Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

Fast zwei Drittel der russischen Familien sind finanziell instabil


Laut Schätzungen der in Moskau beheimateten Wirtschaftshochschule (WHS) könne man 56 bis 65 Prozent der russischen Haushalte als finanziell instabile bezeichnen. Das Hauptmerkmal dabei ist das Nichtvorhandensein von Ersparnissen. Die Schätzungen der WHS decken sich mit Daten der Zentralbank. Über 60 Prozent der in ihrem Auftrag befragten Bürger Russlands haben keine Ersparnisse. Ungeachtet des Ansteigens der Löhne und Gehälter und der Versuche, zu einem Sparverhalten zu animieren, bleiben der Bevölkerung nach Vornahme der notwendigen Ausgaben üblicherweise keine Mittel, die man auf die hohe Kante legen kann.

Die finanzielle Stabilität hängt gerade vom Vorhandensein von Geldreserven ab, die erlauben, sich im Falle eines Verlusts des Haupteinkommens über Wasser zu halten. Sich auf Umfragen aus den Jahren 2023-2025 stützend (mit mindestens 6000 Teilnehmern), haben Experten der WHS eine mehrstufige Methodik für eine Analyse der Anfälligkeit von Familien vorgeschlagen: eine Verbindung objektiver Indikatoren (das Vorhandensein von Ersparnissen, die Schuldenbelastung) und einer subjektiven Selbsteinschätzung der Bürger.

Gemäß den Ergebnissen der Untersuchung variiert der Anteil der instabilen Haushalte zwischen 56 und 65 Prozent bei einer weiten Definition: keine Ersparnisse oder eine große Schuldenbelastung“, wird im Telegram-Kanal des Labors für Wirtschafts- und soziologische Untersuchungen der WHS mitgeteilt.

Im Falle einer engen Definition (keine Ersparnisse bei einer geringen materiellen Lage) verringert sich der Wert bis auf 20-23 Prozent“, fügten die wissenschaftlichen Oberassistentinnen des Labors Olga Kusina und Daria Moisejewa hinzu.

Nach Aussagen der Autoren der Untersuchung würde gerade das Nichtvorhandensein liquider Ersparnisse den Hauptbeitrag zur Instabilität leisten und gar nicht eine übermäßige Belastung durch Kredite.

Eine zusätzliche Analyse der Lage von mehr als 900 Haushalten ergab, dass der Übergang zum Zustand einer Instabilität meistens aufgrund eines Ausgebens der früher angelegten Ersparnisse erfolgt, während das Herauskommen aus diesem negativen Zustand üblicherweise mit einer erfolgreichen Tilgung bestehender Kredite verbunden ist.

Aber ein bestimmter Anteil von Familien kommt bereits chronisch nicht aus dem „roten Bereich“ heraus, wenn man deren Situation entsprechend einer weiten Auslegung von Instabilität bewertet. Es geht dabei um 44 Prozent der Haushalte.

Gleichfalls wird mitgeteilt, dass beinahe ein Drittel der Befragten, die keine Ersparnisse besitzen oder Schulden haben, subjektiv ihre Chancen, Mittel zu finden, bei einem Wirtschaftsschock als hohe bewerte, wobei sie vor allem mit der Hilfe von Verwandten und Freunden rechnen oder auf eine kurzfristige Reduzierung des Konsums setzen.

Umfragen der Stiftung „Öffentliche Meinung“, die im Auftrag der Zentralbank durchgeführt werden, weisen eine ähnliche Proportion der finanziell stabilen und instabilen Haushalte aus.

Im März dieses Jahres hatten 62 Prozent der etwa 2000 befragten Bürger Russlands im Alter von 18 Jahren und älter gesagt, dass sie keine Geldreserven hätten, die ihnen erlauben würden, sich eine gewisse Zeit im Falle des Verlusts der Haupteinkommen über Wasser zu halten. Solch Geldreserven haben 34 Prozent. Die übrigen taten sich mit einer Antwort schwer.

Im Verlauf der letzten Jahre hatte 54 bis 65 Prozent der von den Soziologen aus der Stiftung „Öffentliche Meinung“ Befragten von einem Nichtvorhandensein von Ersparnissen gesprochen.

Unter den Befragten, die Ersparnisse haben, sind im März dieses Jahres die meisten – fast 40 Prozent – der Auffassung, dass bei Beibehaltung der gewohnten Lebensweise ihnen die Geldreserve für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten reichen würde. Noch ein Drittel der Befragten mit Ersparnissen gestand ein, dass ihnen die Ersparnisse für weniger als drei Monate ausreichen würden.

Obgleich hier angemerkt werden muss: Es muss immer die Wahrscheinlichkeit berücksichtigt werden, dass – sagen wir es einmal so – nicht immer ganz ehrliche Antworten durch einige Befragte über ihre materielle Lage und über das Vorhandensein von Ersparnissen bei ihnen gegeben werden. Besonders, wenn es kein Bankkonto ist (eine durchaus transparente Geschichte), sondern – einmal angenommen – eine gewisse Summe an Geld inklusive Bargeld in einer ausländischen Währung unter der angenommenen Matratze, ein geheimer „Sparstrumpf“, über das man am besten nicht dem ersten zufälligen Passanten, umso mehr Soziologen erzählt. Ganz nach dem Prinzip: Das ja nichts passiert.

Aber ungeachtet solch eines Vorbehalts sind sich die Experten der „NG“ dennoch in ihrer Schlussfolgerung einig: Weder das stürmische Ansteigen der Löhne und Gehälter (zumindest in der offiziellen Statistik) noch das Streben der Zentralbank, zu einem Sparverhalten der Bürger durch die Zinssätze zu animieren, haben geholfen, das Problem des chronischen Nichtvorhandenseins sogenannten überschüssigen Geldes bei den Bürgern Russlands, das man für irgendetwas auf die hohe Kante legen kann, zu lösen.

Der relativ geringe Anteil der Haushalte, die über ein ausreichendes finanzielles Sicherheitspolster verfügen, kann mit der Höhe der Einkommen zusammenhängen. „Sie werden für den laufenden Konsum und in vielen Fällen für den Ratenzahlungen für Kredite ausgegeben, sie erlauben aber nicht, Mittel in den notwendigen Umfängen beiseite zu legen“, erläuterte Olga Belenkaja, Abteilungsleiterin im Investitionsunternehmen „Finam“.

„Ungeachtet der realen Löhne und Gehälter sowie Einkommen der Bevölkerung in den letzten Jahren bleibt deren Verteilung eine ungleichmäßige. Und bei einem Großteil der Bürger Russlands bleibt die Höhe der Einkommen solch eine, dass nur die aktuellen Ausgaben und die verbindlichen Zahlungen abgedeckt werden“, stimmt die Analytikerin Jelena Kiseljowa aus dem Institut für komplexe strategische Studien zu.

Zum Beispiel lag laut Angaben der Expertin im Jahr 2025 der mediane Arbeitsverdienst bei rund 70.000 Rubel, während die meisten Renten und Beihilfen die Hälfte und weniger dieser Summe ausmachen. (Das Medianeinkommen, auch mittleres Einkommen genannt, ist ein Wert, der exakt die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften teilt. Die eine Hälfte verdient mehr, die andere Hälfte weniger.)

Dozentin Olga Lebedinskaja von der Russischen G.-V.-Plechanow-Wirtschaftsuniversität erwähnte unter den negativen Faktoren die selbst unter den Bedingungen der harten Geld- und Kreditpolitik unbesiegte Inflation. Sie entwerte nicht nur die Ersparnisse, sondern verringere auch die Motivation zu einem langfristigen Sparen.

Daneben nehme wieder die Unbestimmtheit auf dem Arbeitsmarkt zu. Gleichfalls würden nach Meinung der Expertin der geringe Grad an Vertrauen in die Finanzinstitute und die Priorität der aktuellen Bedürfnisse gegenüber langfristigen Zielen zu einer Barriere für das Anlegen von Ersparnissen werden.