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Fertiggerichte haben den Restaurants einen Teil des Marktes weggenommen


Jeder zweite Bürger Russlands kauft mit einer unterschiedlichen Häufigkeit Fertiggerichte oder bestellt sie online mit einer anschließenden Zustellung bis zur Wohnungstür, ermittelten Soziologen aus dem staatlichen Allrussischen Zentrum für Meinungsforschung (VtsIOM). Die Hauptkonsumenten von Fertiggerichten seien junge berufstätige Städter, die meistens allein wohnen, berichteten die Forscher. Das Hauptmotiv bei der Wahl von Fertiggerichten ist das Einsparen von Zeit. Der russische Markt für Fertiggerichte hat bereits einen Jahresumsatz von einer Billion Rubel überschritten und wächst mit einem zweistelligen Tempo im Unterschied zur Gastronomie. Die Restaurantbetreiber selbst sind der Auffassung, dass der Einzelhandel der Gastronomie einen erheblichen Teil des Marktes wegnehme, und fordern, dass hinsichtlich der Hygienenormen der Verkauf von Fertiggerichten in den Läden den Mahlzeiten in der Gastronomie gleichgestellt wird.

Am meisten bestellen berufstätige Bürger Russlands und diejenigen, die allein wohnen, Fertiggerichte oder erwerben sie im Einzelhandel. Unter ihnen entscheiden sich zwei Drittel der Befragten für den Kauf solcher Mahlzeiten, konstatierte man im VTsIOM.

Aufgeschlüsselt nach Altersgruppen sind Fertiggerichte bei den jüngeren Millennials (Generation Y) im Alter von 26 bis 34 Jahren am populärsten. Unter ihnen wählen 84 Prozent der Befragten solch ein Format der Verpflegung aus. Ihnen folgt die Alpha-Generation (25 Jahre und jünger). Fertige Mahlzeiten bestellen fast 80 Prozent von ihnen. Wenig populär ist solch eine Kost bei den älteren Millennials (35 bis 44 Jahre). Solch ein Format wählen 63 Prozent der Befragten dieser Altersgruppe aus. Um wenigsten gefragt sind Fertiggerichte unter Russlands Bürgern im Alter von 59 Jahren und älter. In dieser Altersgruppe kauft sie nur jeder vierte.

Fertiggerichte seien die Wahl von Einwohnern großer Städte, betonen die Soziologen. So bestellen 70 Prozent der Einwohner Moskaus und Sankt Petersburgs mit unterschiedlicher Häufigkeit fertige Mahlzeiten oder kaufen sie im Laden. Zum Vergleich: Nur jeder vierte Dorfbewohner wendet sich solch einem Verpflegungsformat zu.

Ähnliche Tendenzen hatte auch eine Befragung des vergangenen Jahres fixiert, die durch das analytische Zentrum NAFI (Nationale Agentur für Finanzstudien) durchgeführt worden war. Der zufolge haben 76 Prozent der Bürger Russlands zumindest einmal im Leben Außer-Haus-Mahlzeiten gekauft. Praktisch jeder zweite Russe kauft regelmäßig – mindestens einmal im Monat – Außer-Haus-Gerichte.

Der Hautgrund für den Erwerb von Fertiggerichten ist der Wunsch, Zeit und Kräfte zu sparen. Dies erklärte praktisch die Hälfte der Befragten. Für jeden fünften Befragten ist dies eine Form, um den Hunger „hier und jetzt“ zu stillen. Und für weitere 19 Prozent der Befragten seien die Fertiggerichte eine Variante, um eine eigene Zubereitung zu vermeiden, konstatiert man im VTsIOM.

Das Wachstum des Marktes der Fertiggerichte hänge in erster Linie mit der Veränderung der Lebensweise der Verbraucher zusammen, sagt Sergej Beljakow, Präsident der Vereinigung der Hersteller und Lieferanten von Fertiggerichten (VHLFG). „Der Schlüsselfaktor ist das Einsparen von Zeit: Den Menschen bleiben immer weniger Ressourcen für die Alltagsaufgaben inklusive für die Zubereitung von Essen. Und die Fertigmahlzeiten werden zu einer bequemen Lösung für die tagtägliche Verpflegung. Aus der Sicht des direkten Preises sind Fertiggerichte nicht immer billiger als die zu Hause zubereiteten. Doch in der Gesamtheit der Faktoren – Zeit, Bequemlichkeit und Erschwinglichkeit – werden sie attraktiver“, erklärte er.

Das Volumen des Marktes der Fertiggerichte nimmt in Russland zielstrebig zu. Entsprechend den Ergebnissen des Jahres 2025 hat er 1,14 Billionen Rubel erreicht, wobei er innerhalb eines Jahres um 20 Prozent gewachsen ist, teilte man in analytischen Agentur Infoline mit. Zum Vergleich: Der Umsatz der Gastronomie in der Russischen Föderation machte entsprechend den Ergebnissen des vergangenen Jahres 4,28 Billionen Rubel aus.

Das rasch wachsende Marktsegment löst sowohl bei den Aufsichtsbehörden als auch bei dessen direkten Konkurrenten – dem Bereich der Gastronomie – Fragen aus.

So hatte sich im Herbst vergangenen Jahres die Föderation der Restaurantbesitzer und Hoteliers Russlands (FRH) mit der Bitte an die Staatsduma gewandt, die Ungleichheit hinsichtlich der Regeln für das Arbeiten der Gastronomie und Handelsketten, die Fertiggerichte verkaufen, zu beseitigen. Die Restaurantbesitzer seien aufgrund der Situation beunruhigt, hatte der FRH-Präsident Igor Bucharow mitgeteilt, in der die Handelsketten aktiv den Verkauf von Fertiggerichten (das heißt von Nahrungsmitteln, die für einen Genuss zubereitet sind) entwickeln und faktisch die gleichen Leistungen, die auch die Gastronomie-Unternehmen erbringen, bis hin zur Organisierung von Zonen für einen Verzehr von Nahrung erbringen würden. Doch würden hinsichtlich solcher Handelsoptionen weniger strenge Normen und Forderungen als in Bezug auf Restaurants und Cafés angewandt werden, konstatierte man in der Föderation.

Wir sind davon überzeugt, dass die Fertiggerichte, die in Handelseinrichtungen realisiert werden, vom Wesen her Gastronomie-Produkte sind“, hieß es in der Bitte. Aber solche Erzeugnisse erweisen sich heute für die Käufer als billigere nicht nur aufgrund der Dimensionen des Business, „sondern auch durch das Ausbleiben von Forderungen hinsichtlich der Anlagen, Räumlichkeiten und Prozesse“, hatte man in der Föderation betont. Dies schaffe ungleiche Bedingungen für das Business. Der Unterschied in der Regulierung führe nach Meinung der FRH zu einem unehrlichen Wettbewerb, in dem die Teilnehmer des HoReCa-Marktes gezwungen seien, „unter von vornherein ungünstigeren Bedingungen“ zu arbeiten. Die Fertiggerichte, die in Handelssälen verkauft werden, müssten entsprechend den gleichen Prinzipien wie auch die Tätigkeit der Cafés und Restaurants geregelt werden, meinen die Restaurantbetreiber.

In der VHLFG ist man der Auffassung, dass sich das Publikum der Gastronomie und die Verbraucher von Fertiggerichten überschneiden würden, wenn auch nur teilweise. „Der Einzelhandel und die Gastronomie konkurrieren ursprünglich um ein und dieselbe Kategorie von Ausgaben – um die für eine Verpflegung außer Haus oder ohne eine eigene Zubereitung. Dabei sind die eigentlichen Leistungen prinzipiell verschiedene. Ein Restaurant, dies ist nicht nur das Essen, sondern dies sind auch ein Service, die Atmosphäre, Freizeit und eine individuelle Herangehensweise. Fertiggerichte sind ein Produkt, das die tägliche Aufgabe der Ernährung schnell und erschwinglich löst. Fertiggerichte nehmen in größerem Maße der Gastronomie die tagtäglichen, utilitären Nahrungsaufnahmen, beispielsweise die schnellen Mittag- oder Abendessen ohne den zusätzlichen Wert des Services weg“, sagt Sergej Beljakow. Dabei würden sich beide Formate gegenseitig anpassen: Der Einzelhandel verstärke die Qualität und das Sortiment, und die Gastronomie entwickle die Außer-Haus-Zustellung und standardisierte Lösungen, fügt der Experte hinzu.

Was den Kampf zwischen der Gastronomie und den Verkäufen von Fertiggerichten durch den Einzelhandel angeht, so gibt es ihn natürlich, aber nicht in dem Sinne, dass nur einer überleben wird. Der Markt der Fertiggerichte ist in Russland im Jahr 2025 spürbar gewachsen. In natürlichen Zahlen um 12 bis 20 Prozent in Abhängigkeit von der Beurteilung, in Geldform – um 20 bis 25 Prozent. Die großen föderalen Ketten berichten überhaupt über eine Zunahme des Erlöses in dem Segment um 30 Prozent. Die Gastronomie ist auch gewachsen, aber weitaus langsamer. Die klassischen Restaurants sind in einer Krise. Ja, aber das Segment der Schnellbedienung, das uns interessiert, fühlt sich etwas besser. Ungeachtet der scheinbaren Ähnlichkeit mit den Verkäufen von Fertiggerichten überschneiden sie sich dennoch nicht vollkommen“, meint das Mitglied des Generalrates der Businessvereinigung „Geschäftliches Russland“ Oleg Nikolajew.

Die Fertiggerichte nehmen natürlich den Restaurants sehr ernsthaft Erlöse weg, konstatiert Sergej Mironow, Gründer Restaurantkette „Fleisch & Fisch“ sowie Experte des Stolypin-Instituts für die Wirtschaft des Wachstums. „Die Restaurants haben zwei Ströme von Gästen. Der eine Strom sind die Menschen, die zu irgendwelchen Ereignissen kommen, mit Freunden zusammensitzen und einen Feiertag begehen. Diese Kategorie kam und kommt auch weiterhin in die Restaurants. Die zweite Kategorie aber, die für die Restaurants wertvoller ist, ist die Kategorie, die gerade zum Essen kommt. Das sind Menschen, die nicht zu Hause kochen wollen. Und eben hier ergibt sich gerade ein Problem, denn für sie hat sich die Alternative ergeben, Fertiggerichte zu bestellen“, merkt er an.

Im Ergebnis dessen, fährt der Experte fort, waren und sind die Restaurants am Freitag, am Samstag und abends durch jene Menschen voll, die gerade in ein Restaurant gehen. „Doch werktags sind die Restaurants leer. Und sie haben weitaus weniger Menschen zum Frühstück, weniger Menschen zum Lunch. Weniger Menschen kommen werktags am Abend, um Abend zu essen. Das heißt, in erheblichem Maße ist das Einbrechen des Restaurant-Marktes gerade damit verbunden. Restaurants gehen Pleite, machen dicht. Und Schuld daran hat natürlich der Einzelhandel, der Fertiggerichte entwickelt“, unterstreicht Mironow.

Dem Einzelhandel für Fertiggerichte hilft auch eine überaus ernsthafte juristische Kollision. „Während ein Restaurant entsprechend recht strenger Normen arbeitet. Dies sind die Hygieneregeln und -normen SanPiN für die Gastronomie, so werden die Fertiggerichte gemäß den SanPiN für den Handel verkauft, die recht lockere sind. Ursprünglich war in den SanPiN, die für den Handel ausgearbeitet worden waren, nicht vorgesehen worden, dass der Einzelhandel beginnen wird, aktiv mit Fertiggerichten zu handeln. Und da hat sich dieses Schlupfloch ergeben“, sagt er.

In der zuständigen Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadzor hat man die Aufmerksamkeit auf die geringe Qualität der Fertiggerichte gelenkt. Im Januar dieses Jahres berichtete die Behörde, dass von 900 Mustern von Fertigerzeugnissen 64 Prozent der Proben entsprechend den Untersuchungsergebnissen nicht den sanitär-hygienischen und epidemiologischen Anforderungen entsprachen. „Diese Angaben weisen auf die Gefahr des Auftauchens qualitativ minderwertiger und potenziell gefährlicher Produkte bei Nichtvorhandensein spezieller Anforderungen an das Segment der Fertiggerichte hin“, teilte man im Pressedienst der Behörde mit.

Dies (der Markt der Fertiggerichte — „NG“) ist ein neues Marktsegment, dass in einem signifikanten Umfang in der Zeit der (COVID-) Pandemie entstanden ist… Wir sehen die Risiken, analysieren die Situation, wir können aber nicht alles kontrollieren… Dies ist etwas Neues in der Wirtschaft des Landes. Und es muss auf neue Art reguliert werden“, erläuterte die Chefin von Rospotrebnadzor, Anna Popowa.

Zuvor hatte man in Rospotrebnadzor präzisiert, dass die Behörde methodische Empfehlungen hinsichtlich der Zustellung und Realisierung von Fertiggerichten ausgearbeitet hätte, die die Risiken bei deren Zubereitung verringern sollen. Sie enthalten praktische Maßnahmen zur Identifizierung der Erzeugnisse, zu den Bedingungen der Verpackung und Markierung, aber auch zur Gewährleistung deren Sicherheit für den Verbraucher.

Im März berichtete Medien, dass die Behörde Roskatschestwo (deutsch: Russische Qualität) mit einer Arbeitsgruppe des Ministeriums für Industrie und Handel eine erste Version des staatlichen Standards für Fertiggerichte im Handel vorgestellt habe. Der neue Standards gebe eine Definition für Fertiggerichte als ein Produkt, ein Set von Produkten oder Halbfabrikaten, die bis zu einem Grad an kulinarischer Zubereitung gebracht und industriemäßig in eine Verbraucherverpackung abgepackt worden sind. Gemäß dem Dokument sollen die Erzeugnisse in Betrieben mit einer organisierten bzw. eingerichteten Technologie, einer Kontrolle der Rohstoffe und Rezepturen, mit einer Einhaltung der Temperaturregimes und Haltbarkeitsfristen, aber auch der Regeln für die Aufbewahrung und den Transport hergestellt und verpackt werden. Gleichfalls wird eine obligatorische Automatisierung eines Teils der Produktionsprozesse vorgesehen.