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Es darf nicht zugelassen werden, dass Tatarstan im Mittelalter versinkt


Auf der Internetseite der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Russischen Föderation wurde am 8. April ein Schreiben des Vorsitzenden der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Russischen Föderation, Mufti Scheich Rawil Gainutdin, an den Präsidenten der Republik Tatarstan Rustam Minnikhanow veröffentlicht, in dem der Mufti „Besorgnis über die sich im geistlichen Bereich der Republik herausgebildete Situation“ bekundete. Ein Schreiben an sich von Mufti Gainutdin an den Präsidenten der Republik, das vom Inhalt her identisch war, war an das Kabinett Minnikhanows einige Tage zuvor gesandt worden. Die Publikation auf der offiziellen Internetseite des Muftiats war emotional und recht subjektiv von den Beobachtern bewertet worden, die sich für Fragen der Entwicklung des Islams in Russland, vor allem in Tatarstan an sich, interessieren. Mehrere Kommentatoren waren der Auffassung, dass als Grundlage für das Schreiben irgendwelches Geld, der Kampf um Macht und Einfluss und anderes gedient hatten. Diese müßigen Spekulationen sind äußerst weit von der Wirklichkeit entfernt. Eine Antwort zum Wesen der aufgeworfenen Probleme haben wir nicht zu sehen bekommen. Nachfolgend werde ich versuchen, Klarheit hinsichtlich der Gründe und Ziele dieses Schreibens zu schaffen.

Der Brief von Mufti Gainutdin skizzierte ein Problem ideologischer Art durch das Prisma der Situation hinsichtlich der Republik Tatarstan und – weiter – des geistigen Erbes des ganzen tatarischen Volkes. In der Realität kann man es jedoch auch in Bezug auf viele andere Subjekte und Ethnien der Russischen Föderation aufwerfen. Es geht um die zielgerichtete Wahl für den weiteren Weg der islamischen religiösen Renaissance in Russland, die mit dem Fall der kommunistischen Gesellschaftsordnung begonnen hat. Der Islam kann sich wie auch jegliche andere Religion und sogar jegliche einzelne konfessionelle Schule sowohl in Richtung eines gesunden Modernismus/einer gesunden Reformation als auch in einer direkt entgegengesetzten Richtung – in die eines Isolationismus/einer Konservierung entwickeln. Die Führung der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Russischen Föderation unter Leitung von Mufti Gainutdin verfolgt aufmerksam die internationalen Trends und gesellschaftlichen Bedürfnisse und realisiert schon lange das Szenario einer voranschreitenden, ausgewogenen islamischen Reformierung. Im Verlauf dieses Prozesses werden ganz und gar nicht die Doktrin (arabisch: die Aqida) und die sich herausgebildeten rituellen Normen (arabisch: Ibadat) berührt. Begrüßt werden jedoch die dem Zeitgeist entsprechenden neuen Herangehensweisen sowohl an die theologische Theorie als auch neue praktische Schritte. Beispiele für die erste Herangehensweise sind die zahlreichen theologischen Arbeiten in russischer Sprache, die in der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Russischen Föderation in den letzten Jahren (oft in einer engen Zusammenarbeit mit akademischen Kreisen) im Rahmen der Propagierung der Konzeption eines auf dem Koran basierenden Humanismus geschaffen wurden. Die zweite Herangehensweise ist dem nicht gleichgültigen Publikum nicht nur in Moskau, sondern auch in vielen Regionen Russlands gut bekannt: Dies sind die früher im Milieu unserer Moslems unbekannten, aber populär gewordenen Ramadan-Zelte, konzeptuelle Aufführungen aus Anlass des Mawlid an-Nabi (Geburtstages des Propheten), internationale Wettbewerbe von Koran-Rezitatoren usw.

Obgleich sowohl im ersten als auch im zweiten Fall Entlehnungen aus ausländischen Arbeiten oder praktischen Beispielen vorgenommen wurden, sind sie zutiefst überarbeitete, vollkommen adaptierte und vom Inhalt her ausgesprochen russische. Hier ist der geeignetste Ort, um daran zu erinnern, dass die Geistliche Verwaltung der Moslems in der Russischen Föderation vom Wesen her lediglich die Theorie und Praxis des islamischen Lebens so wiederherstellt, wie es einige der ersten Reformer in der moslemischen Welt – die Dschadids – gesehen und realisiert haben. Dies waren moslemische Theologen und Aktivisten tatarisch-baschkirischer, kaukasischer und zentralasiatischer Herkunft, die in den Dimensionen des gesamten Russischen Imperiums im 19./20. Jahrhundert dominierten. In den Jahren des Stalin-Terrors wurden sie physisch vernichtet, und ihre Lehre wurde nur im Ausland bewahrt. Diese Arbeiten und diese Praktiken durchliefen eine bestimmte Verarbeitung in der Türkei, einigen arabischen Ländern und sogar in Europa (unter anderem in der tatarischen Gemeinde Finnlands) und sind heute zu uns zurückgekehrt, damit die Moslems den Islam unter den sich veränderten Bedingungen der Neuesten Epoche entwickeln und die Nichtmoslems sich mit unserer Religion bekanntmachen können, die keine aggressive, keine feindselige, keine exotische, nicht hinter der Welt zurückliegende und keine „steinzeitalte“ Religion ist.

Eine direkt entgegengesetzte Herangehensweise an die Entwicklung des Islams ist heute in einigen Regionen der Russischen Föderation zu beobachten. Und am meisten macht sich unter ihnen Mufti Gainutdin um das für ihn heimatliche Tatarstan Sorgen. Insbesondere sehen wir, wie dorthin rituelle Praktiken und theoretische Grundlagen der exotischen sufistischen İsmail-Ağa-Gemeinde bzw. -Bruderschaft (İsmail Ağa Cemaati) vordringen, über die aus den Massenmedien nur die allgemeinste vage Charakteristik „ultrakonservativ“ bekannt ist. Was bedeutet dies? Seinerzeit hatte der Chefredakteur das Dienstes für Auslandsnachrichten einer der größten Zeitungen in der Türkei, der „Hurriyet“, das Tarikat als „türkische Taliban“ bezeichnet (www.istanbulian.blogspot.ru/2010/02/coup-de-grace.html). Die „Taliban“ sind eine in der Russischen Föderation verbotene terroristische Gruppierung.

Mitglieder der Bruderschaft haben im Istanbuler Viertel Çarşamba auf dem Westufer des Bosporus eine autonome, von den Behörden wenig kontrollierbare Enklave mit eigenen Gesetzen etabliert. Die Einwohner des Viertel unterscheiden sich krass von den anderen Einwohnern Istanbuls durch die Kleidung und die Lebensweise. Sie tragen die traditionelle moslemische Kleidung. Durchweg alle Männer – ein weites langes Hemd, Schalwars (lange und weite Pluderhosen – Anmerkung der Redaktion) und einen Turban, die Frauen – eine Parandscha (die nicht mit einem Hijab, das heißt mit einem Kopftuch zu verwechseln ist), die fast den gesamten Körper mit Ausnahme des oberen Gesichtsteils verhüllt. Die Mitglieder des Ordens sind dadurch bekannt, dass sie nicht von der Polizei kontrolliert werden und selbst Gerichtsbarkeit entsprechend dem hiesigen Recht, das auf den Scharia-Gesetzen beruht, walten lassen.

Der heutige Mufti von Tatarstan (der 36jährige Kamil Samigullin – Anmerkung der Redaktion) hat nicht bloß in einer Medresse der İsmail-Ağa-Gemeinde studiert, sondern unterhält auch aktive Kontakte mit der Führung des Tarikats, was seine jüngsten Fotos belegen. Imame aus Tatarstan, die den Führern des türkischen Tarikats die Hände küssen, sind nicht das größte Problem im Maßstab des Landes. Weitaus seriöser ist die Gefahr einer ideologischen Spaltung unter den tatarischen Moslems, wofür alle Voraussetzungen geschaffen worden sind. Der Mufti der Republik kann eventuell diese Tendenzen nicht bemerken, genauso wie er auch nicht die Vorwürfe an seine Adresse in der Zeit seines Wirkens in der für ihn heimatlichen Republik Mari-El bemerkte. Der Imam und Mitglieder der religiösen Organisation der überaus großen tatarischen Siedlung Paranga hatten ihm schon damals vorgeworfen, dass er „eine Spaltung in den Reihen der Moslems vorgenommen hat“, „Zwietracht zwischen der der jungen und alten Generation sät, der Jugend lehrt, Passivität in der Arbeit an den Tag zu legen, und beibringt, zu kneifen und die einen gegen andere aufzuhetzen“ (die Dokumente darüber liegen in der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Russischen Föderation vor). Wir sehen aber, wozu die Situation in der Republik führt. Ein Schwall von Vorwürfen erhob sich gegen den Mufti von Tatarstan nach dem Erscheinen des umfangreich beworbenen Tafsirs – einer Auslegung des Heiligen Korans -, der in tatarischer Sprache unter der Leitung des Vorsitzenden der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Republik Tatarstan herausgegeben wurde. Als die Moslems ein ernsthaftes Abgehen vom Prinzip des Glaubens an die Einheit Gottes (arabisch: Tauhid) feststellten, das in dem tatarisch-sprachigen Wortlaut des Tafsirs zu den Ayat (Versen) des Korans 79:1-5 vorlag, folgten seitens des Muftiats der Republik Tatarstan Vorwürfe des „Wahhabismus“, „Salafismus“ usw.

Wie in dem Brief von Mufti Gainutdin an den Präsidenten Tatarstans gesagt wurde, „sind Aussagen, die dem klassischen doktrinalen Verständnis des Islams widersprechen, auch früher in die Literatur des Verlagshauses „Husur“ bei der Geistlichen Verwaltung der Moslems der Republik Tatarstan aufgenommen worden“. Es ist angebracht, an den Skandal zu erinnern, der mit dem Auftauchen von Aussagen über die Pädophilie, den Krieg gegen Andersgläubige u. a. in dem für die tatarischen Medressen bestimmten Lehrbuch „Al-Mukhtasar“ des mittelalterlichen Theologen Aḥmad Ibn-Muḥammad al- Qudūrī zusammenhing. Somit sehen wir anstelle einer ernsthaften Arbeit in der theologischen Richtung, die die Geistliche Verwaltung der Moslems von Tatarstan leisten sollte, verantwortungslose Vorwürfe gegen eine Masse von Kritikern und eine absolute Missachtung der Kriterien der Wissenschaftlichkeit (unter anderem das Ausbleiben eines Redigierens), der Zweckmäßigkeit (arabisch: Maslahat) und modernen Vorgehensweisen. Und zur gleichen Zeit bezeichnet der Mufti von Tatarstan einen der angesehensten Dschadids zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Musa Bigijew, dessen Arbeiten wir dieser Tage herausgebracht haben – als einen Abtrünnigen (Apostat).

Gerade dieser Komplex ungelöster Probleme hatte auch Mufti Gainutdin veranlasst, seine Position deutlich zu machen, indem er eben jenes Schreiben an den Präsidenten der Republik verfasste, da ihm das Schicksal des Islams in Tatarstan und insgesamt im tatarischen Umfeld nicht gleichgültig ist. Gott bewahre, dass das Ausbleiben von Pluralismus im religiösen Raum von Tatarstan, der konservative Trend und das Ignorieren der Anforderungen des heutigen Tages die Republik zu einer Wiederholung der tragischen Ereignisse von 2011 führen. Die Verantwortung werden die tragen, die „taub, stumm und blind“ sind (Koran, 2:18).