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„Flüchtige“ beklagen sich, dass man sie hinters Licht geführt hat Weißrusslands Fernsehen zeigte Film über das


Unter den weißrussischen Emigranten scheint sich ein Skandal zusammenzubrauen. Weißrusslands Fernsehen strahlte den Film „Fremder Himmel“ aus, darüber, wie schwer sich das Leben der Oppositionellen gestaltet, die das Land verlassen haben. Die Protagonisten des Dokumentarfilms, die sich in ihm über das schwierige Leben im Ausland beklagen, erklären, dass sie nicht angenommen hätten, dass ihre Interviews auf solch eine Art und Weise verwendet werden. Laut ihren Worten seien sie sich sicher gewesen, dass die Dreharbeiten für das Office von Swetlana Tichanowskaja vorgenommen werden. Und dass sie von dieser Struktur Hilfe und Unterstützung erhalten werden. Tichanowskaja selbst reagierte, dass sie keinerlei Dreharbeiten bestellt hätte. Der Film „Fremder Himmel“ wurden den Zuschauern in drei Akten nahegebracht. Zuerst erfolgte am Dienstag dessen geschlossene Aufführung im hauptstädtischen Kino „Pobeda“. Und erst danach wurde er im Abendprogramm des Fernsehkanals „Belarus 1“ gezeigt. Und im Weiteren – auch im Programm des TV-Senders ONT. Dieser dreifache Informationsschlag löste eine unerwartete Wirkung aus – in der Emigration kam es zu einem Skandal. Die Protagonisten dieses Dokumentarfilms, „Flüchtige“, wie sie Präsident Alexander Lukaschenko bezeichnet, begannen, einer nach dem anderen zu erklären, dass sie in keiner Weise erwartet hätten, dass ihre Offenbarungen in solch einem Produkt verwendet werden. Derweil erläuterte der Autor des Films, der politische Kommentator der Belarussischen Funk- und Fernsehgesellschaft Alexej Martinjonok, bei der Premiere des Streifens gegenüber Journalisten: „Dies ist ein Film über Weißrussen, die es aufgrund unterschiedlichster Gründe nach den Ereignissen des Jahres 2020 ins Ausland verschlagen hatte, vor allem nach Litauen und Polen. Sie erzählen ehrlich und offen, mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert wurden – im Leben, bei der Arbeit. Alles ist ehrlich, aus erster Hand. Die Leute erzählen selbst. Im Film gibt es nicht ein einziges Wort des Autors im Off“. Der Autor betont: „Im Internet und in den sozialen Netzwerken erzählt man uns Geschichten, dass man dort toll lebe, was es da für Klasse-Sehenswürdigkeiten und so weiter gebe. Der Wert dieses Materials besteht aber gerade darin, dass erzählt wird, was üblicherweise nicht gezeigt wird“. Warum aber haben dieses Mal die Helden doch ihre Probleme publik gemacht? Die Hauptprotagonistin des Streifens, Julia Brikina-Borisowa, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits nach Weißrussland zurückgekehrt war, hat ihre Motive so erklärt: „Ich verstehe, dass viele Frauen sich nicht dazu entscheiden, sich in Schweigen hüllen und keine schmutzige Wäsche vor aller Öffentlichkeit zur Schau stellen. Doch man muss darüber sprechen. Es ist möglich, dass, wenn ich irgendwo über so etwas gehört hätte, meine Entscheidung eine andere gewesen wäre und meine Kinder nicht so viel hätten durchmachen müssen“. Ihre Empfindungen hatten auch dem Film den Titel gegeben. Brikina-Borisowa hatten den weißrussischen Journalisten das Innerste mitgeteilt: „In den sozusagen ersten Augenblicken, wenn du dich auf fremdem Boden wiederfindest, siehst du auch den Himmel, die gleiche Sonne, aber du begreifst, dass dies fremdes ist. Ich werde niemals jene Minuten vergessen, als ich in einer Hektik heimkehrte. Die Überprüfung der Pässe, die Koffer, du bleibst neben einem Bus stehen – und begreifst, dass hier deins ist, der heimatliche Himmel“. Neben diesen zutiefst lyrischen Momenten gibt es in dem Film viele Klagen über die realen Schwierigkeiten, mit denen die Weißrussen im Ausland konfrontiert werden. Da sind sowohl die Probleme mit der Suche nach einem Job als auch mit der medizinischen Betreuung und selbst Erscheinungen eines aggressiven Nationalismus. Darüber sprechen verschiedenste Personen vor der Kamera. Aber nach der Ausstrahlung dieses Films begannen sie, in oppositionellen Medien zu erklären, dass das Ziel ihrer Offenbarungen ganz und gar nicht gewesen war, sich über die Aufenthaltsländer zu beklagen und über nostalgische Emotionen zu sprechen, sondern die Hoffnung, reale Hilfe zu erhalten. Eine der oppositionellen Internetressourcen berichtete, dass ihre Korrespondenten Protagonisten der Dreharbeiten befragt und Folgendes herausgefunden hätten: An sie hätten man sich mit der Bitte gewandt, an den Dreharbeiten für ein Video für das Office von Swetlana Tichanowskaja teilzunehmen. Und die meisten von ihnen hatten angenommen, dass die Interviews für einen internen Gebrauch aufgenommen werden, um den potenziellen Spendern die Bedürfnisse der Menschen zu zeigen, die in eine schwere materielle Lage geraten waren. Eine der Protagonistinnen, die freilich nicht namentlich ausgewiesen wurde, erklärt: „Das Interview war nötig, damit man mir danach finanzielle Hilfe gewährt. Für das Video hatte man speziell nach Fällen von Menschen gesucht, die diese Hilfe brauchen. Man bat, offenherzig zu sein und über alle Probleme zu berichten. Man hatte mir aber gesagt, dass dies anonym sein werde“. Swetlana Tichanowskaja an sich hat bereits in ihrem Telegram-Kanal die Situation kommentiert. Die Politikerin erklärte: „Die Menschen, die gerade aufgrund des Regimes in eine schwierige Lage geraten sind, verdienen Unterstützung und Verständnis, aber keine Ausnutzung für ein „Bildchen“ darüber, wie „schlecht“ es den Flüchtlingen geht. Es ist schwer vorstellbar, was die Helden des Films gefühlt haben, als sie sahen, dass ihre Worte, die angeblich für den Erhalt von Unterstützung aufgenommen worden waren, über den Bildschirm des staatlichen Fernsehens zu vernehmen waren“. Tichanowskaja unterstrich: „Einige Helden sagen, dass die Dreharbeiten angeblich im Namen des Office von Swetlana Tichanowskaja erfolgten. Wir werden aber nie Menschen einem Risiko aussetzen. Alle Initiativen, die von unserem Office ausgehen oder mit unserer Unterstützung erfolgen, wahren unbedingt alle Sicherheitsprinzipien“. Derweil hat man in einer Sendung des TV-Kanals ONT bereits mit Ironie mitgeteilt, dass die „Flüchtigen sich jetzt mehr darüber Sorgen machen, wie es gelungen ist, dieses Projekt zu realisieren“. Der Fernsehkanal informierte, dass seine Journalisten nach der Ausstrahlung des Films versucht hätten, Helden des Streifens zu finden und ihnen Fragen zu stellen. Wie erklärt wurde, sei es nicht gelungen, alle telefonisch zu erreichen. Diejenigen aber, die reagierten, hätten mitgeteilt, dass sie für die Dreharbeiten ein Honorar von 100 bis 300 Euro erhalten hätten.