziels hat in der Republik eine neue Reform begonnen.

„Wenn man es einfach sagt, so gehen wir von dem komplizierten und in Vielem restriktiven System zu einem offeneren und flexibleren Migrationsmodell über. Das Schlüsselziel ist, ein transparentes, voraussagbares und angenehmes Migrationssystem für Spezialisten, die von der einheimischen Wirtschaft gebraucht werden, zu gestalten sowie ihnen die Möglichkeit einer freien Einreise, einer effektiven beruflichen Realisierung sowie eine vollwertige, komfortable Integration in das Leben Kasachstans zu sichern“, sagte Balajewa.

Das heißt: Kasachstan macht die Einwanderung zu einer bequemen und digitalen. Aida Balajewa hob vier hautsächliche Veränderungen hervor. Die erste sei das Prinzip „eines Fensters“ (gemeint ist eine Anlaufstelle – Anmerkung der Redaktion): Man werde nicht mehr unterschiedliche Büros aufsuchen müssen. Alle Dokumente – von Arbeitserlaubnissen bis zum Aufenthaltsstatus – sollen jetzt in einem System ausgestellt werden, schnell und transparent.

Die zweite sei eine Entbürokratisierung. Die Fristen für eine Bearbeitung der Anträge sollen verringert werden. Und unnötige Überprüfungen auf dem Papier würden entfallen. Dies werde Zeit und Geld sowohl für den Staat als auch die Menschen einsparen.

Die dritte sei der Übergang zum Modell einer gesteuerten Gewinnung menschlichen Kapitals. Das Visa-System soll einfacher und verständlicher werden. Jetzt werde für jeden seine Entscheidung gefunden. Für das Business gibt es spezielle Bedingungen für Investoren und Führungskräfte. Für Talente – grünes Licht für Wissenschaftler, Ärzte und Kulturschaffende. Für Profis – eine vereinfachte Einreise für jene, die kommen, um an konkreten Projekten zu arbeiten. Zur Hauptsensation wurde das „Altyn-Visum“ („Goldenes Visum“). Ein Status, der der Staatsbürgerschaft nahekommt. Die Inhaber dieses Dokuments und Angehörigen ihrer Familien werden Rechte erhalten, die praktisch den Rechten der Bürger Kasachstans gleichen. Das Wichtigste ist: Ihnen werden beispiellose steuerliche Vergünstigungen eingeräumt: eine Freistellung von der Einkommenssteuer natürlicher Personen und Vergünstigungen in Bezug auf die Eigentums- und Bodensteuer. Investoren, Ärzte und IT-Spezialisten sollen besondere, stabile Bedingungen erhalten. Dies ist eine Garantie dafür, dass sie lange Jahre ruhig im Land leben und arbeiten können.

Um ein „Altyn-Visum“ zu erhalten, muss der entsprechende ausländische Bürger eine der folgenden Bedingungen erfüllen: in das Stammkapital einheimischer Unternehmen mindestens 300.000 Dollar einbringen oder eine analoge Summe in Wertpapiere Kasachstans investieren.

Und schließlich eine Anerkennung von Diplomen: Kasachstan vereinfacht die Bestätigung einer ausländischen Qualifikation. Dies wird den ausländischen Profis erlauben, in den Hochtechnologie-Bereichen sofort die Arbeit aufzunehmen, ohne Monate für eine Bestätigung seines Wissens und seiner Kenntnisse aufzuwenden.

Die Offiziellen Kasachstans sind der Auffassung, dass die neue Migrationsreform nicht nur die Investitionsattraktivität des Landes erhöhen, sondern auch der Gewinnung begabtester Spezialisten der Welt für Kasachstan dienen werde.

Die Migranten, die nicht unter den „goldenen Standard“ fallen, aber einen kasachischen Pass bekommen möchten, müssen das Vorhandensein einer Summe auf ihren Bankkonten bestätigen, die 1320 kasachischen Monatseinkommen oder etwas mehr als 10.000 Dollar entsprechend dem aktuellen Kurs entspricht, und eine Prüfung hinsichtlich der Beherrschung der kasachischen Sprache ablegen.

Alexander Kobrinskij, Direktor der in Moskau beheimateten Agentur für ethnonationale Politik, betonte in einem Kommentar für die „NG“, dass die neue Migrationsstrategie Kasachstans zu einem bewussten Filter für den Zustrom ethnischer Umsiedler – der Kandas – werde. Der Experte erinnerte daran, dass in den ersten Jahren der Unabhängigkeit die Republik, als der Anteil der Titelnation rund 20 Prozent ausgemacht hatte, akut einer demografischen Auffüllung bedurfte. Damals hatte der erste Präsident Nursultan Nasarbajew eine massenhafte Rückkehr ethnischer Kasachen aus der Mongolei, aus Afghanistan und China initiiert.

Nach Meinung von Kobrinskij hatte jedoch diese Politik Nebenwirkungen. Ins Land kamen und kommen weiterhin Menschen, die weit von den heutigen sozio-kulturellen Realitäten Kasachstans entfernt sind sowie weder eine Qualifikation noch eine Ausbildung besitzen, dabei aber beispiellose Vergünstigungen in Anspruch nehmen – eine automatische Aufenthaltserlaubnis, einen vereinfachten Erhalt der Staatsbürgerschaft und staatliche Subventionen. Leider hatte dies nicht die erwartete wirtschaftliche Wirkung gebracht. Anstelle einer Arbeitstätigkeit in den arbeitskräftearmen nördlichen Regionen haben es die Umsiedler vorgezogen, sich im überbevölkerten Süden niederzulassen, wobei sie faktisch Unterhaltsempfänger des Staates bleiben.

„Heute stellt Präsident Qassym-Schomart Tokajew die Frage anders. Die Migration soll für eine Entwicklung des Landes arbeiten. Das Staatsoberhaupt initiierte eine Reform, die die Epoche einer bedingungslosen Unterstützung beendet. Jetzt werden die Kandas die gleichen Prozeduren wie auch die übrigen Ausländer durchlaufen, inklusive einer obligatorischen Prüfung hinsichtlich der Beherrschung der kasachischen Sprache. Dies ist ein pragmatischer Schritt des Landes, das sich nicht mehr ein Aushalten unqualifizierter Kader erlauben kann“, sagte resümierend Kobrinskij.