Die Handelsbeziehungen Zentralasiens mit dem Iran sind in Gefahr geraten. Als Antwort auf die Eskalation des Nahost-Konflikts hat Teheran den Export von Lebensmitteln verboten, was der Region bereits eine ganze Reihe von wirtschaftlichen Erschütterungen beschert. Pistazien, Granatäpfel und Früchte aus dem Iran können aus den Läden der Länder Zentralasiens und Russlands verschwinden. Analytiker erwarten einen Abbruch gewohnter Logistik-Ketten, eine Verteuerung des Imports und eine Verringerung der Qualität der Waren. Dabei nehmen die Risiken für die Stabilität der Lieferungen weiter zu.
Die Handelsbeziehungen mit Teheran hatten sich ausgedehnt, nachdem im Jahr 2023 die Islamische Republik Iran in der Eurasischen Wirtschaftsunion den Status eines Beobachters erhalten hatte. Im Mai vergangenen Jahres trat ein allumfassendes Freihandelsabkommen in Kraft.
Im Rahmen dieser Vereinbarungen waren, wie der Pressedienst der Eurasischen Wirtschaftskommission mitteilte, eine Beseitigung technischer Barrieren, der Übergang zu einheitlichen Standards, die Entwicklung eines Barterhandels, eine Beschleunigung der finanziellen Verrechnungen und eine Verstärkung der Business-Zusammenarbeit vorgesehen worden. Aber nur wenige Monate nach diesen vielversprechenden Schritten hat der am 28. Februar 2026 begonnene bewaffnete Konflikt zwischen den USA und Israel einerseits und Iran andererseits die Situation grundlegend verändert. Bereits am 3. März hat Teheran ein vollkommenes Verbot für den Export von Lebensmitteln aus dem Land verhängt. Unter diesen Bedingungen nimmt die Unbestimmtheit auch für die Handelsbeziehungen mit dem Iran zu.
„Die entstandene Situation stellt zweifellos eine besonders ernsthafte Herausforderung auch für die zentralasiatischen Region dar“, sagte der „NG“ der Sektorenleiter für Zentralasien im Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, Stanislaw Prittschin. Der Experte betonte, dass im vergangenen Jahr der Umfang der Lebensmittelexporte aus dem Iran über sieben Milliarden Dollar unter Berücksichtigung der Länder Zentralasiens und von Russland ausgemacht hätte. „Gerade die Lieferungen nach Zentralasien demonstrierten ein beeindruckendes Wachstum. In der Struktur des iranischen Exports in die Region machen die Lebensmittel einen wesentlichen Anteil aus, was mit den anerkannten hohen Standards der Erzeugung von Agrar-, Obst- und Gemüseerzeugnissen sowie Erzeugnissen der Viehwirtschaft zu erklären ist. Iranische Lebensmittel werden hoch geschätzt. Hinsichtlich einiger Positionen, zum Beispiel in Bezug auf Pistazien und Datteln, ist der Iran der entscheidende und praktisch alternativlose Lieferant. Obgleich Versuche eines Ersetzens zweifellos unternommen werden. Doch es wird problematisch, einen vollwertigen Ersatz für die qualitativ hochwertigen iranischen Waren zu finden, was zu einer Verringerung der gesamten Qualität der auf dem Markt angebotenen Erzeugnisse führen kann“, unterstrich Prittschin.
Den größten Warenaustausch hat der Iran mit Russland. Er erreicht fünf Milliarden Dollar. Im Dezember vergangenen Jahres hatte der Handelsminister der Eurasischen Wirtschaftskommission, Andrej Slepnew, auf einer Pressekonferenz ambitiöse Prognosen vorgestellt, wobei er eine Verdopplung und sogar eine Verdreifachung dieser Parameter – bis zu 12 bis 18 Milliarden Dollar für den gemeinsamen Handel – angenommen hatte.
Die Grundlage des russischen Exports bilden Getreidekulturen (in erster Linie Weizen), Erdölprodukte, Schwefel, Metall, Schnittholz und Papier. Aus dem Iran kommen derweil solche Nahrungsmittel wie Früchte und Gemüse (Zitrusfrüchte, Tomaten, Kiwi, Datteln, Zuckermelonen und Weintrauben), Nüsse und Trockenfrüchte (Pistazien, Rosinen), Konserven (Tomatenpaste, Auberginen-Püree), aber auch Gewürze inklusive Safran und Kurkuma sowie Tee. Neben Lebensmitteln liefert der Iran Baumaterialien, Düngemittel, Haushaltstechnik, Medikamente und medizinische Anlagen und Ausrüstungen, Teppiche und Autos. All diese Handelsströme erfolgen über den strategisch wichtigen internationalen „Nord-Süd“-Handelskorridor, dessen Schlüsselpunkt Astrachan in Russland ist. Jetzt jedoch schwebt über diesem eingespielten System eine Gefahr: Nicht nur die Logistik, sondern auch die Finanzoperationen, aber ebenfalls die Banküberweisen können ernsthaft erschwert werden.
Die von der Bedeutung her zweite Richtung nach Russland bleibt Zentralasien, wo Kasachstan der Spitzenreiter ist, das beabsichtigt, einen Warenaustausch von drei Milliarden Dollar zu erreichen. Der Iran ist zu einem strategischen Markt für kasachisches Getreide geworden. Dank der Arbeit des Terminals „Amirabad“ ist der Export von 86.000 Tonnen bis auf mehr als eine Million Tonnen im letzten Jahr angestiegen. Das Handelsportfolio ergänzen Lieferungen kasachischen Fleischs, Öle und Fette sowie Baumwolle für Produkte der iranischen Petrolchemie, Baumaterialien, Textilien und ein breites Sortiment von Lebensmitteln im Gegenzug. Die militärische Eskalation in der Region verursacht jedoch kritische Risiken für die Logistik über den Kaspi-See, indem sie die Realisierung dieser Pläne gefährdet.
In den letzten fünf Jahren erstarkten die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen des Irans und Tadschikistans um das 4fache und erreichten im vergangenen Jahr einen Rekordumfang von 484 Millionen Dollar. Obgleich auf den Anteil der Lebensmittel lediglich 526 Millionen Dollar entfallen, haben die iranischen Waren – angefangen von Molkereiprodukten und Zucker bis zu Frischobst und Gewürzen – souverän ihre Nische auf dem tadschikischen Markt besetzt. Mögliche Einschränkungen für Lieferungen drohen der Republik mit einer spürbaren Zunahme der Preise für die gewohnten Produkte. Als Schutzmaßnahmen schlagen Experten eine Diversifizierung der Logistik via Usbekistan und Kirgisien, aber auch eine forcierte Importsubstitution vor. Dennoch kann in der kurzfristigen Perspektive der Lebensmittelmarkt Tadschikistans mit einer Zeit von Instabilität konfrontiert werden, schrieb das Medium „Asia Plus“.
Kirgisien verstärkt gleichfalls die Präsenz auf dem iranischen Markt. Die Zunahme des Warenaustauschs machte über 37 Prozent aus (bis auf 66 Millionen Dollar), wobei die Grundlage für den kirgisischen Export Hülsenfrüchte und Baumwolle bilden, und für den Import aus dem Iran – chemische Erzeugnisse sowie Anlagen und Ausrüstungen.
Für Turkmenistan ist der Iran nicht einfach ein Nachbarstaat. Diese beiden Länder verbinden enge Wirtschaftskontakte, die die Energiewirtschaft, das Transportwesen und den Handel erfassen. Während der Anfang Februar stattgefundenen 18. Tagung der gemeinsamen iranisch-turkmenischen Wirtschaftskommission wurden neue Ziele abgesteckt: das Erreichen eines Transits von 20 Millionen Tonnen Frachtgut und eines Umfangs des gegenseitigen Handels von fünf Milliarden Dollar. Entsprechend den Ergebnissen des vergangenen Jahres machte der gegenseitige Warenaustausch 500 Millionen Dollar aus. Doch in diesen Zahlen findet der Barterhandel keine Widerspiegelung. Teheran zahlt Aschgabat sehr oft mit Nahrungsmitteln. Da der Iran ein großer Importeur turkmenischen Erdgases und ein Transitland für dessen Lieferungen in Drittländer ist, wird ein Teil des entsprechenden Handels über ein SWAP-Schema abgewickelt. Die bilaterale Zusammenarbeit entwickelt sich gleichfalls in der Energiewirtschaft inklusive des Vorhabens für den Bau der Energiefernleitung Mary – Meschhed und eines Exports elektrischen Stroms aus Turkmenistan in den Iran. Neben den Transportkorridoren erfolgt der Bau einer Fernverkehrsstraße.. Es gibt Vereinbarungen zur Schaffung von Handelszonen im Grenzgebiet. Entwickelt wird eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Nutzung von Ressourcen des Kaspischen Meeres.
Derweil diversifiziert Usbekistan die Logistik vor dem Hintergrund der Risiken in der südlichen Richtung. Im Auftrag von Präsident Shavkat Mirziyoyev erfolgt eine Suche nach Alternativen zum iranischen Korridor, über den heute bis zu 60 Prozent des europäischen und des türkischen Transits erfolgen. Die Hauptvektoren für eine Umorientierung sind die Transkaspische Route und der Korridor nach China via Kirgisien. Das Projekt über Afghanistan und Pakistan wird als ein aussichtsreiches, aber riskantes angesehen.
Die Störungen in der Logistik des Irans würden für Zentralasien zu keinen kritischen werden, da die südliche Richtung die am geringste gefragte in der Region sei (der Hauptumschlag erfolgt über China und die Russische Föderation), meint Grigorij Michailow, Chefredakteur des Internetportals LogiStan. Nach seiner Meinung würden die Unternehmen Kasachstans und Usbekistans bestimmte Verluste erleiden, die neue Korridore via Iran entwickelten, zum Beispiel die multimodale Route Indien-Iran-Usbekistan. Die gegenwärtige Situation könne einen Teil der erreichten Ergebnisse zunichte machen und die Entwicklung dieser Projekte bremsen, meint Michailow.