Die Welt ist mit einer rasanten Zunahme der Nichtvoraussagbarkeit konfrontiert worden. Dies betrifft sowohl das Tempo des technischen Fortschritts als auch die Wirkung der neuen Technologien auf die Gesellschaft. Die AI (Artificial intelligence – Künstliche Intelligenz) entwickelt sich sehr schnell. Und es stellt sich akut die Frage: Was für Konsequenzen wird sie für die Menschheit haben?
Heute hat das AI-Business Zugang zu beispiellosen Mengen an Berechnungs- und Finanzressourcen. Die alljährlichen Investitionen für Datenverarbeitungszentren und Technologie-Unternehmen stellen ständig neue Rekorde auf. Und die Kapitalisierung der Spitzenreiter des Marktes hat 4 bis 5 Billionen Dollar überschritten, was mehr als das BIP der überwiegenden Anzahl der unabhängigen Staaten in der Welt ausmacht.
Das Tempo der Veränderungen und der Charakter der Aufgaben, darunter der kognitiven, die stets ein Prärogativ (Vorrecht) des Menschen waren, erlauben nicht, zuverlässig die Zukunft vorauszusagen. Sie sieht wie eine phantastische aus. Allem nach zu urteilen, stehen fundamentale Veränderungen in allen Bereichen der menschlichen Tätigkeit – in der Wirtschaft, im Bildungswesen, in der Wissenschaft, Kultur und auf dem Arbeitsmarkt – bevor. Nicht vollends klar ist nur, mit was für einer Geschwindigkeit sich die Veränderungen in jedem konkreten Land vollziehen werden – innerhalb von Monaten und Jahren oder Jahrzehnten.
Der bekannte Denker Yuval Noah Harari trat jüngst in Oxford zum Thema „AI has hacked the code of human civilization“ („Die AI hat den Code der menschlichen Zivilisation gehackt“) auf.
Die Hauptthesen klingen besorgniserregend:
— Die AI ist bereits nicht einfach ein Instrument in den Händen des Menschen, sondern ein Agent, der in der Lage ist, eigenständig zu handeln, etwas Neues zu schaffen und sich auf unvorhersehbare Weise zu verändern.
— Der natürliche Lebensraum der AI ist die Bürokratie.
— Das Aufkommen der AI ist mit einer „Sauerstoff-Katastrophe“ auf der Erde vergleichbar, in der die eine Photosynthese durchführenden Organismen die Atmosphäre veränderten, indem sie Bedingungen für neue Lebensformen schufen. Genauso haben auch die Menschen eine Welt geschaffen, die voll von Daten, Texten und bürokratischen Prozessen ist und in der die AI wie ein Fisch im Wasser herrscht.
— Die Bürokratie ist für die AI der „Sauerstoff“. Während die Menschen die Bürokratie für eine ermüdende finden, ist sie für die AI das ideale Milieu, da sie imstande ist, sich ohne Anstrengungen alle Gesetze, Transaktionen und heiligen Texte zu merken.
— Die reale Gefahr, die von der AI ausgeht, besteht nicht in einem Aufstand der Roboter wie im Spielfilm „Terminator“, sondern in der schrittweisen Eroberung der bürokratischen Systeme, die das Vertrauen und die Kommunikation zwischen Millionen Menschen gewährleisten. Die AI braucht keine Revolution, um die Welt zu erobern. Sie kann dies tun, indem sie schrittweise in die bürokratischen Strukturen eindringt und die Kontrolle über die Informationsströme erlangt.
— Die Hauptgefahr besteht darin, dass die AI entscheidende Prozesse für das Treffen von Entscheidungen übernehmen kann. Banken, staatliche Organe und große Unternehmen werden mittels AI-Vermittler Informationen austauschen, wobei der Mensch aus den Ketten für das Treffen von Entscheidungen ausgeschlossen wird.
Hervorgehoben werden mehrere kritische Folgen:
— Es erfolgt eine Verlagerung des Vertrauens, wobei die Menschen beginnen werden, sich mehr auf Algorithmen, denn auf andere Menschen zu verlassen.
— Die Vereinnahmung von kritischen Funktionen, in deren Rahmen die AI beginnen kann, Bankkredite zu gewähren, Entscheidungen über eine Immatrikulation an Universitäten zu treffen, Gefängnisstrafen zu bestimmen und militärische Schläge ohne eine Beteiligung des Menschen zu führen.
— Der Einfluss auf die menschlichen Beziehungen, in denen ein im Jahr 2026 geborenes Kind mehr Zeit mit der AI denn mit den Eltern verbringen kann und sein erster Lehrer oder gar der erste Freund/die erste Freundin die AI/ein Roboter sein kann.
Während sich die Theoretiker der AI mit existenziellen Ängsten bis zur Erschöpfung quälen, handeln die Praktiker.
Am 29. Juni 2026 veröffentlichte der Staatsrat der Volksrepublik China einen neuen 5-Jahres-Plan für die Entwicklung des Bildungswesens für die Jahre 2026-2030. In ihm gibt es eine Formulierung, die gut die Dimension der Absicht aufzeigt: China beabsichtigt, die Ausbildung auf dem Gebiet der AI auf allen Etappen des Bildungswesens voranzubringen, das Wissen um die AI der Auszubildenden zu erhöhen und die Fähigkeit zu entwickeln, Fragen zu stellen und Probleme zu lösen.
Die AI verwandelt sich in eine Basisfertigkeit der Massen: China legt offiziell die AI-Kompetenz als eine Schlüsselkompetenz der Schüler und Studenten aus. Das Ziel ist, nicht bloß den Kindern beizubringen, Instrumente zu nutzen, sondern ihnen das Verständnis für die Prinzipien der Technologie zu vermitteln, das Können, die AI für eine Analyse, das Projektieren und die Lösung realer Aufgaben zu nutzen.
Die AI integriert man in die eigentliche Mechanik der Schule. Das Dokument spricht nicht nur über Unterrichtsstunden. Die AI, die Big Data und digitalen Plattformen sollen die Prüfungen, das Bewerten, die Leitung der Schulen, die Ausbildung der Lehrer, die wissenschaftlichen Forschungsarbeiten und Ausbildungslaufbahnen verändern.
Das heißt: Die AI wird nicht zu einem Gegenstand im Regal, sondern zu einer Infrastruktur, die das gesamte System des Bildungsbereichs durchläuft.
Die chinesischen Offiziellen fixieren gesondert die Notwendigkeit von Normen für die Ethik, digitalen Standards und die Aufsicht über die Anwendung generativer AI in den Schulen.
Die Universitäten Chinas stellen sich bereits um. Die Hochschulen haben 12.000 „veraltete“ Bachelor-Programme zu den Akten gelegt oder gestoppt und 10.200 neue Fachrichtungen, die auf künftige Branchen orientiert sind, gestartet. Unter ihnen sind die Robotertechnik, die umgesetzte künstliche Intelligenz und andere Richtungen an der Nahtstelle von AI, Industrie und Ingenieurwesen.
Dies ist eine schmerzhafte, aber aufschlussreiche Umgestaltung. China fügt nicht einfach neue Studiengänge hinzu, sondern verändert die Struktur der Ausbildung von Kadern.
Peking, Shanghai, Shenzhen, Guangzhou und andere Städte hatten begonnen, sich noch vor dem nationalen Plan auf diesen Weg zu begeben. In Peking hat die AI-Ausbildung über 1400 Schulen und fast zwei Millionen Schüler erfasst.
In den Schulen testet man schon die AI für eine Überprüfung von Aufsätzen, die Fremdsprachenpraxis, eine Analyse der Kalligrafie, eine Hilfe für Lehrer und Personalisierung von Hausaufgaben.
Der Grundgedanke der Reform besteht darin, dass China eine Generation vorbereitet, für die die AI kein äußerer Service, sondern ein natürlich Teil des Denkens, Studiums und der Arbeit sein wird.
Dies hängt direkt mit dem Kurs von Xi Jinping auf „neue qualitative Produktionskräfte“, eine technologische Souveränität und einer Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten kritischer Technologien zusammen. Vor dem Hintergrund der Exportrestriktionen der USA auf dem Gebiet der Chips sowie Anlagen und Ausrüstungen setzt China nicht nur auf Hardware und Modelle, sondern auch auf die Qualität des eigenen menschlichen Kapitals.
In solch einer Logik ist die Schule ein Teil der Technologie-Strategie des Staates. Die AI-Kompetenz wird nicht mehr als eine Fertigkeit von Programmierern aufgefasst. Sie wird zu einer massenhaften Kompetenz wie die Mathematik, Sprache oder die digitalen Fertigkeiten.
Und hier stellt sich eine Frage, eine für uns unbequeme.
Wenn China von den ersten Schulklassen an AI-Akteure auszubilden beginnt, so wird wie viele Jahre ein Bummeln den Systemen des russischen Bildungswesens kosten, die nach wie vor diskutieren, ob man den Schülern erlauben sollte, neuronale Netze zu nutzen?
Da ergibt sich die direkte Warnung für die russischen Führungskräfte des Ausbildungsprozesses: Verschlafen Sie nicht den Zeitpunkt, an dem Sie sich in der neuen Welt als von niemanden gebrauchte erweisen! Selbst für sich selbst…
P. S.
Die Präsidentin der Unternehmensgruppe InfoWatch Natalia Kasperskaja sieht derweil die russischen Perspektiven auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz pessimistischer. Bei einer Kommentierung des Gesetzes über eine Unterstützung für die Entwicklung von AI-Technologien, das gerade erst am 8. Juli durch die Staatsduma endgültig verabschiedet wurde, nahm sie kein Blatt vor den Mund. „Die aktuelle Gesetzesvorlage ist vom Wesen her nur auf eine Kategorie fokussiert – auf große fundamentale Modelle. Von denen gibt es bei uns im Land nur eines – ein souveränes Modell, das die Sberbank entwickelt hat. Daher wird es sich, wie mir scheint, sich nicht auf die gesamte übrige künstliche Intelligenz auswirken“, sagte Kasperskaja. Das neue Gesetz werde Russland kaum helfen, den Rückstand zu den USA und zu China auf diesem Gebiet zu verringern. Nach ihrer Meinung wäre es perspektivreicher, angewandte AI-Entwicklungen zu unterstützen und die Nachfrage für sie seitens des Staates und des Business zu stimulieren.
„Warum das Gesetz gerade eine konkrete Form künstlicher Intelligenz genommen hat, kann ich schwer sagen. Zumal sich die Technologien rasant entwickeln. Jetzt rücken beispielsweise AI-Agenten an die erste Stelle und schon nicht einmal fundamentale Modelle (gemeint sind Modelle mit mindestens einer Milliarde Parameter und mehr – Anmerkung der Redaktion). Und in einem Jahr wird es sicherlich etwas Neues geben. Wir aber haben alles aus irgendeinem Grunde auf eine Technologie beschränkt. Vielleicht muss es so sein“, merkte sie ironisch an. Das schon jetzt sichtbare Hinterherhinken Russlands formulierte sie so: „Wenn du zu Fuß über die gleichen Gleise läufst, über die Züge fahren, gibt es insgesamt keine Chancen, diesen Zug einzuholen. Ich denke nicht, dass wir zumindest irgendwelche nahe Chancen haben, etwas Bahnbrechendes auf dem Gebiet der fundamentalen Modelle zu leisten“.
Natalia Kasperskaja unterstrich noch einige andere Schwachstellen des neuen Gesetzes und des generellen Vorgehens der Offiziellen Russlands, die ihrer Auffassung nach sich nur in minimaler Weise mit Experten aus der Branche vorab konsultiert hätten. Folglich stehen hinter der Losung des Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Informationspolitik Sergej Bojarskij „Wir können nicht das Wettrennen mit den Vereinigten Staaten und China um die Führungsrolle auf diesem Gebiet verlieren.“ wohl nur hehre Absichten.